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Tarsus IV -Die Rückkehr von water-girl

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McCoy erwachte bereits eine Stunde später, weil sein Magen knurrte. Jim neben ihm schlief friedlich weiter, als er vorsichtig aufstand. Selbst im Schlaf sah der junge Captain erschöpft aus. McCoy beschloss, dass Jim dringend mehr Schlaf brauchte, also desaktivierte er Jims Wecker für den nächsten Tag. Dann ging er los um Spock zu verständigen und sich etwas zu Essen zu besorgen.
Beim Hinausgehen machte er sich eine mentale Notiz, morgen früh als Erstes nach Jim zu sehen und dafür zu sorgen, dass Jim frühstückte. Der Captain brauchte dringend mehr Pausen und regelmäßige Mahlzeiten.

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Trotz des desaktivierten Alarms schlief Kirk nicht lange. Genau genommen dauerte es nur etwa bis kurz nach Mitternacht, bevor ihn die Alpträume unsanft weckten. Den Kopf fest ins Kissen gedrückt, um nicht laut zu schreien, denn wer auf der Flucht ist schreit besser nicht. Es dauerte eine Weile bis er sich wieder zurechtfand und seine Lungen sich daran erinnerten wie man atmet.

Leise fluchte er. Die Alpträume waren so lange ausgeblieben. ’Warum?’ Diese Frage stellte er sich nicht zum ersten Mal. ’Warum war seine Vergangenheit so ein verfluchter Haufen Scheiße? Weil sein Vater gestorben war, um ihn zu retten, weshalb seine Mutter ihn nicht einmal ansehen konnte ohne zu weinen? Weil sein Stiefvater Frank, dieser Bastard, in halb zu Tode geprügelt hatte, wann immer seine Mutter mal wieder irgendwo im Weltall unterwegs gewesen war? Weil er den Wagen seines Vaters damals lieber über eine Klippe gefahren hatte, als ihn Frank zu überlassen? Weil seine Mutter Frank immer eher geglaubt hatte, als ihm und er deshalb zu seinem Onkel nach Tarsus geschickt worden war? Und weil auch hier sein Glück nur kurze Zeit dauern sollte?’

An dieser Stelle der Gedankenkette wurde ihm schlagartig etwas klar. Die erste Zeit auf Tarsus, die knapp vier Jahre vor der Katastrophe, war die schönste Zeit seines Lebens gewesen, die einzige echte Kindheit, die er gehabt hatte.
Er fürchtete sich nicht davor nach Tarsus zurückzukehren, er fürchtete nur die Erinnerungen an diese letzte Zeit, die all das unweigerlich wieder mit sich bringen würde.

Es war fast unmöglich, dass seine Crew, mehr noch seine Familie, im Laufe der Mission etwas über seine Vergangenheit erfahren würden. Wie würden sie reagieren, wenn sie erfuhren, was er alles getan hatte, um zu überleben. Der rationale Teil von ihm wusste, dass sie es verstehen würden, doch der Rest von ihm hatte einfach zu große Angst. Würde ihm seine Vergangenheit auch hierher folgen?

Seufzend begriff Kirk, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war. Also stand er auf, zog sich um, und ging in Richtung Sportdeck. Ein paar Runden laufen und den Boxsack verprügeln, würden ihm sicher helfen den Kopf frei zu bekommen. Das tat es immer.

Nachdem Jim sich ein paar Stunden ausgepowert hatte, war sein Kopf tatsächlich wieder freier und er beschloss die Flucht nach vorn zu wagen. Wenn ihn irgendeiner verstehen konnte, dann war es Bones. Bones war seit Jahren sein bester Freund und kannte schon einen Teil seiner Vergangenheit, was es Jim einfacher machen würde, alles zu erklären. Spocks fehlende Emotionen machten ihn zwar ebenfalls zu einer guten Wahl, aber Jim war sich nicht sicher wie weit ihre Freundschaft inzwischen ging. Außerdem würde Bones ihm nie verzeihen, wenn Jim Spock zuerst von derartigen Dingen erzählte.
Ja er würde Bones aufsuchen. Jetzt sofort, bevor er es sich anders überlegen konnte.

„Computer, lokalisiere Dr. McCoy.“

„CMO Dr. McCoy befindet sich in seinem Quartier.“

Perfekt. Wenn Jim sich beeilte, würde er den Arzt noch vor dessen Schicht erwischen.

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McCoy ließ ihn sofort nach dem Betätigen des Summers ein. Genau wie der Captain war auch der CMO immer im Dienst.

„Verdammt, Jim, was machst du um die Uhrzeit hier? Du solltest schlafen. Geht es dir schlechter? Bist du verletzt?“

Bei den letzten Fragen begann der Arzt seinen Freund mit den Augen zu scannen. Stirn runzelnd registrierte er, dass Jim noch sein Sportzeug trug. Seine Stimme war ungewohnt sanft bei seiner nächsten Frage: „Du hast nicht geschlafen, oder, Jim?“

„Bones, ich muss mit dir reden. Es gibt da ein paar Dinge, die du vielleicht wissen solltest. Möglicherweise wirst du mich hinterher hassen und nie mehr wiedersehen wollen und glaub mir, ich werde das dann verstehen und respektieren, aber ich muss es jetzt jemandem erzählen, weil ich einfach nicht mehr kann und auch wenn es Selbstsüchtig ist, dich damit zu belasten und…“

„Jim, verdammt.“

McCoy machte sich Sorgen um seinen Freund. Jim neigte eigentlich nicht zur Hysterie. Außerdem war der Captain bleich und zitterte leicht.

„Jim, ich werde dich niemals hassen, ganz gleich was du mir erzählen wirst. Da ich dich davon allerdings vermutlich erst im Praxisversuch überzeugen kann, setzt du dich jetzt hierher zu mir, bevor du umfällst, und erzählst mir endlich was so verdammt wichtig ist, dass du aussiehst als hättest du einen Geist gesehen.“

Mit diesen Worten zog er seinen Freund zu dem kleinen Sofa im Raum und setzte sich neben ihn. Die Hand auf Kirks Oberschenkel sah er ihm in die Augen und bedeutete ihm zu beginnen.
Stockend begann Jim seine Geschichte.

„Ich beginne mit dem Teil, den du schon kennst. Als ich elf war, habe ich die alte Corvette meines Vaters in einen Abgrund gefahren. Frank wollte den Wagen verkaufen, dazu hatte er kein Recht. Außerdem war es aber auch der Tag, an dem Sam abgehauen ist. Ich wusste, Sam brauchte ein Ablenkungsmanöver, um weit genug wegzukommen, bevor Frank ihn vermissen konnte. Hätte Frank Sam erwischt, hätte er ihn tot geprügelt. Sam ist davongekommen, aber nachdem die Polizei mich bei Frank abgesetzt hatte, hat er mich schlimmer verprügelt als jemals zuvor. Ich weiß nicht mehr alles davon. Als ich im Krankenhaus aufgewacht bin, stand derselbe Polizist an meinem Bett, der mich bei Frank abgeliefert hatte. Ich hatte meine Jacke in seinem Wagen liegen lassen und er wollte sie mir wieder bringen. Darauf hatte ich gehofft. Das war meine Lebensversicherung und sie hat besser funktioniert, als ich erwartet hatte. Der Polizist ist offenbar genau in dem Moment hereingekommen, als Frank mich stranguliert hat.
Frank kam also ins Gefängnis, mein Bruder war über alle Berge und meine Mutter war noch mindestens ein Jahr irgendwo im All. Alles was ich von ihr gehört hatte, war, dass es meine Schuld sei, dass Frank nun auch noch weg sei und dass mein Onkel vielleicht endlich einen ehrbaren Menschen aus mir machen würde.
Ich wurde also zu meinem Onkel und meiner Tante geschickt.
Die Beiden lebten zu dem Zeitpunkt als Kolonisten auf Tarsus IV.“

An dieser Stelle bemerkte Jim den mitfühlenden Druck von Bones’ Hand, die noch immer auf seinem Oberschenkel lag. Es fühlte sich gut an, seinen Freund bei sich zu wissen, der ihm den Mut gab, fortzufahren.

„Am Anfang war es toll. Es war wie die Familie, die ich nie hatte. Ich habe auf Tarsus mein erstes richtiges Geburtstagsfest und mein erstes echtes Weinachten gefeiert.
Mit 12 Jahren war ich mit dem Schulstoff durch und durfte am Rechner Collegekurse belegen. Mit 14 Jahren hatte ich einen Bachelor in Ökologie und meine Mastergrade in Ingenieurskunst Fachbereich Informatik, Warptechnik, Physik und Mathe. Ich war also gerade dabei mich auf meine Doktorarbeiten und den Master in Ökologie zu konzentrieren, als ich sie entdeckte; die ersten Fäulnispilze in den Feldern. Ich ging mit meiner Entdeckung zum Gouverneur, und warum auch nicht, schließlich hatte ich erst auf sein Drängen hin mit dem Ökologiestudium begonnen.“

An dieser Stelle wurde McCoy klar, was das bedeutete. Jim war nicht nur einer der Überlebenden von Tarsus IV, er war außerdem einer der wenigen Personen, die Kodos’ Gesicht kannten und ihn Identifizieren konnten. Vor Überraschung zog er scharf Luft ein, doch er wollte Jim nicht unterbrechen, also hörte er einfach weiter zu.

„Ich dachte damals noch, es ginge ihm um das Wohlergehen der Kolonie. … Was war ich nur für ein naiver Idiot. … Verflucht ich selbst habe ihm die Rechnungen präsentiert, dass die Lebensmittel nicht einmal mehr für die Hälfte der Kolonie reichen würden. Ich war dabei eine resistente Getreidesorte zu züchten. Alles was nötig gewesen wäre, war ein Notruf. Starfleet hätte uns bis zur nächsten Ernte geholfen und alle hätten überlebt.
Aber darum ging es diesem Bastard nie. Als ich es endlich realisiert hatte, war es schon fast zu spät.“

Jim seufzte laut bevor er fortfuhr.

„Wäre Hoshi nicht gewesen, wäre ich heute vermutlich tot. Sie hat mir damals geholfen. Als ich 13 wurde, hat Hoshi angefangen mich in Sprachen zu unterrichten. Ich war natürlich nicht so begabt wie eine Hoshi Sato oder eine Nyota Uhura, aber ich war auch nicht völlig untalentiert. Wir haben damals mit andorianisch angefangen. Danach kamen noch orionisch und vulkanisch hinzu. Als alles den Bach herunterging, hatte wir gerade mit klingonisch angefangen.
Hoshi war es auch, die die Höhlen gefunden hatte. Wir haben sie gemeinsam mit allem Nötigen ausgestattet und Hoshi hat mir eingeschärft, im Notfall so Viele wie möglich dorthin zu bringen. Sie hat auch die Teile für die Notrufstation besorgt. Es kam so viel schlimmer, als wir erwartet hatten.
Als der Exekutionsbefehl kam, sollten sich alle auf den öffentlichen Plätzen versammeln. Sie hatten uns Kinder von den Erwachsenen getrennt und ihnen erzählt, dass wir überleben würden, wenn sie keinen Widerstand leisten würden. … Sie wurden alle wie Vieh zur Schlachtbank geführt. Einige haben geweint, andere geschrien. Auch Hoshi hat geschrien, aber nicht aus Angst. Sie hat mir auf andorianisch zugerufen, dass ich die Kinder zu den Höhlen bringen soll.
Als die Soldaten mit den Erwachsenen fertig waren und dorthin kamen, wo wir hätten sein müssen, waren wir längst außer Sicht.
Ich habe meine Kinder zu den Höhlen gebracht. Tom, der Älteste, wurde mein Stellvertreter. Ich bin wann immer es möglich war mit einer kleinen Gruppe in die Stadt geschlichen, um Lebensmittel und Medikamente zu hohlen. Nach einem Monat hatte ich die Notrufanlage soweit, dass ich damit einen Notruf mit Hoshis Starfleet ID absetzten konnte.
Wann immer einer von Kodos’ Schlächtern unserem Lager zu Nahe kam, habe ich ihn getötet. Ich wollte nicht, dass die anderen zu Mördern wurden. Es hat so lange gedauert. Wie kann ein Notruf von einer Kolonie mit über 4000 Kolonisten fast 2 Monate unbeantwortet bleiben?“

Wieder ein Seufzen. Das alles noch mal zu erleben war nicht einfach für Jim.

„Viele der Kinder wurden krank. Auch der kleine Kev. Er war erst 6 und der Jüngste von denen, die die erste Woche überlebt hatten. Er war immer der Erste, der mir entgegen gerannt kam, wenn ich von einem meiner Streifzüge zurück kam. Jetzt lag er hinten in der Höhle, als einer der Kränksten.
Ich wollte Medikamente besorgen, aber Medizin war auch schon vor der Katastrophe knapp, jetzt war sie besser bewacht als alles andere. Ich wurde geschnappt.
Kodos wollte wissen wo die anderen Kinder sind. Er versuchte es abwechselnd mit Versprechungen und Folter.
Dass ich entkommen konnte, war mehr Zufall als alles andere. Kodos versuchte mich mit meinen persönlichen Besitztümern zu locken. Er hatte keine Ahnung, was er da in der Hand hielt, als er mir meine erste selbstgebaute sprachgesteuerte Minibombe mit EMP-Impuls vorführte. Ich habe sie aktiviert und bevor Kodos es bemerkte hatte sie ihm den halben Arm weggesprengt. Durch den Impuls sind die Schlösser aufgesprungen und ich konnte entkommen. In dem Chaos hab ich mir nur noch schnell die nötige Medizin geschnappt und bin abgehauen.
Wie ich es zurück zum Camp geschafft habe weiß ich selbst nicht mehr. Als die Hilfsschiffe 2 Tage später kamen, war ich mehr tot als lebendig. Als die Offiziere uns schließlich fanden habe ich mich vor meine Kinder gestellt, bereit zu sterben und jeden mitzunehmen, der ihnen schaden wollte. … Vielleicht nennt man sie deshalb noch heute JTs Kids. … An den Rest kann ich mich kaum noch erinnern. Ich bin zusammengebrochen als ich realisiert hatte, dass keine Gefahr mehr drohte.
Nachdem sie mich aus dem Krankenhaus entlassen hatten bin ich ins Haus meiner Mutter gezogen. Sie war schließlich nie dort und man ging davon aus, dass ein 16 Jähriger mit College Ausbildung für sich selbst sorgen konnte. Ich bekam einen Job auf der Schiffswerft, beendete mein Studium und habe danach den Computer unseres netten kleinen Schiffes hier entworfen und programmiert. Als Pike mich rekrutiert hat, war ich gerade mit den letzten Programmen fertig geworden. Und na ja den Rest kennst du ja.“

Fast schon ängstlich auf eine Reaktion seines Freundes wartend blickte Kirk auf. Den leichten Schock, auf das Gehörte, in McCoys Augen missdeutend, bekam er schon Panik.

„Es tut mir leid, Bones… ich hätte dich damit nicht belasten sollen… ich sollte lieber…“

Als er aufstehen wollte hielt Bones ihn fest und zog Jim mit ungewöhnlich viel Kraft in eine feste Umarmung.

„Oh, Jim“, murmelte er, während Jim die Tränen nicht länger zurückhalten konnte und leise in die Schulter seines Freundes weinte.

„Also hasst du mich nicht?“ Jims Stimme war nur ein Flüstern.

„Jim, wie kommst du nur auf die Idee, dass dich irgendjemand hassen könnte? Du hast fast 200 Leben gerettet, obwohl du selbst noch ein Kind warst. Und es tut mir leid, dass dir nur so wenige Jahre Kindheit vergönnt waren. Kein Wunder, dass du reagiert hast, als hättest du einen Geist gesehen. Ich weiß dies hier muss furchtbar für dich sein, aber ich bin froh, dass du es mir endlich erzählt hast, denn es ist auch für dich wichtig. Oh, Jim, wann wirst du endlich begreifen, dass ich immer für dich da bin?“

„Wie kannst du so ruhig bleiben, Bones? Ich bin ein Mörder, und ich lebe, obwohl ich auf der Todesliste stand. Und ich wusste von dem verdammten Schimmelpilz; wenn ich nur eher…“

„Nein, Jim. Du hättest nichts anders machen können. Was du getan hast war bewundernswert und heldenhaft.“

McCoy sagte es mit solcher Inbrunst, dass Kirk einfach nicht anders konnte, als ihm zu glauben. Jim lächelte seinen Freund an. Es war nicht das breite aufgesetzte Posterlächeln hinter dem er seinen Schmerz versteckte, sondern ein ehrliches und aufrichtiges Lächeln, das sagte es geht mir zwar nicht richtig gut, aber bedeutend besser als noch vor wenigen Minuten.
Jim streckte sich und stand auf.

„Ich denke, ich sollte lieber duschen, mich umziehen und dann ab auf die Brücke, bevor Spock noch einen Suchtrupp nach mir losschickt.“

„Umziehen und duschen ja, auf die Brücke nein. Ich habe dich für heute krankgeschrieben. Du wirst gleich mit mir frühstücken und dann den Schlaf von letzter Nacht nachhohlen.“

Jim, der jetzt die emotionale Achterbahnfahrt der letzten Stunden spürte, gähnte herzhaft.

„Ich muss zugeben, schlafen klingt gar nicht mehr so übel, aber ich hab wirklich keinen Hunger.“

„Ich weiß, Jim, aber du musst etwas essen. Dein Körper braucht die Energie und du könntest wirklich ein paar Kilos mehr vertragen. Ich treffe dich in 20 Minuten in der Messe und lass mich dich nicht holen.“

In McCoys Tonfall schwang die Drohung von Hyposprays und Infusionen mit Nährstoffen mit, sollte es nötig werden.

18 Minuten später befand sich der Captain der Enterprise auf dem Weg in die Messe.


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