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Kein Stern an keinem Himmel von dammitcola

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Leonard McCoy

 

 

 

Im Wohnzimmer stand Pavel hinter dem durchgesessenen braunen Sofa, allem Anschein nach bereit, den Souffleur für Leonard zu spielen. Sein leicht eingezogener Kopf und die traurigen Blicke, die er seinen Eltern zuwarf, rührten etwas in Leonard an, das seine Kehle erneut eng werden ließ.

 

Er hatte sein PADD und seinen Kommunikator mitgebracht und fragte Anya und Andrei, die ihn schon am gedeckten Tisch erwarteten, höflich um Erlaubnis, beides bei sich behalten zu dürfen - Jocelyn hatte ihm keine feste Uhrzeit genannt, wann sie Joanna gestatten würde, ihn anzurufen.

 

Beinahe war er sich selbst ein wenig peinlich, er benahm sich mehr wie ein Schuljunge denn wie ein Mediziner der Sternenflotte, doch Pavels Eltern strahlten ihn einhellig an, lobten seine guten Manieren und versicherten ihm ausführlich ihr Verständnis. »Mach alles so, wie es für dich richtig ist, mein Junge«, sagte Anya. »Deine Kleine wird sich dann schon melden, bestimmt.«

 

Pavels Lächeln wirkte gequält, und Leonards Bedürfnis, ihm zu helfen, wuchs ins Unermessliche.

 

Als Nächstes wuchs allerdings auch seine Verzweiflung ins Unermessliche, denn der Tisch - helles Holz und offenbar von Hand gezimmert; er besaß die Höhe eines Couchtisches und den Umfang eines großen Esstisches - war schon wieder über und über beladen mit den leckersten Dingen, die Andrei ihm sogleich erklärte:

 

Da gab es Kascha, einen süßen Brei aus Buchweizen, kleine Pfannkuchen namens Blini und gefüllte Teigtaschen mit dem Namen Piroggen. Das Wort Pirogge, so erzählte Andrei eifrig, ging auf die urslawische Bezeichnung für ein Fest oder Gelage zurück.

 

Wie passend, dachte Leonard missmutig, während Andrei zu den herzhaften Gerichten überging. Ihm standen offenbar erneut schwere Stunden bevor, denn als er sich setzte, grinste Pavel hinter dem Sofa bis über beide Ohren. Dann aber, als sein Vater Leonard gerade zeigte, in welchen Kannen sich Kaffee, Schwarztee, Früchtetee und Trinksahne befanden, und seine Mutter im Begriff war, Leonards Teller abermals vollzuschaufeln, flüsterte der Junge Leonard ins Ohr: »Anya, es tut mir so unendlich leid, aber bestimmt weißt du es von Pavel - diese Sternenflottenvorschriften. Ich werde noch Ärger bekommen wegen meiner Werte.«

 

Verdattert lauschte Leonard diesen Worten. Pavel hatte seinen Eltern also erzählt, die Sternenflotte würde ihm verbieten, sich über die Feiertage vollstopfen zu lassen? Das wüsste er aber, sie waren doch längst keine Kadetten mehr, und er hasste es, Menschen unsinnige Lügen aufzutischen. An den gestrigen Abend zurückdenkend, hatte er jedoch kaum eine Wahl, und mit seinem gewinnendsten Lächeln wiederholte er Pavels Vorgabe originalgetreu.

 

»Oh, ich weiß!«, stöhnte Anya. »Aber mein lieber Junge, ich hatte gehofft, du würdest heute Morgen noch eine Ausnahme machen. Du bist so schrecklich mager!«

 

Leonard hatte Mühe, ein Prusten zu unterdrücken.

 

»Es tut mir wirklich leid, aber ich als Arzt habe natürlich eine Vorbildfunktion. Wie soll ich der Crew erklären, dass sie auf ihr Cholesterin achten soll, wenn meine eigenen Werte durch die Decke schießen und ein wildes Feuerwerk am Himmel veranstalten?« Er griff nach Anyas faltiger Hand und drückte sie herzlich. »Würdest du mir bitte einen Teller mit kleinen Häppchen zusammenstellen, damit ich von allem probieren kann? Ich möchte keine deiner Köstlichkeiten verpassen; wir schummeln uns einfach ein bisschen um die Vorschriften herum.«

 

Diese Aussicht stimmte Anya sofort versöhnlich. Mit einer Begeisterung, die an die ihres Sohnes erinnerte, begann sie, Leonard ein komprimiertes, akkurat auf dem Teller angeordnetes Frühstücksmenü zu zaubern.

 

»Das ist wunderschön«, sagte er, und das war nicht gelogen. Etwas Derartiges gab es nicht mal in Edelrestaurants. »Darf ich ein Foto davon machen und es meinem Captain schicken? Er wird platzen vor Neid.«

 

»Oh bitte, bitte, mein Junge, nur zu!« Anya strahlte über das ganze runde Gesicht.

 

Leonard fotografierte also sein Essen, schickte das Ergebnis an Jim und bekam auch prompt Antwort:

 

Whoa! Bones, du Arsch! Frag, ob du mir was mitbringen darfst, okay? Aber wirklich!

 

Eine Frage, die Anya umgehend bejahte, worauf sie sich in ausgiebigen Plänen erging, welche Leckereien sie dem jungen Captain mitschicken würde.

 

Während des erleichternd magenfreundlichen Frühstücks plauderte Leonard eine Weile unverfänglich mit Pavels Eltern, die einen wahren Narren an ihm gefressen hatten und ihn von Minute zu Minute herzlicher behandelten. Manchmal, wenn er sich nicht in Jims unmittelbarer Nähe befand und sich nicht wider Willen mit seinem besten Freund verglich, erinnerte Leonard sich daran, dass auch er selbst über so etwas wie Charme verfügte.

 

»Das hast du schon mal sehr, sehr gut gemacht. Jetzt müssen wir aber anfangen«, hörte er da Pavel hinter sich flüstern. Leonard bekam eine Gänsehaut. Wie musste der Junge sich fühlen angesichts all dieser Plaudereien mit seinen Eltern, an denen er nicht teilnehmen konnte?

 

Er deutete ein Nicken für Pavel an, das dessen Eltern ebenso gut auf sich selbst beziehen konnten, denn momentan erzählten sie ihm satzweise abwechselnd eine Geschichte aus Pavels Kindheit, die sich in einem Hallenbad zugetragen hatte: Der vierjährige Pavel hatte damals einem Imbissverkäufer detailliert vorgerechnet, dass dessen genannter Preis falsch war, und hatte danach von diesem zur Entschädigung ein Eis spendiert bekommen.

 

»Anya? Andrei?«, begann Leonard zögerlich, als die beiden geendet hatten. »Wenn Ihr erlaubt, würde ich euch gern ... ebenfalls eine Geschichte über Pavel erzählen.«

 

»Genauer gesagt, über Pavel und mich«, wisperte Pavel ihm ins Ohr. »Ich habe euch gestern belogen, und dafür möchte ich mich entschuldigen. Ich sagte euch, Pavel und ich hätten uns nicht gut gekannt, aber das ... war nicht die Wahrheit. Ich wusste einfach nicht, wie ich euch erklären sollte, was euren Sohn und mich tatsächlich verbunden hat.«

 

Leonard begriff nicht recht, warum Pavel flüsterte, wo seine Eltern ihn doch gar nicht hören konnten, fügte die Worte aber gehorsam hinzu - zumindest sinngemäß, das war doch etwas viel auf einmal gewesen, und er war Arzt, kein Broadway-Star. Die Lüge ließ ihm heißes Blut in die Wangen schießen, erstens, weil es nun mal eine Lüge war, und zweitens, weil all das so anrüchig klang.

 

Er erwartete, dass Anya und Andrei ihm jetzt allerlei Fragen stellen würden. Vielleicht auch, dass sie gerührt sein würden und sich freuten, wie Pavel es ihm prophezeit hatte. Doch nichts, nichts auf der Welt hätte ihn auf das vorbereiten können, was nun tatsächlich folgte.

 

Anya war aufgesprungen und starrte ihn an. Auch Andrei erhob sich langsam. Für einen schrecklichen Moment fürchtete Leonard, sie würden ihn mit vereinten Kräften packen und aus dem Haus werfen. Nicht, dass er mit den beiden nicht fertig geworden wäre, doch wenn sie es wünschten, musste und würde er ihr Heim verlassen.

 

Dann aber rannen Anya einmal mehr Tränen über die Wangen. »Oh!«, rief sie. »Oh, Pavel! Oh, Leonard! Leonard, mein Junge!« In der nächsten Sekunde plumpste sie neben ihm auf das Sitzpolster, schlang beide Arme um seinen Hals und weinte haltlos, während Andrei dicht bei ihr Platz nahm und ihr den Rücken tätschelte.

 

 

 

Stunden später konnte Leonard sich kaum mehr erinnern, wie der restliche Vormittag konkret abgelaufen war. Wann wer was gesagt, wann wer was darauf geantwortet hatte. Nur den Inhalt dessen, was besprochen worden war, kannte er; all das hatte sich unauslöschbar in sein Bewusstsein gebrannt.

 

Pavels geflüsterte Worte hatten ein geradezu erschreckend realistisches Bild von einer Liebesgeschichte erschaffen, die nach dem Drama um Khan und Jims Tod ihren Anfang genommen hatte. Zwei Menschen zwischen Pflichterfüllung und Sorge, die einander zögerlich näherkamen und sich schließlich gegenseitig stützten.

 

In Wahrheit hatte es niemanden gegeben, der Leonard während Jims zweiwöchiger Bewusstlosigkeit aufgefangen hatte, und seine Kehle tat schon wieder weh bei dieser Vorstellung. Hatte dieser Junge damals erkannt, wie fertig Leonard gewesen war? Pavel Chekov? Er hatte regelmäßig nach dem Captain gefragt, wie die restliche Crew auch, und einmal - einmal hatte er Leonard eine Kanne Kaffee mitgebracht. Es war die einzige Geste eines Crewmitglieds gewesen, die sich auf Leonard selbst bezog statt auf Jim, denn Bewusstlose tranken für gewöhnlich keinen Kaffee. In all seiner Sorge und Müdigkeit hatte Leonard das damals kaum wahrgenommen, doch es sagte eine Menge über Pavel aus.

 

Pavels Eltern jedenfalls hatten sich über die fiktive Geschichte nicht einfach nur gefreut, nein, sie waren hingerissen gewesen. Und auf Leonards zögerliche Aussage, er habe niemals erwartet, dass sie so positiv auf ihn reagieren würden, hatte Andrei wissen wollen, warum er so etwas nur gedacht habe.

 

»Nun, ich ...«, hatte Leonard herumgedruckst und war sich abermals himmelschreiend albern vorgekommen, »ich bin doch ein ganzes Stück älter als Pavel.«

 

»Pah!«, hatte Anya darauf gerufen. »Was die Leute sagen und denken, ist nicht wichtig, mein Junge, das musst du dir merken. Was meinst du, wie sie gelästert haben, als ich mit Pavel schwanger war? Über vierzig und eine natürliche Schwangerschaft! Niemand hat das verstanden, und es war uns egal.«

 

Leonard hatte einen vorsichtigen Blick zu Pavel riskiert, der beide Daumen nach oben reckte und ihn anstrahlte.

 

Irgendwann hatte Pavel begonnen, seine Eltern in den höchsten Tönen zu loben, und Leonard hatte nichts weiter zu tun gehabt, als all seine Worte an sie weiterzugeben und zu behaupten, Pavel habe ihm diese Dinge im Laufe der letzten Monate erzählt.

 

Anya und Andrei waren selig inmitten all ihrer Trauer, die nun tief und dunkel in ihren Blicken pochte und dennoch Raum ließ für unbändige Freude. Zur Feier des Tages schenkte Andrei ihnen trotz der frühen Stunde allen ein Glas Wodka ein, damit sie auf Pavel anstoßen konnten.

 

Dieser stand nun still und mit traurigen Augen in der Ecke hinter dem Sofa, und könnten Gespenster weinen, hätte er es vermutlich getan.

 

Leonard fühlte sich grauenhaft, doch er hatte eine rettende Idee: Er fragte Anya und Andrei, ob sie damit einverstanden wären, wenn er den Tag dafür nutzen würde, sich eine Weile allein in Pavels Heimatstadt umzusehen. Das war nur glaubwürdig, fand er - ein Mensch, der gerade seinen Partner verloren hatte, brauchte dringend ein wenig Privatsphäre und Raum für seine eigene Trauer.

 

Natürlich hatten sie nichts dagegen.

 

Ehe Leonard jedoch aufbrechen konnte, klingelte erneut sein PADD: Joanna.

 

Die Chekovs machten Anstalten, das Zimmer zu verlassen, doch er bedeutete ihnen eilig, sitzen zu bleiben. Gewiss würde Jocelyn Joanna kein langes Gespräch erlauben.

 

»Hallo, Jojo«, sagte Leonard und fühlte sich von innen heraus leuchten, als er seine Kleine sah, die bereits den Haarschmuck trug, den er ihr zu Weihnachten geschickt hatte. Der Anblick hatte etwas Surreales an sich. In den letzten Jahren waren all seine Kontaktversuche ins Leere gelaufen.

 

»Hallo, Papa«, erwiderte sie mit scheuem Lächeln. Sie zupfte verlegen an den silbern blinkenden Sternen herum, die sie in ihren Zopf geflochten hatte. »Danke. Die sind toll. Alle haben solche, nur ich hatte bisher keine.«

 

»Und ich hatte schon Angst, sie könnten dir nicht gefallen«, schmunzelte Leonard und spürte der wärmenden Erleichterung nach, die sich in ihm ausbreitete.

 

»Mama hat ...«, begann Joanna mit bebender Stimme. »Mama hat mir Sachen gegeben. Und Briefe. Von dir. Manche davon sind schon total alt.«

 

Pavel in seiner Ecke beugte sich neugierig nach vorn, seine Eltern verhielten sich mucksmäuschenstill. Mit einem Mal wäre es Leonard doch lieber gewesen, allein mit Joanna zu sprechen, aber ernstlich störte ihn die Anwesenheit der Chekovs merkwürdigerweise nicht.

 

»Das ist gut«, sagte er heiser. »Ich wollte ... ich wollte nie, dass wir uns nicht mehr sehen, Jojo.«

 

»Ich weiß«, hauchte sie und wirkte für Sekunden beängstigend alt für ein zehnjähriges Kind. »Ich hab alles gelesen. Und ... Papa, ich glaub ... ich glaub, Mama hat Angst vor dir. Sie hat mir zuerst das alles gegeben, und dann wollte sie mir die Sachen wieder wegnehmen, aber ich hab sie nicht mehr hergegeben, und dann hat sie gesagt, dass du vielleicht gefährlich bist. Aber ich hab trotzdem alles behalten, und sie hat mich in Ruhe gelassen, und jetzt durfte ich dich anrufen und sie ist sogar rausgegangen, als ich gesagt hab, dass sie das tun soll.«

 

Ein bitteres Gefühl machte sich in Leonard breit, das er regelrecht auf der Zunge schmecken konnte. Immer noch. Nach all den Jahren tat Jocelyn also immer noch so, als wäre er gefährlich wegen der Geschichte mit seinem Vater.

 

»Sie hat vor vielen Sachen Angst«, fügte Joanna fast entschuldigend hinzu. »Dieses Jahr sind wir sogar zu Hause geblieben an Weihnachten, weil sie dachte, dass uns vielleicht jemand überfallen könnte, wenn wir zu Grandma und Grandpa fliegen. Sie sind dafür zu uns gekommen.«

 

Leonard stutzte. Plötzlich war es ihm, als rückte ein lange gesuchtes Puzzleteil in seinem Kopf endlich an den richtigen Platz. »Kommt das oft vor, Jojo? Dass Mama solche Angst vor anderen Leuten hat?«

 

Joanna nickte zögerlich. »Aber eigentlich darf ich das niemandem sagen, vielleicht ist es gefährlich, wenn das jemand weiß. Aber ich hab deine Briefe gelesen. Ich glaub nicht, dass du gefährlich bist, Papa.«

 

Leonard fühlte sich, als müsste er jeden Moment in Tränen ausbrechen, doch das durfte er Joanna nicht antun. Sie war schon verunsichert genug. »Jojo, Süße - nein, ich bin nicht gefährlich. Und Grandma und Grandpa sind auch nicht gefährlich, das weiß Mama bestimmt auch.«

 

Dass seine ehemaligen Schwiegereltern ihn zuletzt behandelt hatten wie den letzten Dreck, spielte jetzt keine Rolle. Es durfte keine Rolle spielen.

 

Erneut nickte Joanna langsam.

 

»Es wäre gut, wenn du auch Grandma und Grandpa erzählst, was du mir gerade gesagt hast, Jojo«, sagte Leonard vorsichtig. »Glaubst du, du schaffst das?«

 

»Na klar.« Unsicher blinzelte sie ihn an. »Aber warum?«

 

Leonard atmete verhalten durch. Jetzt keinen Fehler machen. Keinen einzigen. Es ging um alles. »Weil ich befürchte, dass Mama vielleicht krank sein könnte, das aber selber nicht merkt. Wenn Menschen immer, immer Angst haben, ohne echten Grund - dann kann es sein, dass das in Wahrheit eine Krankheit ist. Aber das kann ich nicht sicher sagen; um das richtig festzustellen, müsste Mama zu einem Arzt gehen. Grandma und Grandpa können ihr dabei helfen, einen guten zu finden. Und sie passen gut auf Mama und dich auf und sind auf gar keinen Fall gefährlich.«

 

Ein weiteres Nicken von Joanna. »Okay«, piepste sie. »Papa? Kommst du mich bald besuchen?«

 

»Wahnsinnig gern«, presste er hervor. Nicht heulen. Nicht heulen. Und bloß keinen Fehler machen, McCoy. »Wenn du willst und Mama einverstanden ist, noch in den Ferien.«

 

»Ich frag sie«, verkündete Joanna.

 

»Das freut mich«, antwortete Leonard mit rauer Stimme.

 

Als sie das Gespräch ein paar Minuten später beendeten, weil Jocelyn nach Joanna rief, fühlte Leonard sich merkwürdig leer und zugleich voller Energie. Nach Weihnachten würde er seine ehemaligen Schwiegereltern kontaktieren, ganz gleich, wie wenig sie noch von ihm hielten.

 

Erst Sekunden später begriff er, dass Anya und Andrei das Zimmer, nein, das Haus verlassen hatten. Sie hatten ihm auf einem kleinen, alten PADD eine Nachricht hinterlassen: Sie würden Freunde besuchen, damit er etwas Zeit für sich hatte, und hofften, ihn zum Abendessen wiederzusehen. Selbst den Zahlencode für die Haustür hatten sie ihm aufgeschrieben.

 

Pavel stand nach wie vor bedrückt in seiner Ecke. »Entschuldigung«, murmelte er. »Ich wusste nicht, ob ich auch gehen oder bleiben soll. Und ich glaube ... ich glaube, meinen Eltern das alles von mir auszurichten, hat nicht funktioniert. Schließlich bin ich immer noch hier.«

 

Verdammt, ja. Leonards Pulsschlag beschleunigte sich, als ihm bewusst wurde, was das bedeutete. »Komm«, sagte er heiser und klopfte auf den Platz neben sich.

 

Pavel gehorchte.

 

»Warum bist du eigentlich barfuß?« Die Frage war dämlich, doch sie fiel Leonard ein, als Pavel die Knie anzog, die Beine mit seinen Armen umschlang und nervös mit den durchscheinenden Zehen wackelte.

 

»Weiß ich nicht«, seufzte Pavel. »Ich weiß auch nicht, warum ich Freizeitkleidung trage; ich war schließlich uniformiert, als ich ...« Erneut seufzte er. »Leonard, darf ich dir sehr ehrlich etwas anvertrauen?«

 

»Schieß los.«

 

»Ich hab Angst.«

 

Leonard schluckte schwer. »Ich auch, Pavel.«

 

Pavel nickte. »Du denkst, deine Exfrau hat eine psychische Erkrankung, oder? Es klang so.«

 

»Ja«, bestätigte Leonard befangen, »aber das meinte ich gerade nicht. Ich meinte: Welche Möglichkeiten haben wir beide jetzt noch? Was könnten wir noch versuchen? Hast du irgendeine Idee?«

 

Bekümmert schüttelte Pavel den Kopf. »Vielleicht muss ich irgendwelche Sachen machen, von denen ich immer geträumt habe«, murmelte er dennoch. »So was Filmtypisches. Aber ... ich ... nun.« Er presste die Lippen fest zusammen, bevor er fortfuhr: »Das sind Dinge, die in meinem momentanen körperlichen Zustand nicht funktionieren.«

 

Drei. Zwei. Eins.

 

Klick.

 

»Oh.«

 

»Mhm«, machte Pavel unbehaglich. »Ich war früher ... immer nur das Baby. Manche von den weiblichen Kadetten haben mir auf der Akademie jedes Mal durch die Haare gewuschelt, wenn sie mich auf dem Flur getroffen haben, ohne mich zu fragen. Und manche von den Männern haben mich gezwungen, ihre Physikhausaufgaben zu machen. Das war's.«

 

»Und für dich wäre beides infrage gekommen?«, rutschte es Leonard unbedacht über die Lippen. Jim hatte ihn einmal gefragt, wie er diesbezüglich »drauf war«, und obwohl Leonard sich weder vor noch nach Jocelyn jemals ernstlich für einen potenziellen Partner interessiert hatte, war er nicht umhingekommen, darüber nachzudenken.

 

»Ich glaube schon«, murmelte Pavel. »Ich war mal in einen Andorianer verliebt, dann in eine Orionerin. Und weil das Schicksal mich so lieb hat, sind die zwei später ein Paar geworden und kamen auf das gleiche Schiff.«

 

»Scheiße«, sagte Leonard, und als sie sich ansahen, mussten sie beide plötzlich lachen, kurz und leise.

 

»Und du?«, wollte Pavel kleinlaut wissen. »Ich meine, wenn ich das fragen darf?«

 

Leonard nickte leicht, ließ sich jedoch Zeit mit seiner Erklärung. »Als Jim mich das zu Anfang unserer Freundschaft mal gefragt hat, fand ich es ziemlich schwierig, ihm zu antworten«, räumte er dann ein. »Ich war mit einer Frau verheiratet gewesen und hatte vereinzelt One-Night-Stands mit Frauen gehabt, sonst hatte ich keine Erfahrung.«

 

»Und jetzt?«, platzte Pavel heraus. »Äh, entschuldige.«

 

Leonards Mundwinkel zuckten. »Daran hat sich bisher nicht viel verändert«, antwortete er offen. Dies war kein Thema, das er als übermäßig privat erachtete, und im Augenblick war ihm alles recht, um Pavel abzulenken, aufzumuntern oder was auch immer. »Aber ich sagte Jim damals, dass ich glaube, dass es einfach passen muss. Ich war nie ein Typ, der sich viel aus Äußerlichkeiten macht. Und im Grunde haben Jim und ich da eine Gemeinsamkeit. Mann, Frau, Inter, Rasse, Spezies - Jim interessiert sich dafür nicht primär, wenn das Gesamtpaket stimmt. Und das kann ich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch von mir sagen, obwohl ich nicht so offensiv damit umgehe wie er.«

 

»Warum vergleichst du dich mit ihm?«, fragte Pavel.

 

»Was?«

 

»Ich meine, warum ... warum erklärst du dich mit Bezug auf den Captain?«

 

Leonard hielt kurz inne. »Er ist mein bester Freund und ein anschaulicher Maßstab«, erklärte er dann, aber er hatte keine Ahnung, ob das wirklich alles war. Er wusste besser als jeder andere Mensch um Jims gravierende Selbstzweifel, doch zugleich war er sich nur zu deutlich bewusst, wie sehr er selbst vor anderen neben Jim unterging. Wie uninteressant sie ihn fanden neben dem strahlenden Captain. Und er war ja auch tatsächlich meist keine angenehme Gesellschaft. Er konnte nicht strahlen, wenn ihm zum Sterben zumute war.

 

Pavel schenkte ihm ein äußerst vorsichtiges Lächeln. »Ich weiß nicht, ob dich das tröstet«, sagte er leise, obwohl Leonard mit keinem Wort behauptet hatte, Trost zu brauchen, »aber meine Eltern haben dich sehr viel lieber als Schwiegersohn. Du warst immer schon ihr Liebling, wenn ich von euch allen erzählt habe. Arzt und zuverlässig und so. Und jetzt ... wollen sie dich am liebsten gar nicht mehr von hier weglassen.«

 

»Du glaubst gar nicht, wie beschissen ich mich deswegen fühle«, murrte Leonard. Er wollte es nicht zugeben, nicht mal vor sich selbst, aber er fühlte sich tatsächlich getröstet. Obwohl es absolut nichts zu trösten gab.

 

»Musst du nicht«, antwortete Pavel, doch auch er klang befangen. »Sie werden respektieren, dass du gesagt hast, dass niemand von uns wusste wegen der verschiedenen Ränge. Aber bestimmt werden sie dich trotzdem ab und zu einladen, und das ist doch nicht übel, oder? Jetzt, wo sie dich nicht mehr zwingen, dich für eine Hungersnot zu rüsten.«

 

Zu seiner eigenen Überraschung musste Leonard kichern. »Nein, das ist nicht übel. Ganz und gar nicht.«

 

 

 

Da ihnen nichts anderes zu tun einfiel, um Pavels Situation zu beeinflussen, ließ Leonard sich von dem jungen Russen seine Heimatstadt zeigen.

 

Dick eingepackt wanderte er neben dem barfüßigen kleinen Gespenst durch das Schneetreiben - entlang der Ischora, über Brücken, durch gemütliche Gässchen und grell blinkende Einkaufspassagen. Laufbandbürgersteige gab es lediglich im Zentrum Kolpinos, und die Bewegung und die frische Luft taten Leonard gut und vertrieben seine Kopfschmerzen, die sich kurz vor dem Aufbruch eingestellt hatten.

 

Unterwegs brachte Pavel ihm einige Schimpfwörter und Flüche auf Russisch bei - »Die entsprechen am ehesten deiner natürlichen Ausdrucksweise, denke ich«, sagte der unverschämte Lümmel -, die Leonard leise vor sich hin murmelte, bis er ihre korrekte Aussprache beherrschte.

 

Schließlich aber verlangte es ihn dringend nach einem Kaffee mit großzügigem Schuss, und obwohl Pavel ihm versicherte, dass es in ganz Kolpino kein Geschäft gebe, dessen Mitarbeiter kein Standard sprachen, setzte er sich in den Kopf, die Bestellung auf Russisch aufzugeben.

 

»Na schön«, meinte Pavel. »Aber das ist schwierig; du musst mir jetzt sehr gut zuhören.«

 

Sie übten ein Weilchen im Gehen, und als Pavel endlich zufrieden mit ihm war, betraten sie ein Café namens Snegurka, das mit einer großen Auswahl an Getränken zum Mitnehmen warb. Im Café herumsitzen wollte Leonard nicht, obwohl er allmählich ernstlich fror. Es hätte sich merkwürdig und ungerecht angefühlt, Pavel die ganze Zeit um sich zu wissen, ihn aber ignorieren zu müssen, wenn er nicht für geisteskrank gehalten werden wollte.

 

Nicht ohne Stolz gab Leonard seine Bestellung auf, einen schwarzen Kaffee mit reichlich Cognac, und lächelte den breit gebauten Kellner dabei vielleicht ein bisschen zu erwartungsvoll an für dessen Geschmack.

 

Die Miene des Mannes versteinerte erst, dann wurde sie ausgesprochen grimmig.

 

»Sag's noch mal, vor allem die ersten zwei Silben deutlicher!«, zischte Pavel.

 

Leonard gehorchte, doch nun krempelte der fleischgewordene Schrank vor ihnen seine Ärmel hoch, knurrte etwas auf Russisch und kam um den Tresen herum.

 

»Scheiße, Leonard!«, rief Pavel. »Lauf!«

 

Leonard hatte sich im Laufe des letzten Jahres zu oft an Jims Seite auf nicht ganz nach Plan verlaufenden Missionen befunden, um jetzt nicht aufs Wort zu gehorchen wie ein klassisch konditionierter Pawlow'scher Hund.

 

Wobei er, wie er gut zwanzig Straßen weiter mit rasendem Puls und heftigem Seitenstechen feststellte, heute eher ein Pavel'scher Hund war: Der Junge schüttete sich aus vor Lachen und torkelte dabei wie ein Betrunkener durch den Schnee.

 

»Was hab ich da gesagt?«, verlangte Leonard atemlos zu wissen. Die von den kardianischen Medizinern verpfuschten Narben auf seinem Rücken schmerzten und juckten nach dem unverlangten Mix aus Sprint und Marathon. »Was zur Hölle hab ich falsch gemacht?«

 

»Nichts!«, jubelte Pavel, prustete weiter und drehte sich mehrfach im Kreis, bevor er sich zu einer ausführlicheren Antwort herabließ: »Ich hab dir was ganz Falsches beigebracht, Leonard. Du hast den Typen gefragt, ob er dir nicht schnell einen Kaffee machen kann, statt fliegende Penisse zu fangen.«

 

»Fliegende - was?!«

 

»Fliegende Penisse«, wiederholte Pavel grinsend. »Das ist einfach so eine Redensart. Wenn jemand nur reglos mit offenem Mund rumsteht und nicht arbeitet, sagt man, dass er fliegende Penisse fängt.«

 

»Mit dem Mund?«

 

»Mit dem Mund. Es ist sehr unhöflich, so etwas zu einem Kellner zu sagen, der gerade gefragt hat, was er für einen tun kann. Ich bin bestürzt, Leonard.«

 

Leonard öffnete den Mund, doch ihm fiel keine angemessene Erwiderung ein. Dieser ...

 

»Achtung, die fliegenden Penisse!«, lachte Pavel.

 

»Du ... du mieser kleiner ... russischer ...«

 

»Penis? Das ist aber nicht sehr originell.«

 

Wider Willen musste daraufhin auch Leonard lachen. »Scheiße, ich hasse dich, Pavel Chekov!«

 

 

 

Als sie ins Haus der Chekovs zurückkamen, zitterte Leonard vor Kälte, doch drinnen war es warm und roch herrlich nach Kaffee und irgendetwas Süßem.

 

»Na, mein Junge?«, fragte Anya und strahlte Leonard an, als er sich seiner nassen Jacke entledigte. »Ich hoffe sehr, du hast ein klein wenig Hunger mitgebracht.«

 

Es war später Nachmittag, seit dem Frühstück hatte Leonard nichts mehr gegessen, und wie aufs Stichwort knurrte sein Magen hörbar. Er lächelte Anya schief und leicht verlegen zu. »Darauf kannst du wetten. Aber bitte, Anya, nicht zu viel - du weißt ja, diese Vorschriften.«

 

Es wurde ein entspannter, gemütlicher Nachmittag mit selbst gebackener Torte und Leonards ersehntem Kaffee mit Cognac, der in einen entspannten, gemütlichen Abend mit Suppe und Brot überging. Keine gravierenden Mästungsversuche diesmal, und wäre Pavel nicht gewesen, hätte Leonard diese Stunden in vollen Zügen genossen. Doch Pavel war, und so verabschiedete Leonard sich bereits kurz nach acht, offiziell, um duschen und schlafen zu gehen.

 

Als er nach seiner Dusche zurück in Pavels Zimmer trat, in Shorts und mit leicht feuchten Haaren, war ihm allerdings keineswegs nach Schlaf zumute.

 

»Verflucht, was sollen wir jetzt tun?«, murmelte er, teils an Pavel gewandt, teils an sich selbst, während er sich nach seinem Pyjamaoberteil auf der Matratze bückte.

 

Pavel, der auf seinem Schreibtischstuhl gesessen hatte, antwortete nicht sofort. Aus dem Augenwinkel erkannte Leonard, dass er sich erhob und auf ihn zukam.

 

»Alles okay?«

 

Erneut keine Antwort. Stattdessen eine Gegenfrage: »Leonard, was ist mit deinem Rücken passiert?«

 

»Ach, das.« Leonard schlüpfte in sein Oberteil, dann in seine Pyjamahose. »Das war auf Kardia. Schätze, im Vergleich zu dir kann ich damit zufrieden sein.«

 

»Aber warum hat das danach niemand heil gemacht?«

 

Heil gemacht, wiederholte Leonard in Gedanken. Die Bezeichnung löste ein merkwürdiges Gefühl in ihm aus, in seinem Brustkorb oder seinem Magen, er konnte es nicht genau lokalisieren. Eine Mischung aus Rührung und Verlegenheit.

 

»Ich bin nicht gerade ein Musterpatient«, gab er unumwunden zu. »Ich wollte da einfach niemanden ranlassen. Dachte, das hat nach den Feiertagen noch Zeit.«

 

»In Ordnung«, murmelte Pavel und blickte mit großen Augen zu ihm auf. »Aber du musst das wirklich machen lassen, ja? Bestimmt tut es weh. Das sieht schlimm aus, Leonard.«

 

»Schlimmer, als es ist«, antwortete Leonard mit leichtem Schmunzeln. »Mach dir darüber mal keine Sorgen.«

 

»Warum nicht? Du machst dir auch Sorgen um mich.«

 

Leonard schluckte schwer. »Weil dein Körper vernichtet ist und dein Geist keine Ruhe findet. Nicht wegen ein paar lächerlicher Narben, Pavel.«

 

Der Junge wirkte unzufrieden mit dieser Antwort, entgegnete aber nichts mehr. »Sehen wir uns vielleicht einen Film an?«, wollte er stattdessen wissen. »Irgendwas, das auch für nüchterne Menschen lustig genug ist?«

 

Damit brachte er Leonard erneut zum Lachen. »Können wir gern tun. Ist es okay für dich, wenn ich kurz noch Jim anrufe? Dann klingelt er später nicht dazwischen.«

 

Das Lächeln, das Pavel ihm nun schenkte, wirkte verwirrend schüchtern. »Klar. Soll ich rausgehen?«

 

Leonard winkte ab. »Nein, bleib ruhig. Falls bei Jim nichts Gravierendes passiert ist, dauert das jetzt nicht lange.«

 

Sein bester Freund sah müde aus, allerdings wesentlich stabiler als bei ihren letzten Gesprächen. »Bones! Ich hab gerade leider nicht viel Zeit, Spock und ich spielen Schach. Ich fürchte, ich bin der mieseste Gegner, den er jemals hatte, aber er meint, für den Anfang wäre ich gar nicht schlecht.«

 

»So?« Leonard ließ die Erleichterung zu, die diese Worte in ihm auslösten. »Dann habt ihr das alles gestern ... tja, halbwegs gut überstanden?«

 

Jim verzog leicht gequält das Gesicht. »Mhm. Manchmal können wir uns kaum in die Augen schauen, irgendwie ist das alles schon echt peinlich, aber na ja - wir sind jetzt in San Francisco, unsere Dienstwohnungen sind dann doch besser als irgendein Hotel, und ab morgen wollen wir die Mission auf Kardia nachbereiten. Da ist einiges schiefgelaufen; mehr, als offiziell tatsächlich relevant war.«

 

Leonard nickte Jim zu. »Halt mich auf dem Laufenden.«

 

»Mach ich. Und, ähm, Bones?«

 

»Ja?«

 

»Du siehst so ... so entspannt aus, irgendwie. Ich glaub, ich muss dich jetzt öfter zu den Chekovs schicken.«

 

»Während der Fünf-Jahres-Mission, die wir angeblich schon so sicher in der Tasche haben?«, spottete Leonard. »Von mir aus gern, alles ist besser als das da oben.«

 

»Ja, das klingt schon eher nach dir«, sagte Jim. »Nein, aber im Ernst: Ich glaub, du hast diese Auszeit echt gebraucht.«

 

»Kann schon sein«, räumte Leonard leise ein. »Kann schon sein, Jim.«

 

Ihm wurde bewusst, dass es da einen Leonard McCoy in ihm gab, den Jim bislang kaum zu Gesicht bekommen hatte.



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