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Kein Stern an keinem Himmel von dammitcola

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Weiße Lügen

 

 

 

Im Nachhinein fiel es Leonard schwer, auszumachen, zu welchem Zeitpunkt er begonnen hatte, die Geschichte der geisterhaften Erscheinung vor ihm zu glauben - nein, Pavel Chekov zu glauben.

 

War es nach dessen lebhafter Ausführung über seinen vollen Namen gewesen? »Doktor McCoy, wenn ich tatsächlich eine lebensechte Holografie von mir selbst angefertigt und ein so umfangreiches Kommunikationsprogramm für sie erschaffen hätte, dann hätte ich doch eingestellt, dass sie sich mit meinem vollen Namen vorstellt, oder? Pavel Andreievich Chekov. Nur gegenüber Personen, die mich schon lange kennen, lasse ich meinen Vatersnamen weg, aber ich hätte doch niemals die Zeit gehabt, hier in Kolpino ein Programm zu entwickeln, das Leute voneinander unterscheiden kann!«

 

Oder hatten seine zusammengefassten Erinnerungen den Ausschlag gegeben? »Wissen Sie noch, auf unserer ersten Mission, Doktor McCoy? Da habe ich vorgeschlagen, dass die Enterprise erst in unmittelbarer Nähe zum Saturn aus dem Warp springt, da das Magnetfeld des Saturnsystems sie vor der Entdeckung durch feindliche Sensoren schützen konnte. So konnten Captain Kirk und Commander Spock unbemerkt an Bord der Narada beamen. Sie fanden es damals, nun, wie soll ich sagen, ein wenig befremdlich, dass ich erst siebzehn war, und ich glaube, Sie haben mich nicht ganz ernst genommen, aber keine Angst, ich bin nicht nachtragend.«

 

Oder waren es doch Chekovs detaillierte Kenntnisse bezüglich ihrer Mission auf Kardia gewesen, die es Leonard unmöglich gemacht hatten, ihm nicht zu glauben?

 

Wie auch immer - vor ihm stand Ensign Pavel Chekov. Ensign Pavel Chekov, der vor knapp zwei Wochen bei einer Explosion ums Leben gekommen war und dessen Gestalt blass und durchscheinend wirkte. War er also ein Gespenst? Oder gab es eine andere, bessere Erklärung?

 

»Mister Chekov, seit wann befinden Sie sich hier in Ihrem Elternhaus?«, fragte Leonard mit nach wie vor beschämend wackeliger Stimme. Auf ihren bisherigen Missionen im vergangenen Jahr war er Zeuge zahlreicher merkwürdiger Erscheinungen gewesen, aber das toppte alles.

 

Der blasse, durchscheinende Chekov senkte den Kopf. »Seit fast zwei Wochen. Da war diese Explosion auf Kardia, und es fühlte sich an, als würde jeder Knochen in meinem Körper brechen ... und dann war da ein hellgrauer Nebel mit einer Lichtquelle im Hintergrund, und ich wusste, ich sollte dorthin, aber ich konnte sie nicht erreichen. Und dann stand ich plötzlich meinen Eltern gegenüber, von einer Sekunde auf die andere. Aber sie konnten mich nicht sehen, Doktor McCoy. Sie können es immer noch nicht. Seitdem bin ich oft nach draußen gegangen und habe versucht, mit den Nachbarn und Spaziergängern in Kontakt zu treten, aber es funktioniert nicht. Niemand sieht mich. Niemand außer Ihnen, Doktor McCoy.«

 

»Heilige Scheiße«, entfuhr es Leonard. Seine vage Hoffnung, es könnte sich bei Chekovs Gestalt um etwas anderes handeln als ein Gespenst, verflüchtigte sich. Zartgrauer Nebel, Lichtquelle im Hintergrund - dies waren genau die Worte, die Jim gewählt hatte, als er ihm von seiner Nahtoderfahrung berichtet hatte. Während Jims Bewusstsein danach jedoch in seinen durch Khans Blut geheilten Körper zurückgekehrt war, existierte Pavel Chekovs Körper nicht mehr. Warum aber war er hier?

 

»Helfen Sie mir?«, fragte das kleine Gespenst nun mit flehentlichem Welpenblick.

 

Leonards Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt. Noch immer saß er auf Chekovs Bett, aufrecht jetzt, die nackten Füße auf dem weichen Teppichboden. »Ich habe keine Ahnung, wie ich das anstellen soll«, krächzte er.

 

Daraufhin kam Leben in Chekovs Geistergestalt. »Oh, aber ich!«, rief der junge Ensign. Plötzlich strahlte er über das ganze fahle Gesicht, und sein osteuropäischer Akzent trat noch deutlicher hervor als sonst, als er eifrig fortfuhr: »Ich habe eine Theorie entwickelt, Doktor McCoy. Ich bin mir sehr sicher, dass ich tot bin und mich bereits kurz vor dem befunden habe, was wir Menschen das Jenseits nennen. Da ich aber zurück zu meinen Eltern geschickt wurde, ist meine Vermutung, dass ich hier noch etwas zu erledigen habe, etwas Wichtiges, und dass meine Seele erst Frieden findet, wenn das vollbracht ist.«

 

Leonard hatte Chekov aufmerksam zugehört und fröstelte jetzt. Wie um alles in der Welt konnte dieser Junge derart enthusiastisch über seinen eigenen Tod sprechen? Verdarb ihm denn nicht mal das Sterben die Laune?

 

»Helfen Sie mir?«, wiederholte Chekov. »Ich glaube, es könnte darum gehen, meinen Eltern zu beweisen, dass ich glücklich war, bevor ich starb. Und dass ich nie vergessen habe, wie viel sie für mich getan haben. Es gab auf der Enterprise immer so viel zu tun, und ich habe oft ... ich war oft zu müde, um sie nach der Arbeit noch anzurufen oder ihnen Nachrichten zu schreiben. Dabei hatten sie immer, immer Angst um mich. Was jetzt mit mir passiert ist, das - das haben sie immer befürchtet.«

 

Leonard wusste nicht, wie es zugegangen war, doch mit einem Mal schwammen seine Augen in Tränen. Er hatte Anya und Andrei dort unten kennengelernt, und mit keinem Wort und keiner Geste hatten sie ihn spüren lassen, dass sie der Sternenflotte und dem Weltraum im Innersten ähnlich kritisch gegenüberstanden, wie er selbst das so lange getan hatte und zum Teil nach wie vor tat. Sie hatten niemandem die Schuld am Tod ihres Kindes gegeben. Er hatte keine Ahnung, ob er diese Stärke besessen hätte, wenn Joanna ...

 

»Nicht«, flüsterte Chekov und trat einen Schritt auf ihn zu, ehe er sich vorsichtig neben ihn auf die Matratze setzte. Diese gab keinen Millimeter nach, Leonard spürte nicht, dass da jemand neben ihm saß, und mehr Indizien brauchte er nun wirklich nicht.

 

Grob wischte er sich über die Augen. »Sie sind doch ganz zu Anfang durch Ihren Schreibtisch und Ihren Kleiderschrank gegangen, um mir zu beweisen, dass Sie ein Gespenst sind«, brachte er schließlich hervor. »Wie kommt es, dass Sie auf dem Boden stehen und auf dem Bett sitzen können?«

 

Traurig blinzelte Chekov ihn an. Es war merkwürdig, seine Iriden in Grau zu sehen statt in Grün. »Ich weiß es nicht. Bislang ist mir keine physikalische Erklärung dafür eingefallen. Möglicherweise ist es so eine ... Geistersache. Dass meine bloße Erinnerung an das Stehen und Sitzen dafür sorgt, dass ich das kann, verstehen Sie?«

 

Leonard zwang sich zu einem Nicken. Ihm wurde erneut übel, doch diesmal hatte das nicht das Geringste mit Anyas reichhaltiger Verköstigung zu tun. »Wie kann ich Ihnen helfen, Mister Chekov? Was soll ich tun? Haben Sie dafür zufälligerweise auch eine Theorie entwickelt?«

 

»Ja, Sir«, erwiderte Chekov beflissen. »Der erste Schritt zu einem Gelingen dieser Mission wäre, dass Sie mich Pavel nennen und ich Sie Leonard. Wir sollten so miteinander sprechen, als würden wir uns sehr, sehr gut kennen. Ich weiß, dass es unhöflich ist, das als der Jüngere vorzuschlagen, aber es ist wichtig. Sind Sie einverstanden?«

 

»Nun ... in Ordnung, ja«, antwortete Leonard leicht überrumpelt. Er hob die Hand und hielt sie Chek- Pavel entgegen, und just in dem Augenblick, in dem ihm aufging, wie töricht das war, griff der Junge danach.

 

Pavels Finger glitten durch die seinen hindurch; sie fühlten sich an wie eine Mischung aus Nebel und kaltem Wasser, und Leonard erschauderte.

 

»Entschuldigung«, hauchte Pavel betreten. »Für einen Moment habe ich es vergessen.«

 

»Ich doch auch«, beruhigte ihn Leonard mit belegter Stimme. »Das alles ist - gruselig. Es tut mir leid, aber anders kann ich es nicht ausdrücken.«

 

»Das ist es«, murmelte Chek- Pavel. Plötzlich sah er so deprimiert aus, dass Leonard Zweifel an seiner vorhin scheinbar guten Laune kamen. Dass ihm seine grundlegende Begeisterungsfähigkeit erhalten geblieben war, musste nicht heißen, dass es ihm mit dieser Situation gut ging.

 

Himmel, McCoy, schalt Leonard sich stumm. Manchmal bist du wirklich ein Volltrottel.

 

»Wie fühlt es sich an?«, fragte er dann behutsam und blickte Pavel so aufmerksam in die Augen, als wäre er ein Patient. In gewisser Weise war er das schließlich. Er hatte ihn aufgesucht und um Hilfe dabei gebeten, seinen Zustand zu verbessern. »Wie geht es dir im Moment, Pavel?«

 

Dieser zögerte, bevor er mit bebenden Lippen zu einer Antwort ansetzte: »Es ... fühlt sich ... traurig an. Und leer. Ich bin nirgendwo richtig. Meine Eltern können mich nicht sehen, wahrscheinlich nie mehr. Ich kann nichts essen oder trinken. Ich kann durch Wände gehen und sogar durch Wände sehen, aber ich gehöre nicht mehr in diese Dimension. Doch wenn ich versuche, von hier wegzukommen ... wenn ich die Augen schließe und mich darauf konzentriere, den Ort zu sehen, an dem ich direkt nach der Explosion war ... dann ist alles schwarz. Kein Geräusch. Kein Geruch. Keine Landschaft. Kein Stern an keinem Himmel. Ich bin ... fast nur noch verzweifelt. Das ist nicht sehr präzise, ich weiß, aber so geht es mir momentan.«

 

Eine derart poetische und deprimierende Beschreibung seines Befindens hätte Leonard Pavel Chekov nicht zugetraut. Frustriert stellte er fest, dass er abermals Tränen in den Augen hatte, und erneut wischte er sie fort.

 

Er musste versuchen, diesem Jungen zu helfen, es war seine verdammte Pflicht. Am liebsten hätte er sich mit Jim beraten, doch falls es Jim mittlerweile etwas besser ging als vorhin, wollte er ihn jetzt nicht mit dieser heftigen Sache belasten - und falls nicht, erst recht nicht. Dies war kein physikalisches Phänomen, das es zu erforschen galt, sondern etwas, das Pavel Chekov ganz persönlich betraf. Leonard würde Jim davon erzählen, jedoch erst dann, wenn es ihm gelungen war, Pavels Situation zu verbessern.

 

»Leonard?«, fragte dieser mit dünner Stimme. »Darf ich dir jetzt erzählen, was ich mir ausgedacht habe?«

 

 

 

»Und das soll funktionieren?«, stieß Leonard aus, als Pavel mit vorsichtigem Lächeln geendet hatte. »Du willst, dass ich deinen Eltern Lügen auftische?«

 

»Nur weiße Lügen«, beeilte sich Pavel zu sagen. »Altruistische weiße Lügen, die meinen Eltern das Gefühl geben, dass ich sehr, sehr glücklich war kurz vor meinem Tod. Nur dann, wenn sie denken, dass du und ich uns nahestanden, werden sie dir glauben, dass ich dir die ganzen Sachen erzählt habe, die du jetzt ihnen erzählen sollst.«

 

»Und wie erkläre ich ihnen, dass ich gestern behauptet habe, wir hätten uns nicht besonders gut gekannt?«

 

Pavel versuchte, tief Luft zu holen - dann schüttelte er den Kopf, verärgert über sich selbst. »Da sehe ich ehrlich gesagt nur eine Möglichkeit, Leonard«, blies er aus. »Ich hoffe, du wirst jetzt nicht wütend.«

 

Verwirrt starrte Leonard ihn an.

 

Klick.

 

»Hm?«, hakte Pavel hoffnungsvoll nach.

 

»Oh nein. Nein, auf gar keinen Fall.« Empört hob Leonard die Hände. »Was sollen deine Eltern bitte von mir denken? Du könntest mein Sohn sein!«

 

Pavel zog seine durchscheinende Nase kraus. »Mit vierzehn hast du bestimmt noch nicht an Kinder gedacht.«

 

»Himmelherrgott, nein, aber das -«

 

»- wird dazu führen, dass sie dir glauben!« Jetzt strahlte Pavel wieder. »Du kannst ja sagen, dass niemand von uns wusste und sie das bitte für sich behalten sollen, dann kommst du nirgendwo in eine komische Situation. Du musst dir keine Sorgen machen wegen meiner Eltern, sie sind nicht prüde oder altmodisch in solchen Dingen, wirklich nicht, und sie müssen denken, dass du mich sehr gut kanntest!«

 

»Pavel, das -«

 

»Sir! Doktor McCoy! Ich meine, Leonard! Es ist sehr wichtig, und ich kann niemanden sonst fragen. Bitte!«

 

All die wüsten Flüche, die Leonard jetzt über die Lippen rutschten, ließen sich nicht aufhalten und brachten Pavel dazu, betreten auf seine nackten Zehen zu starren.

 

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich einen so abstoßenden Eindruck mache«, murmelte er.

 

»Was?« Verblüfft und entsetzt gleichermaßen hielt Leonard inne. »Nein!« Er zwang sich, durchzuatmen. Zur Ruhe zu kommen. Er musste es dem Jungen erklären. Ein Junge, ja, das war er, Respektlosigkeit hin oder her. Ein toter Junge. »Pavel, ich habe deine Eltern gestern sehr lieb gewonnen. Das Letzte, was ich will, ist, ihnen das Gefühl zu geben, ich hätte dich angegraben und ausgenutzt.«

 

»So werden sie auch nicht von dir denken«, antwortete Pavel mit schmerzerfülltem Blick. »Sie werden glücklich sein, wenn sie denken, dass ich glücklich war.«

 

»Und? Warst du es? Glücklich?«

 

Pavel zuckte mit den Schultern. »Manchmal. Oft war ich aber auch irgendwie ... allein.«

 

»Warst du nicht eng mit Lieutenant Sulu befreundet?«, fragte Leonard leise. Himmel, Sulu musste es im Augenblick ziemlich dreckig gehen.

 

»Doch«, wisperte Pavel. »Aber Hikaru hat einen festen Freund und ist älter als ich und ... man kann auch einsam sein, wenn man gute Freunde hat, oder nicht?«

 

Die Worte trafen Leonard wie ein Schlag ins Gesicht. Jims Gegenwart hatte ihn schon so manches Mal vor der absoluten Verzweiflung bewahrt, doch an anderen, einzelnen Tagen hatte Jims Freundschaft ihn nicht vollständig retten können. An jenen Tagen, an denen ihm der Schmerz über seine persönlichen Verluste beinahe den Verstand geraubt hatte und er nicht mal mehr im Suff fähig gewesen war, sein Empfinden in Worte zu fassen. »Das ist richtig«, antwortete er darum heiser. »Du hast recht.«

 

»Siehst du.« Pavel sprach jetzt so leise, dass Leonard Mühe hatte, ihn zu verstehen. »Aber doch, meistens war ich glücklich. Und ich will, dass meine Eltern wissen, dass ich viel öfter an sie gedacht habe, als ich es ihnen gezeigt habe. Ich verdanke ihnen alles.«

 

Für einen Sekundenbruchteil wurde Leonard schwarz vor Augen. »In Ordnung«, presste er schließlich hervor. Wer war er, Pavel diesen letzten Wunsch abzuschlagen? Leonard hatte noch nie etwas mit einem Mann gehabt, doch darüber würden Anya und Andrei wohl kaum Erkundigungen einziehen.

 

»Ja?« Pavel riss Mund und Augen auf, dann schlang er abrupt seine neblig-kühlen Geisterarme um Leonard und kippte durch ihn hindurch an die Wand.

 

»Verdammt noch mal, Pavel! Das ist -«

 

Er blickte in ein schreckensweites Augenpaar, das betreten zu ihm aufsah, als Pavel sich wieder gerade hingesetzt hatte.

 

»- ist schon in Ordnung«, seufzte Leonard. »Wir kriegen das hin. Zumindest werde ich mir Mühe geben.«

 

Das schrille Geräusch eines Weckers drang die Treppe hinauf. Himmel, war es etwa bereits Zeit, aufzustehen? Hatten sie die ganze Nacht hindurch geredet?

 

»Es ist 0700«, informierte Pavel ihn lächelnd. »Mama macht jetzt erst mal ein riesengroßes Frühstück; du hast mindestens noch eineinhalb Stunden, bis sie dich wecken kommt. Willst du noch ein bisschen schlafen?«

 

»Vielleicht«, krächzte Leonard, mühsam das Entsetzen niederkämpfend, das der Gedanke an ein erneutes gigantisches Bankett in ihm auslöste. »Hör mal, hast du zufällig eine Idee, wie ich deinen Eltern erklären könnte, dass ich es nicht besonders gut vertrage, stundenlang gemästet zu werden wie ein Truthahn vor Thanksgiving? Ohne sie zu verletzen, meine ich.«

 

Zu Leonards grenzenloser Überraschung verfiel Pavel in lautstarkes Prusten, das er nur schwer wieder in den Griff bekam. »Oh Mann«, japste er, »Mama hat dich so richtig fertiggemacht gestern, du hast mir so leidgetan!«

 

Leonard stutzte. »Du hast uns beobachtet?«

 

»Ja«, kicherte Pavel. »Es war sehr lustig. Zuerst dachte ich, du könntest mich auch nicht sehen, aber dann, nach deinem Gespräch mit dem Captain, da - da hat sich plötzlich etwas verändert in deinem Blick.«

 

»Moment«, sagte Leonard unbehaglich. »Du bist mit mir nach oben in dieses Zimmer gegangen und hast zugesehen, was ich gemacht habe? Die ganze Zeit?«

 

Pavel nickte. »Nur, als du mit Captain Kirk gesprochen hast, bin ich kurz auf den Flur gegangen. Ich fand es unangemessen, eine private Unterhaltung zu belauschen, vor allem, weil ich den Eindruck hatte, dass es dem Captain auf persönlicher Ebene nicht gut ging. Natürlich war ich neugierig, aber ich finde, man muss trotzdem immer anständig bleiben.«

 

»Anständig«, blies Leonard aus. »Mich zu beobachten, ohne dass ich von dir wusste, das fandest du also anständig?« Er wusste gar nicht recht, was ihn so sehr störte, schließlich war dies immer noch Pavels Zimmer und er hatte hier nichts Nennenswertes getan. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, fand er es schlichtweg entwürdigend, dass ein achtzehnjähriger Ensign ihm dabei zugesehen hatte, wie er sich vor Magenkrämpfen ächzend auf dem Bett gewunden und sich selbst den Bauch massiert hatte. Großer Gott, er war doch kein Clown!

 

»Ich wäre natürlich auch rausgegangen, wenn du masturbiert hättest oder so«, sagte Pavel kleinlaut. »Bist du sehr böse auf mich?«

 

Leonard öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Pavel Andreievich Chekov machte ihn fertig.

 

»Hm? Leonard?« Mit einem Mal wirkte Pavel ernsthaft ängstlich. »Ich meine, du hast doch gar nichts Wichtiges oder Peinliches getan; ich wollte nur - ich wollte nicht allein sein. Und mit dir im selben Zimmer zu sein, war ein bisschen wie auf der Enterprise, da hast du ja meistens auch nicht richtig mit mir geredet. Ich konnte mir einfach vorstellen, es wäre wie früher. Es tut mir leid.«

 

»Ich bin dir nicht wirklich böse, entschuldige«, seufzte Leonard, der seine unsinnige Wut verrauchen spürte. »Kannst du dir eigentlich aussuchen, was du siehst und hörst? Ich meine, vorhin sagtest du, du könntest durch Wände sehen. Klappt das auch mit dem Hören, oder wie läuft das?«

 

»Das ist mir bislang noch ein Rätsel«, antwortete Pavel mit sichtlicher Erleichterung. »Es hat größtenteils etwas mit Konzentration zu tun, glaube ich. Wenn ich mich darauf konzentriere, kann ich zum Beispiel von hier aus ins Badezimmer oder auf den Flur schauen, aber ich kann nicht durch den Fußboden ins untere Stockwerk sehen. Wenn ich mich darauf konzentriere, kann ich allerdings hören, was meine Eltern unten zueinander sagen. Wenn ich mich aber entscheide, mich nicht zu konzentrieren, dann ist es so, wie es war, als ich noch ... lebendig war. Dann ist eine Wand einfach eine Wand und ich höre und sehe nichts dahinter.«

 

Leonard nickte langsam. »Hör mal, wenn ich gleich aufs Klo gehe, beobachtest du mich nicht, ist das klar? Das würde ich dir ernsthaft übel nehmen.«

 

»Das würde ich niemals tun!«, empörte sich Pavel. »Ich bin ein anständiger Mensch! Ich meine, ich bin ... ein anständiges Gespenst.« Er seufzte schwer.

 

»Das wird schon«, behauptete Leonard. »Wir versuchen nachher alles, um dich ... zu erlösen.«

 

War das eine angemessene Bezeichnung?

 

Pavel in jedem Fall nickte ihm zu und schenkte ihm ein kleines Lächeln. »Danke.«

 

 

 

Als Leonard das Badezimmer verließ, fühlte er sich gut, aber noch längst nicht in der Lage, sich erneut bis zum Anschlag vollstopfen zu lassen. Er wollte Pavel gerade noch einmal darauf ansprechen, ob er diesbezüglich Tipps zum Umgang mit seinen Eltern hatte, als der Klingelton seines PADDs ertönte.

 

»Bestimmt Captain Kirk«, meinte Pavel und erhob sich von der Matratze. »Ich warte unten. Keine Angst, ich sage dir dann immer ganz genau, was du meinen Eltern erzählen sollst, ja? Ein bisschen musst du vielleicht improvisieren, aber das schaffst du schon, Leonard.« Damit verschwand er, und Leonard nahm den Anruf an.

 

»Jim?«

 

»Hey, Bones.« Jims Holo sah genauso übernächtigt aus, wie Leonard sich fühlte. »Bist du schon richtig wach? Und hast du kurz Zeit? Ich ... Gott, ich ... wahrscheinlich bist du momentan nüchtern, aber ich muss dir das jetzt einfach erzählen, wirklich, Bones.«

 

»O...kay?« Leonard ahnte, dass er nicht vollständig gerüstet war für das, was Jim ihm nun anvertrauen würde, doch das durfte keine Rolle spielen. Er setzte sich samt dem PADD aufs Bett und lehnte sich rücklings an die Wand. »Schieß los, aber wenn irgend möglich, fass dich bitte kurz; Pavels Mutter werkelt unten schon in der Küche rum.«

 

»Ist gut.« Falls es Jim irritierte, dass Leonard Pavel plötzlich beim Vornamen nannte, ließ er es sich nicht anmerken. Vermutlich war er allerdings selbst zu verwirrt dazu. Er schnappte nach Luft und fuhr sich durch seine wild in alle Himmelsrichtungen abstehenden Haare. »Gestern Nacht, nachdem Spock und ich im Hotel angekommen waren. Whoa, Bones. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass wir noch ein paar höfliche Worte wechseln, er dann schlafen oder meditieren geht und ich danach ... na ja, du kennst mich, ich wollte mich betrinken und dann einen richtig, richtig harten Fick mit irgendwem; ich konnte doch so nicht einschlafen, ich hätte das echt gebraucht.«

 

Leonard deutete ein Nicken an. Genau diese Art von Gespräch führte er ungern nüchtern. Und wie es aussah, hatte Jim noch nicht näher darüber nachgedacht, warum ihn Spocks und Uhuras Beziehungsstatus so sehr interessierte.

 

»Na ja, aber Spock ging einfach nicht«, fuhr Jim fort. »Er wollte mich überreden, noch eine Kleinigkeit zu essen; er wollte mir unbedingt was bestellen, das war echt merkwürdig. Ich meine, klar, er achtet auch auf Missionen immer überpenibel darauf, dass mir nichts passiert, aber das? Er fand das aus irgendeinem Grund total wichtig und ließ sich auch nicht richtig abwimmeln, und ich wollte ihn ja auch gar nicht abwimmeln, schließlich will ich mich ernsthaft mit ihm anfreunden, und dann - na ja. Du weißt ja, dass ich nach so Situationen nicht richtig essen kann, aber Spock weiß es nicht, und da fiel mir ein, wir könnten dir doch gleich deine Pralinen bestellen und für uns selber auch noch welche. Die gibt es auch mit zwei verschiedenen Likören, wusstest du das? Da hab ich einfach zwanzig Schachteln von jeder Sorte ins Hotel bestellt.«

 

»Du hast - insgesamt sechzig Schachteln ...?«

 

»Jaa, eine für dich und die anderen für mich. Ich meine, fünf Jahre im All sind lang.«

 

»Jim, wir wissen noch nicht mal endgültig, ob -«

 

»Doch, Bones, wir kriegen die Mission, glaub mir. Na ja, auf jeden Fall kam die Lieferung dann an, und irgendwie hab ich es geschafft, Spock dazu zu bringen, die Sorten mit Likör zu probieren, und er mochte sie, und na ja, so ab der vierten Praline ... war er irgendwie ... anders.«

 

»Inwiefern anders?«

 

»Er hat mich gefragt, ob ich ihm das mit meiner Familie erklären will. Und das wollte ich ja, ich wusste nur nicht, wie. Und als ich nicht sofort geantwortet hab, da hat er - da hat er mich gefragt, ob es mir helfen würde, wenn zuerst er mir was Persönliches erzählt, weil das ja unter Menschen so üblich sei. Mann, Bones, ich dachte kurz, da sitzt ein Geist vor mir, das war so krass.«

 

Leonard konnte das leicht hysterisch klingende Auflachen, das ihm aus der Kehle drang, nicht unterdrücken.

 

»Genau! Ganz genau das!«, rief Jim. Dann nahm sein Gesicht einen sehr weichen, überforderten Ausdruck an. »Ich hab gesagt, dass das vielleicht nicht schlecht wäre. Und dann hat er mir von sich und Uhura erzählt. Von ihnen beiden seit Pavels Tod. Ich kann natürlich keine Details weitersagen, das wäre nicht fair Spock gegenüber; ich bin echt froh, dass er mir das anvertraut hat. Aber die Kurzfassung ist, dass Spock seitdem deutlich erkannt hat, dass das nirgendwo hinführt mit ihnen, und Uhura ... wohl das komplette Gegenteil demonstriert. Demonstriert, weil - Spock selber kann so was null einschätzen, aber nach allem, was er mir erzählt hat, denke ich, dass sie es weiß, es aber einfach nicht wahrhaben will. Und sich jetzt krampfhaft an dieser Beziehung festklammert. Oh, Bones, er hat versucht, mit ihr zu reden. So richtig. Total oft. Aber im Moment hat er keine Chance, und ich fürchte, das ist so ein Fall, in dem irgendwas Therapeutisches sinnvoll wäre, auch wenn ich eigentlich nicht viel von so was halte.«

 

»Whoa«, machte Leonard. »Das ist heftig.«

 

»Und wie«, murmelte Jim, blinzelte und fuhr fort: »Na ja, Spock war dann jedenfalls total erleichtert, als ich ihm das gesagt hatte. Weil er jetzt zumindest ein bisschen beruhigter ist und nicht mehr denkt, dass er einfach bloß unfähig ist oder so.«

 

Leonard nickte nur knapp, obwohl ihm einmal mehr ein sarkastischer Spruch auf der Zunge lag.

 

»Und dann«, seufzte Jim, »blieb mir nichts anderes übrig, als ihm auch was zu erzählen. Ich wollte ja, alles andere hätte echt einen verdammt miesen Captain aus mir gemacht. Man zerrt seinen Ersten Offizier nicht ohne Erklärung in so eine Situation, wirklich nicht. Und weil ich nicht so richtig wusste, was er als relevant empfinden würde und was nicht ... hab ich mir Whiskey aufs Zimmer bestellt und ihm einfach alles erzählt. Von meiner Mutter, von Sam, von Frank ... ja, alles.«

 

Leonard stieß einen Pfiff aus. »Und jetzt?«

 

»Weiß nicht«, stöhnte Jim. »Spock hat noch ein paar Pralinen gegessen währenddessen, und irgendwie hat ihn diese Mischung aus Schokolade und Alkohol ziemlich ... berauscht. Er sah aus wie wir, wenn wir total dicht sind, kannst du dir das vorstellen? Und er war - schockiert. Das hat er mir wörtlich so gesagt. Und dann ist er auf meinem Bett eingeschlafen, einfach so. Er schläft immer noch. Dabei hatte ich am Anfang den Eindruck, dass es ihm schon komisch vorkommt, neben mir auf der Matratze zu sitzen.«

 

»Im Ernst? Das Spitzohr schläft auf deinem Bett? Zeig her«, verlangte Leonard, bereit, den Holoshot seines Lebens anzufertigen.

 

»Vergiss es!«, antwortete Jim entrüstet.

 

»Spielverderber«, knurrte Leonard. »Na, ich muss jetzt sowieso runter. Und Jim, es könnte sein ... dass ich noch ein paar Tage hierbleibe. Die Chekovs sind froh über jede Ablenkung und Gesellschaft. Das sind zwei ganz großartige Menschen, und sie haben mich eingeladen.«

 

Jim nickte langsam. »Ist okay. Mach dir um mich keine Sorgen, ich bin ... na ja ... es geht schon. Und du? Bist du in Ordnung, Bones? Du wirkst irgendwie immer noch seltsam.«

 

»Alles gut, Jim«, behauptete Leonard und lächelte seinem Freund zu. »Es ist nur auch für mich nicht ganz leicht, mit trauernden Eltern umzugehen.«

 

»Ich weiß«, sagte Jim bedrückt. »Es tut mir leid, Bones. Ich hätte dich auf keinen Fall gehen lassen, wenn ich den Eindruck gehabt hätte, dass du ...«

 

»Hey«, fiel Leonard ihm ins Wort, noch immer lächelnd. »Es sind jetzt fast fünf Jahre. Das hier ist in Ordnung für mich, und ich mag die Chekovs wirklich gern.«

 

»Okay.« Jim nickte wieder. »Das ist gut.«

 

In diesem Augenblick wurde Leonard bewusst, dass er wahrhaftig keinen Grund hatte, Pavel den Plan für seine Eltern vorzuwerfen. Schließlich erzählte er selbst auch Jim gerade eine Menge weißer Lügen. Seinem besten Freund jetzt, wo er so sehr strauchelte, auch noch von Pavels Geist zu berichten - nein, das brachte Leonard nicht fertig.



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