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Kein Stern an keinem Himmel von dammitcola

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Pavel Chekov

 

 

 

Was hatte er erwartet?

 

Was um alles in der Welt hatte er erwartet?

 

Zwei intellektuelle Mittvierziger, wenn Leonard ehrlich war, die sich freundlich, aber mit einer gewissen Distanz mit ihm über ihren verstorbenen Sohn austauschen würden. Die gründlich und kritisch nachhaken würden inmitten all ihrer Trauer, um womöglich einen Schuldigen an Pavels Tod ausmachen zu können. Menschen, die nur wenig älter waren als er selbst und die er, wenn er nach einer Übernachtung wieder abreiste, nicht wesentlich besser kennen würde als vor seiner Ankunft.

 

Tatsächlich hatten sich Missis und Mister Chekov als Ehepaar aus einfachen Verhältnissen herausgestellt und gingen ihrer Erscheinung nach zu urteilen bereits auf die sechzig zu. Anya Chekov war klein, rundlich und besaß rotbraunes Haar, das sie zu einem altmodischen Dutt aufgesteckt trug. Ihr hatte Pavel Chekov seine freudig strahlenden grünen Augen zu verdanken. Gehabt. Zu verdanken gehabt. Seine schmale Statur und die dunkelblonden Locken dagegen hatte er von seinem Vater geerbt, der bereits weitgehend ergraut war und Leonard aus gütigen braunen Augen musterte.

 

Das taten sie alle beide, die Chekovs: Sie sahen ihn die ganze Zeit über aufmerksam an, doch es war keine unangenehme, entlarvende Aufmerksamkeit. Seit sie ihn vom Shuttlelandeplatz im Zentrum Kolpinos abgeholt hatten, hatten sie ihm beide wiederholt unter Tränen versichert, wie dankbar sie für seinen persönlichen Besuch seien und wie wenig sie diesen als selbstverständlich erachteten. Außerdem hatten sie ihn gebeten, Jim herzliche Grüße von ihnen zu bestellen und ihm auszurichten, dass sie ihm eigene familiäre Verpflichtungen keinesfalls übel nahmen.

 

Sie lebten in einem bescheidenen Häuschen am westlichen Stadtrand. Unten gab es einen kleinen Wohnraum, eine noch kleinere Küche und ihr Schlafzimmer, im ersten Stock ein winziges Badezimmer, eine Rumpelkammer und Pavels Zimmer. Pavels ehemaliges Zimmer. In diesem würde Leonard die Nacht verbringen, weil das Sofa im Wohnzimmer durchgesessen und nicht mehr besonders bequem war, wofür Missis Chekov sich wortreich entschuldigt hatte. Platz für eine Essecke abseits des Sofas gab es nicht.

 

Zu Beginn hatte Leonard Schwierigkeiten gehabt, die Chekovs zu verstehen, denn wenn das überhaupt möglich war, war ihr osteuropäischer Akzent noch stärker ausgeprägt als der ihres Sohnes. Doch davon abgesehen sprachen sie flüssig Standard, und bereits auf der Hoverbusfahrt durch die verschneite russische Großstadt hatte Leonard sich an den Klang gewöhnt.

 

Seit sie in ihrem Zuhause angekommen waren, weinte Missis Chekov immer wieder, während sie redete, selbst wenn es um Banalitäten ging wie jetzt: »Sind Sie ganz sicher, dass Sie nicht noch eine Portion Soljanka möchten, mein Junge?«

 

Weder sie noch ihr Mann hatte Leonard bislang mit seinem Namen oder gar seinem Titel angesprochen; er war die ganze Zeit über mein Junge, wenn sie das Wort an ihn richteten - kein Wunder, dass Pavel Chekov es Leonard nicht übel genommen hatte, dass er auch ihn auf ihrer ersten Mission schlicht Junge genannt hatte. Eine Respektlosigkeit, an die er seit Chekovs Tod bereits einige Male mit Bedauern zurückgedacht hatte, während er die Bezeichnung auf sich selbst bezogen als geradezu absurd empfand - er war zweiunddreißig Jahre alt. Dennoch störte er sich nicht ernstlich daran. Die beiden meinten es gut und begegneten ihm mit großer Warmherzigkeit, wie er sie abseits seiner Freundschaft zu Jim kaum noch kannte.

 

»Ganz sicher, vielen Dank, Missis Chekov«, antwortete er und gab sich Mühe, dabei nicht zu ächzen. Die Suppe mit Rindfleisch und Gemüse war köstlich, doch das galt für alle Gerichte, welche die Chekovs aufgetischt hatten und mit denen sie ihn seit über einer Stunde vollstopften.

 

»Oh bitte, mein Junge, nenn mich Anya.« Missis Chek- Anya wischte sich die Tränen vom Gesicht und füllte Leonards Teller erneut, als hätte sie seine Antwort nicht gehört. Dann schnitt sie ihm von Hand eine weitere kräftige Scheibe Schwarzbrot ab und schob auch die Schüsseln mit den sechs Salaten noch näher an ihn heran.

 

Ihr Mann unterstützte sie, indem er Leonard Wodka nachschenkte. »Und ich bin Andrei«, sagte er und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

 

Im Grunde ging Leonard das ein wenig zu schnell, doch er lächelte den zweien zu. Sie hatten ihr Kind verloren, verdammt noch mal. »Mein Name ist Leonard«, antwortete er mit einem Nicken.

 

»Ein sehr schöner Name, mein Junge«, meinte Anya, die ihn anstrahlte und dann eindringlich auf die Soljanka und das Brot blickte. »Bitte, bitte, iss.«

 

Leonard hoffte, dass Anya und Andrei ihm seine subtile Verzweiflung nicht anmerkten. Er hatte bereits von jedem einzelnen Gericht auf dem Tisch eine große Portion gegessen, darunter eine gefüllte Wachtel mit Honig, Beeren und einem riesigen Berg Buchweizen, und auch wenn er um die medizinische Unmöglichkeit wusste, fürchtete er ernsthaft, beim nächsten Bissen zu explodieren. Himmel, die beiden waren schlimmer als seine eigenen Eltern, die ihn ebenfalls bei jedem Besuch zu Hause gemästet hatten.

 

Verflucht. Daran hätte er nicht denken dürfen. Seine Mutter war vor acht Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen, und sein Vater ... Es war jetzt fast fünf Jahre her. Mit einem Mal fühlte Leonard sich verdorben neben den beiden gütigen älteren Menschen, die ihn nach wie vor hoffnungsvoll anblickten, als hinge ihr verbliebenes Lebensglück davon ab, ihn essen zu sehen.

 

Komm schon, McCoy, sei kein Weichei, beschwor er sich. Mach sie jetzt einfach glücklich, und danach hast du eine ganze Nacht Zeit, dich zu erholen, bis es Frühstück gibt. Er wünschte sich inständig, Jim wäre hier.

 

Anya und Andrei wirkten selig, als Leonard begann, die Suppe stoisch in sich hineinzuschaufeln, und obwohl sein Magen entschieden rebellierte und er im Geiste bereits den Knopf seiner Hose durch den Raum fliegen sah, leerte er seinen Teller zur Gänze und aß auch die Scheibe Brot auf, ehe er zum krönenden Abschluss den Wodka trank. Danach schienen die Chekovs endlich zufrieden zu sein, während Leonard keine Ahnung hatte, wie er sich vom Tisch erheben sollte, ohne sich zu übergeben.

 

Glücklicherweise erwartete das zum jetzigen Zeitpunkt noch niemand von ihm: Anya wuselte in die Küche, um ihnen »noch ein Tässchen Tee zu kochen«, und Andrei packte Tabak und eine altmodische hölzerne Pfeife aus und begann am noch gedeckten Esstisch zu rauchen, nachdem er sich mit einem gebrummten »Stört dich doch nicht, mein Junge?« Leonards Erlaubnis eingeholt hatte.

 

Nein, es störte ihn nicht. Andreis Tabak roch angenehm würzig, kein Vergleich zu gewöhnlichen stinkenden Zigaretten, und außerdem war Leonard viel zu voll, um sich an irgendetwas zu stören. Er hoffte inständig, dass Anya zum Tee kein Gebäck servieren würde. Ein heißer Tee dagegen, langsam und vorsichtig getrunken, würde ihm vielleicht guttun, obwohl er sonst ein passionierter Kaffeetrinker war.

 

 

 

Anya servierte Gebäck zum Tee, einen selbst gebackenen Napfkuchen und eine Schüssel voll Kekse, die ebenfalls selbst gebacken zu sein schienen.

 

Vor Entsetzen und einem Anflug von Panik schossen Leonard Tränen in die Augen, er konnte es nicht verhindern, obwohl er diesen gutmütigen Menschen keinesfalls wehtun wollte.

 

»Oh, aber mein Junge, was hast du?«, fragte Anya betroffen, stellte ihr Tablett auf dem bereits übervollen Tisch ab und legte ihm beide Hände auf die Schultern, um ihn voller Fürsorge anzusehen.

 

Verdammt. Er konnte es nicht, er konnte es einfach nicht. Er konnte dieser Frau nicht sagen, dass er ihren Kuchen nicht essen wollte, das brachte er nicht übers Herz. Stattdessen log er, bevor er vollständig begriff, was er da tat: »Es ist nur ... ihr beide seid ganz genau so, wie Pavel euch immer beschrieben hat.«

 

»Oh!«, rief Anya, ließ von ihm ab, und schon kullerten auch ihr neue Tränen über die Wangen, während Leonard seine Augen hastig trocken wischte. Sie sank zurück auf ihren Stuhl, wo Andrei sich zu ihr beugte und ihr einen Arm um die bebenden Schultern legte, beruhigende russische Worte murmelnd.

 

»Kanntest du Pavel gut, mein Junge?«, wandte er sich Leonard dann mit warmem Lächeln zu.

 

Dieser räusperte sich betreten. »Nein«, räumte er ein, »es waren eher allgemeine Gespräche im Gemeinschaftsraum. Die ganze Crew wusste, dass Pavel aus einem liebevollen Elternhaus stammte und sein Zuhause oft vermisste.«

 

Die Chekovs nickten beinahe synchron. Dann begannen sie, zögerlich erst, angesichts seiner Aufmerksamkeit aber mit wachsendem Enthusiasmus, von ihrem Sohn zu erzählen.

 

Zuerst waren es Dinge, die Leonard bereits wusste: dass Pavel auf der Sternenflottenakademie Klassenbester auf den Gebieten der Stellarkartographie und der Transportertheorie gewesen war. Dass er ein Genie im Bereich der theoretischen Physik gewesen war. Dass er der jüngste Kadett gewesen war, der jemals den Marathon der Akademie gewonnen hatte, ein Jahr nach Leonards und Jims Eintritt in die Flotte, und das auch noch barfuß. Dafür war Pavel Chekov auf der Enterprise berühmt gewesen.

 

Dann aber folgten persönlichere Geschichten. Anya erzählte Leonard, dass Pavel bereits mit vier Jahren herausragende Fähigkeiten und ein erstaunliches Talent für Mathematik gezeigt hatte. Andrei führte aus, dass ihr gemeinsamer Sohn die nächsten zehn Jahre seines Lebens als das jüngste, kleinste und klügste Kind in einer Reihe zunehmend elitärer russischer und später internationaler Schulen verbracht hatte, zerrissen zwischen unstillbarem Wissensdurst und kindlichem Heimweh.

 

Sie beide sprachen mit Stolz, jedoch ohne Arroganz von Pavel. »Er bekam Stipendien, wir hätten uns diese Schulen niemals leisten können«, sagte Anya.

 

»Weißt du, mein Junge, wenn der eigene Sohn schon mit zehn Jahren sehr viel mehr weiß und kann als man selbst, kommt man sich manchmal schon ein wenig dumm vor«, ergänzte Andrei und lachte wehmütig.

 

»Was ist mit dir, mein Junge?«, fragte Anya und tätschelte Leonard den Arm. Glücklicherweise schien sie das Gebäck während des emotionalen Gesprächs vergessen zu haben.

 

»Oh, ich ... nun, ich ...«, stammelte Leonard überfahren. »Eine Tochter. Ich habe eine Tochter. Sie ist zehn. Aber sie lebt bei ihrer Mutter, wir werden die Weihnachtstage nicht zusammen verbringen, macht euch keine Gedanken.«

 

Natürlich hatte er Joanna geschrieben und ihr Geschenke geschickt, und diesmal konnte Jocelyn sie ihr nicht verweigern. Über die Feiertage würden sie außerdem telefonieren.

 

»Richtig, richtig, Weihnachten«, meinte Andrei nachdenklich. »Was sagt man dazu, Anya, daran haben wir gar nicht gedacht. Weißt du, mein Junge, wir feiern noch ganz traditionell nach dem julianischen Kalender. Nur an die vorherige Fastenzeit halten wir uns nicht.«

 

Dass die Chekovs trotz Pavels Tod feiern wollten, verblüffte Leonard - und zugleich auch nicht. Es passte zu ihnen, und obwohl er ihn auf persönlicher Ebene nicht näher gekannt hatte, war Leonard davon überzeugt, dass dies auch Pavel Chekovs eigenem Charakter entsprochen hätte.

 

»Mein Junge, ich meinte vorhin aber gar nicht deine Tochter, obwohl es mich gefreut hat, von ihr zu erfahren«, sagte Anya zu Leonard. »Meine Frage bezog sich auf deine eigene Ausbildung. Willst du nicht ein bisschen von dir erzählen?«

 

Das verschlug Leonard die Sprache.

 

»Hm?«, hakte Anya mit warmem Blick nach, der eine merkwürdige Art von Verlegenheit in ihm wachrief.

 

»Ein Genie wie euer Sohn bin ich nicht, falls du das meinst«, murmelte er. Zwar hatte man ihn in seiner frühen Laufbahn oft als brillanten jungen Mediziner mit magischen Händen bezeichnet, doch all das war nicht länger von Bedeutung gewesen, nachdem er seinem Vater auf dessen Wunsch hin Sterbehilfe geleistet hatte. Dass er seine Zulassung behalten hatte, grenzte an ein Wunder.

 

»Pavel hat uns da etwas anderes erzählt«, sagte Andrei.

 

»Tatsächlich?« Verwirrt hob Leonard die Brauen.

 

»Oh, er verehrte seine Vorgesetzten sehr«, lächelte Anya. »Doktor McCoy hier, Captain Kirk und Commander Spock da. Unser Junge hat zu euch allen aufgesehen.«

 

»Das wusste ich nicht«, antwortete Leonard mit vor Betroffenheit schmerzender Kehle. Zumindest hatte er nicht ansatzweise geahnt, dass es dabei auch um ihn selbst gegangen war; Pavels an Schwärmerei grenzende Sympathie für Jim und Spock war ihm durchaus aufgefallen.

 

Er hoffte, Anya und Andrei würden ihm nun weitere Anekdoten aus Pavels Kindheit erzählen, damit er nicht von sich selbst sprechen musste, doch die beiden hakten so lange nach, bis er ihnen zögerlich von seinem Studium berichtete, ebenso von seiner Laufbahn bei der Sternenflotte. Den Bruch dazwischen ließ er großzügig aus, und glücklicherweise fragten sie diesbezüglich nicht nach.

 

»Ah, siehst du?«, sagte Anya stattdessen. »Du bist doch ein Genie, mein Junge.« Dann schlug sie erschrocken die Hände zusammen. »Oh! Du hast ja noch gar keinen Kuchen gegessen! Bitte, bitte, greif zu!«

 

 

 

Leonard hatte keine Ahnung, wie er es die Treppe hinauf und unter die Dusche geschafft hatte. Beim Zähneputzen hätte er sich um ein Haar ins Waschbecken übergeben, und wahrscheinlich wäre ihm jetzt weniger elend gewesen, hätte er es getan. Doch die Wände dieses Hauses schienen recht dünn zu sein, und es kam nicht infrage, Anya und Andrei mit lautstarken Kotzgeräuschen für ihre Gastfreundschaft zu danken. Und da er gegen alles Mögliche Hyposprays bei sich trug, nur nicht gegen heilloses Überfressen, blieb ihm nichts anderes übrig, als stumm zu leiden.

 

Er hätte ein wenig durchs Zimmer wandern sollen, um sich Linderung zu verschaffen, doch als er einmal auf der etwas zu weichen Matratze lag wie ein nasser Sack, würde nichts in der Welt ihn dazu bringen, wieder aufzustehen. Eine Weile versuchte er es damit, sich mit kreisenden Bewegungen um den Bauchnabel zu massieren, aber erstens kam er sich albern dabei vor, so etwas mit sich selbst anzustellen, und zweitens fielen ihm allmählich trotz seiner Beschwerden die Augen zu. Wenn er Glück hatte, würde er sich am nächsten Morgen besser fühlen, und Grundgütiger, dann musste er Anya und Andrei schonend beibringen, dass sein Magen nicht für derart ausgiebige Gelage geschaffen war.

 

Wie um alles in der Welt hatte Pavel Chekov es geschafft, von seinen früheren Heimaturlauben nicht kugelförmig zurückzukommen? Im Gegenteil, der junge Mann hatte sich stets an der Grenze zum Untergewicht befunden.

 

Leonard hatte sich nicht näher in Chekovs Zimmer umgesehen. Es erschien ihm einfach nicht richtig, und erst recht wäre es ihm ungehörig vorgekommen, nackt in dessen Bett zu schlafen, obwohl ihn im Moment selbst seine eigentlich bequeme Pyjamahose unangenehm einengte.

 

Es dauerte eine Weile, bis er eine halbwegs erträgliche Position fand, die es ihm erlaubte, seiner wachsenden Müdigkeit nachzugeben. Er befahl dem auf Standard programmierten Computer, die Raumtemperatur zu senken, zog sich die Decke über die Schultern und spürte sich bereits in den wohlverdienten Schlaf gleit-

 

Sein PADD klingelte.

 

Es war weit nach 2300.

 

Es gab nur eine einzige Person im Universum, die es wagen würde, ihn zu solch später Stunde anzurufen.

 

»Verdammt noch mal, Jim«, knurrte Leonard.

 

Jim nutzte in der Freizeit lieber das PADD als den Kommunikator für Gespräche, weil dieses Miniaturholografien übertragen konnte, und Leonard stand kurz davor, wütend zu werden, ehe ihm wieder einfiel, wo Jim sich aktuell befand.

 

»Gedimmtes Licht«, befahl er dem Computer, richtete sich ächzend auf und tastete nach dem PADD auf dem Nachttisch, um den Anruf anzunehmen. »Jim?«

 

Jim antwortete nicht sofort. Sein Holo sah schrecklich aus, nein, schlimmer als das, und er schien irgendwo auf offener Straße im Schneegestöber zu stehen.

 

»Jim, was ist passiert?«

 

»Bones, ich ... ich wollte dir bloß Bescheid sagen, dass Spock und ich jetzt nach Iowa City fahren und uns ein Hotelzimmer nehmen«, murmelte Jim. Er wirkte apathisch. »Ich meine natürlich, zwei getrennte Zimmer.«

 

»Jim, was ist passiert?«, wiederholte Leonard mit Nachdruck. Er war so erschrocken, dass er Übelkeit und Magenkrämpfe kaum noch wahrnahm.

 

Sein Freund zuckte die Schultern. »Das Übliche. Was bei Kirks am Abend vor Weihnachten halt so passiert.«

 

»Jim.«

 

»Es war ihnen scheißegal, dass ich einen Gast mitgebracht hatte. Es war ihnen auch scheißegal, dass Sam seine Frau und seinen kleinen Sohn mitgebracht hatte. Irgendein Admiral hat meine Mutter nach der Sache mit Khan wohl angequatscht, ob sie nicht mal darüber nachdenken will, unseren Kontakt wieder in Schwung zu bringen, und jetzt nach der Explosion auf Kardia wieder, und ach - die alten Geschichten. Sam hat sich darüber aufgeregt, dass Frank vor dem Kleinen getrunken hat. Frank meinte mit zunehmendem Suff, Sam könne sich ja einfach verpissen wie damals. Aurelan, Sams Frau - ich hab sie und Peter heute zum ersten Mal gesehen, kannst du dir das vorstellen? -, ist dann mit Peter rauf in eins der Gästezimmer gegangen, Frank und Sam sind aufeinander losgegangen, meine Mutter hat mich angeschrien, warum ich denn nichts unternehmen würde, ich sei doch ein ach so berühmter Captain der Sternenflotte - und Spock hat die beiden dann getrennt. Einfach so. Als wäre es sein Job. Ich ... ich konnte nicht ...« Jim brach ab und blickte zu Boden. »Ich hätte Peter so gern kennengelernt«, murmelte er dem Asphalt zu. »Aber das ist einfach nicht möglich. Auf seine Weise ist Sam nicht besser als Frank. Er hat mich nicht mal richtig angesehen. Keine Ahnung, warum er überhaupt gekommen ist. Oder warum ich gekommen bin.«

 

»Scheiße«, fluchte Leonard schockiert.

 

»Es war so klar«, seufzte Jim, kreideweiß im Gesicht. »Ich bleib hier keine Minute länger. Es war einen Versuch wert, aber fuck, nein. Jetzt muss ich erst mal sehen, wie ich Spock das Ganze erkläre. Ich wusste, dass es Streit geben könnte, aber nicht ... nicht ... so.« Jim wischte sich über die geröteten Augen. »Jetzt denkt er wahrscheinlich, dass ich komplett den Verstand verloren habe, ihn in so eine Umgebung zu schleppen. Na ja, und weil das alles ja noch nicht reicht, meinte meine Mutter, sie würde es der Admiralität melden und die Polizei rufen, wenn Spock ihre Familie noch mal angreift.«

 

»Verfickte Scheiße«, stockte Leonard auf. Selten zuvor war er derart froh gewesen, den Kobold bei Jim zu wissen.

 

»Doppelt und dreifach«, stimmte Jim zu. »Sollen sie sich den Weihnachtsmorgen in den Arsch schieben. Es tut mir so leid für Peter, aber ich ... ich kann hier nichts tun. Okay, ähm, Bones - ich wollte bloß, dass du Bescheid weißt. Wir wissen noch gar nicht genau, was wir jetzt machen, Spock organisiert uns erst mal die Hotelzimmer, und dann mal schauen.«

 

Im Hintergrund konnte Leonard Spock herannahen sehen, seinen Kommunikator am Ohr. »Das Taxi ist in wenigen Minuten hier, Jim«, erklang seine Stimme, als er das Gerät sinken ließ. Er wirkte so ruhig und gefasst wie meist.

 

»Gut«, krächzte Jim. »Danke, Spock. Ähm, Bones? Bist du okay? Du siehst irgendwie grün um die Nase aus.«

 

»Muss das Licht sein«, behauptete Leonard. Um ihn sollte Jim sich jetzt wirklich keine Sorgen machen.

 

»Okay.« Jim schniefte verhalten; es war schwer auszumachen, ob die Kälte oder aufsteigende Tränen daran schuld waren. »Bis dann, Bones. Ich, ähm, ich hoffe, es läuft alles gut mit Pavels Eltern.«

 

»Das tut es«, versicherte Leonard. »Sie lassen dich grüßen. Ich erzähl dir von ihnen, wenn wir uns das nächste Mal sprechen.«

 

Sie verabschiedeten sich, ohne dass Leonard den leisesten Seitenhieb auf Spock losließ, und schließlich legte er das PADD zurück auf den Nachttisch und sank erneut auf die Matratze, die wirklich zu weich für seinen Geschmack war. Erstaunt stellte er fest, dass es ihm bereits ein wenig besser ging. Die Übelkeit war fast ganz verflogen, das Atmen fiel ihm leichter und der Gummizug seiner Hose kam ihm nicht mehr so entsetzlich eng vor. Er war davon überzeugt, jetzt tief und erholsam schlafen zu können.

 

Er wollte den Computer gerade das Licht ausschalten lassen, als ein Holo mitten im Raum erschien. Ein blassgraues, durchscheinendes und dennoch originalgetreues Holo von Ensign Pavel Chekov. Es trug Jeans und ein helles Hemd, keine Sternenflottenuniform, und es war barfuß.

 

»Fuck«, flüsterte Leonard. Ob Anya und Andrei hiervon wussten? Ob sie ahnten, dass ihr genialer Sohn in seinem Zimmer eine lebensgroße Holografie von sich selbst angefertigt hatte? Er, Leonard, musste sie versehentlich aktiviert haben, aber wie? Er hatte das Bett nicht verlassen und dem Computer keinen diesbezüglichen Befehl erteilt.

 

»Guten Abend«, sagte das Holo nun auch noch mit Pavel Chekovs Stimme, und Leonards Puls schwoll an. »Ich meine, gute Nacht. Ich meine - hallo, Doktor McCoy.«

 

Das wurde ja immer bunter. Hatte das kleine Genie diese Holografie mit Daten gefüttert? Hatte er es hier mit einer Art künstlicher Intelligenz zu tun? Großer Gott!

 

»Computer, Programm beenden«, sagte Leonard. Er bemühte sich um eine ruhige Tonlage, konnte jedoch nicht verhindern, dass seine Stimme bebte.

 

Nichts geschah. Das Holo blieb stehen, wo es war, und nach zwei, drei Sekunden bewegte es sich auf ihn zu. »Sie sehen mich«, wisperte es dabei. »Sie können mich sehen, oder, Doktor McCoy?«

 

»Stopp!« Erschrocken fuhr Leonard auf. Jetzt war ihm endgültig nicht mehr schlecht. Dafür brach ihm der Schweiß aus vor Entsetzen. Was war das nur für ein Ding? Er musste Jim anrufen, damit er ihn mit Spock sprechen ließ. Oder sollte er Spock direkt kontaktieren?

 

Als er abermals nach seinem PADD tastete, erhob das Holo erneut die Stimme: »Doktor McCoy, Sie müssen keine Angst vor mir haben. Ich bin es, sehen Sie?« Das Holo hob die Hände, verzog den Mund zu einem unsicher wirkenden Lächeln und drehte sich auf seinen nackten Füßen einmal um die eigene Achse, ehe es geradezu flehentlich seinen Blick suchte. »Ich bin Pavel Chekov.«



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