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Kein Stern an keinem Himmel von dammitcola

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Nach Kolpino

 

 

 

»Wo hast du die Pralinen, Bones?«

 

Jim bedachte Leonard mit diesem Blick, der besagte, dass er in Kürze in seiner Trübseligkeit ertrinken würde, wenn er nicht augenblicklich Süßigkeiten zu verzehren bekam.

 

»Welche Pralinen?«, gab Leonard sich jedoch ahnungslos. Er mochte diese Pralinen, er mochte sie wirklich, dabei gab es kaum Naschereien, mit denen man ihn locken konnte - und Jim würde ihm keine einzige übrig lassen.

 

»Du weißt ganz genau, welche. Die, die Pfleger Daagir dir geschenkt hat. Er erzählt überall rum, dass es die besten Pralinen des Universums sind und du der beste Vorgesetzte überhaupt, weil du der erste Arzt bist, der ihn nicht behandelt wie einen tellaritischen Dorftrottel. Dafür darfst du auch Schweinewitze vor ihm machen, du und sonst niemand, O-Ton Daagir.« Hoffnungsvoll blinzelte Jim ihn an.

 

Leonard seufzte, öffnete die rechte Schublade seines Schreibtisches und holte die edel aussehende Schachtel heraus, um sie vor Jim auf die Tischplatte zu legen. Dunkelblau mit goldenen Ornamenten. Galaxy's Diamonds, was immer Schokolade auch mit Diamanten zu tun haben sollte. »Hier hast du sie. Aber lass mir welche übrig.«

 

Leonard selbst neigte nicht dazu, zwischendurch zu naschen. Er hatte vor nicht allzu langer Zeit gegessen und schaffte jetzt beileibe keine Pralinen mehr.

 

»Klar«, behauptete Jim, riss den reich verzierten Deckel auf und stopfte sich zwei Pralinen zugleich in den Mund. Zwei weitere folgten Sekunden später.

 

So verschwanden sie also, Daagirs kostbare, mit Whiskey gefüllte Vollmilchpralinen mit einem Hauch von Zimt und Koriander. In Rekordzeit verschlungen vom Captain der Enterprise. Das war wieder mal typisch.

 

 

 

»Wie geht's dir?«, fragte Leonard schlicht, als die Pralinenschachtel zur Hälfte leer war.

 

Jim, der es offenbar als unter seiner Würde empfand, nur jeweils eine Praline auf einmal zu essen, ließ die Hand mit seinen nächsten beiden sinken. Zu Leonards Überraschung legte er sie sogar zurück in die Schachtel, kaum hörbar etwas murmelnd, das wie »Ach, Bones« klang.

 

Leonard sagte nichts. Er wartete, den Blick aufmerksam auf Jim gerichtet, während dieser sich betont interessiert in Leonards Büro auf der Krankenstation umschaute, als habe er es nie zuvor von innen gesehen.

 

»Bones, ich ...« Jim blinzelte heftig, bevor er Leonards Blick endlich erwiderte. »Ich glaub, die Rede war nicht besonders gut.«

 

»Stimmt«, antwortete Leonard. »War sie nicht, wenn man deine bisherigen Reden als Maßstab nimmt.«

 

Gequält und subtil vorwurfsvoll starrte Jim ihn an. »Machst du jetzt einen auf Spock?«

 

»Nein. Ich sage dir nur etwas, das du nicht hören willst: dass dein Sonnenschein-Charme und deine Eloquenz dir nicht helfen bei so einer Sache.«

 

»Bei so einer Sache?«, würgte Jim hervor. Seine Lippen zitterten.

 

»Jim, wir haben heute nicht irgendein Crewmitglied verabschiedet, das wir kaum kannten«, wurde Leonard deutlicher. »Pavel Chekov gehörte zu den Personen, die du täglich um dich hattest. Was erwartest du von dir? Das war keine große Rede vor der gesamten Sternenflotte. Es war eine Trauerfeier. Mein Gott, es ist okay, dass du geweint hast. Niemand hat es dir übel genommen. Chekovs Tod ist noch keine zwei Wochen her.«

 

Tatsächlich gab es kaum jemanden, der bei der Trauerfeier am Vormittag keine Tränen in den Augen gehabt hatte. Spock, natürlich, der reservierte sich seine Tränen für Tage, an denen der Captain persönlich das Zeitliche segnete. Aber sonst hatte der Tod dieses Jungen niemanden unberührt gelassen - und unberührt, das musste Leonard sich eingestehen, war auch in Spocks Fall das falsche Wort.

 

Etwas hatte sich verändert auf dem Schiff. Als hätte Ensign Pavel Chekovs tragischer Tod etwas in der Besatzung wachgerüttelt, ein verstärktes Bewusstsein dafür, wie schnell und unwiderruflich das Leben vorbei sein konnte. Jim hatten sie vor kaum vier Monaten zurück ins Leben holen können. Chekov dagegen würde nicht zurückkehren, und das brachte die Crew offenbar dazu, ihr eigenes Leben und ihre Entscheidungen zu überdenken. Selbst Spock. Nein, ganz besonders Spock, soweit Leonard das beurteilen konnte.

 

»Bones, ich hab ... echt ein schlechtes Gewissen«, fuhr Jim fort. »Wegen so unfassbar vielen Dingen. Ich hätte Pavel auf dem Schiff behalten sollen. Ich hätte meiner Mutter deutlicher sagen sollen, dass sie sich das falsche Weihnachten ausgesucht hat, um mich und Sam nach Riverside einzuladen und irgendwas zu klären. Ich meine, ich hab mich Mister und Missis Chekov doch schon so gut wie angekündigt, ich sollte sie wirklich besuchen, ich -«

 

»Jim«, fiel Leonard seinem Freund ins Wort, sehr sanft jetzt. »Ich glaube, du willst nach Iowa fliegen, Frank hin oder her. Du willst hören, was deine Mutter dir so Dringendes zu sagen hat. Und angekündigt hast du überhaupt nichts, du hast Chekovs Eltern in deinem Kondolenzschreiben lediglich mitgeteilt, dass du hoffst, sie einmal persönlich kennenzulernen. Das ist alles.«

 

»Aber Bones, er war fast noch ein Kind!«, brauste Jim auf, die blauen Augen weit aufgerissen und abermals in Tränen schwimmend. »Ihr Kind, das ich da runtergeschickt hab und das deswegen unwürdig krepiert ist. Es gibt nicht mal eine Leiche, die sie bestatten könnten! Laut sämtlichen Suchtrupps ist da nichts und niemand mehr! Es ist meine Pflicht, die Chekovs zu besuchen, okay?«

 

Dies war der Augenblick, in dem Leonard endgültig beschloss, sich psychologisch weiterzubilden. Egal, wie viele Psychotherapeuten die Flotte auf die Enterprise schickte, Jim würde keinen von ihnen aufsuchen.

 

»Jim«, sagte er geduldig, »Pavel Chekov war trotz seiner erst achtzehn Jahre einer unserer Experten für Stellarkartographie und Physik. Kardia galt nach all unseren Beobachtungen als friedfertiger Planet, die Kardianer selbst als enthusiastische Astronomen. Diese Explosion -«

 

»- war ein Terrorakt, ich bleib dabei, Bones. Und der kardianische Bevölkerungsanteil, der gegen einen Föderationsbeitritt ist, vergrößert sich immer weiter. Ich hätte den Kleinen niemals da runterschicken dürfen.«

 

»Dann hättest du niemanden da runterschicken dürfen«, entgegnete Leonard. »Nicht Spock, nicht mich - niemanden.«

 

»Genau, ich hätte den Mist einfach selbst erledigen sollen!«, rief Jim frustriert. »Bloß, weil ihr alle immer denkt, ich wäre noch nicht fit genug -«

 

»Verdammt noch mal, Jim, jetzt reicht's aber!« Leonard war aufgesprungen, hatte auf den Tisch geschlagen und war lauter geworden als beabsichtigt, doch anders war Jim nicht beizukommen im Moment. »Du willst auf die Fünf-Jahres-Mission? Ernsthaft? Dann, verflucht noch mal, musst du akzeptieren lernen, dass du nicht jeden retten kannst. Ich dachte, das wäre dir klar.«

 

Er bereute seinen Ausbruch sofort, als Jim in sich zusammensank und die Arme um sich selbst schlang. »Ich dachte fast zwei Tage lang, du wärst auch tot, Bones«, hauchte er und presste kurz die Lippen zusammen. »Ich ... ich weiß nicht, was ich dann getan hätte. Ohne dich. Wenn du gestorben wärst, mein ich.«

 

Tief durchatmend umrundete Leonard den Tisch und setzte sich auf die Tischplatte, eine Hand auf Jims Schulter legend. Das wulstige Narbengeflecht auf Leonards Rücken schmerzte noch immer, sobald es gedehnt wurde; seine Wunden waren auf Kardia nicht fachgerecht versorgt worden, und momentan fühlte er sich nicht bereit, irgendwen an sich herumstümpern zu lassen. »Bin ich aber nicht, Jim. Ich bin hier. Ich bin immer hier, und ich - wenn es dir hilft, fliege ich für dich nach Russland, hörst du? Wie wäre das?«

 

»Echt?«, fragte Jim mit ungewohnt hoher, bedrohlich schwankender Stimme. »Aber du ... Bones, jetzt, wo Jocelyn sich gemeldet hat ...«

 

»Jocelyn lädt mich aber nicht über Weihnachten zu sich ein, Jim«, erklärte Leonard ruhig. Er drückte Jims Schulter noch einmal und ließ seine Hand dann sinken. »Sie lässt mich einmal pro Woche mit Jojo telefonieren, weil die beiden mich auch für tot gehalten haben, aber für alles andere ist es noch zu früh. Und hör mal, das wird auch nichts Romantisches. Das mit Jocelyn und mir ist durch. Ich will bloß bezüglich Jojo keinen Fehler machen, und das Dümmste, was ich tun könnte, wäre es, aufdringlich zu sein.«

 

So schwer es ihm auch fiel, das war die Wahrheit. Seine Exfrau hatte ihrer gemeinsamen Tochter schließlich über Jahre hinweg erzählt, er wolle nichts mehr mit ihnen beiden zu tun haben. Er brauchte Geduld. Und wenn Jim bei seiner Familie festsaß, würde er selbst das »Fest der Liebe« ohnehin allein verbringen müssen. Da konnte er ebenso gut Chekovs Eltern einen Besuch abstatten, wenn es Jim so wichtig war. Er hatte ja recht: Es war nur anständig, immerhin war Chekov das jüngste Mitglied der Crew gewesen. Er hätte überleben sollen, er vor allen anderen.

 

Im Festsaal hing eine große Fotografie von ihm, die in Kürze die Wand der im Dienst Gefallenen im Hauptquartier der Sternenflotte zieren würde. Der Chekov auf diesem Bild würde für immer achtzehn Jahre alt sein und strahlen, als hätte ihm jemand ein flauschiges Kaninchen zum Geburtstag geschenkt. Zum Geburtstag. Himmel, in wenigen Wochen wäre Pavel Chekov neunzehn geworden.

 

»Das würdest du tun?«, hakte Jim nach. Erneut streckte er die Hand nach den Pralinen aus, ließ sie wieder sinken und sagte unglücklich: »Ich kann dort unmöglich Spock hinschicken, weißt du? Auch wenn er Weihnachten nicht feiert, das geht einfach nicht.«

 

»Gott bewahre«, schnaubte Leonard. »Natürlich lassen wir das Spitzohr nicht auf trauernde Eltern los, Jim, darüber brauchen wir gar nicht zu diskutieren.«

 

»Was?« Verwirrt blinzelte Jim ihn an, um dann leise hinzuzufügen: »Bones, darum geht es nicht. Es ist ... wegen seiner Mutter, verstehst du? Das ist erst etwas über ein Jahr her, und ich - ich möchte nicht, dass Spock so was tun muss. Das ist zu nah an ihm selbst dran, zumal es auch noch Pavel war, der das Transportersignal damals -«

 

Gemartert stöhnte Leonard auf. »Ja, verstehe«, gab er zu. »Tut mir leid, ich hab nicht dran gedacht im Moment.« Das hatte er tatsächlich nicht. Der grünblütige Kobold war kein wandelnder Eisschrank, auch wenn er meist so wirken mochte. Spätestens die Wochen nach Jims Tod und Wiederbelebung durch Khans Blut hatten Leonard das deutlich gezeigt. Es war kein Tag vergangen, an dem Spock sich nicht persönlich bei ihm nach Jims Zustand erkundigt hatte. Und in Kombination mit seinem derzeitigen Verhalten ...

 

»Schon gut«, murmelte Jim. »Bones, eigentlich wollte ich dich fragen, ob du mich begleiten willst. Ich will nicht allein nach Riverside, verdammte Scheiße. Aber das mit Pavels Eltern, das - das ist wichtiger als ich.«

 

Leonard schluckte. Für Jim Kirk war im Grunde alles wichtiger als er selbst, so großspurig er sich nach außen hin auch gab. »Nimm doch Spock mit«, schlug er vor, ehe ihm vollständig bewusst wurde, was er da sagte.

 

»Spock?«

 

»Spock«, bestätigte Leonard. Doch, die Idee war gar nicht so schlecht. »Er scheint bislang keinen nennenswerten Erfolg mit dem zu haben, was er seit Tagen versucht.« Seit Tagen. Seit der offiziellen Bestätigung von Chekovs Tod und ihrer Rückkehr auf die Enterprise.

 

»Was versucht er denn?«, fragte Jim verblüfft.

 

»Oh, Jim«, ächzte Leonard. »Sag bloß, du hast das nicht mitbekommen? Ich meine, jeder kriegt es mit, und seit der Sache mit Khan läufst du Spock, nimm es mir bitte nicht übel, hinterher wie ein treudoofes Hündchen.«

 

Jim stieß lautstark Luft durch die Nase aus. »Tu ich nicht. Ich finde einfach nur, dass wir es jetzt hinkriegen sollten, uns ernsthaft anzufreunden. Es ist die richtige Zeit dafür, denke ich. Und wenn wir es jetzt nicht schaffen, wann denn dann, Bones?«

 

Um nicht sofort antworten zu müssen, wiegte Leonard den Kopf hin und her. »Dann frag ihn doch einfach«, sagte er schließlich. »Frag ihn, ob er mit dir kommt.«

 

»Und mit welcher Begründung? Und hey, weich mir nicht aus! Was versucht Spock seit Tagen?«

 

»Kann ich dir nicht verraten, wenn du es selbst nicht siehst«, beeilte Leonard sich zu sagen. Er würde nicht über Spocks kompliziertes Liebesleben tratschen; ein solcher Arsch war er dann doch wieder nicht.

 

Nun war es für Jim an der Zeit, sich zwei neue Pralinen in den Mund zu stopfen. Dabei verzog er das Gesicht, als bereitete ihm die Anstrengung des Nachdenkens massive körperliche Schmerzen, und Leonard bekam Mitleid.

 

»Uhura«, sagte er sehr leise, lautlos fast.

 

»Uhura?«, rief Jim mit vollem Mund und kugelrunden Augen. Hastig würgte er seine Schokolade hinunter. Seine Hände bebten, und er brachte sie erst unter Kontrolle, als er sich an der Tischkante festkrallte, so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. »Oh mein Gott, Bones, macht er etwa Schluss? Er will mit ihr Schluss machen, oder? Das versucht er, Bones, nicht wahr?«

 

»So sieht es für mich aus, ja, und das selbst aus der Ferne«, antwortete Leonard bedächtig. »Aber hör zu, du bist auch Lieutenant Uhuras Captain, in Ordnung? Auch sie hat Gefühle, und ich finde nicht, dass wir beide uns am momentan herrschenden allgemeinen Getratsche beteiligen sollten, auch wenn es die Crew ein wenig von ihrer Trauer ablenkt.«

 

»N-Natürlich«, stotterte Jim. Er wirkte fassungslos und zugleich auf wundersame Weise aufgemuntert.

 

»Und jetzt, Jim, gehst du bitte in dein Quartier und denkst in aller Ruhe darüber nach, warum dich das so beschäftigt«, sagte Leonard.

 

Er machte sich bereits auf heftigen Widerspruch gefasst, doch Jim nickte nur stumm, die Augen nach wie vor unnatürlich geweitet. »Gleich, ja?«, meinte er dann mit heiserer Stimme. »Gleich, Bones.«

 

 

 

Ein paar Minuten lang saßen sie beide wortlos in Leonards Büro. Minuten, in denen Jim Daagirs teure Pralinen endgültig verschlang und ihre edel aufgemachte Verpackung bedauernd in den Müllschacht warf.

 

»Schade, dass Daagir mich nicht am liebsten mag«, schmollte er. »Was stimmt eigentlich nicht mit diesem Kerl? Die Dinger sind jedenfalls super.«

 

»Du kannst uns ja ein paar Schachteln mitbringen, wenn du aus Iowa zurückkommst«, schlug Leonard vor, wissend, dass Jims Selbstbewusstsein nach wie vor größtenteils aufgesetzt war, und darum nicht gekränkt.

 

»Mhm, das mach ich«, stimmte Jim zu. »Ähm - sorry, Bones. Du kriegst natürlich neue Pralinen von mir.«

 

Leonard lachte. »Das will ich hoffen.«

 

Kaum hatte er zu Ende gesprochen, wurde der Türbuzzer betätigt. In der Erwartung, Pfleger Daagir habe noch irgendetwas vergessen, bevor es für die gesamte Besatzung auf Landurlaub ging, öffnete Leonard die Tür.

 

Doch dann ...

 

»Spock?«

 

Mit dem hatte er nicht gerechnet.

 

»Es ist unlogisch, das Offensichtliche zu erfragen, Doktor«, belehrte ihn das Spitzohr sogleich. »Verzeihung, ich hatte nicht erwartet, Sie hier anzutreffen, Captain.«

 

»Jim«, murmelte Jim betreten. Die Enttäuschung in seiner Stimme war nicht zu überhören - Spock hatte ihn in ihrer Freizeit Captain genannt und ihm zu verstehen gegeben, dass er nicht die Person war, nach der er gesucht hatte. Kein ausreichendes Futter für das labile Kirk'sche Ego.

 

»Jim«, korrigierte sich Spock, der hölzern im Türrahmen stehen geblieben war. »Doktor McCoy, besteht die Möglichkeit einer kurzen Unterredung, ehe Sie aufbrechen?«

 

Sie waren bereits gestern Abend im Raumdock der Erde angekommen, doch erst ab heute Nachmittag waren sie offiziell dazu aufgefordert, Landurlaub zu machen. Jedes einzelne Crewmitglied hatte die Trauerfeier zu Ehren Pavel Chekovs besucht, auch wenn nicht alle in den Festsaal der Enterprise gepasst hatten und über hundert Personen auf Übertragungen in den Gemeinschaftsräumen ausweichen mussten.

 

»Zwischen ihnen und mir?«, fragte Leonard perplex.

 

»Das war mein Ansinnen«, bestätigte Spock.

 

»Na schön, bitte, kommen Sie.« Leonard rutschte von der Tischplatte und wies auf den Platz neben Jim.

 

»Soll ich gehen?«, fragte dieser verwirrt.

 

»Dies wären nicht die Worte, die ich wählen würde, Capt- Jim.« Obwohl er stocksteif vor ihnen stand, erweckte Spock allein aufgrund seiner Blicke den Eindruck, sich am liebsten unbehaglich winden zu wollen. »Jedoch beabsichtige ich, Doktor McCoy um einen ... nun, einen ... Gefallen zu bitten, welchen ich objektiv betrachtet nicht gutheißen dürfte.«

 

Leonard stieß einen Pfiff aus. »Jetzt wird's interessant.« Er holte die Whiskeyflasche und drei Gläser aus dem Medizinschrank und nahm wieder auf seinem Schreibtischstuhl Platz. »Setzen Sie sich, Spock, Sie machen mich ganz nervös, wenn Sie da so rumstehen.«

 

Der Commander gehorchte mit einem zweifelnden Blick auf den Alkohol. Ob ihm bewusst war, dass seine Augen ihn inmitten seiner starren Maske verrieten?

 

»Ich hab Ihnen nur aus Höflichkeit ebenfalls ein Glas rausgeholt«, klärte Leonard ihn auf. »Es ist völlig in Ordnung, wenn Sie Jim und mir beim Trinken zuschauen.«

 

»Ich nehme ein Glas, Doktor«, überraschte ihn Spock, der inzwischen statuengleich neben Jim thronte. Letzterer riss ein weiteres Mal die Augen auf, fassungslos, und Leonard beeilte sich, ihnen allen einzuschenken.

 

»Also? Worum geht's?«

 

»Spock, ich werd hier nicht den Captain raushängen lassen oder die Regeln zitieren«, meinte Jim, als Spock trotz Leonards Nachhaken schwieg. »So gut solltest du mich mittlerweile kennen, hm?«

 

Spock nahm einen Schluck Whiskey und schien Mühe zu haben, nicht angewidert das Gesicht zu verziehen. Er schöpfte so tief Atem, wie Leonard es nie zuvor bei ihm gesehen hatte, und blies dann aus: »Doktor, ich möchte Sie darum bitten, mich ... krankzuschreiben. Zu krank, um eine mehrtätige familiäre Weihnachtsfeier auf dem afrikanischen Kontinent zu besuchen.«

 

Stille, sekundenlang.

 

»Wow«, machte Leonard dann und entschied sich, die spöttische Bemerkung, die ihm bereits auf der Zunge lag, hinunterzuschlucken. »Grundgütiger, warum reden Sie nicht einfach mit ihr, Spock?«

 

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, Doktor.«

 

»Wow«, wiederholte Leonard. »Meine Damen und Herren, hier sehen Sie den ersten Vulkanier, der lügt wie gedruckt. Ist wohl auf den Geschmack gekommen.«

 

»Spock?«, krächzte Jim, dessen Augen mittlerweile zwei vor Neugier glühenden blauen Sonnen glichen. »Ich glaube, Bones hat nicht ganz unrecht mit seiner Frage.«

 

Plötzlich wirkte Spock kleinlaut. »Ich habe es versucht«, murmelte er betreten. »Ich habe es nach bestem Wissen und Gewissen versucht, doch ... mir war ... kein Durchdringen möglich. Meine Wortmeldungen wurden als Ausdruck der Nervosität missinterpetiert, deren Unnötigkeit mir prompt und mehrfach ausführlich versichert wurde.«

 

»Oh, fuck«, stöhnte Jim.

 

»Da hat wohl jemand ein kleines Durchsetzungsproblem außerhalb des Dienstes«, bemerkte Leonard, bevor er sich gnädig zeigte: »Aber heute ist Ihr Glückstag, Commander. Der Captain muss kurzfristig nach Iowa reisen, und es ist mir verdammt wichtig, dass ihn dort jemand im Auge behält. Ich schätze, Sie wissen bislang nicht viel über Jims Hintergründe, aber glauben Sie mir - das ist ein Umfeld, in das ich ihn nicht ohne Bodyguard schicke, erst recht nicht nach der Sache mit Khan.«

 

»Bones!«, zischte Jim erbost.

 

»Ich sag nur die Wahrheit«, antwortete Leonard. »Ihnen kann ich keine glaubwürdige Krankmeldung ausstellen, Spock, wohl aber dem Captain. Seine Mutter ist ebenfalls Mitglied der Sternenflotte, das wissen Sie sicher. Insofern ist es kein Problem, ihm als sein Arzt offiziell zu raten, dass er seinen Ersten Offizier mitnimmt, falls dienstliche Aufgaben ins Spiel kommen sollten, denen er gesundheitlich noch nicht gewachsen ist.«

 

Peinlich berührt verzog Jim das Gesicht. »Frag im Moment einfach nicht weiter nach, ja?«, bat er Spock.

 

»Wie Sie wünschen, Capt- wie du wünschst, Jim.«

 

»Heißt das, du kommst mit?« Jim schien es kaum fassen zu können und lächelte mit einem Mal beinahe.

 

»Es wäre mir eine Ehre«, versicherte Spock.

 

»Vor allem rettet es Ihnen erst mal den Arsch«, knurrte Leonard. »Es geht mich zwar einen feuchten Kehricht an, aber ich persönlich rate Ihnen, zuerst mit Lieutenant Uhura reinen Tisch zu machen - und wenn Sie sie mit Ihrem vulkanischen Nervengriff ausschalten müssen, um zu Wort zu kommen.«

 

»Doktor, ein Gespräch mit Lieutenant Uhura zu führen, während sie sich nicht bei Bewusstsein befindet, erscheint mir wenig sinnvoll«, antwortete Spock.

 

Leonard stöhnte die Decke an. »Wie auch immer. Tun Sie, was Sie für richtig halten. Es ist also abgemacht, Jim: Du fliegst mit Spock nach Iowa, und ich fliege nach - wohin fliege ich?«

 

»Wohin fliegen Sie, Doktor?«

 

»Das fragte ich gerade Jim, Himmelherrgott! Wo wohnen Chekovs Eltern denn?«

 

»Oh, äh, in der Nähe von Sankt Petersburg«, stammelte Jim. »Sie wohnen in der Nähe von Sankt Petersburg.«

 

»Und wo da genau?«

 

»Äh, in Kolpino.«

 

»Schön, dann fliege ich nach Kolpino, Spock. Chekovs Eltern besuchen. Jim erzählt Ihnen den Rest.«



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