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STD 01 - Böses Erwachen von Adriana

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Captain Lairis konnte ihre Tochter nicht erreichen. Weder in der Schule, noch im Hotel, das sie gemeinsam gebucht hatten. War Julianna beleidigt, weil ihre Mutter auf der Graduationsfeier durch Abwesenheit geglänzt hatte? Hatte sie ihren Kommunikator vergessen? Oder ... Der Gedanke, dass sich Wechselbälger auf der Erde aufhielten, ließ die Bajoranerin nicht los.
Als sie im Hotel eincheckte, war es kurz nach 18.00 Uhr.
„Guten Abend, Ma’am“, sagte die Frau hinter der Rezeption - eine etwa 50-jährige, korpulente Dame in einem cremefarbenen Kostüm.
Lairis rang sich ein müdes Lächeln ab. „Ich habe ein Zimmer reserviert.“
„Name?“
„Lairis Ilana.“
„Ah ja...“ Die Frau lächelte ihr zu - freundlich, aber durch und durch unverbindlich und professionell. „Nummer 241. Zwei Etagen mit dem Fahrstuhl, dann die dritte oder vierte Tür links.“
„Danke“, erwiderte Lairis.
„Ach, Ma’am...“ rief die Empfangsdame ihr nach. „Wie lange wollen Sie eigentlich bleiben?“
„Keine Ahnung“, antwortete Lairis wahrheitsgemäß. „Ich schätze, so lange, bis die Sternenflotte weiß, was wir wegen der Formwandler unternehmen müssen.“
Bei dem Wort „Formwandler“ zuckte die Frau sichtlich zusammen. „Ist es wahr, dass sie die Gestalt von allem und jedem annehmen können – von meinem Chef bis zu meiner Schreibtischlampe?“ fragte sie unsicher.
„Ja, das ist leider wahr.“
„Und man kann sie mit normalen Scannern nicht entdecken?“
„Nein, dummer Weise nicht.“
„Oh Gott!“ rief die Empfangsdame entsetzt. „Mit war ja schon ganz schlecht, als ich in den Nachrichten von diesem Attentat erfahren habe – aber, wenn ich mir vorstelle, was die Wechselbälger noch alles anrichten können ...“
„Keine Sorge!“ Lairis lächelte aufmunternd. „Die Wechselbälger haben bestimmt kein Interesse, Ihren Chef oder Ihre Schreibtischlampe zu imitieren.“
„Richtig. Vielleicht imitieren sie gerade den Präsidenten!“ meinte die Frau.
„Das glaube ich nicht. Dafür wird das Regierungsgebäude viel zu gut bewacht“, erwiderte Lairis, und fügte in Gedanken zynisch hinzu: Schön wär’s!
„Also, ich finde, man sollte sofort den Ausnahmezustand ausrufen und dem ganzen Planeten mit Phasern abtasten!“
Lairis runzelte die Stirn. „Finden Sie das nicht ein bisschen radikal?“
„Naja, Sie sind bei der Sternenflotte. Sie müssen ’s ja wissen“, meinte die Empfangsdame. Der Blick, den sie der bajoranischen Offizierin nachwarf, war jedoch voller Zweifel.
Auf ihrem Zimmer angekommen, wies Lairis den Computer an, ein Hasperat-Soufflé und hellen bajoranischen Frühlingswein zu replizieren.
Als sie jedoch einen Schluck von dem Getränk nahm, musste sie angewidert das Gesicht verziehen. Sie stellte das Glas samt Inhalt zurück in den Replikator.
„Computer – Frühlingswein! Kein Synthehol!“ verlangte sie nachdrücklich.
Ein zweites Glas materialisierte sich – doch sein Inhalt schmeckte so fade wie das des ersten.
„Verdammt noch mal, ich sagte Frühlingswein und nicht ‘Spülwasser’, du schwachsinnige Maschine!“ tobte sie los. Ihre Nerven waren schlicht und einfach überreizt.
Der Computer piepste verständnislos.
„Hatten wir einen schlechten Tag, Mom?“ fragte eine helle Mädchenstimme leicht zynisch.
Lairis schreckte hoch. Julianna stand im Türrahmen. Ihre Wangen waren gerötet und aus ihrer eleganten Hochsteckfrisur lösten sich die ersten hellen Strähnen.
„Da bist du ja!“ rief Lairis erleichtert und nahm ihre Tochter impulsiv in die Arme.
Julianna wirkte für einen Augenblick überrumpelt, dann erwiderte sie die Umarmung. Doch sie tat es so steif und mechanisch, als würde es für sie keinen Unterschied machen, ob sie ihre Mutter oder einen Bergbau-Androiden umarmte. Nach einem kurzen Moment wich sie zurück.
„Das nächste Mal sagst du Bescheid, wenn du dich irgendwo rumtreibst, verstanden! Du weißt doch, dass es auf der Erde nicht mehr sicher ist und ich mir Sorgen um dich mache!“
Der scharfe Klang von Lairis’ Stimme ließ Julianna zusammenzucken. Es verblüffte sie immer wieder, wie schnell Lairis Ilana von warmherziger, verständnisvoller Mutter auf knallharten Feldwebel umschalten konnte – und zwar ohne jede Vorwarnung.
„Es tut mir leid“, entschuldigte sich das Mädchen kleinlaut. „Ich war ein bisschen in Hektik, weil meine blöde Frisur soviel Arbeit gemacht hat, und da hab ich meinen Kommunikator vergessen. Wer sollte denn ahnen, dass heute der Terroranschlag des Jahrhunderts passiert?“
„Ist ja gut“, gab Lairis unwillig zurück. Sie hatte selbst schlechtes Gewissen, weil sie ihre Tochter auf der Abschlussfeier versetzt hatte. „Lasst uns eine Flasche Sekt holen und auf deinen tollen Abschluss anstoßen“, schlug sie versöhnlich vor. „Ich schalte meinen Kommunikator ab und wenn die Sternenflotte etwas will, muss sie sich einen anderen braven Zinnsoldaten suchen …“
„Ähm … ein andermal.“ Julianna biss sich auf die Unterlippe. „Ich muss mich für den Ball fertigmachen.“
„Für den Ball? Er wurde nicht abgesagt?“ wunderte sich Lairis und verbarg nur mit Mühe ihre Enttäuschung,
„Nein, und das ist gut so! Ich bin ja auch schockiert wegen Antwerpen – ehrlich ... Aber auf Bajor gibt es jeden Tag irgendwelche Attentate, ohne dass sich die Leute in ihren Löchern verkriechen und auf ihr gesellschaftliches Leben verzichten. Wenn wir soweit sind, haben die Wechselbälger schon gewonnen. Genau das wollen sie nämlich: uns die Suppe versalzen.“
„Du hast recht“, erwiderte Lairis. „Also amüsier dich gut – aber pass auf dich auf! Versprich mir das! Und ...“ Nun wirkte sie sehr ernst. „Ich wäre gern zu deiner Abschlussfeier gekommen – viel lieber, als alles andere ... aber ich musste mich um einen Jungen kümmern, der in Antwerpen seinen Vater verloren hat und von einem Wechselbalg angegriffen wurde.“
„Wie schrecklich!“ rief Julianna betroffen.
Mit einem eindringlichen Blick drückte Lairis ihrer Tochter einen Kommunikator und einen Phaser in die Hand. „Ich hoffe, du wirst es nicht brauchen.“
„Eine Waffe? Ich soll eine Waffe zum Schulball mitbringen?“ schnaubte Julianna empört.
„Ich weiß, dass du damit umgehen kannst. Und ob sie zu deinem Lidschatten passt, ist mir herzlich egal! Du musst dich im Notfall verteidigen können.“
„Du bist verrückt, Mom! Wie stellst du dir das vor? Soll ich das Ding meinem Tanzpartner auf die Brust setzen und ihn fragen, ob er sich heute Abend noch in Glibber verwandelt?“
Lairis blickte ihre Tochter für einen Moment finster an. „Im Grunde hast du Recht: Der Phaser würde dir nicht viel nützen – es sei denn, du tastest den ganzen Ballsaal damit ab. Trotzdem würde ich mich besser fühlen, wenn du ihn bei dir trägst.“
Julianna gab nach und sagte sich, dass sie die Waffe schließlich nicht benutzen musste.
Lairis musterte sie mit unverhohlener Neugier. „Du hast einen Tanzpartner?“
„Warum nicht? Soll ich keinen Spaß mehr haben, nur weil mich eine gewissen Matschgurke namens Hartmann nicht zu schätzen weiß?“
Ihre Mutter lächelte stolz. „Verrätst du mir, wer er ist?“
„Mein Partner? Er heißt Yram Tohl und ist Edemaraner.“
„Edemaraner?“ Lairis riss die Augen auf. „Du bist ganz schön exprimentierfreudig, muss ich sagen! Edemaranische Männer, weiß ich aus zuverlässiger Quelle, haben ...“
„Sechs.“ Julianna grinste übers ganze Gesicht. „Aber ich hab nicht vor, nachzuzählen.“
„Das wäre auch ein bisschen ... voreilig.“
Die Türklingel unterbrach ihr Gespräch. Yram Tohl stand vor ihnen. Er begrüßte Captain Lairis ausgesprochen höflich und küsste sogar ihre Hand. Aber seine Gestalt war – vorsichtig ausgedrückt – respekteinflößend. Er maß beinahe 2,20 Meter, seine Haut hatte die Farbe eines Baumstamms nach einem schweren Waldbrand und in seinem fast quadratischen Kopf glühten drei orangerote Augen.
Julianna verabschiedete sich und die beiden spazierten Arm in Arm davon.
Wer so einen Tanzpartner hat, braucht keinen Phaser mehr, um Wechselbälger abzuschrecken, dachte Lairis amüsiert. Kurz entschlossen verschlang sie die letzten Bissen ihres Hasperat-Soufflé, hinterließ eine Nachricht für ihre Tochter, entledigte sich ihrer Uniform und ging unter die Dusche. Anschließend schlüpfte sie in ein langen schwarzen Rock mit hohen Seitenschlitzen und ein figurbetontes beigefarbenes Shirt.
„Hallo, noch mal!“ rief die Empfangsdame, als Lairis an der Rezeption vorbei lief. „Wohin soll’s denn gehen?“
„In einen Laden, wo es was Anständiges zu trinken gibt“, antwortete Lairis.
Die Frau lächelte verschmitzt. „Gehen Sie einfach über die Straße, dann immer nach links ...
Nach ungefähr fünf Minuten werden Sie regelrecht in die ‘Blue Planet Taverne’ stolpern. Dort gibt es so ziemlich alles zu trinken, was die Galaxie zu bieten hat – mit oder ohne Alkohol.“
Lairis bedankte sich und folgte ihrem Rat.
Die ‘Blue Planet Taverne“ war ein faszinierender Ort. So ähnlich muss das sein, wenn man die Tag-und-Nacht-Grenze eines Planeten überschreitet, dachte Lairis, als sie eintrat. Statt im nächtlichen San Francisco befand sie sich plötzlich auf einer tropischen Insel, unter strahlend blauem Himmel inmitten von Palmen. Zuerst glaubte sie, dass es sich bei diesem Szenario um eine holographische Projektion handelte, doch dann erkannte sie, dass sämtliche Wände in dieser Bar - selbst die Decke und der Fußboden - mit 3D-Videoschirmen verkleidet waren. Das erzeugte eine fast ebenso perfekte Illusion, war jedoch mit Sicherheit sehr viel weniger energieaufwendig als eine Holosuite. Inmitten der simulierten Idylle standen ein Tresen, sowie mehrere Tische und Stühle aus hellem, lackiertem Holz.
„Bajoranischen Frühlingswein, bitte!“ sagte Lairis zu dem Barmann. „Nein, warten Sie, ich hab’s mir anders überlegt: Einen ‘Samarian Sunset’!“
„Kommt sofort!“
„Ja, hier könnte man fast vergessen, dass Wechselbälger die Erde unsicher machen, was?“ sinnierte der Mann neben ihr.
Lairis wandte sich um. Er war etwa dreißig, höchstens fünfunddreißig Jahre alt, dunkelhaarig und trug einen lässigen, weit geschnittenen Anzug. Sein herausforderndes Lächeln weckte die Lust auf puren Spaß und Abenteuer. Sie lächelte zurück. „Ach wissen Sie, eigentlich wollte ich die Wörter ‘Formwandler’, ‘Wechselbalg’ und ‘Dominion’ heute abend nicht mehr hören!“
„Entschuldigen Sie“, erwiderte der junge Mann. Er wirkte auf einmal viel weniger selbstsicher.
„Sie brauchen sich doch nicht zu entschuldigen!“ versicherte Lairis.
„Es ist nur so ... Als Sternenflottenoffizier ist man ständig gezwungen, sich mit diesen Dingen zu befassen. Da ist es gar nicht so einfach, abzuschalten.“
„Ich weiß“, erwiderte Lairis. „Ich bin auch bei der Sternenflotte.“
Die braunen Augen des Mannes weiteten sich fast zur doppelten Größe. „Ist ja ‘n Ding!“ Dann lächelte er wieder und reichte ihr die Hand. „Ich bin Lieutenant Commander Jeremy Prescott.“
„Lairis Ilana. Freut mich, Sie kennenzulernen.“
„Vielleicht fliegen wir mal ‘nen Kampfeinsatz zusammen! Das wär’ doch was ...“ Als Lairis mit einem leichten Stirnrunzeln reagierte, fuhr er hastig fort: „Ich kann Ihnen natürlich auch die UFO-Absturzstelle in Roswell zeigen ... und Sie anschließend in ein nettes mexikanisches Restaurant zum Essen einladen. Was halten Sie davon? Soviel ich weiß, hat die mexikanische Küche einiges mit der bajoranischen gemeinsam ... Ich meine, wenn wir nicht gerade morgen im Krieg mit dem Dom...“ Er lächelte entwaffnend. „Verzeihen Sie: Mit einem Haufen White-abhängiger Retorten-Krieger unter dem Kommando einer faschistoiden Schleimsuppe aus dem Gamma-Quadranten...“
Sie erwiderte sein Lächeln. „Dann bleibt uns immer noch der Kampfeinsatz.“
„Stimmt. Aber, ehrlich gesagt, würde ich Sie lieber zum Essen einladen.“ Er betrachtete versonnen ihr Gesicht. „Ich kenne Sie zwar erst seit fünf Minuten oder so ... aber ich denke irgendwie immer ein Stückchen voraus – und ich würde es sehr schade finden, wenn wir uns nicht wieder sehen …“
„Ah, Jeremy, ich sehe, du machst gerade die Bekanntschaft meines Captains“, schallte plötzlich die Stimme von Marc van de Kamp über den allgemeinen Geräuschpegel.
Prescott fuhr hoch. „Sie sind Captain?“ vergewisserte er sich. Sein Tonfall klang jedoch eher nach einem Satz á la „Was, die Jem’Hadar greifen die Erde an?“
Lairis nickte langsam. „Captain Lairis Ilana. USS CASABLANCA.“ Dann wandte sie sich an van de Kamp: „Sieht so aus, als müssten wir unsere Einsatzbesprechungen künftig in dieser Bar abhalten, was, Lieutenant?“
Marc lachte kurz. „Komm her, alter Kumpel!“ Er und Prescott umarmten sich. „Ich wusste genau, dass ich dich hier finde!“ Dann wandte er sich an Lairis. „Captain, das ist Jeremy Prescott, ein alter Freund von der Akademie.“
„Sehr erfreut … Entschuldigen Sie mich einen Augenblick“, sagte sie zu den beiden Männern, bevor sie in Richtung Damentoilette verschwand.
Prescott wurde bis hinter beide Ohren rot und ließ seinen Kopf in die Hände sinken. „Oh Mann, ich hab’ einen Captain angebaggert! Jetzt weiß ich, dass ich größenwahnsinnig bin.“
„Das kommt davon, wenn man Frauen unter dreißig langweilig findet“, konterte Marc.
„Ich hab nie gesagt, dass ich Frauen unter dreißig langweilig finde. Ich sagte, die meisten Frauen werden erst ab fünfundzwanzig für mich interessant. Das ist ein Unterschied!“
„Ja – von fünf Jahren.“
Prescott ballte die Fäuste. „Sie hat mir nicht gesagt, dass sie Captain ist. Sie hat mich voll auflaufen lassen.“
„Ja, das ist der Humor von Lairis.“ Marc legte eine Hand auf den Arm seines Freundes. „Ich kenne sie gut genug … Rede einfach mit ihr, wenn dir die Sache peinlich ist.“
„Was mache ich, wenn sie es als ... unverschämtes Verhalten ansieht?“
„Hattest du denn den Eindruck?“ Lieutenant van de Kamp grinste. „Ich glaube, ich muss mir auch mal die Nase pudern.“
Als er Prescotts verzweifelten Blick bemerkte, klopfte er ihm aufmunternd auf die Schulter.
Kaum war van de Kamp gegangen, kam Lairis zurück.
„Es ... es tut mir leid, Captain“, entschuldigte sich Prescott. „Ich wollte Ihnen gegenüber wirklich nicht respektlos erscheinen!“
Die Bajoranerin lächelte hintergründig. „Ich fühle mich doch nicht respektlos behandelt, wenn mich jüngere Männer zum Essen einladen“, konterte sie. „Allerdings gibt es jemanden, der dann ziemlich eifersüchtig wäre.“
Prescott erwiderte ihr Lächeln – halb verlegen, halb erleichtert. „Verstehe.“
„Sind Sie hier auf der Erde stationiert, Commander?“
„Vorübergehend, ja.“ Prescott holte tief Luft. „Ich hatte mich als Sicherheitschef auf der Defender beworben. Captain Kitamura bat mich zum Vorstellungsgespräch ins Hauptquartier, deshalb bin ich überhaupt auf der Erde. Aber nun ist Kitamura tot und Layton hat noch keinen Nachfolger für ihn gefunden. Also wurde ich erst mal dem Clan der Vampire zugeteilt.“
„Clan der Vampire?“
Prescott lachte kurz. „Unsere inoffizielle Bezeichnung für eine Crew von Sicherheitsoffizieren, die bei Angehörigen der Sternenflotte und Föderationsfunktionären Bluttests macht.“
„Ich fürchte, ich bin der Obervampir.“
Prescott sah Lairis mit großen Augen an. „Ma’am?“
„Mein Schiff wird verschrottet – also geht es mir nicht besser als Ihnen. Jetzt hab ich das Kommando über die Sicherheitstruppen der südlichen Westküste.“


„Dann sind Sie meine direkte Vorgesetzte!“ rutschte es Prescott heraus und er dachte insgeheim: Ein Glück, dass Marc uns unterbrochen hat, bevor es richtig peinlich werden konnte!
„Keine Sorge – mein Job ist wohl genauso provisorisch, wie Ihrer.“
„Ich weiß nicht ...“ meinte Prescott. „Wenn Sie mich fragen, waren die Sicherheitsvorkehrungen mehr als überfällig. Die Föderation hat mindestens fünf Kriege hinter sich - aber man kann immer noch auf dem Campus der Sternenflottenakademie ‘rumspazieren, als wäre es ein Vergnügungspark! Mich würde nicht wundern, wenn die Wechselbälger schon den einen oder anderen Admiral ersetzt haben.“
Lairis nickte beipflichtend. „Die Sternenflotte war bisher erstaunlich naiv. Ein Wunder, dass die Föderation so lange überlebt hat!“
„Wohl wahr“, sagte Marc, der gerade von der Toilette zurückgekommen war.
Plötzlich lächelte Captain Lairis. „Also, wenn wir schon taktische Probleme in der Kneipe besprechen, sollten wir uns dazu wenigstens an einen Tisch setzen.“
Lieutenant van de Kamp, der als Einziger von ihnen seine Uniform trug, nutzte die in den letzten Tagen sprunghaft gestiegene Popularität der Sternenflotte, um bevorzugt eine Reservierung zu ergattern. Inzwischen hatte das Szenario gewechselt. Sie befanden sich jetzt nicht mehr auf einer tropischen Insel, sondern auf einer Almwiese. Im Hintergrund ragten Berge mit schneebedeckten Gipfeln auf. Eine Kuh muhte.
„Hauptsache, es fängt keiner an zu jodeln“, lästerte Prescott.
Marc lachte, aber Lairis, deren Wissen über die Kulturen der Erde nicht in jeder Hinsicht komplett war, sah die beiden nur verständnislos an.
Bevor sie zu einer Frage ansetzen konnte, meldete sich ihr Kommunikator. „Captain Lairis – hier ist Kadett Raymond Kitamura. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich störe ...“
„Was ist los, Kadett?“ Der Junge klang irgendwie verstört, außer Atem.
Lairis entschuldigte sich bei den beiden Männern an ihrem Tisch und ging vor die Tür, um ungestört zu reden.
„Eben war eine Truppe von der Sternenflotten-Sicherheit in meinem Haus und hat alles umgewühlt – ohne Vorwarnung, als wäre ich irgendein Krimineller und sie hätten einen Durchsuchungsbefehl ... Eigentlich hätte ich von der Sternenflotte erwartet, dass sie mit mir kooperieren. Ich weiß nicht, ob Dads Hausratsversicherung das noch trägt.“
Als Raymond diesen kleinen Insiderwitz erwähnte, erkannte Lairis, dass er derjenige war, der er behauptete, zu sein – und sie legte ihr anfängliches Misstrauen ab. Stattdessen richtete sich
ihr Argwohn jetzt gegen die Sternenflotte. „Ist ja merkwürdig! Was haben sie gesucht?“
„Wahrscheinlich diese komische Sicherheitsbox, hinter der auch die Wechselbälger her waren ... Ehrlich gesagt, hatte ich gehofft, Sie könnten es mir verraten. Da Sie diesen Einsatz befohlen haben ...“ Enttäuschung schimmerte zwischen seinen Worten durch.
„Moment mal – ich habe was?“ hakte sie scharf nach.
„Soviel ich weiß, kommandieren Sie die Sicherheitstruppen im gesamten Distrikt hier.“
„Das ist richtig. Layton hat mich heute Nachmittag dafür eingeteilt. Aber, offen gesagt, hab ich überhaupt noch nichts befohlen, seit ich hier auf der Erde bin. Zum Geier, es ist seine verdammte Pflicht, mich zu informieren, bevor er seine Kampfdroiden irgendwo hin schickt! Hat er noch nie das Wort ‚Befehlskette’ gehört? Gut, dass Sie sich bei mir beschwert haben, Kadett – Sie hatten wirklich jedes Recht dazu.“
Raymond verkniff sich nur mit Mühe ein Kichern. Die Frau klang so offensichtlich verärgert, dass er beschloss, ihr zu glauben. „Was werden Sie jetzt tun, Captain?“ fragte er.
Lairis überlegte einen Moment. „Hat die Sternenflotte Ihr Grundstückstück mit Phasern abgetastet?“
„Das haben sie sich nicht nehmen lassen. Außerdem wurde es mit einem Ebene-3-Kraftfeld eingezäunt, um ungebetenen Besuch auszusperren. Das war meine Idee.“
„Sehr vorausschauend!“ lobte sie. „Wir müssen uns unterhalten.“
„Gut, Captain ... was möchten Sie wissen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht über Funk. Ich komme vorbei.“
„Aber ...“ Raymond dachte an sein verwüstetes Haus und seine zerknitterte Uniform. „Ich möchte Sie nicht von Ihren Plänen abhalten, oder so.“
„Ich habe keine anderen Pläne, als meinen Samarian Sunset auszutrinken.“
Als sie eine halbe Stunde später vor Raymonds Gartentür stand, musste der Junge zwei Mal hinsehen, bevor er sie erkannte. In Zivilkleidung und mit offenem Haar sah die Frau noch Größenordnungen attraktiver als in seiner Erinnerung aus.
Lairis begrüßte ihn knapp. „Sie fragen sich bestimmt, wieso ich mich mit einem Kadetten über wichtige Sicherheitsfragen unterhalte ...“
„Ehrlich gesagt ... ja.“
„Mir ist schon klar, was Sie denken: Erst beschwert sie sich über Layton und dann schießt sie die Befehlshierarchie genauso in den Denoriusgürtel ... aber keine Sorge.“ Ein kleines Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Ich betrachte das hier als rein private Unterhaltung.“
Raymond fand ihr Vorgehen so ungewöhnlich, dass er impulsiv fragte: „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich einen Bluttest mache.“
„Natürlich nicht. Ich wollte gerade das gleiche vorschlagen.“
Nachdem Kadett Kitamura sich überzeugt hatte, dass der Captain kein Wechselbalg war, ließ er das Kraftfeld herunter und sie folgte ihm ins Haus.
„Haben Sie denn eine Ahnung, wo die Sicherheitsbox ist?“ fragte der Junge.
„Sagen wir: Ich hätte ein paar Ideen. Ich war lange genug beim Widerstand, um zu wissen, wo man etwas versteckt, was um keinen Preis gefunden werden darf.“
„Aber, dass Formwandler auf der Erde sind, wissen wir doch erst seit heute! Wieso sollte mein Vater also ...“
„Was immer in dieser Box ist – Ich nehme an, Ihr Vater wollte es nicht nur vor Wechselbälgern geheim halten.“ Mehr wollte Lairis dazu nicht sagen.
Zu ihrer Überraschung erwiderte Raymond: „Ja, ich auch.“
Als sie das Wohnzimmer betrat, überlief sie ein Frösteln. Sie konnte ihr Unbehagen nicht einordnen, obwohl es immer heftiger wurde. Vielleicht lag es an den herausgerissenen Schubladen, dem zertrümmerten Geschirr, das überall herumlag und so aussah, als wäre es einmal sehr wertvoll gewesen ... „Ich kann kaum glauben, dass die Sternenflotte dieses Chaos angerichtet hat! Sieht eher aus, als wären es die Cardassianer gewesen“, bemerkte sie.
Raymond reagierte nicht. Er fummelte verzweifelt am Kraftfeldgenerator herum, ein Film von Schweiß überzog sein Gesicht. „Verstehe ich nicht ... Er hat sich einfach ausgeschaltet!“ rief er entsetzt. „Ich hab das Kraftfeld wieder hochgefahren, gleich nachdem ich Sie reingelassen hatte ... und jetzt ... Das Schrottding ist einfach kaputt gegangen!“
„Wie bitte?“ Lairis beugte sich herab. „Aber es hat doch eben noch ...“
In diesem Moment fiel ihr die Decke auf den Kopf. Etwas Schweres, Graues begrub sie unter sich und nahm ihr die Luft zum Atmen. Sie versuchte, sich frei zu strampeln, aber sie kam sich vor, als steckte sie in flüssigem Beton fest, der allmählich härter wurde. Gegen den Druck, der ihren Körper zusammenpresste, war sie machtlos. Ihre Glieder wurden taub. Stechende Kopfschmerzen waren das Einzige, was sie noch fühlte.
„Raymond?“ Ihre Stimme klang halb erstickt, wie unter Wasser. Sie erhielt keine Antwort.


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