TrekNation Einloggen
Info-CenterImpressumTeam
Erweiterte Suche

STD 01 - Böses Erwachen von Adriana

[Reviews - 0]   Drucker Kapitel oder Geschichte Inhaltsverzeichnis

- Schriftgröße +
Julianna Lairis rümpfte ihre schmale, zart geriffelte Nase, als sie sich in der so genannten Festaula umsah. „Da kämpft man sich vier Jahre durch die High School – mit Klauen und Zähnen und Kopfschmerzen – und was bekommt man als Entschädigung? Eine Abschlussfeier in einer alten, vergammelten Werfthalle! Ich fasse es nicht!“
„Das ist nicht einfach nur eine Werfthalle – sondern DIE Werfthalle“, konterte ihre beste Freundin, Celine Devereaux, gespielt wichtig.
„Ach, und das soll mich beeindrucken?“
„Hier wurde die erste USS ENTERPRISE gebaut!“
„Egal, was hier gebaut worden ist – die Dekoration ist Kacke und die Wandfarbe beißt sich mit meinem Kleid.“ Sie blickte an sich herunter und strich mit beiden Händen über den türkisgrünen Samt, der exakt die Farbe ihrer Augen hatte. Ihr langes blondes Haar war hochgesteckt und sie fühlte sich fremd in ihrem eleganten Aufzug. Obwohl das Kleid wunderschön war und sich wie eine zweite Haut an ihren schlanken, dennoch kräftigen Körper schmiegte.
„Du hättest meinem Beispiel folgen und schwarz tragen sollen.“ Celine Devereaux lächelte überlegen. Sie war die Tochter von Captain Charles Devereaux, einem früheren Vorgesetzten von Juliannas Mutter. Fast alle Schüler der Zefram Chochrane High School waren Kinder von Sternenflottenoffizieren und das schuf ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl.
Celine war rothaarig und grazil, ihre sanften, haselnussbraunen Augen täuschten leicht über ihre spitze Zunge hinweg. „Du solltest jetzt mit Ehrfurcht erfüllt sein – schäm dich!“ bemerkte sie scherzhaft. „Dafür, dass du die beste Geschichtsklausur des Jahrgangs geschrieben hast, weißt du aber nicht viel über diesen unglaublich legendären Ort.“
„Mein Thema war nicht Geschichte der Sternenflotte, sondern Geschichte des 21. Jahrhunderts. Die Schutzzonen und der Bell-Aufstand.“
Der Direktor trat auf die Bühne, räusperte sich und die Scheinwerfer spiegelten sich in seiner Glatze. Als seine langweilige, aber glücklicherweise kurze Ansprache zu Ende war, kamen die ersten Schüler auf die Bühne, um ihr Zeugnis in Empfang zu nehmen.
Julianna fiel plötzlich etwas ein und sie schlug erschrocken die Hände vor den Mund. Ihre Augen wurden noch größer, als sie ohnehin schon waren.
„Was ist los?“ fragte Celine alarmiert.
„Oh Gott, hoffentlich muss ich keine Rede halten!“
„Eine Rede? Du meinst, wegen der Geschichtsklausur?“
„Ich wurde dafür ausgezeichnet!“
„Nun reg dich ab, Julianna. Wenn du eine Rede halten solltest, hätten sie es dir längst gesagt, damit du dich vorbereiten kannst.“
Julianna beruhigte sich für einen Moment, aber dann wurden ihre Augen wieder ganz groß vor Panik. „Und wenn sie es nun spontan von mir verlangen? Bitte, Celine, du musst mich retten, versprich mir das! Sag den Lehrern, ich bin auf dem Klo und kotze mir die Seele aus dem Leib.
Da müsstest du nicht mal schwindeln …“
„Also, wenn du mir meinen nagelneuen Hosenanzug voll reiherst, schleife ich dich höchstpersönlich auf die Bühne und kette dich dort an!“
„Celine, ich kann das nicht! Nicht vor so vielen Menschen! Ich gehe ein! Glaub mir – ich falle um und sterbe!“ Julianna war so verzweifelt, dass die sarkastischen Sprüche ihrer Freundin wirkungslos an ihr vorbei rauschten.
Celine verdrehte die Augen zur Decke. „Meine Fresse! Mal doch nicht schon wieder den Teufel an die Wand! Du machst mich fertig.“
„Tut mir leid“, erwiderte sie zerknirscht.
„Weißt du was? Vorhin ist Mr. Curtis an mir vorbeigelaufen – und er stank schon wieder, als hätte er drei Nächte auf der Mülldeponie gepennt“, lästerte Celine.
Ein unangenehmes Gefühl rumorte in Juliannas Bauch, als sie an ihren verhassten Mathelehrer dachte. „Mr. Curtis … entweder seine Mutter hat ihn als Baby in die Kartoffelkiste gesperrt oder er ist ein umoperierter Cardi. Kein normaler Mensch quält so gern Schüler!“
„Curtis ist ja auch kein normaler Mensch sondern ein kranker sadistischer Mistkerl, der irgendwo in der analen Phase stecken geblieben ist und heimlich davon träumt, seine Mutter zu heiraten.“ Ein paar Eltern und Lehrer drehten sich ärgerlich zu ihnen um und die Mädchen lächelten unschuldig.
Julianna unterdrückte ein Kichern. „Man merkt, dass du mal Psychologie studieren willst.“
Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie Celine ihre unglückseligen Patienten auf der Couch platzierte, um sie dann mit unangenehmen Wahrheiten zuzuschütten.
„Schade, dass ich nicht mit zehn von den Borg assimiliert wurde …“
Celine runzelte die Stirn. „Das ist doch wohl nicht dein Ernst!“
„Natürlich nicht! Andererseits wäre es ganz praktisch: man tankt für ein paar Sekunden am HAIF-Bewusstsein und braucht nie wieder diese unsäglichen Formeln zu pauken …“
„Erzähl mir nicht, dass du dir für eine Eins in Mathe Arme absägen und Augen ausstechen lasen würdest!“
„Quatsch!“ Julianna schaute kurz auf den Chronometer an der Wand. „Meine Mutter kommt wohl nicht mehr“, meinte sie pessimistisch.
„Wahrscheinlich hat sie Probleme mit ihrem Raumschiff. Die alte Rostlaube schafft doch keine zwei Parsecs ohne Warpkernbruch.“
„Mag sein. Trotzdem frage ich mich manchmal, was Mom wichtiger ist: ich oder ihre Karriere.“
Vielen ihrer Mitschüler schien es ähnlich zu gehen. Nur knapp die Hälfte war mit ihren Eltern hier, aber ein großer Teil mit Partnern oder Partnerinnen.
Der Anblick versetzte Julianna einen schmerzhaften Stich. Sie wünschte, Christopher Hartmann hätte nicht mit ihr Schluss gemacht – jedenfalls nicht vor dem Abschlussball.
„Denkst du an Chris?“ fragte Celine.
„Es ist gut, dass ich ihn los bin“, erwiderte sie hart. „Ich konnte die Art, wie er sich mir gegenüber aufgespielt hat, nicht mehr ertragen. Als wäre ich ein kleines blondes Dummchen, dem er die Welt erklären muss! Nur weil er mal Physik studiert hat, bildet er sich ein, er wäre Steven Hawking oder so. Dabei hat er es nach drei Semestern geschmissen, der Versager! Ich habe selbst überlegt, Schluss zu machen – blöd, dass er mir zuvorgekommen ist. Ich glaube, er hat es getan, weil er gespürt hat, dass ich nicht mehr viel Respekt vor ihm habe.“
„Und das hat seinen Narzissmus verletzt. Glaub mir – der Typ hat ein emotionales Alter von maximal viereinhalb!“
„Ich verstehe nicht, warum immer nur Versager auf mich fliegen! Es ist, als hätte ich ein Schild um den Hals: ‚Liebe Weicheier und Schlappschwänze – kommt brav zu mir, hier werdet ihr gestreichelt und gefüttert’. Verstehst du das? Immerhin bist du angehende Psychologin.“
Celine musterte sie forschend. „Naja, du bist eine starke Frau mit einer sanftmütigen Ausstrahlung und weiblichen Formen, die Mütterlichkeit versprechen …“
„Starke Frau? Im Moment fühle ich mich alles andere als stark.“
„Du hast nur eine kleine Phobie. So was kann man abtrainieren.“
„Aber nicht heute.“
„Du hast mir noch gar nicht erzählt, mit wem du jetzt zum Abschlussball gehst?“ Celine runzelte die Stirn, als Julianna schwieg. „Sag nicht, du gehst solo!“
„Nein, ich gehe mit Yram Tohl.“
Celine schnappte vor Überraschung nach Luft. „Ich weiß nicht … Yram ist ein netter Kerl, aber er sieht aus wie eine zwei Meter lange Presskohle.“
„Er ist Edemaraner. Die sehen alle so aus.“
Celine beugte sich vor. Sie hatten bisher schon geflüstert, aber nun senkte sie ihre Stimme noch mehr. „Ich habe gehört, männliche Edemaraner haben … sechs.“
Julianna bekam wieder einmal große Augen. „Sechs?“
„In einem hübschen Kreis verteilt um ihre Frühlingsrolle. Und die Dinger glühen auch noch, wenn der Kerl Spaß hat!“
„Ehrlich?“ Julianna grinste. „Na, das ist doch mal ein Lichtblick.“
„Ja, im wahrsten Sinne des Wortes.“
Die nächste Gruppe von Schülern kam auf die Bühne und Julianna wurde flau im Magen. Die alphabetische Liste war schon bei „K“ angelangt und ihr Nachname begann mit einem „L“!
Ein Piepton aus der Com-Anlage schreckte die Schüler, Eltern und Lehrer auf. Es war ein schriller, lang gezogener Ton, wie ihn Julianna noch nie gehört hatte. Sie wusste nicht, was er bedeutete – doch es war mit Sicherheit nichts Gutes. Der Direktor verschwand hinter dem Vorhang. Ein aufgeregtes Tuscheln und Raunen ging durch die Menge. Celine warf einen fragenden Blick auf Julianna, die ratlos mit den Schultern zuckte.
Eine dunkle Vorahnung erfüllte den ganzen Saal.
Dann kam der Direktor zurück – sichtlich um seine Fassung ringend, als hätte er gerade einen nahen Verwandten verloren. „Ich muss Ihnen allen eine schlimme Nachricht überbringen“, begann er. „Während wir uns hier zusammengefunden haben, um unseren jungen Absolventen zu ihrem erfolgreichen Abitur zu gratulieren, erschüttert eine schreckliche Tragödie die ganze Föderation.“ Julianna fragte sich nervös, wann er denn endlich zum Punkt kommen würde. Sie wischte ihre schweißfeuchten Hände am Kleid ab.
Die Com-Anlage zeigte Bilder einer Explosion. Sterile, anonyme Bilder, die nichts über das Leid der Opfer verrieten – dennoch …
Ein Alptraum verfolgte Julianna seit der Schlacht bei Wolf 359. Sie verdrängte ihn, schob ihn beiseite, sperrte ihn in eine Kiste mit Schlössern und Riegeln … und manchmal verblasste er einfach im Sonnenlicht. Aber nun hatte er sie eingekreist und grinste siegesgewiss auf sie herab. Wie ein Zyklop mit einem viereckigen Auge – ein Auge, so groß wie ein Com-Bildschirm …
„Wir unterbrechen unsere Feier für eine Schweigeminute“, verkündete der Direktor. „Die anschließende Zeugnisausgabe findet in einem stillen, angemessenen Rahmen statt.“
„Ich bin gerettet! Keine Rede, keine Rede, keine Rede …“ jubilierte ein kleiner Teufel in ihr, aber es war nur eine leise, unbedeutende, stimmbrüchig krächzende Stimme.


Bitte gib den unten angezeigten Sicherheitscode ein: