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STD 01 - Böses Erwachen von Adriana

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Der Junge wird sich schnell erholen – aber der Zustand Ihres Captains ist ernst“, erklärte Doktor Ronald Tygins, Chefarzt der USS LAKOTA. Wegen der allgemeinen Notlage hatte ihn die Sternenflotte kurzfristig auf die Erde abkommandiert. Zwei seiner Sanitäter hatten die ohnmächtige Lairis und die beiden neben ihr knienden Männer vor dem Transporter gefunden und mit ihrem Shuttle ins Hauptquartier geflogen.
„Wie ernst?“ wollte Lieutenant van de Kamp wissen.
„Innere Blutungen, akute Kreislaufschwäche, Fieber …“ Das Gesicht des Doktors erinnerte an eine traditionelle, afrikanische Steinskulptur. Bis auf die Augen … trotz seiner introvertierten Art lag darin eine fürsorgliche Wärme, aber auch eine gewisse Schwermütigkeit. Er hätte fünfunddreißig oder genauso gut fünfundfünfzig Jahre alt sein können. Das krause, dichte Haar war – wie Lieutenant van de Kamp erstaunt feststellte – zu unzähligen Zöpfchen geflochten und mit einem schlichten Gummi im Nacken zusammengebunden. Nicht gerade eine sternenflotten-typische Frisur …
„Sie wird doch wieder gesund, oder?“ unterbrach ihn Marc besorgt.
Doktor Tygins lächelte aufmunternd. „Natürlich. Sobald die Stromversorgung wieder funktioniert, legen wir sie in die Röhre, und in eins-zwei Tagen wird sie wieder ganz die Alte sein.“ Die „Röhre“ war ein Biobett, das sich wie eine Bahnhofskuppel über dem Patienten schloss und rundum mit Hochleistungs-Geweberegeneratoren ausgestattet war.
„Und wenn die Energie nicht rechtzeitig wieder eingeschaltet wird?“ wagte Marc zu fragen.
„Sie wird es schaffen“, antwortete der Arzt, aber sein Lächeln war verschwunden.
„Ohne bleibende Schäden?“
„Wir tun unser Bestes“, erwiderte Doktor Tygins ernst. „Aber wir haben nur ein Notstromaggregat und die Batterie hält maximal zwei Tage … wenn wir sparsam sind. Die Energie ist plötzlich auf dem ganzen Erdball ausgefallen … auch das Versorgungsnetz der Sternenflotte.“
„Wie konnte das passieren?“
Doktor Tygins zuckte die Schultern. „Ich kenne nur Gerüchte. Angeblich war es Sabotage. Ein Computervirus. Anders kann ich es mir auch nicht erklären.“
„Wechselbälger?“
„Wer sonst.“ In den schwermütigen, dunklen Augen flackerte plötzlich Zorn auf. „Wenn Sie mich fragen: Ich traue diesem Dominion alles zu! Was sie Captain Lairis und Kadett Kitamura angetan haben, ist schon eine Ungeheuerlichkeit! Ich hab ja schon so manche üble Infektion behandelt – aber das …“ Er schüttelte immer wieder den Kopf.
„Vielleicht finden Sie ein Heilmittel gegen dieses Virus“, erwiderte Marc hoffnungsvoll. „Können Sie das Antigen aus dem Blut des Captains extrahieren?“
Tygins seufzte. „Das Antigen hat sich fast vollständig aufgelöst. Da kriegen wir keine brauchbaren Daten mehr.“
„Aber Sie können dieses Virus erforschen …“
Tygins durchbohrte ihn förmlich mit seinem Blick. „Das kann ich eben nicht.“
„Was soll das heißen?“
„Es ist kein gewöhnliches Virus, sondern eine biologische Waffe, die um keinen Preis in die falschen Hände geraten darf. Alle Daten, die dieses Virus betreffen, fallen unter die Sicherheitsstufe Orange: Nur für Regierungsmitglieder und Sternenflottenoffiziere vom Commander aufwärts – und die brauchen auch noch eine Sondergenehmigung.“
Marcs Blick streifte seine Rangabzeichen, die ihn als Lieutenant Commander auswiesen. „Also dürfen Sie Captain Lairis gar nicht behandeln, weil Ihr Rang nicht hoch genug ist?“
„Richtig.“ Tygins biss sichtlich die Zähne zusammen.
„Und was ist, wenn Sie viel kompetenter sind, als die hohen Tiere, die Lairis jetzt in den Fingern haben?“ regte sich Marc auf.
„Die Wahrscheinlichkeit ist groß. Aber was soll ich machen?“ grollte Tygins.
„Was machen Ihre hoch angebundenen Kollegen denn gerade mit Captain Lairis?“
„Sie schneiden ihr die Klamotten herunter und bereiten sie für eine Not-OP vor.“
„Heißt das, Sie schlitzen sie mit einem Skalpell auf, setzen ein paar Blutegel an und nähen sie anschließend mit Bindfaden wieder zu?“ frozzelte Marc.
„Ein kleiner Stromausfall wie dieser wirft uns nicht gleich fünfhundert Jahre in der Evolution zurück“, erklärte Tygins streng – aber seine Augen blitzten unverkennbar auf, so als müsste er sich mühsam das Lachen verkneifen.
„Oh Gott, ich hätte niemals zulassen dürfen, dass sie diesen dreckigen Pfad …“
„Ihre Kletterpartie hat nichts damit zu tun“, beruhigte ihn der Doktor. „Nicht viel. Die Viren feierten sozusagen eine Abschiedsparty in ihrem Körper, bevor sie endgültig eliminiert wurden.“
Marc fühlte sich dadurch nicht besser. Er ließ sich auf einer schmucklosen Kunststoffbank nieder und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Er hatte sich freiwillig gemeldet, um den Datenkristall zu entschlüsseln, den Odo Captain Lairis gegeben hatte. Dafür brauchte er seine gesamte Konzentration und Selbstvorwürfe waren einfach nur kontraproduktiv.
Die junge Frau, die sich neben ihm niederließ, hätte er beinahe nicht erkannt.
Es war Julianna. Sie trug immer noch ihr türkisgrünes Ballkleid. Statt von kobaltblauem Lidstrich waren ihre Augen von dunklen Schatten umrahmt, die langen blonden Haare hingen schlaff herunter. Das verriet im Grunde alles über ihre seelische Verfassung und Marc warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. Wenn sich Julianna Lairis nicht um ihr Aussehen kümmerte, ging es ihr wirklich schlecht. „Wie geht es meiner Mutter?“ erkundigte sie sich spröde.
„Ich weiß noch nichts Genaues“, erwiderte er bedrückt.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Die Notbeleuchtung erhellte den Gang nur sehr dürftig, Krankenschwestern, Ärzte und Besucher huschten wie Schattengestalten vorbei.
Dann sprang Julianna plötzlich auf. „Ich kann das nicht mehr!“ rief sie so laut, dass ein paar der Schattenköpfe neugierig herumfuhren.
„Was?“ fragte Lieutenant van de Kamp schläfrig.
Die Erschöpfung und das Schummerlicht hätten ihn beinahe einnicken lassen.
„Ich kann nicht länger rumsitzen und nichts tun!“ erklärte Julianna und fuhr sich nervös mit allen zehn Fingern durchs Haar. „Ich fühle mich so nutzlos.“
„Du kannst mir einen Kaffee holen.“ Marc lächelte halbherzig.
Das Mädchen blickte ihn finster an. „Sehe ich aus wie Ihre Sekretärin, Lieutenant?“
„Wenn du unter die Dusche gehst … vielleicht.“ Er grinste.
Julianna ignorierte seine Bemerkung. „Ich hole ein paar Sachen aus dem Hotel. Klamotten, Datenpadds und so. Mom wird sie brauchen, wenn sie aufwacht.“
„Hier funktioniert weit und breit kein Transporter. Wie willst du zum Hotel kommen?“
„Zu Fuß natürlich. Es ist nicht weit.“
„Hältst du das für eine gute Idee?“ fragte Marc, auf einmal wieder munter.
„Keine Angst, mich entführen die Wechselbälger bestimmt nicht.“
„Ich dachte auch nicht an Wechselbälger.“ Marc fuhr sich mit der Zungenspitze über seine trockenen Lippen. „Als dieser Borg-Kubus vor sieben Jahren zur Erde unterwegs war, hatte ich einen Job als Forschungsassistent an der Akademie. Ich habe erlebt, wozu Menschen fähig sind, wenn sie in Panik geraten … Eigentlich wollte ich nur mit meinem Gleiter zum Einkaufen fliegen, aber sie stiegen mir auf Dach, hämmerten gegen die Scheiben und flehten mich an, dass ich sie mitnehmen soll … sie hängten sich sogar an meine Gondeln, als ich gerade abhob … ich konnte das Triebwerk nicht mehr zurückfahren und wäre beinahe abgestürzt, mitten in diesen Menschenauflauf gekracht … womöglich hätte es Tote gegeben und ich weiß nicht, ob ich damit fertig geworden wäre …“
„Was haben Sie getan?“ fragte Julianna gespannt.
„Meine unfreiwillige Ladung im nächsten Park abgesetzt.“ Er lächelte schief.
Julianna lächelte zurück. „Das wird mir wohl nicht passieren.“
„Trotzdem ist da draußen der Teufel los! Die Leute denken, dass ein Krieg ausbricht, dass sie vielleicht morgen nichts mehr zu essen haben … ich an deiner Stelle hätte Angst, dass sie mich auf dem Weg zum nächsten Supermarkt umrennen und niedertrampeln.“
„Sie sind ein Pessimist. Wissen Sie das?“
„Mag sein. Trotzdem solltest du bis morgen früh warten … bis die schlimmste Panik überstanden ist. Vorher wacht deine Mutter sowieso nicht auf.“
„Dann haben wir wahrscheinlich Ausgangssperre oder die Jem’Hadar greifen an“, entgegnete Julianna trocken.
„Hey, wer ist jetzt pessimistisch?“
„Alle reden darüber, dass Layton und Captain Sisko die Erde unter Kriegsrecht stellen wollen! Die beiden sind gerade beim Präsidenten und …“
„Wie bitte?“ entfuhr es Marc.
„Ich denke, es ist richtig, den Ausnahmezustand auszurufen“, meinte Julianna. „Ohne Energie ist die Erde schließlich wehrlos – ein gefundenes Fressen für ’s Dominion!“
„Wenn das Dominion jetzt angreift, sind wir sowieso verloren. Da nützt es auch nichts, wenn Layton einen Sicherheitsoffizier neben jedem einzelnen Laternenpfahl postieren lässt!“
„Soll er lieber Däumchen drehen und auf das Begrüßungskomitee der Jem’Hadar warten?“
„Natürlich nicht! Es ist schon richtig, so viele Sternenflottenoffiziere, wie’s geht, zu mobilisieren, und es ist auch richtig, in so einer Situation den Ausnahmezustand auszurufen. Allerdings …“ Er atmete heftig ein und aus. „Ich hab’ irgendwie ein schlechtes Gefühl bei der Sache.“
„Ein schlechtes Gefühl? Inwiefern?“
„Na ja, ich finde, Layton handelt ein bisschen ... übereilt. Da ist der Strom noch nicht einmal zwei Stunden weg – und schon glaubt er, zu wissen, dass die Energieversorgung durch Wechselbälger sabotiert wurde …“
„Haben Sie eine andere Erklärung?“
„Nein … nicht wirklich.“ Marc zögerte lange mit dieser Antwort. „Wahrscheinlich möchte ich einfach nicht wahrhaben, dass die Erde praktisch unter Kontrolle der Wechselbälger steht.“
„Und wir können nichts machen – nur auf die Entscheidung des Präsidenten warten...“
„Ich möchte nicht in seiner Haut stecken“, gab Lieutenant van de Kamp zu. „Wenn ich Jaresh Indio richtig einschätze, wird es eine Weile dauern, bis Layton ihn überzeugt hat.“
„Dann hole ich jetzt die Sachen aus dem Hotel … falls sich Indio schneller entscheidet, als Sie denken.“ Mit diesen Worten erhob sie sich und schritt eilig davon.
Marc hatte immer noch Zweifel, als er ihr nachsah.


Ohne Straßenlaternen und Reklamelichter wirkte das nächtliche San Francisco düster und tot. In einigen Fenstern flackerten Kerzen, aber die meisten waren dunkel. Julianna konnte keine zwei Meter weit sehen und war fast geneigt, Lieutenant van de Kamp recht zu geben. Sie wurde zwar nicht umgerannt und niedergetrampelt, aber ein paar Mal so heftig angerempelt, dass sie sich Minuten später immer noch die blauen Flecken rieb.
„Hey, pass doch auf, du Idiot!“ beschimpfte sie den Ersten, der sie beinahe über den Haufen gerannt hatte.
„Ich hab 'nen Phaser und schieß dir in den Hintern!“ schrie sie dem Nächsten hinterher.
Wieder pflügten sich ein paar menschliche Bulldozer den Weg zur nächsten Lebensmittelquelle frei und Julianna sprang ihnen in letzter Minute aus dem Weg.

Wird Zeit, dass die Sternenflotte durchgreift – die haben doch alle 'nen Schatten! dachte sie.
Da wurde ihr bewusst, dass sie mit ihrem Absatz in einem Gitterrost feststeckte. Bis sie sich endlich befreit hatte, musste sie einem verrückten alten Mann zuhören, der von einer Parkbank herab den Weltuntergang predigte: „… und es ward ein Hagel und Feuer mit Blut gemengt, und fiel auf die Erde; und das dritte Teil der Bäume verbrannte und alles grüne Gras verbrannte … Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde und ihnen ward Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben … Und in den Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden, werden begehren, zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen. Und die Heuschrecken sind gleich den Rossen, die zum Kriege bereitet sind und auf ihrem Haupt wie Kronen dem Golde gleich, und ihr Antlitz gleich der Menschen Antlitz …“
Zu allem Überfluss fing es auch noch an, zu regnen. Sie verlor die Orientierung und fröstelte.
Zwei schmale, blasse Hände verkrallten sich in ihren Schultern. „Bitte … ich muss meine Tochter finden!“ jammerte eine weibliche Stimme.
Julianna atmete tief durch. „Wie sieht sie denn aus … Ihre Tochter?“
Die Frau fing an, zu schluchzen – aber als Julianna sie trösten wollte, riss sie sich los. Tränen kullerten über ihre Wangen und wurden prompt vom Regen abgewaschen. „Ich muss mein Baby finden …“ Dann verschwand sie in der Dunkelheit.
Julianna versuchte sich vorzustellen, in welcher Gefahr das Kind womöglich schwebte. Plötzlich konnte sie die Panik der jungen Mutter sehr gut nachvollziehen. Trotzdem … wenn die Frau doch nur ein bisschen weniger hysterisch gewesen wäre! So konnte Julianna ihr nicht helfen. Sie wusste ja noch nicht einmal, was eigentlich passiert war …
Nachdem sie eine Weile durch den Regen geirrt war, stand sie vor dem Bolianischen Spezialitätengeschäft gegenüber ihrem Hotel. Das Schaufenster war zertrümmert und ausgeplündert worden. Entsetzt und gleichzeitig fasziniert betrachtete Julianna, was davon übriggeblieben war: Ein Haufen Scherben. Genau wie von der Föderation...
„Blödsinn!“ schimpfte sie im nächsten Augenblick mit sich selbst. Wieso kam sie auf die Idee, dass die Föderation bereits in Scherben lag? Weil ihre Mutter von Wechselbälgern entführt worden war? Weil es ein paar Rowdys Spaß machte, Scheiben einzuwerfen? Weil die Bewohner der Erde in Endzeit-Stimmung verfallen waren? Hatte sie tatsächlich geglaubt, es gäbe keinen Ausweg aus dieser Krise?
Julianna schüttelte irritiert den Kopf und sah sich nach dem Privatshuttle ihrer Mutter um. Sie hatte keine reale Flugerfahrung, aber schon oft auf Holodecks geübt, und vor dem Rückweg zu Fuß graute ihr. Doch sie konnte das Shuttle nirgendwo entdecken – obwohl ein schwarz-goldener „Thunderbird SX-04“ normalerweise nicht zu übersehen war.
„Mist!“ fluchte sie. Ganz offensichtlich hatte es jemand geklaut.
Vorsichtig stieg sie über die Glasscherben hinweg, überquerte die Straße und betrat das Foyer. Die mollige Empfangsdame kam ihr entgegengelaufen, das Gesicht puterrot und von einem Schweißfilm überzogen. „Sie haben einen Kommunikator … Gott sei dank! Ich brauche Ihre Hilfe, Liebes … wir müssen die Sternenflottensicherheit rufen!“
Julianna runzelte die Stirn. „Was ist passiert?“
„Mein Computer … er war etwa dreißig Minuten lang völlig tot …“
„Sollten wir dann nicht lieber einen Monteur holen?“ erwiderte das Mädchen verständnislos.
Die Empfangsdame schüttelte energisch Ihren rotblonden Lockenkopf. „Zuerst dachte ich, es wäre der Stromausfall … aber dann fiel mir ein, dass unsere Computer alle mit Notakkus ausgestattet sind, falls ein Desaster wie dieses hier passiert …“
„Vielleicht gab es durch den Energieausfall eine Stromschwankung“, überlegte Julianna. „Die Sicherung ist durchgebrannt und …“
„Nein“, fuhr ihr die Frau über den Mund. „Die Sicherung war es nicht, glauben Sie mir! Als ich nämlich von der Toilette zurückkam, funktionierte das Gerät plötzlich wieder …“
„Aber das ist doch gut!“
„Nein, verstehen Sie denn nicht? Das war vorhin kein Terminal …“ Die Frau senkte ihre Stimme. „Das war ein Wechselbalg!“
Wäre die Lage nicht so ernst gewesen, hätte Julianna laut losgelacht. Sie nahm sich mühsam zusammen und fragte: „Kann es nicht sein, dass jemand die Sicherung ausgetauscht hat, während Sie auf der Toilette waren?“
„Wer denn? Hier ist niemand, außer mir.“
„Und die Gäste?“
„Hamstern“, antwortete sie lakonisch.
„Und nun denken Sie, ein Formwandler ist hier im Haus …“
Die Empfangsdame trat plötzlich ein paar Schritte von Julianna zurück. Ihre Augen wurden schmal. „Wie kann ich sicher sein, dass Sie es nicht sind?“
„Was? Ein Formwandler? Ich? Soll dass ein Witz sein?“
„Wie sind Sie überhaupt hier reingekommen? Ich hatte den Eingang verriegelt.“
„Ich hab einen Schlüssel“, erklärte das Mädchen. „Zimmer 241, Julianna Lairis. Meine Mutter hat das Zimmer bei Ihnen bestellt. Captain Lairis Ilana.“
„Ach ja, die Bajoranerin.“
Als die Frau sie weiterhin misstrauisch geäugte, nahm Julianna den Phaser, den ihre Mutter ihr zum Schulball mitgegeben hatte. Die Empfangsdame kreischte erschrocken auf.
„Keine Angst, ich will Ihnen nichts tun“, erklärte Julianna und legte ihr die Waffe in die Hand. „Sie können mich gern damit abtasten, wenn Sie mir nicht trauen. Der Phaser ist schon so eingestellt, dass es nicht allzu unangenehm für mich wird.“
Die Dame überlegte einen Moment, dann schnaubte sie und gab ihr den Phaser zurück. „Lassen Sie mal, Kindchen, ich glaube Ihnen ja.“
„Da bin ich aber froh!“
Plötzlich begann der Boden unter ihnen zu zittern. Das Zittern wurde von Sekunde zu Sekunde heftiger, bis es den beiden Frauen kaum noch möglich war, sich auf den Füßen zu halten. Sie verschwanden kreischend unter der Rezeptionstheke. Ein Unheil verkündendes Knirschen ließ vermuten, dass sich Risse in der Decke bildeten. Kalk rieselte herab wie fein vermahlenes Fallout. Julianna schloss die Augen vor Angst. „Oh Gott, die Jem’Hadar greifen an! Herr im Himmel, hilf uns! Liebe Propheten …“
„Ich glaube, das war nur ein Erdbeben“, meinte die Andere, als das Zittern endlich nachließ. „Wir sind hier immerhin in San Francisco! Ich stamme aus einem Städtchen ganz in der Nähe. Als ich klein war, gab es noch nicht überall seismische Kontrollen … Ich erinnere mich an Zeiten, da hab ich fast jeden Tag unter einem Tisch wie diesem hier gehockt!“
Ein Erdbeben, natürlich … Julianna lachte laut vor Erleichterung. Der Stromausfall hatte die seismischen Kontrollsysteme lahmgelegt – genau wie die Wetterkontrollstationen.
„Ich bin übrigens Leslie“, stellte sich die Empfangsdame vor. „Leslie McMahon.“
„Freut mich. Wie ich heiße, wissen Sie ja.“ Sie schüttelten sich die Hände.
Das Scheppern von Glas ließ Julianna erneut aufschreien.
„Das war wohl die Veranda“, bemerkte Leslie trocken. „Ich hab mich schon gefragt, wann sie uns endlich heimsuchen.“
Julianna nahm Leslies Hand und hastete die Treppen hinauf. Die Frau schnappte sich allerdings noch schnell eine schwere Reisetasche, die sie keuchend über die Stufen schleifte.
Auf dem Zimmer angekommen, schloss Julianna blitzschnell die Tür hinter sich. „Was wollen die? Plündern?“
„Was sonst“, antwortete die Empfangsdame.
„Können sie uns gefährlich werden?“
„Wenn sie das hier sehen … Vielleicht.“ Leslie zog den Reißverschluss ihrer Tasche auf und ein Bündel Lauch quoll heraus. Julianna erhaschte außerdem einen Blick auf mehrere Beutel Reis und eine Frischfleischpackung.
Das Mädchen prustete unerwartet los. „Au weia … Sie müssen ja die ganze Küche leergeräumt haben!“
„Immerhin hab ich trotz Stromausfall die ganzen Abrechnungen gemacht, als sich meine lieben Kollegen längst verkrümelt hatten. Da steht mir eine kleine Belohnung zu, finde ich.“ Leslie drückte Julianna eine Tüte voll Lebensmittel in die Hände. „Es reicht für uns beide.“
„Also, ich weiß nicht …“
„Na, packen Sie das Zeug schon ein!“ Die Stimme der Frau ließ keinen Widerspruch gelten.
„Gibt es hier eine Feuertreppe oder so was?“ fragte Julianna, während sie die Lebensmittel in
ihrem Rucksack verstaute.
„Natürlich. Sie meinen, wir verschwinden durch die Hintertür, so lange wir noch können?“
„Genau!“
Als sie auf den Flur hinaustraten, war er dunkel und menschenleer. Aber auf der Treppe stießen sie beinahe mit zwei Männern zusammen. Ihre Taschenlampen warfen unruhige Schatten an die Wand. „Hey, Mädels!“ rief der ältere von beiden. „In Zimmer 322 hat jemand ganze zwölf Säcke Kartoffeln gehortet! Wollt ihr was abhaben?“
„Äh … nein danke! Kartoffeln sind nicht so unser Ding“, erwiderte Julianna schnell.
„Dann eben nicht.“ Er zuckte die Schultern. „Bleibt mehr für uns.“ Mit seinem Kumpel im Schlepptau eilte er die Treppen hinauf.
Julianna und Leslie sahen sich mit betretenen Mienen an. Dann machten sie kehrt und schlüpften zurück ins Zimmer. „Das war jetzt echt peinlich“, seufzte Julianna. „Wir plündern die Küchen und die wollen uns noch was abgeben.“
Leslie nickte zu Bestätigung. „Es nützt aber alles nichts. Wir müssen hier raus!“
„Ich weiß. Aber ich hätte fast vergessen, weshalb ich eigentlich hier bin …“
„Und weshalb sind Sie hier?“
Julianna wandte sich ab. „Meine Mutter liegt im Krankenhaus. Ich wollte ihr ein paar Sachen bringen.“
„Im Krankenhaus? Was ist passiert?“ hakte Leslie betroffen nach.
Julianna zögerte. Neugierig, wie die Empfangsdame höchstwahrscheinlich war, würde sie nicht eher lockerlassen, bis sie etwas Genaueres wusste. Andererseits brauchte sie nicht zu erfahren, dass Captain Lairis Ilana von Wechselbälgern mit einer grausamen Krankheit infiziert worden war … Die arme Frau war schon paranoid genug.
„Es war ein Unfall … aber ich weiß noch nichts Genaues. Sie wird gerade operiert.“
„Das ist ja furchtbar!“ Leslie berührte mitfühlend Juliannas Arm.
„Ich denke, die Ärzte kriegen sie wieder hin.“ Julianna öffnete den Schrank ihrer Mutter und wählte schnell ein paar Kleidungsstücke aus.
Leslie trat neben sie und rollte die Augen. „Dunkelgrün, beige, braun, schwarz … man könnte meinen, eine attraktive Frau wie Ihre Mutter hätte eine etwas fröhlichere Garderobe.“
„Moms Vorliebe für Tarnfarben stammt wohl aus ihrer Zeit beim bajoranischen Untergrund.“ Julianna lächelte schief. Hinter einem langen, grünen Kleid sah sie etwas Metallisches aufblitzen. „Was ist denn das?“ rutschte es ihr heraus.
Leslie steckte neugierig den Kopf in den Schrank.
„Helfen Sie mir!“ Mit vereinten Kräften zerrten sie das funkelnde Etwas ans Licht.
„Das ist ein Antigrav-Scooter!“ Julianna strahlte, aber gleichzeitig liefen ihr Tränen über die Wangen. „Der ist bestimmt für mich. Mom hat sich unheimlich über meinen guten Abschluss gefreut … Wir wollten nächstes Wochenende feiern.“
„Und das werdet ihr auch!“ Leslie drückte ihre Hand.
Julianna lächelte gerührt und klopfte auf den Sitz. „Das ist unser Weg nach draußen!“
Leslie runzelte skeptisch die Stirn. „Das Ding ist nicht für schwere Lasten gebaut.“
„Woher wissen Sie das?“
„Steht auf dem Schutzblech.“
„Sie können Romulanisch?“
„Man kann nie wissen, wer sich in unser Hotel verirrt.“
„Romulaner?“
Leslie zuckte die Achseln. „Wär’ doch mal ganz interessant.“
Julianna grinste. „Das Einzige, was Sie hier nicht haben wollen, sind Formwandler, was?“
„Ach, wenn sie ordentlich einchecken und sich einen schicken Eimer zum Schlafen aussuchen, habe ich nichts gegen Formwandler. Aber wenn sie uns ausspionieren und Konferenzen in die Luft jagen, sollen sie mir vom Acker bleiben!“
Gemeinsam schoben sie den Scooter auf den Balkon. Während Leslie ihre Tasche auf den Gepäckträger schnallte, studierte Julianna das Kontrollpult. Irgendjemand – der Handschrift nach Lieutenant van de Kamp – hatte die verschiedenen Knöpfe mit einem wasserfesten Filzstift in Föderationsstandard beschriftet.
Auf dem Flur huschten Satzfetzen vorbei: „… nichts mehr zu fressen in der verdammten Küche …“ „… vielleicht in den oberen Zimmern …“ „… hab nen Laserschweißer dabei …“
Höchste Zeit, dass wir hier rauskommen! dachte das Mädchen und eine Gänsehaut überlief ihre nackten Arme. Sie wies die Empfangsdame an, ihren Rucksack zu schultern und die Arme um ihre Taille zu legen. Dann drückte sie den Hauptschalter.
Das Gerät erhob sich erst schwebend, schoss auf einmal zwanzig Meter vorwärts, kippte vornüber und sank, bis Julianna die Nase hochriss. Leslie stieß einen spitzen Schrei aus und klammerte sich ängstlich an der Pilotin fest. „Wenn ich einen Herzinfarkt kriege, ist das nur Ihre Schuld!“ japste sie.
„Ich hab den Gang für den Steigflug nicht gleich eingeschaltet … Entschuldigen Sie!“ Julianna zog ein paar Kreise über der Stadt, bis sie genug Flugsicherheit gewonnen hatte, um den richtigen Kurs einzuschlagen.
„Wo soll’s denn hingehen?“, fragte Leslie.
„Zum Hauptquartier der Sternenflotte.“
„Wow!“


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