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STD 01 - Böses Erwachen von Adriana

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Der Treffpunkt war ein einsames Felsplateau im Yellowstone-Park. Lairis und Raymond wurden von drei Formwandlern bewacht, die sie keine Sekunde aus den Augen ließen.
Lairis bedachte sie mit einem entnervten Blick. „Keine Angst, wir laufen schon nicht weg! Vergessen Sie nicht: wir sind todkrank. Wo sollten wir also hin?“
Als Lieutenant van de Kamp herunterbeamte, aktivierte Jen’thal ein kleines Gerät und ein leuchtender violetter Kreis zog sich um die ganze Gruppe. Eine Energiebarriere.
Anschließend wurde der Ingenieur von Kopf bis Fuß gescannt. Er gab sich die größte Mühe, niedergeschlagen zu wirken, und Lairis amüsierte sich insgeheim darüber. Das Datenpaddd, dass er in der Hand hielt, riss ihm Jen’thal förmlich aus den Fingern. „Sind das die Pläne?“
„Ja“, antwortete Marc widerwillig und wich demonstrativ dem Blick seines Captains aus.
„Das ging schneller, als ich erwartet hatte …“
„Ja, das Passwort meines Freundes war leicht zu knacken. Wundert mich auch.“
Jen’thal wedelte mit dem Padd wie mit einem Fächer. Ihr durchdringender Blick sorgte dafür, dass sich der junge Ingenieur immer unbehaglicher fühlte. „Und nun erlauben Sie mir eine ganz einfache Frage: Für wie dumm, leichtfertig oder inkompetent halten Sie mich?“
Raymond und Lairis zuckten heftig zusammen.
„Was … wie bitte?“ stammelte Marc.
„Das war viel zu leicht … wo ist der Haken?“
„Haken … Welchen Haken?“
„Sie treffen sich mit mir und meinen Geschwistern in der Wildnis, um uns den letzten Trumpf ihrer lächerlichen Sternenflotte in die Hand zu drücken …“
„Von ‚in die Hand drücken’ kann ja wohl nicht die Rede sein“, knurrte Marc.
„Mir ist völlig klar, dass Sie die Sicherheit der gesamten Föderation aufs Spiel setzen, um lediglich zwei Personen zu retten … so illoyal ist nicht einmal ein Solid. Sicher haben Sie lange mit der Sternenflotte diskutiert, wie sie uns am besten reinlegen können …“
Lairis hielt den Atem an. Würde Marc es schaffen, sich aus der Affäre zu ziehen? Sie sah schwarz. Die Wechselbälger mit gefälschten Konstruktionsplänen zu täuschen, war ein kindischer Plan und von Anfang an zum Scheitern verurteilt … Resigniert wartete sie auf den Schuss, der ihrem Leben ein Ende setzen würde.
„Bitte, Sie können die Pläne gern auf ihre Echtheit überprüfen“, entgegnete Lieutenant van de Kamp entnervt.
„Oh, das ist das Mindeste, was wir tun!“
„Warum haben Sie dem Treffen überhaupt zugestimmt, wenn Sie uns nicht trauen?“
„Die Sternenflotte hat dadurch erfahren, dass zwei ihrer Leute entführt und mit einem tödlichen Virus verseucht wurden … und dank der föderierten Pressefreiheit weiß es wahrscheinlich bald der halbe Quadrant. Die Panik, die dann ausbricht, steht gewiss in keinem Verhältnis zur realen Bedrohung … Ich muss zugeben, der Gedanke an Milliarden verängstigter Solids ist den Aufwand allemal wert, den wir mit der Entführung Ihres Captains getrieben haben! Bald werden sie einen Sternenflottenoffizier an jeder Ecke postieren, niemanden mehr auf die Straße lassen, womöglich den ganzen Planeten unter Quarantäne stellen … und ihre humane, tolerante Gesellschaft, auf die Sie so stolz sind, ist irgendwann nur noch eine Fußnote im Geschichtsbuch wert. Eigentlich wollten wir in diesem Teil der Galaxie für Ordnung sorgen – aber so, wie die Dinge sich entwickeln, tun das die Menschen in nächster Zeit selbst.“
Die Nacht senkte sich allmählich über Yellowstone und mit ihr wurde die Stille immer bedrückender. Niemand gab einen Ton von sich und das Kraftfeld sperrte sämtliche Geräusche der Natur aus: den Wind, das Rascheln der Blätter, die schrillen Schreie der Greifvögel.
Lairis dachte angestrengt nach. Sie sagte sich immer wieder, dass Jen’thal mit ihren Schilderungen maßlos übertrieb. Sie tauschte einen Blick mit Raymond, aber der war auch keine Hilfe. Zu allem Überfluss verlor Odos Schmerzmittel an Wirkung.
Odo … er hatte etwas erwähnt, das nun in ihrem Hinterkopf rumorte, wie ein vergessener Termin … irgendetwas über seine flüssige Form … „Wie lange laufen Sie eigentlich schon in dieser Gestalt herum, Jen’thal? Fünfzehn Stunden? Sechzehn?“ hörte sie sich zu ihrer eigenen Überraschung fragen. „Sie müssen sich bald regenerieren, nicht wahr? Und ich nehme an, Ihren Brüdern geht es genauso … Ist Ihnen klar, dass Sie uns in Ihrem flüssigen Zustand hilflos ausgeliefert sind?“ Lairis blickte in ihre eigenen Augen, die sie scharf und irgendwie empört musterten. Sie hatte einen wunden Punkt bei Jen’thal berührt, die Schwachstelle eines jeden Formwandlers … Hoffentlich reagierten die Wechselbälger so, wie sie erwartete!
Jen’thal lächelte kalt. Eine kleine Ewigkeit sagte sie gar nichts. „Sie verstehen uns besser, als ich dachte“, erwiderte sie schließlich. „Zur Belohnung lassen wir Sie frei.“
„Moment, was ist mit dem Antigen?“ fragte Raymond geistesgegenwärtig.
Das Lächeln des Wechselbalges wurde noch eine Winzigkeit breiter. „In unserer Abmachung hieß es, Sie würden das Antigen bekommen, falls wir mit Lieutenant van de Kamps Arbeit zufrieden wären … sind wir aber nicht. Gute Nacht!“
Das Kraftfeld erlosch, drei gallertartige Säulen schossen in den Himmel. Hoch oben in der Luft verwandelten sie sich in Eulen, von denen die mittlere ein Datenpaddd in den Klauen hielt.
„Warten Sie … das können Sie uns doch nicht antun!“ brüllte Lairis und hoffte, einigermaßen wütend und entsetzt zu klingen.
„Scheiße!“ fluchte Marc inbrünstig – und sehr überzeugend.
Nach kurzer Zeit waren die falschen Eulen außer Sicht- und Hörweite. Raymond strahlte und hielt seine flache Hand hoch. „Los, schlagen Sie ein!“ sagte er zu Captain Lairis.
Marc lächelte entschuldigend. „Ich würde Ihnen ebenfalls gern die Hand reichen, Captain, aber ich riskiere lieber nichts.“
„Lieutenant van de Kamp, was war auf dem Datenpaddd, das Sie den Formwandlern gegeben haben?“ fragte Raymond neugierig.
„Konstruktionspläne.“
„Was für welche?“
Marc lächelte hintergründig. „Etwas, das ich mit dreizehn für die High-School-Wissenschafts-olympiade gebaut hab.“
„Und was war das?“
„Ein Perpetuum Mobile.“
„Ein Perpetuum Mobile? Wirklich originell“, spottete Lairis.
„Es hätte beinahe funktioniert … aber eben nur beinahe.
Für die nächsten Minuten hallte das Lachen der drei über das ganze Tal und wurde den Felsen als Echo zurückgeworfen. „Aua“, brummte Lairis, weil ihr Gesicht sich plötzlich anfühlte, als würde es mit heißen Nadeln bearbeitet.
„Wie gelangen wir jetzt zum Hauptquartier?“ wollte Raymond wissen.
„Gute Frage! Wenn alles glatt gelaufen wäre, hätten wir Kommunikatoren bekommen … aber da ich an Murphys Gesetz glaube, habe ich das hier mitgebracht.“ Er kramte ein Blatt Papier aus seiner Gürteltasche.
„Was ist das?“ fragte Lairis.
„Eine Karte. Tricorder waren leider nicht erlaubt.“
„Aber das ist eine Karte von Yellowstone!“ wunderte sich Raymond. „Ich dachte, Sie würden den Treffpunkt nicht kennen …“
„Captain Lairis’ Isotopenspur“, erklärte Marc.
„Die hat uns schon mehr als einmal gerettet“, sinnierte Lairis. „Dabei sagte meine Schwester, ich wäre lebensmüde, als ich in den Untergrund gegangen bin.“
„Also, auf zum nächsten Transporter … Schaffen Sie das, Captain?“
„Natürlich.“
Dann studierte er die Karte und blickte konzentriert in alle vier Himmelsrichtungen. „Ich glaube, der schnellste Weg zum Transporter ist …“ Er deutete auf einen steilen, von Unkraut überwucherten Pfad, der zu allem Überfluss ziemlich glitschig aussah. „… dieser hier.“
„Das ist nicht Ihr Ernst!“ schnappte Lairis.
„Captain, ich weiß, dass Sie durch die Krankheit geschwächt sind … wir können gern einen anderen Weg suchen.“
„Ich rede nicht von meiner Krankheit, sondern von meinen zehn Zentimeter hohen Absätzen!“
Marc seufzte leise. „Frauen!“
„Meine Absicht gestern war es, einen netten, ruhigen Abend in der Blue Planet Taverne zu verbringen – nicht etwa, mich von einer fiesen Dominion-Seuche infizieren zu lassen oder gar mitten in der Nacht einen schlammigen Pfad runterzurutschen!“
„Wie ich schon sagte, Captain: Wir finden einen anderen Weg.“
„Sind Sie sicher, dass dieser Weg hier der Kürzeste ist?“
„Ja, ziemlich sicher.“
Entschlossen zog sie ihre hochhackigen Sandaletten aus. „Wir nehmen ihn.“
„Bei allem Respekt – Sie wollen doch nicht etwa barfuß dort runter?“ protestierte Marc entgeistert. „Wir haben höchstens 18°C!“
„Ich habe diesen ekelhaften Virus überlebt! Da überstehe ich auch eine kleine Unterkühlung.“ Lairis verschwieg, dass ihre Fußsohlen an mehreren Stellen aufgeplatzt waren und jeder Schritt wehtat – ob mit oder ohne Schuhe. Der Abstieg über diesen Pfad gefiel ihr gar nicht – doch die Vorstellung, einen Umweg von mehreren Kilometern laufen zu müssen, gefiel ihr noch weniger.
„Also gut“, lenkte Marc ein. Zum Glück schien der Mond sehr hell – sonst wären die Chancen für gebrochene Knöchel ziemlich gut gewesen.
Lairis biss die Zähne zusammen. Sie trat nach Möglichkeit auf Grasbüschel und versuchte, den fetten blauen andorianischen Stachelschnecken aus dem Weg zu gehen.
Als sie das Gleichgewicht verlor, griff sie nach dem nächstbesten Halt, der sich dummer weise als Brennnesselbusch entpuppte. Sie fluchte erstickt.
„Captain, Sie halten sich wohl besser an mir fest“, schlug Raymond mit einem kleinen Lächeln vor und Lairis nahm sein Angebot dankbar an.
„Jeder, der mich daran erinnert, dass ich die freie Natur liebe, wird standrechtlich erschossen“, murmelte sie. Es kam ihr wie ein halber Tag vor, bis sie endlich die Tranporterstation erreichten.
„Hier stimmt irgendwas nicht“, rutschte es ihr heraus – aber sie konnte nicht genau definieren, was es war. Bis Lieutenant van de Kamp feststellte: „Hier ist niemand.“
„Was soll das heißen?“ hakte Raymond nach, blickte dabei erst Marc, dann Lairis an.
„Die Station … sie müsste rund um die Uhr besetzt sein. Aber hier ist kein Techniker.“
Er trat hinter die Konsole, um die Regler selbst zu bedienen – und schlug vor Ärger mit der flachen Hand auf das Pult. „Der Transporter funktioniert nicht.“
„Das hat uns gerade noch gefehlt!“ schimpfte Lairis und Marc warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. Er holte einen Werkzeugkoffer aus der Kabine der Transporterchiefs und schraubte mit flinken Fingern die Konsole auf.
„Können Sie ihn reparieren?“ fragte Lairis nach einer Weile.
Marc schüttelte den Kopf. „Die Elektronik ist in Ordnung.“
„Woran liegt es dann, dass der Transporter nicht funktioniert?“
„Er hat keinen Saft.“
„Das heißt, sie haben ihn abgeschaltet? Nur wieso?“
Marc verzog das Gesicht. „Jetzt verstehen Sie, warum ich an Murphys Gesetz glaube.“
„Sie meinen die Tatsache, dass ein Unglück selten allein kommt?“
„Ja, so ungefähr.“
„Captain, sehen Sie sich das an!“ Raymond deutete in die Ferne.
Am Horizont, wo die Lichter der nächsten Stadt leuchten sollten, war alles dunkel.
„Das ist es also.“ Lairis kniff die Augen zusammen.
„Was, Captain?“
Ihre Eingeweide brannten, ihr war schwindelig, sie suchte Halt und fand Raymonds Ärmel. „Das, was mir gleich am Anfang aufgefallen ist … das, was mir so unnormal vorkam“, erwiderte sie gepresst, bevor sie das Bewusstsein verlor.


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