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STD 01 - Böses Erwachen von Adriana

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Lairis krümmte sich in ihrem Sessel zusammen. Stumpfe, rostige Messer zerfetzen sie gleichzeitig von außen und von innen, rissen ihre Haut entzwei, ihre Muskeln und Sehnen, bohrten sich tief in die Knochen und Organe ... Kochendes Wasser ergoss sich über sie, ihr Gesicht glühte, ihre Finger verkrallten sich in den eigenen Haaren und sie biss sich heftig auf die Unterlippe, denn sonst hätte sie schreien müssen.
Raymond bekam nicht mit, wie schlecht es ihr plötzlich ging, denn er tastete systematisch die
Wände ab und suchte nach Schwachstellen im Kraftfeld. „Alles verriegelt und verrammelt“, seufzte er. „Hier fehlt Elektrogirl.“
„Elektrogirl?“ fragte Lairis, als die brennende, stechende Qual ein wenig nachgelassen hatte.
„Eine Comicfigur. Sie konnte Blitze schleudern und alle elektrischen Geräte kurzschließen.“
Lairis versuchte sich aufzurichten und das schmerzhafte Pochen in verschiedenen Körperteilen zu ignorieren. „Ich hatte auch einen Comichelden, als ich in Ihrem Alter war. Sein Name war Rana Tel. Die Cardassianer hatten ihn als Kind entführt und fiese Experimente mit ihm angestellt. Ihr Ziel war es, allen Bajoranern den eigenen Willen zu nehmen … allerdings ging das Experiment gewaltig nach hinten los. Rana Tel bekam Superkräfte und konnte Wände sprengen, Gegenstände verbiegen … und vor allem Cardassianer zu Staub zerfallen lassen. Er wurde zu einem Rächer der Unterdrückten und befreite als erstes seine Heimatstadt, der er einen neuen Namen gab: Hesta Kejal – Insel der Freiheit.“
„Klingt cool! Hätte nicht gedacht, dass es auf Bajor Comics gab“, wunderte sich Raymond.
„Uns war damals jedes Mittel Recht, um die Jugend gegen die Cardis aufzuwiegeln. Viele Kinder auf dem Land konnten nicht richtig lesen – warum also nicht Bilder und Sprechblasen?“
„Wie ging die Geschichte weiter?“
„Die Cardassianer schafften es nie, Hesta Kejal einzunehmen. Dabei versuchten Sie es mit Phasern und Bomben und Plasmawerfern … aber gegen Rana Tels Kräfte kamen sie nicht an. Sie krepierten lange, bevor sie ihre Waffen überhaupt einsetzen konnten. Rana Tel zeugte nämlich jede Menge Kinder, die alle seine Fähigkeiten erbten … und sein Gedächtnis. Stellen Sie sich eine Handvoll drei- und vierjähriger Küken vor, die cardassianische Schiffe der Galor-Klas-
se verglühen lassen … indem sie einfach mal scharf in den Himmel gucken.“
„Gruselig!“ Raymond lauschte der Bajoranerin gebannt, obwohl ihre Stimme seltsam gedämpft klang. Ihr langes Haar war wie ein Vorhang, das die wunde, rissige Haut verbarg.
„Aber dann entwickelten die Cardassianer einen ganz speziellen Schutzschild, der sie gegen Ranas Gedankenstrahl immun machte“, fuhr Lairis fort. „Sie standen zu Tausenden vor den Toren der Stadt, zu Zehntausenden, zu Hunderttausenden … von den Mauern loderte grünes Feuer auf und die Leute drängten sich voller Angst im Zentrum zusammen … Rana Tel bohrte mit der Macht seines Geistes einen Tunnel unter der Stadt, damit die Bewohner flüchten konnten … Natürlich wimmelte es draußen von Cardis und viele Bajoraner starben. Rana Tels Freundin Tira Mar war jedes Mittel recht, um Hesta Kejal zurückzuerobern – also ging sie in die Feuerhöhlen, wo sie Hilfe von einer uralten Macht erhoffte. Dummer Weise wurde sie von einem Pah-Geist besessen und ich bin leider nie dazu gekommen, den nächsten Band zu lesen.“
„Eine wirklich faszinierende Geschichte, Captain Lairis!“ wurde die Bajoranerin von ihrer eigenen Stimme unterbrochen.
Das Deckenlicht ging plötzlich an, die Tür sprang auf und vor dem flimmernden Kraftfeld stand die Formwandlerin: immer noch in Gestalt des Captains, komplett mit Sternenflottenuniform. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Superhelden-Mythen in der Regel von schwachen Völkern erfunden werden, die sich nicht aus eigener Kraft wehren können.“
„Mein Volk hat sich sehr wohl gewehrt“, fauchte Lairis wütend.
„Ihre Stimmung ist ja ziemlich gereizt, Captain. Das liegt wohl daran, dass die Krankheit bei Ihnen ausgebrochen ist.“
„Oh Scheiße!“ entfuhr es Raymond, als er Lairis direkt ins Gesicht sah, den blutigen Riss auf ihrer Stirn und die aufgeplatzten Läsionen auf ihrer linken Wange bemerkte.
„Die Schmerzen, die Sie jetzt verspüren, sind nur der sanfte Anfang von dem, was noch kommt“, erklärte Jen’thal nüchtern. „Bedenken Sie eines: Je später wir Ihnen das Antigen verabreichen, desto langwieriger wird die Heilung. Im Endstadium vermögen wir vielleicht noch Ihr Leben zu retten – aber es kann Tage, vielleicht sogar Wochen dauern, bis Sie wieder auf den Beinen sind, und Monate, bis sie vollkommen Ruhe vor Schmerzen, Schwindelgefühlen, Panikattacken und sonstigen unangenehmen Nebenwirkungen haben. Im schlimmsten Fall werden Sie nie wieder diensttauglich sein.“
Raymond sah Lairis an, wie viel Angst ihr diese Vorstellung machte.
„Was tun Sie dann in Ihrer vielen Freizeit, Captain?“ fuhr der Wechselbalg unbarmherzig fort. „Gibt es für Sie einen Sinn des Lebens außerhalb der Sternenflotte?“
Lairis, die sonst nie um eine Antwort verlegen war, starrte ihr Ebenbild nur zornig an. Ihre Finger umklammerten die Sessellehnen so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Doch es war nicht zu übersehen, dass sie am ganzen Körper zitterte. Raymond zitterte auch – aber nicht, weil die Krankheit ihn quälte. Er hatte einfach Angst: Angst um Captain Lairis, Angst um sich selbst, Angst davor, allein zu sterben … Da kam ihm ein Geistesblitz und er trat so nahe an das Kraftfeld heran, dass ihm die flirrende Energie beinahe die Nasenspitze versengte. „Captain Lairis geht es so dreckig, dass sie kaum noch klar denken kann …“
„Konnte sie das jemals?“ gab Jen’thal spöttisch zurück.
„Verstehen Sie denn nicht? Wenn Lairis vor Schmerzen den Verstand verliert oder gar vorzeitig den Löffel abgibt, werden Sie nie erfahren, wo die Box versteckt sein könnte!“
Jen’thal verstand. Zumindest hoffte Raymond dies, als die Formwandlerin sich zum Gehen wandte und ihre Augen den arroganten Glanz verloren.
Lairis hatte sich mittlerweile zum Bett geschleppt und in Fötushaltung auf den weißen Laken zusammengerollt. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt und sie zitterte immer noch.
„Wie fühlen Sie sich?“ fragte Raymond und im nächsten Augenblick dachte er: Blöde Frage!
„Als ob ich einen Zwerg verschluckt hätte, der die Gesetze von Hammurapi in meine Leber meißelt.“ Ihr gelang sogar ein halbes Lächeln, denn die rechte Gesichtshälfte war beinahe frei von Läsionen und aufgeplatzten Wunden.
„Die Gesetze von Hammurapi? Für eine Bajoranerin kennen Sie sich in der Geschichte der Erde ziemlich gut aus!“
„Nicht wirklich, aber manches bleibt hängen.“
Jen’thal kam zurück, diesmal in Begleitung eines Mannes.
Der Mann, der sie gefangen genommen und mit dieser scheußlichen Krankheit infiziert hatte.
Lairis wollte aufspringen und ihm ihre Faust ins Gesicht rammen – nur um ihrem Zorn Luft zu machen. Aber der Schmerz warf sie zurück aufs Bett.
Dann spürte sie eine fremde Substanz in ihr Blut strömen. „Das wird den Verlauf der Krankheit verlangsamen“, erklärte der weibliche Wechselbalg.
„Sie geben ihr doch auch ein Schmerzmittel, oder?“ hakte Raymond nach.
„Das hier ist kein Hospiz, Kleiner“, konterte die Formwandlerin verächtlich.
Der Junge verstand: Captain Lairis sollte nicht sterben, bevor sie ihren Zweck erfüllt hatte – aber genug leiden, dass es sie langsam zermürbte.
„Mir geht es schon besser“, log die Bajoranerin, als Jen’thal das Zimmer verlassen hatten, und insgeheim tröstete sie sich: Wenigstens wird es demnächst nicht schlimmer.
Der junge Kadett sah nicht sehr überzeugt aus.
„Es kommt in Anfällen“, erklärte sie widerwillig. „Und ich hoffe, dass der nächste noch eine Weile auf sich warten lässt.“
Raymond tauchte ein Handtuch in kaltes Wasser und legte es vorsichtig auf Lairis’ verquollene linke Gesichtshälfte.
„Danke, schon viel besser“, erwiderte sie – diesmal ehrlich. „Wie geht es Ihnen?“
„Bis jetzt ganz gut. Ich weiß ja auch nicht, warum die Krankheit bei Ihnen viel schneller ausbricht, als bei mir … vielleicht, weil wir beide verschiedenen Spezies angehören.“ Raymond blickte die Bajoranerin, die sich mit geschlossenen Augen das Handtuch aufs Gesicht drückte, eindringlich an. „Verdammt, Captain, wir müssen irgendwie an das Gegenmittel kommen …“
„Und wie? Glauben Sie, ich kann es gegen meine Ohrringe eintauschen, Kadett?“
Raymond ließ sich von ihrem barschen Tonfall nicht abschrecken. „Wie müssen uns irgendwas einfallen lassen, irgendeine List ... Ich …“ Er zögerte und fügte dann leise hinzu: „Ich möchte Sie nicht verlieren.“
Lairis ließ das Handtuch fallen und blickte auf. Der Ausdruck ihrer Augen war melancholisch, doch sie lächelte, obwohl es wehtat.
„Wir können ja so tun, als wüssten wir, wo die Sicherheitsbox ist“, fuhr der Junge hastig fort. „Erzählen wir ihnen irgendwelchen Blödsinn, um sie hinzuhalten. Was soll’s … Die Sternenflotte wird uns irgendwann finden, das Nest hier ausräuchern, den Virus vernichten und das Gegenmittel mitnehmen. Wir müssen nur durchhalten, bis …“
„Sie haben zu viele Comics gelesen“, unterbrach ihn Lairis mit sanftem Spott. „Formwandler haben zwar kein Gehirn, aber dumm sind sie trotzdem nicht. Wir können gern versuchen, sie hinzuhalten, aber wir brauchen einen Plan B, falls sie nicht darauf reinfallen sollten.“ Sie verzog das Gesicht. Offenbar war das Sprechen auf die Dauer sehr anstrengend für sie.
Raymonds Magen verkrampfte sich, als er daran dachte, was sie wohl durchmachte. „Welcher Plan auch immer … Sie haben recht: Hauptsache, wir sind frei. Ich … ich wollte nie so sterben“, gestand er schließlich leise.
„Wer will das schon.“
Raymond verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn ich sterbe, sollte es im Kampf passieren … am Besten noch ein paar Feinde mitnehmen …“
„Ich dachte eher an ein gemütliches Himmelbett und viele niedliche Enkelkinder mit Blumensträußen … aber Ihre Variante gefällt mir auch.“ Lairis winkte den Jungen zu sich heran und ergriff seine Hand eine Spur zu fest. „Sie haben mich auf eine gute Idee gebracht. Rufen Sie die Wechselbälger und sagen Sie ihnen …“ Sie unterbrach den Satz mit einem gequälten Aufschrei. „Sagen Sie, wenn sie mich ganz lieb darum bitten, gebe ich Ihnen die Kom-Frequenz von Lieutenant Marc van de Kamp, meinem Ingenieur … Das Dominion will Konstruktionspläne? Die sollen sie bekommen.“
„Aber Captain …“
Ihre Miene war hart und angespannt. „Ich hoffe, Marc begreift, weiß ich von ihm will!“


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