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STD 01 - Böses Erwachen von Adriana

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Als Lairis erwachte, lag Raymond in Ketten. Ein Metallreif drückte seinen Brustkorb gegen einen Betonpfeiler, seine Hände steckten in Handschellen, seine Füße waren mit Draht verschnürt. Lairis brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass sie selbst auf die gleiche Weise gefesselt war. „Sind Sie in Ordnung, Kadett?“ fragte sie sofort.
Raymond nickte schwach. „Ich denke schon … Und Sie?“
„Mein linkes Bein ist eingeschlafen … Wo sind wir?“ Es war eine rein rhetorische Frage, auf die Lairis keine erschöpfende Antwort erwartete.
„Sieht wie eine alte Tiefgarage aus“, überlegte Raymond. „Ich hatte ein ganz ekelhaftes Gefühl … als würde ich in zähem Schleim feststecken und ersticken …“
„Ging mir genauso. Und ich wette, es war Schleim – und zwar solcher, den die Sternenflotte mit Phasern jagt“, gab Lairis trocken zurück.
Raymond schluckte offensichtlich. „Mich würde mal interessieren, wie sie uns hier her verschleppen konnten, ohne dass es jemand merkt.“
„Wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Ich habe einen Gleiter gemietet“, antwortete eine arrogante Stimme – eine Stimme, die Lairis vertraut vorkam.
Mit gutem Grund, denn es war ihre eigene. Die Frau, die aus dem schummrigen Zwielicht in den staubverseuchten Scheinwerferkegel trat, sah aus, wie sie. Bis auf die ordentliche Frisur und die frisch gewaschene Sternenflottenuniform. Und das süffisante Lächeln.
„Sie spielen Fesselspielchen mit sich selbst? Also, das nenne ich pervers!“
„Mit mir selbst? Das würde ja bedeuten, dass wir beide identisch sind. Zu meinem Glück ist das nicht der Fall“, konterte die Fremde.
„Was wollen Sie von uns?“ fragte Kadett Kitamura gepresst.
„Diese unscheinbare kleine Sicherheitsbox mit den Konstruktionsplänen Ihres neuen Schiffsprototyps. Oder was dachten Sie?“ erwiderte sie ohne Umschweife.
„Fragen Sie doch meinen Vater! Ach nein, schade, Sie haben ihn ja umgebracht! Wie wär’s, wenn Sie uns losbinden, dann können wir uns alle an den Händen fassen und eine Seance abhalten … aber vergessen Sie die Räucherstäbchen nicht!“
Captain Lairis lächelte dem Jungen zu. Als er der Formwandlerin Paroli bot, wallte ein Gefühl wie mütterlicher Stolz in ihr auf. „Bei mir sind Sie auch an der falschen Adresse. Versuchen Sie’s mal bei UTOPIA PLANITIA“, fügte sie betont gleichgültig hinzu.
„Das haben wir bereits. Aber es sieht leider so aus, als hätte eure Schiffswerft eine höhere Geheimhaltungsstufe als der Tal Shiar … jedenfalls, was dieses spezielle Projekt angeht.“
„Ach, und nun denken Sie, Captain Kitamura hätte einen Satz Konstruktionspläne, die unter die höchste Geheimhaltungsstufe von UTOPIA PLANITIA fallen, in einer Schatzkiste unter seinem Fächerahorn verbuddelt? Wie unprofessionell!“
„Es würde zu einem Solid passen.“ Die Formwandlerin wandte sich an Raymond. „Ich schätze, Sie haben tatsächlich keine Ahnung, wo die Sicherheitsbox ist.“
Raymond schüttelte nur den Kopf und die Fremde starrte Lairis in die Augen. „Aber Sie wissen mehr.“
„Wie kommen Sie darauf?“
Die falsche Lairis lächelte blasiert. „Ich war zwar nur ein Keramikfrosch – aber was Sie am Gartentor zu dem Jungen gesagt haben, ist mir nicht entgangen: Sie meinten, der Widerstand hätte Ihnen beigebracht, Dinge zu verstecken, die niemand finden darf …“
Die Bajoranerin schluckte. Ihre gefesselten Hände fühlten sich kalt an. Hätte ich doch bloß die Klappe gehalten! dachte sie frustriert. Laut sagte sie: „Hören Sie, ich weiß nicht, wo sich die verfluchte Box hin verirrt hat oder was drin ist! Dass es die Konstruktionspläne der DEFENDER sind, halte ich für unwahrscheinlich …“
„Egal, was es ist – die Sternenflotte versucht es um jeden Preis geheim zu halten. Damit haben sie uns neugierig gemacht.“
Lairis gab sich ungerührt. „Wenn Sie der Frosch waren – wer war dann die Zimmerdecke?“
Die Formwandlerin trat ein paar Schritte zurück. Das Lächeln auf ihrem Gesicht wich keinen Millimeter zurück, ihre Augen wirkten starr. „Er bereitet gerade ein Mittel vor, um Sie etwas … kooperativer zu stimmen.“
Lairis versteifte sich bei diesen Worten. „Wie oft soll ich noch sagen, dass ich nichts weiß!“
„Ein kleiner Denkanstoß würde uns genügen.“
„Also, da fällt mir auf Anhieb nur der Fächerahorn ein.“
„Machen Sie mir nichts vor!“ entgegnete die Gestaltwandlerin kalt.
„Wer macht hier wem etwas vor?“ fuhr der Captain sie an. „Keiner, der mich gut kennt, wird länger als zwei Minuten auf diese Maskerade reinfallen! Wenn Sie mich ersetzen wollen, müssen Sie sich ganz schnell etwas Besseres einfallen lassen!“
„Sie ersetzen?“ Die Fremde lachte auf, als hätte Lairis etwas besonders Absurdes von sich gegeben. „Seien Sie mir nicht böse, aber dafür sind Sie nicht wichtig genug.“
Während Lairis ihr wimmerndes Ego beschwichtigte, wandte sich der Wechselbalg an Raymond. „Es gibt gar keinen Fächerahorn im Garten ihres Vaters.“
„Dann war es eben eine Rotbuche. Himmel, ich stamme von Bajor! Erwarten Sie doch nicht von mir, dass ich sämtliches Grünzeug der Erde identifizieren kann!“
„Botanik ist aber eines Ihrer Hobbys.“
Lairis’ Augen verengten sich. „Dafür, dass ich so unwichtig bin, haben Sie sich ja ziemlich gründlich über mich informiert!“
Ihr Ebenbild zuckte die Schultern. „Es ist lebenswichtig, dass man seine Feinde kennt – auch die unwichtigen. Schließlich könnten sie eines Tages wichtig werden.“
„Offenbar lieben Sie Grundsatzgespräche mit gefesselten Opfern. Sie haben eindeutig zu viele Cardassianer imitiert!“
Zu ihrer Überraschung erwiderte der Wechselbalg: „Da haben Sie leider Recht.“
„Wissen Sie, Sie sind nicht die einzige, die gern über ihre Feinde im Bilde ist … Haben Sie einen Namen, mit dem ich Sie ansprechen kann?“
„Ich hatte viele Namen, aber sie sind alle bedeutungslos. Namen sind etwas für Solids, die an ihrer Existenz zweifeln, wenn sie sich nicht unverwechselbar fühlen … Meine Namen waren nichts weiter als austauschbare Etikette – bis auf den Allerersten: Als ich noch sehr jung war, nannte mich jeder Jen’thal.“
„Cardassianisch für: Das Ding“, übersetzte Lairis. „Die Cardassianer mochten Sie wohl nicht besonders …“
„Ich bin auf ihrer scheußlichen Welt erwacht, ohne zu wissen, wer ich bin, was ich bin …“
„Sie sind eins von hundert Kindern, die von Ihrer Rasse ausgeschickt wurden, um die Galaxie zu erforschen“, stellte Lairis fest.
„Es hat Jahre gedauert, bis ich endlich aus dem Forschungslabor des Obsidianischen Ordens entkommen konnte … dann war ich ständig auf der Flucht, bis ich durch das Wurmloch stolperte. Die Cardassianer fürchten sich vor allem, was sie nicht kontrollieren können, verachten alles, was anders ist … Dabei sind sie auch nur Solids – und nicht einmal besonders begabte.“
„Der Aufstieg vom Flüchtling zur Göttin war sicher ein Kulturschock. Kein Wunder, dass Sie die Bodenhaftung verloren haben“, kommentierte Lairis trocken. „Sehr göttlich ist das aber nicht, was Sie hier tun, Jen’thal …“
„Die Anderen haben so viel für mich getan, dass ich glücklich bin, ihnen endlich etwas zurückzugeben. Sie haben mich von diesem Drecksplaneten geholt …“
„Sie haben Sie dort ausgesetzt, weil sie selbst zu feige waren, ihren kuscheligen Gelatineteich zu verlassen“, erwiderte Lairis hart.
„Für die Erforschung der Galaxie auserwählt zu werden ist eine große Ehre und ich bin stolz darauf! Aber das kann ein Ich-bezogener Solid wie Sie natürlich nicht verstehen.“
„Ein Sprichwort der Menschen lautet: Bomben und Auszeichnungen treffen meistens Unschuldige. Sie durften sich von Cardassianern piesacken lassen, während Ihre lieben Verwandten in der Großen Verbindung geschwommen sind und sich als Götter anbeten ließen … Und nun erledigen Sie immer noch die niederen Arbeiten. Finden Sie das gerecht?“
„Bei uns gibt es keine höheren oder niederen Arbeiten – nur den Dienst an der Gemeinschaft“, erklärte Jen’thal hoheitsvoll. „Die Große Verbindung hat meinem Leben erst einen Sinn gegeben. Ich wusste vorher nicht, wie es ist, eine Heimat zu haben, eine Familie …“
„Mir kommen gleich die Tränen!“ konterte die Bajoranerin sarkastisch.
„Genug geplaudert! Wir sollten keine Zeit mehr verschwenden.“ Jen’thal aktivierte einen Holoprojektor in der Mitte des Raumes. Ein dreidimensionales, halb durchsichtiges Bild drängte sich zwischen Raymond und Lairis: Eine junge, dunkelhaarige Frau, menschenähnlich, an einer Diagnoseliege festgeschnallt … Rötliche Läsionen durchzogen ihr Gesicht wie Fraktale. Sie wirkte zu Tode verängstigt. „Ist Ihnen die Quickening-Seuche ein Begriff?“ fragte die Formwandlerin mit sachlicher Kühle. „Schätzungsweise nicht, denn sie stammt aus dem Gamma-Quadranten – genauer gesagt, aus den Laboratorien brillanter Vorta-Wissenschaftler. Es gibt achtzehn oder neunzehn verschiedene Mutationen des Erregers: Viren, die auf den genetischen Code einer bestimmten Rasse zugeschnitten sind, Viren, die fast alle Solids befallen, Viren, die durch die Luft übertragen werden … oder durch den Austausch von Körperflüssigkeiten … Auf manchen Planeten leben ganze Generationen mit dieser Krankheit. Ihre Babys werden damit geboren. Es gibt kein Heilmittel, keine Rettung …“
„Du Dreckstück!“ platzte Raymond heraus. „Das ist Völkermord!“
Lairis konnte ihm nur zustimmen. Das Mitgefühl, das Jen’thal für einen Moment erweckt hatte – ein Mitgefühl, dass die Bajoranerin für jeden empfand, der von Cardassianern verfolgt wurde – war schlagartig verpufft.
„Ihre Schwarz-Weiß-Malerei ist unangemessen. Man sieht uns als Götter und Götter müssen manchmal strafen“, erwiderte die Formwandlerin ungerührt.
„Und was haben diese Völker getan, um das zu verdienen? Zu wenig Kirchensteuer gezahlt? Gegen Ihr glorreiches Imperium rebelliert? Oder wollten sie gar nicht erst beitreten?“
„Gratulation, Captain Lairis, Sie bekommen in diesem Test die volle Punktzahl!“
„Sie sind ja krank!“ fuhr Raymond sie an.
„Nein, ich bin gewiss nicht krank. Allerdings fürchte ich, Sie werden bald sehr krank sein – es sei denn, Ihr Captain zeigt sich ein bisschen gesprächiger.“
„Das können Sie nicht machen!“ protestierte Lairis mit dumpfer Stimme. „Kadett Kitamura weiß nichts – das haben Sie selbst festgestellt! Also halten Sie ihn bitte raus!“ Im selben Moment begriff sie, wie sinnlos es war, den Wechselbalg um Gnade für Raymond zu bitten. Sie ballte die Fäuste und ihre Fingernägel gruben sich tief in die Handflächen.
Ihr Ebenbild ignorierte sie. „Die verschiedenen Varianten des ‚Quickening’ unterscheiden sich
lediglich durch die Inkubationszeiten und die Art und Weise der Übertragbarkeit. Der Verlauf der Krankheit ist immer der gleiche: nämlich sehr unangenehm … aber sehen Sie selbst.“
Die Frau auf dem Holobild schrie. Ihre Haut platzte überall auf, rotes Blut besudelte kaltes Metall, sie zerrte verzweifelt an den Bandagen, die sie an die Liege fesselten … als könnte sie sich dadurch von ihren Qualen befreien. Ihre Schreie berührten Lairis tief im Inneren.
Durch das halbtransparente Hologramm sah sie Raymonds entsetztes Gesicht. Der Junge wandte sich ab, stemmte sich gegen die Fesseln … so wie die Frau auf der Diagnoseliege.
Sie wimmerte gegen Ende nur noch leise … als hätte sie keine Kraft mehr zum Schreien.
Jen’thal näherte sich dem jungen Kadetten mit einem Injektor. „Das ist Ihre letzte Chance, Lairis. Sie wissen jetzt, was das Quickening anrichtet.“
Ja, das wusste Lairis. Und es quälte sie. Die Vorstellung, dass ganze Völker mit dieser fürchterlichen Seuche geschlagen waren … nur weil sie dem Dominion nicht beitreten wollten? Rachsucht war kein fremdes Gefühl für sie – aber die Gründer des Dominion hatten jedes Maß überschritten, jede Grenze … und sie war ihnen hilflos ausgeliefert. Sie und Kadett Kitamura.
„Captain, erzählen Sie nichts!“ rief Raymond – aber seine Stimme klang unverkennbar zittrig.
Lairis zögerte noch für ein oder zwei Sekunden. Der Junge hatte völlig Recht: Sie durfte dem Feind gegenüber nichts preisgeben. Nicht einmal fadenscheinige Theorien und Vermutungen.
Mehr hatte sie ohnehin nicht zu bieten.
„Würden Sie mal endlich dieses eingefrorene Reklamelächeln ablegen? Davon kriegt man ja Zahnbelag! “ fauchte sie, als der Wechselbalg sie eindringlich ansah.
Jen’thal zuckte mit den Schultern. Raymonds Atem ging schwer und irgendwie rasselnd.
„Nein!“ Lairis schüttelte immer wieder den Kopf. Ihre Machtlosigkeit versetzte sie in Wut. „Machen Sie mit mir, was Sie wollen – aber lassen Sie den Jungen in Ruhe, verdammt noch mal!“
„Plärren Sie nicht so – Sie kriegen ja auch noch was ab.“
Dann hörte man nur noch das Zischen des Injektors. Jen’thal wandte sich um und Lairis wäre am liebsten rückwärts gegangen. Der Pfahl stand dem leider im Weg. „Entspannen Sie sich, Captain. Ein paar Läsionen geben Ihrem Gesicht gleich ein bisschen Charakter.“
„Versuchen Sie nicht, meinen Humor nachzumachen – das tut weh!“
„Meine Liebe, wenn Sie das hier überleben – was ich nicht glaube – werden Sie völlig neu beurteilen, was weh tut.“
Mit diesen Worten entlud sie das Hypospray in Lairis’ Halsschlagader.
Raymond keuchte entsetzt auf.
„Falls es Ihre Panik dämpft, Kleiner – es gibt selbstverständlich ein Antigen.“
„Das wir nicht ohne Gegenleistung bekommen, richtig?“
„Ihre Auffassungsgabe ist bewundernswert, Captain“, spottete Jen’thal.
„So langsam nervt mich Ihr herablassendes Getue!“ entgegnete Lairis wütend. „Ja, ich weiß, Sie halten sich für die Spitze der Evolution … Sie und Ihre dickflüssige Verwandtschaft … und das mit dem Gestaltwandeln ist ja auch ne feine Sache … Sie arbeiten nicht viel, richtig? Dafür haben Sie Ihre Lakaien – Ihre Vorta, Jem’Hadar und all die Unglückwürmer, die auf Ihren Befehl Männchen machen, damit das Quickening sie nicht frisst … Was fangen Sie eigentlich mit Ihrer vielen Freizeit an?“
„Regieren“, antwortete Jen’thal ungerührt.
„Damit die Galaxie nicht ins Chaos stürzt?“ gab die Bajoranerin sarkastisch zurück. „Wenn Sie nicht alles, was lebt und atmet, unter Ihrer Kontrolle haben, werden Sie paranoid und schmieden gleich Kriegspläne ... Ja, man kann schon verzweifeln, wenn man eine kollektive Zwangneurose zum Sinn des Lebens aufgeblasen hat …“
Die Faust ihrer Doppelgängerin traf Lairis hart ins Gesicht.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf einem braun gemusterten Teppich.
Raymond beugte sich über sie und lächelte erleichtert. „Ein Glück – Sie sind wach!“
Lairis richtete sich langsam auf und massierte ihre pochenden Schläfen. Ein Alptraum aus roten Herzchen und orangefarbenen Blüten sorgte dafür, dass sie die Augen zukniff. „Bin ich im Delirium oder ist die Tapete wirklich so hässlich?“
Raymond kicherte. „Wahrscheinlich ist die Seuche nicht echt und sie wollen uns mit Ihrem schlechten Geschmack foltern.“
Lairis griff den Faden bereitwillig auf. „Ich denke auch, sie bluffen nur und haben uns nicht wirklich infiziert. Einen unbekannten Virus – eine Biowaffe – auf die Erde zu schmuggeln, stelle ich mir sehr schwierig vor ...“ Ihre Worte schmeckten schal nach aufgesetztem Optimismus. Sie hatte zu lange im Untergrund gelebt, um an die Allmacht von Zollkontrollen und Transporterfiltern zu glauben. Doch es war eine Hoffnung, an die sie sich klammern konnte. Das brauchte sie – und Raymond ebenfalls.
„Sie haben wahrscheinlich Recht, Captain.“ Der Junge sah erleichtert aus. „Die Formwandler-Tussi hat uns zwar in Quarantäne gesteckt und sämtliche Fenster und Türen mit Kraftfeldern versiegelt … aber sie will wohl nur sichergehen, dass wir nicht abhauen. Vielleicht kriegen wir sogar was gebastelt, um das Kraftfeld kurzzuschließen. Ein Hochsicherheitsknast ist das hier nicht gerade – eher ein verlassenes Hotel. Leider ohne Replikator, aber mit Wasserklo.“
„Die haben wahrscheinlich keine Lust, hinter uns her zu putzen.“
Der Kadett schmunzelte.
„Ist die Aussicht wenigstens schön?“


Raymond zog die Vorhänge beiseite, warf einen Blick aus dem Fenster und runzelte die Stirn. „Nicht gerade das, was ich sehen will, bevor ich sterbe.“ „Wir werden nicht sterben!“ erklärte Lairis fest. Neugierig trat sie neben den Jungen und betrachtete nachdenklich das makabere Panorama, das sich ihnen bot. Es war eine Wüstenlandschaft, die zwar irdisch aussah, aber trotzdem eine Gänsehaut verursachte: Ruinen am Horizont, verkohlte Bäume und kein Zeichen von Leben.
„Ich denke, ich weiß, wo wir sind“, meinte Raymond. „Im Dritten Weltkrieg, als sich Nord- und Südamerika in die Wolle gekriegt haben, gab es eine hart umkämpfte Stadt – Las Cruces. Die Mexikaner haben sie erobert und alle Amis vertrieben. Amerika rächte sich mit zwei Atombomben. Oder waren es drei?“
„Das heißt, wir sind in Las Cruces? Weshalb wurde die Stadt nicht wieder aufgebaut?“
„Die Vulkanier haben eine Gedenkstätte daraus gemacht. Geöffnet von 9 bis 18 Uhr.“
„Dann ist die Besuchszeit seit zwei Stunden vorbei.“ Lairis schauderte.
„Und zwar bis übermorgen. Die haben dienstags geschlossen, soviel ich weiß. Mist, Mist, Mist! Die Wechselbälger werden schon gewusst haben, weshalb sie uns hier her verschleppt haben: Hier kommt so bald keiner vorbei.“ Raymonds Miene wirkte düster. „Soll ich die Vorhänge wieder zuziehen?“
„Ja, bitte!“
Nun herrschte wieder Dämmerlicht im Zimmer und Kadett Kitamura schaltete eine der Wandlampen ein. „Ich schätze, die ganzen Möbel stammen noch aus dem 20. Jahrhundert ... jedenfalls sehen sie so aus.“
„Faszinierend! Bestimmt finden wir eine Bibel im Nachtschrank.“
„Ein wenig geistlicher Beistand wäre jetzt nicht schlecht“, erwiderte Raymond leise.
„Falsche Religion.“
„In meinem Fall eigentlich auch. Ich bin Buddhist. Naja, nicht wirklich …“ Plötzlich erstarrte Raymonds Lächeln. „Captain, Sie haben da was im Gesicht …“
„Wahrscheinlich eine gebrochene Nase.“
Doch das Scherzen verging Lairis sehr schnell, denn der Junge sah aus, als hätte er seinen eigenen Tod gesehen. Er drehte den Kopf und sie entdeckte das Mal auf seiner rechten Wange: geschwollene, purpurfarbene Striemen verschlangen sich zu einem bizarren Gebilde.
Lairis entdeckte ganz ähnliche Läsionen auf ihrem Unterarm und kämpfte mit aller Kraft gegen die Panik. „Bei den Propheten – sie haben tatsächlich … Dieses elende, nekrophile Biest! Warum kann sie nicht mit Peitschen und Kohlenzangen beginnen, wenn sie uns zum Reden bringen will? Warum gleich etwas, das die ganze Menschheit gefährdet?“
„Es ist kein durch die Luft übertragbarer Virus und kann auch nicht mutieren.“
„Behauptet dieser äußerst vertrauenswürdige Wechselbalg!“ Lairis brauchte dringend einen Plan – aber die sterbende Frau aus der Holoprojektion schrie ihre Agonie heraus und verjagte jeden rettenden Gedanken … Jen’Thal war es egal, ob sie die Menschheit gefährdete. Sie rechnete ohnehin nicht damit, das Lairis und Raymond dieses Gebäude lebend verließen.
„Hören Sie, Kadett, wir müssen uns jetzt gemeinsam überlegen, wie wir aus dem Schlamassel rauskommen! Bloß nicht die Nerven verlieren!“
Raymond nickte schwach. Er ahnte, dass Lairis nicht nur ihn, sondern auch sich selbst beruhigen musste.
Da kam ihr eine Idee. Sie legte ihre Arme um den Kadetten und drückte ihn fest an sich, als wollte sie ihn trösten. Raymond war ziemlich verblüfft, aber dann flüsterte ihm Lairis ins Ohr: „Wir müssen damit rechnen, dass das Zimmer überwacht wird – also kann ich nicht laut reden. Ich habe ein subdermales Implantat aus meiner Zeit beim Bajoranischen Widerstand. Wenn ich es aktiviere, hinterlässt es eine Isotopenspur, durch die man uns finden kann. Auf die Weise konnten wir unsere gefangenen Mitkämpfer retten – jedenfalls wenn wir Glück hatten und der Knast nicht zu gut bewacht war. Meine Offiziere wissen das und würden uns hier rausholen.“
„Und wer heilt uns von der verdammten Krankheit?“
Lairis seufzte. „An der Stelle ist mein Plan noch ein bisschen unausgegoren, gebe ich zu.“
Raymond ließ sich aufs Bett fallen und starrte verbissen an die Decke. „Captain, darf ich Sie was fragen?“
„Warum nicht.“
„Der Spruch mit der kollektiven Zwangsneurose war gut. Als Sie das zu dem Wechselbalg sagten …“ Er stockte. „Wollten Sie Jen’thal damit provozieren, damit Sie uns umbringt, bevor wir uns in blutigen Matsch verwandeln? Schade, dass es nicht funktioniert hat!“
Lairis schüttelte langsam den Kopf. „Ich wollte nichts dergleichen. Mir ist einfach nur der Kragen geplatzt.“ Sie legte Raymond eine Hand auf die Schulter und blickte ihn eindringlich an. „Es kann noch Tage oder Wochen dauern, bis die Krankheit ausbricht. Vorher wird die Sternenflotte uns hier rausholen und alles tun, um ein Heilmittel zu finden.“ Sie glaubte selbst nicht, was sie sagte, aber als Captain durfte sie nichts unversucht lassen, um die Moral aufrecht zu erhalten.
Raymond blieb skeptisch. „Wenn die Krankheit erst nach Tagen oder Wochen ausbrechen würde, wäre sie wohl kaum zu Folterzwecken geeignet, oder?“
„Sie haben wohl angenommen, uns würden sofort die Knie weich werden, wenn sie uns das Zeug reinhauen.“
„Also, mir sind die Knie auf jeden Fall weich geworden!“
Die Bajoranerin lächelte verständnisvoll. „Meine sind immer noch weich. Aber das müssen die Schleimbündel nicht unbedingt merken.“
Raymond gelang es, zurückzulächeln. Captain Lairis ließ sich von ihrer Angst nicht kontrollieren – und er würde sich keine Blöße geben, vor ihr in die Hosen zu machen! Ihre Stärke richtete ihn auf. „Sie waren wohl schon in schlimmeren Situationen?“
„Kann man so sagen.“
„Ich aber nicht!“
„Das kommt noch.“
„Danke Captain, ich kann’s kaum erwarten.“ Sie grinsten sich sekundenlang an.
„Sicher rechnen die Wechselbälger damit, dass wir unsere Geheimnisse ausplaudern, noch bevor die Gedenkstätte wieder aufmacht. Das werden wir aber nicht! Spätestens Dienstag Nacht müssen sie sich also ein neues Versteck suchen, wo sie uns gefangen halten – und dann ergibt sich bestimmt eine Gelegenheit zur Flucht.“
„Aber trotzdem keine Garantie, dass wir geheilt werden.“
„Nein, die gibt es nicht.“ Aus Lairis’ Gesicht war jedes Lächeln verschwunden. „Aber wir würden wenigstens in Freiheit sterben.“


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