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Trick or Treat von Emony

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Vorwort

Tausend Dank an meinen Engel, Amber, die hierzu die Beta gemacht hat! Danke, dass du mich immer wieder angestachelt hast, mal wieder etwas zu schreiben. Das hat mir wirklich gefehlt!

Herzlichen Dank auch an Cola für den tollen neuen Klappentext! *knuddel*
Leonard starrte ungläubig das Padd in seiner Hand an, auf dem der aktuelle Schichtplan für die kommende Woche abgebildet war. In der Nacht des 31. Oktobers hatte er einen Spätdienst bekommen. SPÄTDIENST! Das bedeutete, dass er weder am Abend noch in der Nacht frei haben würde. Er konnte es nicht fassen. Dabei hatte er doch schon vor Wochen bei Dr. Fisher darum gebeten, dass er diesen Abend würde freinehmen können und Fisher wiederum hatte ihm versichert, sich darum zu kümmern! Verdammt!

Unwirsch deaktivierte er das Padd und legte es auf der Arbeitsfläche neben dem Mikroskop ab. Es war schon ziemlich spät und das Labor war menschenleer. Allerdings war sich Leonard sicher, dass auch Dr. Fisher noch in seinem Büro anzutreffen war. Das einzige, was Leonard mit seinem Vorgesetzten gemeinsam hatte, war die Tatsache, dass keiner von ihnen unerledigte Arbeit liegenlassen konnte. Für heute war Leonard mit seiner Arbeit im Labor allerdings fertig. Daher räumte er zügig seinen Arbeitsplatz auf, deaktivierte das Licht und schloss die Tür hinter sich.

Er sollte Recht behalten. In Dr. Fishers Büro brannte noch Licht, wie er durch die Lamellen der Fenster sehen konnte. Leonard beeilte sich den Mann noch zu erwischen und betätigte den Türsummer. Es dauerte einen kurzen Moment, dann öffnete sich die Tür für ihn. Dr. Fisher saß erwartungsgemäß an seinem Schreibtisch, eine Lesebrille auf der Nase und sah von den Padds und dem Computer vor sich auf.

„McCoy“, sagte er zur Begrüßung und klang dabei ein wenig überrascht. „So spät noch hier?“

„Ich wollte die Ergebnisse der letzten Proben noch abwarten“, erwiderte Leonard nickend. „Aber deshalb bin ich nicht hier.“

Dr. Fisher richtete sich in seinem Sessel etwas auf, nahm die Brille ab und legte sie neben dem Computer ab. Er bedeutete seinem Gast vage, sich ihm gegenüber auf einen der Besucherstühle zu setzen.

Leonard zog es vor stehenzubleiben. Er hatte den ganzen Tag gegessen. Sein Rücken schmerzte daher nicht unmaßgeblich. „Ich will Sie nicht lange stören.“

„Also, dann schießen Sie los. Ich würde nämlich auch gern vor zehn Uhr nach Hause gehen.“ Dr. Fischer sah ihn abwartend an.

„Es geht um meinen Dienstplan für die kommende Woche. Sie haben mich in dem Glauben gelassen, dass ich am 31. Oktober frei bekäme oder zumindest einen frühen Dienst, so dass ich gegen Abend zu Hause wäre und Zeit für mein Kind hätte“, legte Leonard sein Anliegen dar.

Dr. Fisher nickte gelassen und lehnte sich entspannt in seinen Sessel zurück. „Ich kann verstehen, dass Sie versuchen gewisse Tage im Jahr frei zu bekommen, McCoy.“ Leonard hasste es, dass dieser Mann sich weigerte ihn mit seinem verdienten Titel anzusprechen. Schließlich bekleidete er ebenfalls einen Doktortitel, wenn auch bislang nur in Humanmedizin! Der andere Arzt fuhr unbeirrt fort und riss Leonard somit aus seinen Gedanken. „Aber das hier ist nicht das Hinterwäldlerkaff, aus dem Sie scheinbar kommen, sondern San Francisco, und wichtiger noch, die Starfleet Academy. Sie können nicht erwarten, zu Halloween, Thanksgiving, Weihnachten, Silvester und womöglich auch noch an Ostern und zu Pfingsten freizubekommen, geschweige denn an Geburtstagen irgendwelcher Familienmitglieder. Sie können sich, wie alle übrigen Kadetten und Offiziere auch, maximal zwei Tage im Jahr herauspicken. An den übrigen stehen Sie ebenso zur Verfügung wie der Rest von uns.“

Leonard spürte Zorn in sich aufwallen, bemühte sich jedoch, diesen zu unterdrücken. „Ich hatte im vergangenen Jahr lediglich zu Weihnachten frei.“

„Sie hatten jedoch versucht Ihre Schichten zu schieben, soweit ich es in Erinnerung habe, um am Geburtstag Ihrer Tochter freizubekommen“, argumentierte der ältere Arzt.

War das zu fassen? Leonard atmete tief durch. „Versucht. Das heißt, ich musste arbeiten. Ich konnte den zehnten Geburtstag meiner Tochter nicht mit ihr feiern. Kennen Sie dieses Gefühl?“ Es war beschissen! Er hatte deshalb immer noch ein schlechtes Gewissen, auch wenn Joanna ihm mehrfach gesagt hatte, dass sie es verstünde. Sie sollte es nicht verstehen müssen. Sie war sein kleiner Engel, sein Baby und das würde sie auch für immer bleiben.

„Auch ich war zu einer Zeit in meinem Leben ein junger Vater“, ließ Dr. Fisher ihn wissen. „Sie müssen sich entscheiden, McCoy. Karriere oder Familie. Beides zusammen funktioniert nun mal nicht.“

Das zu glauben fiel Leonard schwer, auch wenn er es tief in seinem Herzen besser wusste. Er wollte die Hoffnung einfach nicht aufgeben, dass es ihm gelänge beides zu schaffen. Er wollte sich um Joanna kümmern und ihr ein guter Vater sein und gleichzeitig seinen Doktor in Xenomedizin machen und sein Offizierspatent erwerben. Im ersten Jahr hatte es, bis auf ein paar Abstriche hier und da, auch gut geklappt.

Allerdings, und das konnte Dr. Fisher nicht wissen, fuhren Leonards Eltern für einige Tage weg, um ihren Hochzeitstag zu feiern. Leonard war davon ausgegangen, dass es kein Problem sein würde, die Schichten so zu legen, dass er sich für ein paar Tage allein um Joanna kümmern konnte. Davon abgesehen hatte er an der Academy einige gute Freunde gefunden, die bereit waren ihn zu unterstützen, allen voran Jim. Dass er nun ausgerechnet an Halloween einen Spätdienst hatte, warf seine sämtlichen Pläne über den Haufen.

„Bitte, geben Sie mir einen Frühdienst. Ich habe meiner Tochter versprochen mit ihr Süßigkeiten sammeln zu gehen. Es ist ja nicht so, dass ich gar nicht arbeiten will.“ Leonard war der Verzweiflung nahe. Er war bereit auch die unbeliebtesten Schichten zu nehmen, durchzumachen und ohne Pause direkt nach den Unterrichtsstunden ins Medizinische Zentrum der Academy zu kommen.

„Tut mir leid, aber das geht nicht. Sie wissen doch selbst, dass in der Nacht zu Halloween immer viel zu tun ist. Sie haben letztes Jahr schon hier gearbeitet und die ganzen alkoholisierten Kadetten gesehen, denen wir den Magen auspumpen und die wir entgiften durften. Sie wissen, dass wir jeden Arzt und jede Krankenschwester in dieser Nacht brauchen. Ich kann nicht auf Sie verzichten, McCoy. Und damit Ende der Diskussion.“

§§§

Leonards Gedanken drehten sich im Kreis. Missmutig verließ er das Büro seines Vorgesetzten und machte sich auf den Weg zu seiner Wohnung. Dort angekommen, entledigte er sich seiner medizinischen Dienstkleidung, die zwar bequemer als die Kadettenuniform war, aber nichtsdestotrotz Dienstbekleidung blieb. Lediglich in Unterwäsche bekleidet zog ihn der kleine Schrank mit der kleinen Spirituosensammlung nahezu magisch an. An diesem Abend brauchte er einen kleinen Drink, um wieder herunterzukommen.

Wie sollte er das nur Joanna erklären? Sie freute sich bereits auf ihren Besuch in San Fran. Atlanta war bei weitem kein Kaff! Wie konnte Fisher nur so abfällig über Leonards Heimatstadt sprechen, ohne überhaupt zu wissen, wo er geboren und aufgewachsen war! Atlanta war wunderschön und groß, der Vorort, in dem seine Eltern inzwischen mit Joanna lebten, allerdings etwas überschaubarer und anheimelnder. Leonard liebte sein Zuhause und er vermisste es schmerzlich.

San Fran war ihm manches Mal einfach zu laut und zu hektisch. Das konnte natürlich auch daran liegen, dass er zwischen allen Stühlen saß. Ein Studium in Xenomedizin zu machen und nebenher auch noch die Starfleet Academy zu besuchen, um Offizier zu werden, war nun mal kein Pappenstiel. Vielleicht war er einfach zu alt für diesen ganzen Scheiß. Womöglich hatte er sich zu viel vorgenommen.

Er hatte Atlanta hinter sich lassen wollen, um möglichst viel Abstand zwischen sich und Jocelyn zu bringen, dabei war das rückblickend unnötig gewesen. Jocelyn war mit ihrer neuen Liebe Clay nämlich vor nicht ganz sechs Monaten ausgewandert. Auf den Mars! Dort lebten sie in irgendeiner Kolonie, soweit Leonard wusste. Clay hatte dort eine gute Anstellung bekommen und Jocelyn war mit ihm gegangen.

Joanna war am Boden zerstört gewesen. Leonard hingegen erleichtert. Erleichtert vor allem deshalb, weil seine Ex-Frau nicht den Wunsch verspürt hatte, ihre gemeinsame Tochter mitzunehmen. Leonard mochte sich gar nicht vorstellen, wie er sich fühlen würde, wenn sein kleiner Engel in einer vermaledeiten Marskolonie leben müsste! Unter einer verdammten Kuppel, da die Luft für Menschen nicht atembar war! Was da alles schiefgehen konnte …

Erschöpft und mental erschlagen ließ sich Leonard mit einem Glas guten Bourbons in der Hand auf sein Sofa sinken. Er hatte sich nicht mal die Mühe gemacht die Beleuchtung zu aktivieren. Die Lichter der umgebenden Häuser, der silberne Schein der Sterne und des sichelförmigen Mondes, die durchs Fenster fielen, genügten ihm an diesem Abend.

Was sollte er nur tun? Er könnte sich krankmelden. Allerdings war das, nachdem er versucht hatte freizubekommen und gescheitert war, mehr als verdächtig. Er war zu alt, um sich mit derart billigen Ausflüchten aus der Affäre zu ziehen.

Er nippte an dem Glas und ließ den Bourbon für einen Moment im Mund, damit sich das Aroma vollends entfalten konnte, ehe er schluckte. Das wohlig warme Brennen im Hals war vertraut und ließ ihn sich für einen flüchtigen Augenblick entspannen.

Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Wie er es auch drehte und wendete, es wollte ihm keine vernünftige Lösung einfallen.

Nach seinem vierten Bourbon fielen ihm allmählich die Augen zu. Er befand sich an der Schwelle zum Einschlafen, als der Türsummer ihn jäh aus seinem wohligen Dämmerzustand riss. Der flüchtige Blick aufs Chrono verriet ihm, dass es kurz vor Mitternacht war. Leonard verdrehte die Augen, wusste er doch ganz genau, dass es nur eine Person gab, die es wagte noch zu so später Stunde bei ihm hereinzuschneien.

Ächzend stemmte er sich nach dem zweiten Summen, das deutlich persistenter als das erste war, aus den bequemen Sofapolstern und öffnete die Tür. Das kokette Grinsen, das ihn begrüßte, sobald die Tür weit genug offen stand, veranlasste Leonard zu einem weiteren Augenrollen. „Jim.“

Dieser musterte sein Gegenüber und grinste anschließend noch breiter. „Ich sehe, ich komme zur rechten Zeit.“

Leonard stellte sich dumm. „Was?“ Dass die Augen seines Freundes ihn von oben bis unten scannten, entging dem aufmerksamen Arzt keineswegs.

„Sieh dich an …“, meinte Jim und begutachtete ihn mit einem fast schon anzüglichen Lächeln, „Halbnackt.“

„Bist du heute leer ausgegangen? Soweit ich weiß, warst du wieder mal Garys Flügelmann.“

Jim gluckste tief, klopfte seinem Freund auf die Schulter und schob sich an ihm vorbei in dessen Apartment. „Ich bin niemandes Flügelmann.“

Leonard rollte die Augen in Jims Rücken und folgte dem Jungspund zur Sofaecke. Die Tür glitt zischend hinter ihm zu, sobald er den Sensorbereich verließ. „Es ist spät, Jim. Was treibt dich zu mir?“

Ohne um Erlaubnis zu bitten nahm sich Jim das Glas, Leonards Glas, vom Couchtisch und goss sich einen Bourbon ein. „Seit wann trinkst du allein?“

„Bist du neuerdings mein Aufpasser?“, fragte Leonard anstatt zu antworten. „Ich muss mich nicht rechtfertigen.“

„Hat dich dieser Fisher mal wieder fertig gemacht?“, erkundigte sich Jim und sein Interesse schien durchaus ehrlich zu sein. Er trank einen Schluck und ließ ihn sich auf der Zunge zergehen. Das hatte ihm Leonard beigebracht. Der Trottel hatte zu Beginn ihrer Freundschaft den billigen Fusel nicht von wirklich gutem Whiskey unterscheiden können.

„Brauchst du eine Übernachtungsmöglichkeit?“ Leonard wollte nicht über Fisher reden. Heute nicht mehr. Er war viel zu genervt und müde obendrein. Es war ein schrecklich langer Tag und eine noch längere Woche gewesen.

Keiner von beiden war bereit die Fragen des jeweils anderen zu beantworten. Gespräche wie dieses waren fast normal zwischen ihnen. Jim stellte das Glas zurück auf den Tisch neben die halbleere Flasche und stand auf. Leonard blieb unbewegt in der Nähe des Sofas stehen und machte keine Anstalten sich zu Jim zu setzen. „Sprich mit mir, Bones. Irgendwas frustriert dich. Das sehe ich dir an.“

„Lass uns morgen darüber reden. Ich brauche Schlaf. Ich bin einfach nur müde“, erwiderte er matt. „Ich bringe dir eine Decke.“

Es war nicht ungewöhnlich, dass Jim spontan bei ihm übernachtete. Im Gegensatz zu vielen anderen Kadetten genoss Leonard das Privileg eines kleinen Apartments, das er mit niemandem teilen musste. Jim hingegen musste, wie auch schon im ersten Jahr an der Academy, ein Zimmer mit jemandem teilen. In ihrem ersten Jahr hatte Jim das Pech gehabt an einen fiesen Mitbewohner zu geraten – Finnegan. Captain Pike hatte jedoch dafür gesorgt, dass Jim im zweiten Jahr zumindest mit einem guten Freund zusammenwohnen konnte, Gary Mitchell.

Gary und Jim waren sich recht ähnlich, besonders was Verabredungen und Partys anging. Leonard fühlte sich oft zu alt für diesen ganzen Mist. Er wollte einfach nur möglichst gute Arbeit leisten – egal in welcher Hinsicht. Dadurch kam es nicht selten vor, dass er sich selbst isolierte und daher gemeinhin als Eigenbrötler galt.

Ohne auf Jims Reaktion zu warten, holte Leonard ihm eine Decke aus dem Schlafzimmer nebenan und reichte sie ihm. „Gute Nacht, Jim.“

Es verging ein langer Moment, indem sich beide Männer in die Augen sahen. Leonard konnte die vielen Fragen sehen, die Jim beschäftigten, aber an diesem Abend brauchte er einfach nur Ruhe und Frieden. „Danke. Nacht, Bones.“

§§§

Jim lag schlaflos auf der Couch und starrte die Zimmerdecke an. Er machte sich Sorgen um seinen Freund, der seit den Sommerferien seltsam distanziert auf ihn wirkte. Ob etwas zuhause bei ihm vorgefallen war? Soweit Jim wusste, ging es Joanna und auch ihren Großeltern gut. Lag es am Druck der Academy? Wuchsen Bones die Anforderungen etwa über den Kopf? Jim kannte keinen besseren Arzt als ihn. Er vertraute auch keinem anderen so sehr. Er wünschte sich nur, Bones würde ihn einweihen anstatt ihn auszuschließen. Schließlich waren sie doch Freunde. Mehr noch, Bones war sein bester Freund. Jim konnte sich nicht erinnern, dass er jemals einen so guten Freund gehabt hatte. Sicher, sie waren verschieden und nur selten einer Meinung, aber dennoch verband sie etwas – etwas ganz Besonderes.

Aus dem Nebenzimmer drang leises Schnarchen herüber. Der kommende Morgen würde ihm hoffentlich etwas mehr Aufschluss geben. Bones war schließlich immer für ihn da. Wenn es etwas gab, das Jim für ihn tun könnte, damit es ihm besser ginge, er würde es tun. Ganz gleich worum es sich dabei handelte. Solange sie zusammenhielten, davon war Jim überzeugt, ließe sich jedes Problem aus der Welt schaffen.

§§§

Leonard wachte vollkommen verschwitzt auf. Er lag halb bäuchlings, halb seitlich. Zunächst glaubte er, womöglich einen Albtraum gehabt zu haben, doch sobald sein Verstand wieder vollkommen wach war, realisierte er, dass Jim halb auf ihm lag und ihn mit seiner Körperwärme bedrängte. Leonard war nie ein Kuscheltyp gewesen. Er brauchte nachts seinen Platz zum Schlafen. Allerdings kam es nicht selten vor, dass Jim sich zu ihm ins Bett schlich und sich zu allem Überfluss auch noch an ihn kuschelte. Nicht nur leicht, nein, sondern geradezu besitzergreifend! Leonard kam sich wie ein verdammtes Kissen vor.

Wäre Jim nicht so ein guter Freund, hätte er längst einen Riegel davor geschoben. Allerdings wusste Leonard um Jims Vergangenheit und die daraus resultierenden nächtlichen Ängste. Finnegan hatte sich immer wieder gerne öffentlich darüber ausgelassen, dass Jim manches Mal nachts schweißgebadet aus Albträumen erwachte und den Tränen nahe war. Jim hatte jedoch nie drüber sprechen wollen und Leonard nahm einfach an, dass er sich schämte.

Jims Kindheit war keine behütete gewesen. Das war kein Geheimnis. Sein Stiefvater hatte ihm und seinem Bruder das Leben auf der Farm schwergemacht. Seine Mutter war viel auf diversen Raumschiffen unterwegs gewesen und inzwischen sogar auf einer Raumbasis stationiert. Sie sprachen kaum miteinander. So arrogant und selbstsicher Jim tagsüber schien, so hilflos und zerbrechlich wirkte er manchmal in der Nacht.

Nur schwer gelang es Leonard sich halbwegs unter Jims Körpergewicht hervorzuschälen und etwas Abstand zwischen sie zu bekommen. Das Bett war eigentlich groß genug für sie beide. Allerdings schlief Jim praktisch in der Mitte und Leonard lag inzwischen so weit außen, dass er den Bettrahmen kalt unter sich spürte. „Rutsch rüber“, murrte er daher und gab Jim einen unsanften Stoß, sodass dieser sich im Schlaf herumrollte und die Bettmitte wieder freigab. Er murmelte etwas Unverständliches, schlief jedoch weiter.

Leonard rutschte daraufhin etwas mehr zur Mitte hin und kehrte seinem Freund den Rücken zu. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, ein wenig Schlaf blieb ihm daher noch. Nach ein paar Minuten gelang es ihm tatsächlich wieder einzuschlafen.

§§§

„Ich wünschte, wir könnten ewig so hier liegen“, murmelte Jim am nächsten Morgen verschlafen. Er hatte sich im Schlaf erneut an seinen Freund geschmiegt und lag inzwischen mit dem Kopf auf dessen Brustkorb, lauschte dem Herzschlag, und fühlte sich rundum wohl.

Leonard hatte die Augen noch nicht mal offen. Jims Stimme war leise und sanft, aber mehr als deutlich. Erst nach einigen gedehnten Sekunden realisierte er, dass Jim sich seiner erneut bemächtigt hatte. „Das muss aufhören, Jim.“

„Warum?“ Wie um seine Worte zu unterstreichen rieb Jim seine Wange über Leonards Brustkorb.

Trotz des Unterhemds, das Jims Haut von seiner eigenen trennte, vermochte Leonard die Bartstoppeln des anderen Mannes zu fühlen. „Jim, ich meine es ernst.“ Die Grenzen zwischen Freundschaft und was auch immer sich zwischen ihnen entwickelt hatte, verschwammen zusehends. Leonard wusste nicht recht, was er davon halten sollte. Und je mehr er versuchte Abstand zu Jim zu gewinnen, umso hartnäckiger suchte dieser seine Nähe. Wo sollte das hinführen?

Jim flirtete mit ihm. Jim kuschelte mit ihm. Jim machte ganz deutliche Avancen. Und Leonard konnte nicht damit umgehen. Leonard war verbittert. Ein geschiedener, desillusionierter Mann, der sich geschworen hatte, niemals wieder jemandem sein Herz zu schenken. Er versuchte sich nur selbst zu schützen. Sich und auch Joanna, die nicht weniger unter der gescheiterten Ehe litt.

„Können wir es nicht einfach genießen?“, hörte er Jim nach einiger Zeit fragen, ehe dieser seinen Kopf hob, um seinem Freund in die Augen sehen zu können. „Wir müssen es doch nicht analysieren. Es muss auch nichts bedeuten. Ich würde es nur einfach gerne weiter genießen.“

„Aber es bedeutet durchaus etwas, wenn du immer wieder in mein Bett kriechst und dich an mich kuschelst als wärst du …“ Leonard schluckte den Rest des Satzes herunter. Jims klare blaue Augen sahen ihn beinahe flehentlich an. „Männer tun so etwas nicht. Nicht in meiner Welt.“ Er konnte das Aber in Jims Blick sehen. „Kuschelst du auch mit Gary?“

Daraufhin konnte Jim nur irritiert lächeln. „Natürlich nicht.“

„Warum sagst du ‚natürlich‘ nicht, wenn es doch scheinbar ganz ‚natürlich‘ für dich ist, mit mir zu kuscheln und im weitesten Sinn sogar zu schmusen. Du sagst, dass wir Freunde sind, aber deine Signale sind vollkommen andere.“

Seufzend löste sich Jim und richtete sich im Bett auf. Leonard beschloss liegen zu bleiben, während er auf eine Antwort wartete. Er hatte gerade weiß Gott andere Sorgen, als die Beziehung zu seinem besten Freund zu analysieren. Aber sie durften das nicht ewig aufschieben, mussten definieren, was dabei war sich zu entwickeln. Dass sich etwas veränderte, war nicht zu übersehen. Leonard hatte versucht es zu ignorieren, hatte es auf Jims einzigartigen Charakter geschoben, aber allmählich gingen ihm die sinnvollen Begründungen aus.

Jim sah aus wie ein herrenloser Welpe, als er so in der Mitte des Bettes kniete und die Finger nervös in der Bettdecke vergrub, die nur noch einen Teil von Leonard und auch Jim selbst bedeckte. „Du gibst mir dieses Gefühl, Bones“, versuchte Jim sich zu erklären. „Ich weiß auch nicht.“ Er zuckte hilflos die Schultern.

Leonard gab ihm seinen patentierten ‚das ist keine zufriedenstellende Antwort‘-Blick.

„Es war vermutlich meine Schuld“, meinte der Arzt und konnte sehen, wie sich Erleichterung über Jim ausbreitete. „Ich habe damit angefangen, als es dir nicht gut ging und ich dir gestattete, in meinem Bett zu schlafen. Wahrscheinlich habe ich missverständliche Signale ausgesandt. Es tut mir leid.“ Jims Adamsapfel sprang deutlich auf und ab, als dieser schluckte. „Das heißt keineswegs, dass ich dich nicht gern hätte“, versuchte Leonard die Situation zu entschärfen. „Aber das hier …“ Er deutete auf Jim und dann auch sich selbst und schloss das Bett mit ein, „das hier ist nicht normal. Nicht für mich. Und das kann so nicht weitergehen.“

„Kein Problem“, gab Jim kleinlaut von sich.

Leonard kam sich wie ein herzloser Bastard vor. Aber er wollte die beste Freundschaft seines Lebens nicht aufs Spiel setzen. Er musste die Grenzen ziehen, die Jim nur allzu leichtfertig überschritt ohne sich dessen bewusst zu sein.

„Warst du deswegen gestern Abend so niedergeschlagen?“ Jim sah ihn mit diesem Blick an, den Leonard ungern an ihm sah. Der Ausdruck in seinen Augen war so verletzlich und traurig, obgleich er versuchte zu lächeln.

„Nein“, schüttelte Leonard den Kopf. „Du warst nicht der Grund.“ Bevor Jim nachhaken konnte, fuhr der ältere Mann fort. „Ich muss an Halloween arbeiten. Fisher hat mir einen Spätdienst reingedrückt, obwohl ich um eine Frühschicht gebeten hatte. Jojo wird mich besuchen kommen. Sie hat ein verlängertes Wochenende und meine Eltern verreisen, um ihren Hochzeitstag zu feiern.“ Er rieb sich die Stirn. „Ich war mir sicher, dass ich es zeitlich einrichten könnte.“

„Scheiße.“

Leonard nickte und lachte freudlos auf. „Wohl wahr.“

„Ich kann mich doch um Joanna kümmern, während du arbeitest“, schlug Jim nach einem nachdenklichen Moment vor.

„Du organisierst doch das Campus-Spukhaus zusammen mit Gaila und Gary. Ich weiß, dass dir dieser ganze Halloween-Kram viel bedeutet. Wie könnte ich dir da meine zehnjährige Tochter aufhalsen und dir den ganzen Spaß nehmen. Du freust dich seit Wochen darauf.“ Und Leonard graute es seit Wochen davor, da Jim dazu neigte bei derlei Campus-Veranstaltungen zu viel zu trinken. Im Grunde musste Leonard wegen jungen, partysüchtigen Kadetten wie Jim, Gaila und Gary arbeiten. Manchmal kam es ihm so vor, dass er nie so jung gewesen war. Jocelyn war allerdings auch früh schwanger geworden und er hatte darauf bestanden, dass sie das Baby behalten würden, während sie einer Abtreibung nicht abgeneigt gewesen war.

„Es ist doch schon alles vorbereitet. Und bei der Deko kann Joanna uns doch helfen. Das macht ihr vielleicht sogar Spaß. Sobald es dunkel wird, werde ich mit ihr durch die Stadt ziehen und 'Süßigkeit oder Streich' spielen. Das wird bestimmt lustig werden. Sie wird eine tolle Zeit haben.“

„Und was ist mit dir, Jim? Ich kenne dich und weiß, dass du eine gewisse Vorstellung davon hattest, wie der Abend für dich endet.“

Jim verdrehte die Augen und zuckte anschließend die Schultern. „Das wird nicht meine letzte verpasste Party sein, Bones. Und Joanna ist wichtiger. Sie ist deine Tochter. Und damit ist sie auch mir wichtig.“

„Du kennst sie nicht mal“, argumentierte Leonard dagegen.

„Höchste Zeit, dass sich das ändert.“ Jim schenkte seinem Freund ein sonniges Lächeln. Vergessen war scheinbar die bedrückende Unterhaltung von vorhin. „Wenn sie dir ein wenig ähnlich ist, werde ich mich bestimmt prächtig mit ihr verstehen.“

In der Tat ähnelte Joanna ihrem Vater so sehr, dass Jocelyn ihm das immer wieder vorgeworfen hatte. Besonders in der Zeit, als ihre Scheidung unausweichlich wurde.

„Komm schon, Bones. Du hast mir so viel über sie erzählt und es wird Zeit, dass ich sie endlich mal kennenlerne. Ich bin schon lange neugierig auf sie. Sie ist ein wichtiger Teil deines Lebens.“

Im Grunde hatte er doch kaum eine Wahl, daher gab Leonard sich letztlich geschlagen. „Also gut, du hast gewonnen. Abgesehen von meinen Eltern bist du der einzige andere Mensch im Universum, dem ich meine Tochter anvertrauen würde.“

„Du wirst es nicht bereuen!“, versprach Jim und Leonard glaubte sehen zu können, wie es in Jims Kopf zu arbeiten begann, wie er neue Pläne für Halloween schmiedete, die passend für ein zehnjähriges Mädchen waren.

Leonard konnte sich kaum jemanden vorstellen, der besser für die Unterhaltung eines Kindes geeignet war, schließlich war Jim selbst noch kindisch. Auf eine sehr liebenswerte Art, aber nichtsdestotrotz kindisch.


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