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Die Wahrheit über Fähnrich Newman von Iska

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Vorwort

Die tollen Geschichten hier und die Challenge haben mich dazu inspiriert, selbst eine kurze Geschichte mit zwei alternativen Enden zu schreiben. Vielen Dank an Amber für die Beta. :)
„Fähnrich Newman, haben Sie die Analyse der Warp-Kapazität beendet?“, wollte Chefingenieur Geordi La Forge wissen. Der Angesprochene, ein junger dunkelhaariger Mann, drehte sich zu ihm um. „Aye, Sir“, antwortete er. „Der Warpantrieb funktioniert gemäß der Parameter, und seine Kapazität wird derzeit zu 90% ausgeschöpft.“ La Forge nickte zufrieden. „Gute Arbeit, Fähnrich. Sie haben sich Ihren Feierabend redlich verdient. Wir sehen uns morgen wieder zum Dienst!“

Der junge Fähnrich nickte ebenfalls und verabschiedete sich. Während er den Maschinenraum verließ und den Turbolift betrat, fragte er sich, ob er sich das nur einbildete oder ob ihn tatsächlich nach dem Shuttleunfall, der mittlerweile immerhin schon zwei Monate her war, immer noch alle mit Samthandschuhen anfassten. Oder warum lobte La Forge ihn sonst für eine Routineaufgabe über den grünen Klee? Er sagte sich, dass es sinnlos war, sich darüber Gedanken zu machen. Er musste einfach allen beweisen, dass sich nach dem Unfall nichts geändert hatte, dass er wieder ganz der Alte war.

Newman verließ den Turbolift und betrat sein Quartier, das er zusammen mit seiner Freundin Jennifer Morgan bewohnte. Jennifer war ebenfalls Fähnrich und arbeitete auf der Krankenstation, hatte aber heute Frühschicht gehabt und war bereits zu Hause. Sie rannte auf ihn zu und warf sich in seine Arme. „George, da bist du ja endlich! Ich hab dich so vermisst!“ Er erwiderte die Umarmung und sagte lachend: „Jenny, du hast mich doch vor sechs Stunden erst beim Mittagessen gesehen.“ „Das sind genau sechs Stunden zu viel“, antwortete sie und kuschelte sich an ihn.

Er betrachtete sie zärtlich. Er liebte alles an ihr, ihre feinen Gesichtszüge, das lange rotblonde Haar, die tiefblauen Augen. Am meisten liebte er jedoch ihr Wesen. Jennifer war ein herzensguter Mensch, der auch in anderen nichts Schlechtes sehen mochte. Über den griesgrämigen, humorlosen klingonischen Sicherheitsoffizier, den niemand so recht leiden konnte, sagte sie zum Beispiel: “Im Grunde hat er ein gutes Herz. Ich glaube, er ist einfach einsam.“ An den Lästereien über den Sohn der Ärztin, den alle für eine altkluge Nervensäge hielten, beteiligte sie sich ebenfalls nicht, sondern sagte nur: „Ich finde ihn nett, außerdem freut sich seine Mutter immer so, wenn er zu Besuch auf die Enterprise kommt.“ George wusste, dass manche seine Freundin für naiv hielten, aber in seinen Augen war sie einfach perfekt, und ihre Menschenfreundlichkeit machte sie für ihn noch liebenswerter.

Jennifer war dabei gewesen, als er nach seinem Shuttleunfall auf die Enterprise zurückkehrte. Sie hatte gerade Dienst auf der Krankenstation gehabt. Sie hatte weinend an seinem Bett gestanden und Dr. Crusher angefleht, ihn zu reanimieren. Die Ärztin wusste, dass es aussichtslos war, er war zu lange tot gewesen. Nur Jennifer zuliebe hatte sie es doch versucht und konnte es kaum fassen, als sein Herz tatsächlich wieder zu schlagen begann. Jennifer war vor Freude außer sich gewesen, hatte den Kopf auf seine Brust gelegt und schluchzend immer wieder seinen Namen hervorgestoßen.

Sie hatte ihm diese Geschichte schon oft erzählt und ihm jedes Mal gesagt, wie glücklich und wie dankbar sie sei, dass sie noch eine Chance bekommen hatten. Dass sie ihn und die gemeinsame Zeit jetzt erst richtig zu schätzen wisse. Und sie wisse auch, sagte sie, dass er es genauso empfand. Denn er habe sich nach seinem Unfall so verändert, er sei viel liebevoller und aufmerksamer als früher. George wusste nie, was er darauf antworten sollte, also strich er ihr nur übers Haar und lächelte.

Auch wenn Jennifer gern mit ihm allein Zeit verbrachte, schätzte sie doch auch die Gesellschaft ihrer Freunde. Darum hatten sie sich am Abend mit einem befreundeten Pärchen im Zehn Vorne verabredet. Wenn es nach George gegangen wäre, hätte er gern den ganzen Abend in ihrem Quartier verbracht und die Zweisamkeit mit ihr genossen, aber ihre Wünsche waren ihm Befehl.

Da alle Tische bereits besetzt waren, saßen sie zusammen mit ihren Freunden Jeffrey und Agnes am Tresen und plauderten über dies und das. Nach einer Weile bemerkte George, dass Schiffscounselor Deanna Troi direkt neben ihm saß und ihn durchdringend und etwas irritiert musterte. Er erwiderte ihren Blick, woraufhin sie ihn fragte: „Entschuldigen Sie, ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber sind Sie rein menschlich?“ Die Kollegen im Maschinenraum hatten sich in den letzten Tagen das Maul zerrissen über den lautstarken Streit von Counselor Troi mit Commander Riker in ihrem Quartier, der auf dem ganzen Deck zu hören gewesen war. An ihrem Atem und ihrer Aussprache merkte er, dass Troi sich offenbar im Zehn Vorne mit den Brandyvorräten der Barkeeperin getröstet hatte, sonst hätte sie sich auch kaum zu so einer indiskreten Frage hinreißen lassen. George spürte, wie er rot wurde und anfing zu stottern: „W-Wie bitte?“ Die Halb-Betazoidin lächelte entschuldigend. „Ich frage nur, weil sie vollkommen menschlich aussehen, ich aber ihre Emotionen nicht wahrnehmen kann. Das ist bei einem Menschen sehr ungewöhnlich. War einer Ihrer Vorfahren vielleicht Ferengi?“ Jeffrey brach in schallendes Gelächter aus. „Na, so groß sind seine Ohren nun auch wieder nicht!“ Counselor Troi wirkte immer noch etwas irritiert, stimmte aber schließlich in das Gelächter ein. Sie entschuldigte sich für ihre neugierigen Fragen, und George atmete erleichtert auf.

Doch dann spürte er erneut einen durchdringenden Blick auf sich gerichtet. Es war Guinan, die Barkeeperin, die wie ein Mensch aussah, aber keiner war. Sie stand ihm gegenüber hinter dem Tresen und musterte ihn noch eindringlicher als Counselor Troi und er wusste sofort: Sie weiß es. Sie weiß genau, wer ich bin. Was ich bin. Guinan war ihm von Anfang an suspekt gewesen. Er war ihr aus dem Weg gegangen und hatte das Zehn Vorne ihretwegen zu meiden versucht, aber seine Freundin kam gern hierher und ihm waren irgendwann keine Ausreden mehr eingefallen. Guinan hatte ihn bisher nicht beachtet, obwohl er manchmal ihren Blick auf sich zu spüren meinte, doch wenn er aufblickte, sah sie immer in eine andere Richtung. Er hatte es bisher auch jedes Mal geschafft, einen weit von der Theke entfernten Tisch zu ergattern. Bis heute.

Er wusste, dass sie Dinge wahrnahm, die andere nicht sehen konnten. Alle auf der Enterprise wussten das, und er spürte es mit jeder Faser seines Körpers, genauso, wie er die Verwandtschaft zwischen ihnen spürte. Guinan war alt, längst nicht so alt wie er, doch sie wusste, was es bedeutete, ein altes Wesen zu sein, in einer Welt, die sich ständig änderte, und immer wieder alles zu verlieren und neu anfangen zu müssen. Genauso wie er es wusste.

Er war schon lange unterwegs gewesen, allein, auf der Suche nach einem neuen Wirt. Seine Spezies war körperlos, und sie brauchte einen Körper, den sie in Besitz nehmen konnte. Oft musste er dafür die Persönlichkeit, die dem Körper innegewohnt hatte, vernichten, und er hasste das und fühlte sich jedes Mal wie ein Mörder. Darum war er so froh gewesen, als er das Shuttle gefunden hatte. Es war auf einem Planeten notgelandet und dabei war einer der Insassen tödlich verunglückt. Seine Persönlichkeit war fort, aber sein Körper war fast unversehrt. Dieser Körper gefiel ihm. Er war jung, schön und kräftig. Die Wesen, von denen er später erfuhr, dass sie sich „Menschen“ nannten, zumindest die meisten von ihnen, kamen und nahmen den toten Körper mit auf ihr Raumschiff. Er folgte ihnen, und als der richtige Moment gekommen war, ergriff er von dem Körper Besitz.

Er brauchte nicht lange, um sich unter den Menschen zurecht zu finden. Sie waren primitiv und leicht zu durchschauen. Seine Aufgaben als Fähnrich fielen ihm so leicht, dass er sich bemühen musste, extra langsam zu arbeiten, um nicht aufzufallen. Doch er lernte die Menschen und auch die wenigen nicht menschlichen Wesen auf dem Raumschiff bald schätzen. Ihre Freundlichkeit, ihre Hilfsbereitschaft, ihren Sinn für Humor. Er mochte sogar ihre zahlreichen Schwächen, ihre Eitelkeit, ihren Kleinmut, ihre unglaubliche Beschränktheit. Doch am meisten mochte er Jennifer. Er wusste nicht mehr, was er ohne sie anfangen sollte. Er hatte sich noch nie jemandem so nahe gefühlt. Doch was würde sie sagen, wenn sie die Wahrheit wüsste? Sie würde ihn hassen, weil er sie getäuscht hatte, weil er nicht der Mann war, den sie liebte. Er tauschte erneut einen Blick mit Guinan, die ihn aus ihren unergründlichen dunklen Augen ansah. Er wusste, dass die Borg ihre Spezies fast ausgelöscht hatten. Was mochte sie von einer Spezies halten, die die Persönlichkeit ihres Wirts tötete und nur eine leere Hülle zurückließ? Giunan öffnete den Mund und setzte zu reden an. Würde sie die Wahrheit sagen?


Ende 1

„Sie haben Counselor Trois Frage noch nicht beantwortet, Fähnrich“, sagte Guinan mit ihrer tiefen, wohlklingenden Stimme. „Wie ein Ferengi sehen Sie wirklich nicht aus - aber sind Sie rein menschlich?“ Er spürte, wie es ihm die Kehle zuschnürte. Er hatte das Gefühl, dass Guinan ihn mit ihrem durchdringenden Blick hypnotisierte. Ich weiß es, schien dieser Blick zu sagen, und wenn du es ihr nicht sagst, tue ich es.

Er holte tief Luft. „Nein, das bin ich nicht, und ich glaube, das wissen Sie auch.“ Er wandte sich an Jennifer, die ihn mit weit aufgerissenen Augen fassungslos anstarrte. „Ich bin nicht Fähnrich Newman. Er ist tot, und ich habe seinen Körper in Besitz genommen. Ich gehöre einer Spezies an, für die ihr Menschen keinen Namen habt. Aber es spielt keine Rolle, wer ich bin oder war. Ich liebe dich, Jenny.“ Er strich ihr über die Wange, doch sie zuckte zurück. „Von ganzem Herzen. Ich war immer auf der Suche nach etwas, aber ich wusste nie, was das war - bis ich dich traf. Ich könnte dir oder irgend jemandem auf diesem Schiff nie etwas antun. Ich bin endlich angekommen, ich möchte einfach nur weiter hier leben und Fähnrich Newman sein.“

Jenny sah ihn an. Er hatte befürchtet, dass sie ihn für verrückt halten würde. Doch er merkte, dass sie ihm jedes Wort glaubte. Ihre Lippen zitterten, und eine Träne rollte ihr über die Wange. „Deswegen warst du so anders“, flüsterte sie. „Du bist nicht George. George ist tot. Du hast dich in mein Leben geschlichen und mich belogen.“ Sie schluchzte auf, dann holte sie tief Luft, unterdrückte ein erneutes Schluchzen und tippte auf ihren Kommunikator. „Morgan an Sicherheitsdienst“, sagte sie, „Außerirdischer Eindringling im Zehn Vorne.“

Er seufzte. Es war wieder so weit, er musste fort. Diesen Körper verlassen und sich einen neuen suchen. Doch eines würde ihm nicht mehr passieren: Er würde sich nie wieder verlieben. Diesen Fehler hatte er zum letzten Mal begangen.


Ende 2

„Es gibt viele Spezies, die ihre Gefühle verbergen können“, sagte Guinan, „Nicht nur Ferengi.“ George hielt den Atem an, doch Guinan schwieg und musterte ihn nur weiterhin mit durchdringendem Blick.

„Das ist wahr“, erwiderte George und hielt ihrem Blick stand. „Aber wer weiß, vielleicht habe ich tatsächlich einen Ferengi in meinem Stammbaum. Ich sollte einmal mit meiner Mutter reden.“ Erneut brachen alle in Gelächter aus, und auch Guinan ließ sich zu einem Lächeln hinreißen. „Lassen Sie doch Ihrer Mutter Ihre Geheimnisse“, erwiderte sie, „Egal ob Ferengi, Mensch oder was auch immer - das sagt nichts darüber aus, wer wir wirklich sind.“

Sie sah den jungen Mann und seine Freundin an, und als George nach Jennifers Hand griff, vertiefte sich Guinans Lächeln. Sie verließ ihren Platz hinter dem Tresen, um einen neuen Gast zu bedienen, und George sah ihr nach und wusste, dass er eine Freundin gefunden hatte.


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