TrekNation Einloggen
Info-CenterImpressumTeam
Erweiterte Suche

Das Blühen der Zweige von Amber

[Reviews - 17]   Drucker Kapitel oder Geschichte Inhaltsverzeichnis

- Schriftgröße +
Ein warmer, spielerischer Hauch in seinem Nacken holte Garak sanft aus dem Schlaf. Ohne sein Zutun legte sich ein Lächeln auf sein Gesicht und ein wohliges Prickeln durchfuhr seinen Körper.

"Guten Morgen, mein Liebling", vernahm er Julians leise Stimme an seinem Ohr. "Aufwachen, wir haben etwas verschlafen ..."

"Ausreichend, um im Bett bleiben zu können?"

"Nein", giggelte Julian. "Ausreichend, damit du noch zwanzig Minuten Zeit hast." Er küsste Garak zärtlich auf die Wange und erhob sich vom Bett. "Ich war schon im Bad, es gehört also ganz dir."

Seufzend setzte sich der Cardassianer auf, sein Blick fiel auf Julians über der Stuhllehne hängende Krawatte und er grinste vergnügt. Gestern Nacht waren sie beide mit dem festen Vorhaben heimgekommen, Garaks Krawattenidee aufzugreifen. Doch kaum hatten ihre nackten Körper das weiche, kuschelige Lager berührt und sich unter den zärtlichen Liebkosungen des geliebten Partners entspannt, hatte auch schon der Schlaf seine warmen Hände über sie ausgebreitet.
Versonnen stand Garak auf und ging ins Bad, um sich fertig zu machen. Aus dem Wohnbereich hörte er seinen Partner gutgelaunt vor sich hin pfeifen. Julian erstaunte ihn immer wieder. Sie hatten gerade mal vier Stunden geschlafen und Julian sah nicht nur ausgesprochen munter aus, nein, er schien es sogar zu sein. Garak schüttelte ansatzweise den Kopf, unterbrach diese Tätigkeit dann aber rasch, als ein stechender Schmerz ihn daran erinnerte, dass er vielleicht den einen oder anderen Risas Herbstfunkeln zu viel hatte.

„Geht's dir gut?“, erkundigte sich Julian besorgt, als Garak mit leicht gerunzelter Stirn zu ihm ins Wohnzimmer kam und sich den Kopf rieb. „Kater?“

„Bitte?“

„Spürst du die Nachwirkungen des Alkohols?“, klärte Julian ihn auf. „Das ist ein terranischer Ausdruck: einen Kater haben. Der Begriff hat sich ungefähr Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt, vermutlich ist er aus dem Wort Katarrh entstanden, das - ...“

„Mein liebster Doktor“, unterbrach Garak sanft den Redefluss. „So gerne ich deiner entzückenden Stimme lausche und Neues lerne … Ja, ich denke ich habe einen Kater.“

Julian schloss zu ihm auf und strich ihm über die Stirn. „Soll ich dir was gegen die Kopfschmerzen geben? Übelkeit auch?“

„Danke, es wird schon gehen“, lehnte Garak ab und atmete tief durch. „Nach einem Tee und etwas Bewegung fühle ich mich sicher besser.“

„Und wenn nicht ...“

„... finde ich den Weg zur Krankenstation.“


***


„Guten Morgen ihr zwei!“, wurde das Paar kurz darauf von einer fröhlichen Jadzia begrüßt, die zwischen einem finster guckenden Worf, einer gähnenden, aber durchaus zufrieden aussehenden Kira und einem müde lächelnden Kal-Jinn saß. Sie hatten zwei Tische zusammengeschoben, so dass ausreichend Platz für alle war.

„Guten Morgen“, grüßte Julian zurück und drückte Garak sanft auf einen Stuhl. „Ich bring dir was Leichtes mit.“

Kira sah Garak mitfühlend an. „Nachwehen?“

„Ein wenig.“

„Probieren Sie das mal!“ Jadzia reichte dem Cardassianer ein Glas mit bitter riechender, sprudelnder Flüssigkeit. „Curzons Geheimrezept, es wirkt wahre Wunder.“

„Ich bin nicht gänzlich überzeugt ...“

„Vertrauen Sie Ihr, Garak“, mischte sich Kal-Jinn lächelnd ein und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich habe es auch schon einige Male getrunken. Das schlimmste daran ist der Geruch und der Geschmack.“

„Sehr amüsant“, schnaubte Garak und nahm zögerlich das Glas entgegen. Er schnupperte und drehte den Kopf rasch – zu rasch, wie dieser sich beschwerte – zur Seite. „Ich verzichte.“

„Trinken Sie“, empfahl nun auch Worf. „Einfach ansetzen und runter damit. Ich weiß, wovon ich spreche.“

„Das wage ich nicht zu bezweifeln, aber – Oh, mein lieber Doktor, gut, dass du zurück bist“, wandte sich Garak erleichtert an seinen Partner, der ein Tablett mit Raktajino, Tee, Trauben und Butterhörnchen abstellte. „Was sagst du dazu?“ Er hielt Julian das Glas hin.

„Aaah, Curzons geheime Medizin! Es schmeckt scheußlich, aber die Übelkeit verschwindet. Wohl bekomm's!“ Aufmunternd klopfte der Arzt seinem Partner auf den Rücken.

Alle Augenpaare richteten sich auf den Cardassianer, der einen tiefen Seufzer tat und dann mutig das Glas ansetzte. Am liebsten hätte er den Inhalt sofort wieder ausgespuckt, als sich ein bitterer Geschmack in seinem Mund ausbreitete und ihm gleichzeitig heiß und kalt werden ließ. Unwillkürlich schüttelte er sich und keuchte leicht. „Du meine Güte ...“

„Besser?“, erkundigte sich Jadzia mit einem triumphierenden Grinsen und in der Tat, Garak stellte fest, dass die Übelkeit verschwunden war.

„Ich bin beeindruckt, meine Liebe. Beeindruckt und ein wenig angewidert. Aber vielen Dank."

Lachend schüttelte die Trill den Kopf. "Nichts zu danken. Wo steckt Miles?"

"Zuhause", antwortete Julian kauend und trank einen Schluck Raktajino. "Er meinte gestern noch, er mag lieber mit der Familie frühstücken, wenn er schon so lange unterwegs war."

Allseits verstehendes Gemurmel und Genicke.

Dass die Nacht für alle kurz war, zeigte sich darin, dass das Frühstück relativ schweigsam vonstatten ging - was ob der Anwesenheit von Jadzia und Julian schon an ein Wunder grenzte, wie Garak in Gedanken schmunzelte.

"Okay, ich werde dann mal zur Krankenstation losgehen." Julian küsste Garak auf die Stirn, erhob sich und wandte sich an Kal-Jinn: "Es hat mich wirklich sehr gefreut, dass wir uns kennengelernt haben!"

Der große Risaner stand ebenfalls auf und trat zu Julian. "Mich auch, sehr sogar." Damit zog er den Arzt in eine feste Umarmung, die dieser gerne erwiderte. "Wir sehen uns bald auf Risa, Julian", sprach Kal-Jinn ihm leise ins Ohr und senkte dann noch mehr die Stimme, so dass Julian sich anstrengen musste, ihn zu verstehen: "Frag ihn, er wird ja sagen."

Überrascht drehte Julian den Kopf, um den Risaner anzusehen. "Woher weißt du ...?", wisperte er.

"Ich hab Augen im Kopf", erklärte Kal-Jinn grinsend und schlug Julian freundschaftlich auf die Schulter. Julians Wangen färbten sich rot und er schüttelte lächelnd den Kopf: "Ich halt dich auf dem Laufenden."

"Mach das, ich muss ja auch wissen, ob ich für euren Aufenthalt was Spezielles planen muss."

Lachend knuffte Julian den Risaner in die Seite, um sich dann nochmal zu seinem Partner zu neigen, der die beiden mit fragender Neugier beobachtet hatte. "Ich liebe dich, hab ich dir das heute schon gesagt?", flüsterte Julian ihm ins Ohr, küsste ihn sanft auf die Wange und verließ dann winkend und fröhlich pfeifend den Replimaten.

Mit hochgezogenen Stirnwülsten blickte Garak Kal-Jinn an, der sich neben ihn setzte. „Sollte ich etwas wissen?“

„Alles zu seiner Zeit, mein Guter“, antwortete der Risaner mit einem geheimnisvollen Zwinkern.

Theatralisch seufzend zuckte Garak die Schultern und widmete sich wieder seinem Kräutertee.


***


Nach dem Frühstück verabschiedeten sich Dax und Kira unter vielen Umarmungen und Küsschen von Kal-Jinn, auch Worf ließ sich in eine herzliche Umarmung ziehen, nachdem die Trill ihm einen augenrollenden Blick zugeworfen hatte.

„Ich werde dich vermissen!“ Jadzia drückte ihren Freund noch einmal feste. „Und es ist wirklich in Ordnung, dass ich nicht bis zu deinem Abflug bei dir bleiben kann?“

„Natürlich, Jadzia“, erwiderte der Risaner. „Garak wollte mir noch seinen Laden zeigen und mit Sicherheit werde ich noch viel zu viel Geld ausgeben, weil sein Angebot einfach unwiderstehlich ist.“

Der Schneider deutete eine lächelnde Verbeugung an und wartete, bis Kal-Jinn sich von allen verabschiedet hatte. Dann schlenderten die beiden gemächlich das Promenadendeck entlang, bis sie schließlich vor „Garaks Kleider“ standen. Garak schloss den Laden auf, schaltete das Licht ein und machte eine einladende Geste: „Willkommen in meinem bescheidenen Atelier.“

„Vielen Dank!“ Kal-Jinn trat ein und ließ seinen Blick anerkennend schweifen, bis er an einem gemütlich aussehenden blauen Sofa hängenblieb, das etwas versteckt im hinteren Ladenbereich stand und irgendwie nicht so ganz in das Gesamtbild des Ladens passen wollte. „Wenn ich eine Vermutung anstellen darf … Julian?“

Schmunzelnd nickte der Cardassianer. „Er hat bisweilen die etwas enervierende Angewohnheit, seinen entzückenden Hintern auf meinem Arbeitstisch zu platzieren. Und irgendwann habe ich dann resigniert, es war einfach keine Wille zur Besserung in Sicht.“ Mit einer unbewussten, sehr liebevollen Geste strich Garak über den Stoff des Sofas. „Und ich gestehe, inzwischen genieße ich es, mir hin und wieder eine Teezeit darauf zu gönnen.“

„Ihr steht euch wirklich sehr nah." Kal-Jinn trat neben Garak und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Bewahr dir das Gefühl gut, so etwas ist nicht selbstverständlich und ein unbeschreibliches Glück."

Garak erwiderte das Lächeln herzlich. Dass Kal-Jinn soeben zum vertraulichen "Du" gewechselt hatte, erschien ihm überaus passend und freute ihn. "Nun, genug geträumt, lass uns einmal schauen, was wir für dich finden." Enthusiastisch drehte sich der Schneider herum und hob den Zeigefinger. "Ich habe einen wunderschönen petrolfarbenen Stoff, der hervorragend zu deinen Augen passen wird und dazu ..."


***


Die nächsten Tage nach der Risanischen Nacht kamen den Stationsbewohnern ein wenig langweilig und trist vor und so kam es, dass es zur Abwechslung mal Garak war, der deutlich mehr zu tun hatte als Julian, da anscheinend jeder zweite Bewohner – bevorzugt weiblichen Geschlechts – in seinen Laden kam und ein „lockeres, bunteres Kleid“ haben wollte.

Gerade saß Julian nach Schichtende auf dem Sofa, trank einen Raktajino und sah seinem Partner dabei zu, wie dieser einer etwas korpulenteren Dame auf möglichst diplomatische Weise von dem Kauf eines pinken, weiten Kleides mit gerafftem cremefarbenem Tüll abraten wollte; dabei konnte er sich nur mühsam ein Lachen verkneifen. Letztendlich half keine Diplomatie, keine Schmeichelei und keine Bestechung – die Kundin verließ samt Kleid strahlend den Laden und der Schneider hängte entschieden das „Geschlossen“-Schild an die Tür.

„Ach, Elim, komm schon“, versuchte Julian ihn lachend aufzuheitern. „Du hast alles versucht. Denk doch einfach daran, dass sie bei der nächsten Geburtstagsparty glatt als Torte auftauchen könnte!“

„Du bist unmöglich, mein liebster Julian“, seufzte Garak schmunzelnd und strich ihm liebevoll über die Haare.

„Und entzückend“, fügte der Arzt grinsend hinzu und half dabei, den Laden aufzuräumen. „Übrigens hat Jadzia mit dem Captain geredet. Vermutlich können wir tatsächlich nächsten Monat einige Tage frei bekommen, um nach Risa zu fliegen.“

„Oh, das sind ganz ausgezeichnete Nachrichten, mein Liebling.“

Julian trat an seinen Partner heran und umarmte ihn fest. „Ich freu mich schon sehr darauf. Endlich mal wieder ein paar Tage mit dir ganz ungestört, kein Kommunikator, kein medizinischer Notfall im ungünstigsten Moment ...“

Zärtlich spielte Garak mit den weichen Haaren in Julians Nacken. Er wusste, wie sehr Julian seinen Beruf liebte, aber er verstand, dass ihn dieser momentan stark an seine Grenzen brachte. Eine Auszeit würde ihm mehr als gut tun.

„Komm, mein liebster Doktor, lass uns nach Hause gehen.“

Im Quartier angekommen machte Julian das, was Garak mit einem liebevollen Grinsen die "Babyrunde" nannte: Er huschte zum Fächerahorn, musterte ihn kurz und nickte dann zufrieden, ehe er seinen Blick über die drei anderen Jungpflanzen - allesamt verschiedene Ahorne - im Raum wandern ließ, die Garak vor einigen Tagen geholt hatte.

"Alles zur Zufriedenheit, Herr Doktor?", fragte Garak lächelnd. Es war nicht unbedingt so, dass Julian viel von Zimmerpflanzen verstand oder sich darum kümmerte, aber er schien jedes Bäumchen tatsächlich sehr gerne zu haben.

Der Mensch erwiderte das Lächeln und rieb sich etwas verlegen die Stirn. "Alles noch voller Blätter. Tee?"

"Gerne."

Während Julian Tee bereitete, goss Garak die Pflanzen und ließ sich dann neben seinem Partner auf das Sofa sinken. Dankend nahm er den Tee entgegen und seufzte entspannt. Das wohlige Gefühl "Zu Hause" erfüllte jede Faser seines Körpers und Julians munteres Plappern lieferte die vertraute Begleitmusik.

"Triffst du dich heute noch mit Miles?", erkundigte er sich.

"Ist noch nicht sicher. Er steckt irgendwo in einer Röhre und streitet sich mit den Plasmaleitungen. Pass auf“, fügte er grinsend hinzu und betätigte seinen Kommunikator: „Bashir an O'Brien.“

“O'Brien hier, was gibt’s?“

„Na, wo steckst du, Miles?“

“Sehr lustig, Jules. Was willst du?“

„Nur mal nach dir hören.“

“Okay, das ist nett“, brummelte es auch dem Kommunikator. “Ich melde mich, wenn ich hier fertig bin. Bis dann.“

„Bis später“, beendete Julian die Verbindung und drehte sich an Garak, der schmunzelnd den Kopf schüttelte: „Dass du herzerfrischend albern mit einer Tendenz zu boshaft sein kannst, habe ich bereits einmal erwähnt?“

Lachend kuschelte der Arzt sich an seinen Partner. „In der einen oder anderen Form ohne das 'boshaft' – ja, schon einige Male.“ Er krabbelte mit seiner Hand unter Garaks Tunika, um dessen warme Haut zu streicheln. Nach einigen Augenblicken hielt er in der Bewegung inne, runzelte die Stirn und blickte zu Garak hinauf. „Du, Liebling?“

„Hm?“

„Kann es vielleicht sein, dass du … hm ...“, er räusperte sich und setzte ein möglichst unschuldig-diplomatisches Lächeln auf, „ein ganz klein wenig zugenommen hast?“

„Bitte?!“, echauffiert richtete der Cardassianer sich auf und maß seinen Partner empört. „Mitnichten!“

„Doch, ich denke schon. Ist doch nicht schlimm!“, fügte Julian eilig hinzu und küsste Garaks Nase.

„Mein liebster Doktor, das möchte ich vehement von mir weisen!“

Seufzend und mit einem spitzbübischen Grinsen hangelte Julian neben dem Sofa nach seiner Arzttasche, förderte einen Tricorder zutage und richtete diesen auf den halb belustigten, halb empörten Garak. „Da“, meinte der Arzt schließlich und zeigte ihm die Anzeige. „Dein Körperfettanteil ist um 1,3 Prozent gestiegen!“

„Das … kann nicht sein.“

„Der Tricorder lügt nicht“, grinste Julian, warf diesen zurück in die Tasche und schmiegte sich wieder an seinen Liebsten. „Mach dir nichts draus, ich liebe jedes Gramm an dir.“

„Du spottest mir, du unsäglicher Plagegeist!“

„Niemals“, behauptete der Jüngere und konnte ein Glucksen nicht mehr zurückhalten.

„Ich glaube, ich gehe noch eine Runde über das Promenadendeck.“

Bei jeder anderen Person wäre diese Aussage als Maulen klassifiziert worden, bei Garak klang es nach einer höflichen Information – mit einem leicht schnippischen Unterton, wie Julian lachend registrierte, als er seinen aufstehenden Partner am Ärmel festhielt.

„Elim, setz dich wieder“, giggelte er. „Du siehst nach wie vor fantastisch aus und außerdem mag ich den Nachmittag gerne mit dir verbringen. Sei nicht beleidigt.“

Seufzend beugte der Cardassianer sich zu Julian hinab und küsste ihn liebevoll auf die Stirn. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte Julian nicht ganz unrecht, er war in der Tat in den letzten Monaten ein wenig bequem geworden. „Ich bin nicht beleidigt, mein Liebster. Na gut“, fügte er hinzu, als Julian ihn wissend mit hochgezogenen Augenbrauen angrinste. „Vielleicht ein wenig … verstimmt … Dennoch, ich denke, ein Spaziergang wäre angemessen.“

„Elim …“

„Ich bin dir nicht böse, auch wenn du eine unwahrscheinlich undiplomatische Art besitzt, unliebsame Fakten von dir zu geben.“

„Ich bin Arzt, kein Diplomat und außerdem ...“

„Bis später, mein liebster Julian.“ Damit küsste Garak seinen Partner nochmal zärtlich auf die Stirn und verließ das Quartier, Julians grinsendes Augenrollen und Seufzen entging ihm dabei glücklicherweise. Natürlich war er nicht böse auf Julian, er wusste, dass sein Liebster ihn liebte und ihn auch nicht kränken wollte. Allerdings fehlte Julian manchmal die Gabe, seine Worte nicht direkt auf der Zunge zu tragen. Lächelnd schüttelte der Cardassianer den Kopf. Es stimmte, er hatte vor seiner Beziehung mit dem Arzt tatsächlich hin und wieder in seinem Quartier etwas für seine körperliche Fitness getan.

„Garak, hallo!“, riss ihn eine Stimme aus den Gedanken und er drehte sich herum.

„Major Kira, welch ausgesprochene Freude, Sie zu treffen.“

Die Bajoranerin erwiderte sein Lächeln, zog dann aber besorgt die Stirn kraus: „Ist alles in Ordnung? Sie wirken ziemlich nachdenklich?“

„Oh, danke, alles bestens“, versicherte Garak, hörte aber selbst, dass er nicht sonderlich glaubhaft klang und so fügte er mit einem resignierten Schulterzucken hinzu: „Ich vertrete mir nur etwas die Beine, nachdem mein feinfühliger Liebster mich überaus charmant darauf hinwies, mir könnte ein wenig mehr Bewegung gut tun.“

„Das hat er nicht wirklich?“, empörte sich Kira und schüttelte ungläubig den Kopf. „So taktlos kann nicht mal Ju- doch. Moment. Kann er.“

Ob der rechtschaffenen Empörung in Kiras Gesicht musste Garak lachen. „Es ist in Ordnung, zu meiner Schande muss ich gestehen, dass er Recht hat. Und nun denke ich über eine Lösung nach.“

Kiras Blick wurde nachdenklich, sie wog den Kopf hin und her und nickte schließlich, ehe sie zu dem Cardassianer aufsah und ihm ein ehrliches, freundliches Lächeln schenkte: „Garak, ich bin gerade auf dem Weg zur Trainingshalle und wollte mich im Nahkampf üben … Wenn Sie möchten … Sie wären bestimmt eine interessantere Gesellschaft als ein Hologegner?“

Überrascht hob Garak seine Stirnwülste. „Nun … ich bin mir nicht sicher ...“

„Ach, kommen Sie“, die Bajoranerin schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Vermutlich können wir eine Menge voneinander lernen, nicht?“

Nun war es an Garak, nachdenklich den Kopf von einer Seite zur anderen zu neigen … „Warum nicht, Sie haben recht! Allerdings habe ich keine angemessene Gewandung bei mir ...“

„Kein Problem“, winkte Kira ab. „Der dortige Replikator hat Sportkleidung jedweder Art und Schallduschen sind auch vorhanden, wir können also direkt los.“

„Einverstanden. Ich würde nur eben noch Julian informieren, falls er mich sucht ...“

„Moment. Kira an Bashir!“

“Bashir hier?“

„Garak wird mich zur Trainingshalle begleiten.“

“Äh … okay?“

„Gut. Dann Ihnen einen schönen Nachmittag, Julian.“

“Okay …“

Mit einen spitzbübischen Funkeln in den Augen trennte die Bajoranerin die Verbindung und grinste Garak an. „Jetzt hat er was zum Nachdenken. Auf geht’s!“


***

Eineinhalb Stunden später saßen der Cardassianer und die Bajoranerin erschöpft, aber zufrieden und - vor allem - verschwitzt Schulter an Schulter an die Wand der Halle gelehnt und tranken Wasser aus Flaschen.

Garak lächelte still vor sich hin. Wer hätte diese Situation je voraussagen können: eine ehemalige Widerstandskämpferin und ein ehemaliger Aggressor, Seite an Seite nach einem freundschaftlichen Kampftraining?

Kira schien ähnliches durch den Kopf zu gehen, denn sie wandte sich mit einem nachdenklichen Ausdruck in ihren dunklen Augen Garak zu. "Was meinen Sie ...", sie hielt kurz inne, dann machte sich ein offenes und sehr herzliches Lächeln auf ihrem Gesicht breit. "Nerys, einverstanden? Lass uns die Vergangenheit endlich abschließen. Freunde?"

Perplex und mehr als erstaunt erwiderte Garak den Blick und schaute dann auf Kiras ausgestreckte Hand. Der Frau schien es ernst zu sein! Er war sich nicht sicher, was ihn mehr überraschte: die Tatsache, dass Kira ihm das Du anbot oder dass eine Bajoranerin ernsthaft bereit war, einem Cardassianer zu vergeben?

Ohne es bewusst zu steuern, ergriff er Kiras Unterarm in der Art des bajoranischen Gruß und drückte ihn herzlich.

"Nichts lieber als das, Nerys", sprach er gleichermaßen gerührt und verwundert aus und fügte mit einem leichten Neigen des Kinns hinzu: "Elim."

Sie verharrten kurz in dieser Position, schauten einander fest in die Augen und verstanden in diesem Moment all die ungesagten Dinge, die nur jemand verstehen konnte, der die Besatzungszeit miterlebt hatte: Reue, Schuld, Wut, Trauer, Stolz und über allem der Wunsch nach Vergeben für all die begangenen Gräueltaten.

Zeitgleich nickten sie und lösten lächelnd den Griff.

"Darauf sollten wir anstoßen!", entschied Kira und grinste. "Bist du bereit, Julians Neugier und Geduld noch etwas zu strapazieren?"

"Mit dem größten Vergnügen, dieser Anlass soll wirklich gebührender als mit Wasser gefeiert werden", zwinkerte Garak.


***

Kurz darauf saßen die beiden geduscht und frisch an einem Tisch im Quark's und stießen mit einem von Quark empfohlenen andorianischen Eiswein an.

"Elim, darf ich dich etwas fragen?"

"Natürlich."

"Du musst auch nicht darauf antworten ..."

"Zu jeder Frage gibt es mehrere passende Antworten, liebe Nerys", entgegnete Garak mit einem vergnügten Zwinkern.

"Gut. Du und Julian", begann Kira zögerlich, "Das frage ich mich schon die ganze Zeit, wie ist es dazu gekommen, also, wer hat den Anfang gemacht?"

Garak trank einen Schluck Wein und musterte sein Gegenüber. Kira sah ihn interessiert an und lächelte auffordernd: "Julian erzählt nichts. Also, er und ich stehen uns auch nicht so nah, als dass er über derart privates mit mir sprechen würde. Und Jadzia hat er trotz all ihrer mehr oder weniger fairen Versuche, etwas aus ihm herauszubekommen, abgeblockt. Wir wissen nur, dass es irgendwie mit eurem Zelturlaub auf Bajor begonnen hat."

Der Cardassianer nickte langsam und sandte im Stillen ein beeindrucktes Danke an seinen Liebsten. Ihm war bewusst, dass Julian größtenteils ihm zuliebe wohl darauf verzichtet haben musste, allzuviel über den Beginn ihrer Beziehung zu sprechen - abgesehen natürlich mit Miles. Als Kira ihn nun so herzlich ansah, seufzte er lautlos. Warum nicht? Immerhin war es auch Kira gewesen, der er damals gegenüber unbeabsichtigt geäußert hatte, wie viel er für Julian empfand und ihre Reaktion darauf war tadellos und freundlich gewesen.

"Unser lieber Doktor hatte bereits bei seiner Ankunft hier auf der Station mein Interesse geweckt", begann er langsam und ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er an den quirligen, bisweilen mehr als nervigen, attraktiven jungen Arzt dachte, der frisch von der Akademie kam um die Welt zu verbessern. Inzwischen war Julian zwar deutlich reifer und - vor allem - ruhiger geworden, aber es steckte noch mehr als genug von dem Akademieabgänger in ihm und das war etwas, das Garak sehr schätzte. "Jedenfalls hatte ich für mich entschieden, mich etwas näher mit ihm zu befassen und das nicht nur, weil ich ihn für ausgesprochen gutaussehend hielt."

Kira gluckste leise und Garak fuhr fort: "Während unserer regelmäßigen Mittagessen lernte ich ihn immer besser kennen und war hingerissen und fasziniert von Julians Art. Dieses ständige Hin und Her zwischen dem scheinbar naiven Kindskopf und dem vorbildlichen Offizier mit dem Hang, alles und jedem die Hand zu reichen. Und irgendwann ... war aus Neugier und Wertschätzung tatsächlich ... mehr geworden", druckste er verlegen herum und schüttelte über sich selbst den Kopf. "Julian war es schließlich, der dieser routinierten Freundschaft eine neue Tiefe gab, indem er immer öfter vorschlug, die Abende gemeinsam zu verbringen. Und so kam es, dass wir oft bis in die Nacht zusammen saßen und redeten oder einen von ihm ausgesuchten Film sahen - und ich weiß nicht wie, aber ich verliebte mich in ihn." Garaks Blick wurde weicher und rückte in die Ferne. Dass Kira verzückt und gebannt an seinen Lippen hing, bemerkte er nicht. Erst, als sie ihm eine Hand auf den Unterarm legte: "Und dann?"

Garak wandte ihr den Blick zu und erwiderte ihr Lächeln. "Leider nichts 'und dann'", gestand er. "Ich hatte keine Ahnung, wie Julian die Sache - ob er überhaupt irgendetwas - sah. Natürlich, ich bildete mir gerne ein, dass er, wenn auch diskret, auf meine dezenten Avancen reagierte und hin und wieder mehr als nur freundschaftliches Interesse an mir zeigte, aber ..." Er zuckte mit den Schultern. "Er war die einzige Person auf dieser Station, die überhaupt Interesse hatte, ihre Freizeit mit mir zu verbringen, das wollte ich nicht verlieren."

Verstehend nickte Kira und schenkte sich und Garak noch einmal Wein nach. "Um ehrlich zu sein, Elim, einige von uns konnten es nicht begreifen, was Julian an dir fand - und umgekehrt genauso. Aber es war offensichtlich, dass da irgendwas zwischen euch lief und glaub mir, es machte nicht nur Jadzia halb wahnsinnig, nicht zu wissen was sich da wirklich abspielte!"

Garak lachte gut gelaunt. "Oh, meine Liebe, letzteres machte mich auch allmählich verrückt. Vor allem, als Julian dann auf die Idee kam, mich zum Zelten nach Bajor einzuladen! Du glaubst nicht, was mir alles durch den Kopf ging, welche Szenarien. Von katastrophal bis hin zu sehr expliziten," zwinkerte er und entlockte Kira ein Kichern: "Oh doch, das wäre mir an deiner Stelle ähnlich gegangen ..."

"Und nun kommen wir auch schon fast zum Schluss der kleinen Geschichte", erzählte der Cardassianer weiter, nachdem er erneut aus seinem Glas getrunken hatte. Der Wein war gut - und vermutlich nicht ganz unschuldig an der ausgelassenen Stimmung zwischen ihnen. "Auf Bajor war es plötzlich eine ganz neue Situation. Nur er und ich, keine Pflichten, keine Beobachter. Nur wir. Es war neu, aber zugleich so vertraut. Und als wir in Bajors herrlichem Herbstwald wanderten, abends bei Feuerschein auf den See blickten, die Sterne über uns funkelten ... nun ja ...", er brach lächelnd ab und Kira drückte sanft seinen Arm. "Ohne, dass tatsächlich etwas geschah oder gesagt wurde, es änderte sich ganz zart und ruhig alles zwischen uns. Unsere erste Nacht verbrachten wir Hand in Hand und glaub mir, ich war der glücklichste Mann im Quadranten ..."

"Aaaaaw", entfuhr es der Bajoranerin leise. "Mehr ist nicht passiert?" Garak schüttelte den Kopf. "Wie romantisch ...", seufzte Kira und stützte ihr Kinn auf die Hände.

"Ja, es war sehr romantisch", bestätigte Garak und in seinem Bauch wirbelte es wohlig warm bei der Erinnerung daran. "Zurück auf der Station hielten wir es für klüger, erstmal nichts über den noch unsicheren, neuen Stand unserer ... Beziehung ... verlauten zu lassen, aber bereits nach wenigen Wochen war es Julian, der mich damit überraschte, dass er offiziell als mein Partner auftreten wollte. Und den Rest der Geschichte kennst du", endete er lächelnd.

Die beiden blieben noch einen Moment in dem vertrauten Schweigen sitzen, dann griff Kira nach Garaks Hand. "Danke."

"Ich habe zu danken." In der Tat, es hatte ihm mehr als gut getan, einmal darüber zu sprechen, ihre ganze Geschichte zu erzählen und in Kira hatte er eine wundervolle Zuhörerin gefunden.

Das Piepsen von Kiras Kommunikator unterbrach den Moment. "Kira hier."

"Ich bin's, Julian", erklang die Stimme des Arztes. "Ist alles in Ordnung, ist Elim noch bei Ihnen?"

Kira zwinkerte Garak zu. "Ja, Julian, alles in Ordnung. Wir wollten uns gerade verabschieden."

"Oh, okay ..."

"Bis morgen zur Dienstbesprechung, Julian!", verabschiedete sich die Bajoranerin und trennte die Kom-Verbindung.

Gemeinsam standen sie auf und gingen noch ein Stück des Weges zusammen.

"Nächste Woche zur selben Zeit?", erkundigte sich Kira, bevor sie in den Gang zu ihrem Quartier einbog.

"Sehr gerne, Nerys."

"Habt noch einen schönen Abend." Kira umarmte Garak kurz. "Bis dann."

Garak sah der Bajoranerin noch einen Augenblick nach, dann machte er sich lächelnd auf den Weg nach Hause. Wie sehr sich sein Leben doch verändert hatte ...

***
Schlusswort: Danke nochmal an Kal-Jinn. Aaaaw, du wundervoller Schatz wirst uns fehlen! Aber ... *zwinker* ... ich weiß ja was, was ihr anderen noch nicht wisst. XD


Bitte gib den unten angezeigten Sicherheitscode ein: