Kein Stern an keinem Himmel by dammitcola
Summary:

Die Crew der Enterprise steht unter Schock, als bei einer Mission kurz vor Weihnachten ihr jüngstes Mitglied ums Leben kommt: Pavel Chekov. Obwohl die Regularien in solchen Fällen lediglich ein Kondolenzschreiben des Captains vorsehen, will Jim Kirk Pavels Eltern unbedingt persönlich aufsuchen. Ihm wird allerdings ein Strich durch die Rechnung gemacht - worauf sich Leonard McCoy freiwillig als sein Stellvertreter meldet. Das »Fest der Liebe« steht vor der Tür, und ohne Jim würde Leonard es ohnehin allein verbringen müssen. Im russischen Kolpino, wo er von Pavels trauernden Eltern warmherzig aufgenommen wird, widerfährt ihm jedoch Unfassbares. Ist Pavel Chekov tatsächlich tot? Offiziell starb er bei einer Explosion, doch sein Körper konnte nicht geborgen werden ...


Categories: Kinofilme > Star Trek (AOS) Characters: James T. Kirk, Joanna McCoy, Leonard 'Bones' McCoy, Original Character(s), Pavel Chekov, Spock
Leonard H. McCoy/Pavel Chekov, Angst, Bromance, Character Death, Drama, Family, Friendship, Humor, Hurt/Comfort, Mystery, Romance, Slash, X-Mas, Challenges: Keine
Series: Keine
Chapters: 6 Completed: Ja Word count: 23370 Read: 269 Published: 01.12.17 Updated: 11.12.17

1. Nach Kolpino by dammitcola

2. Pavel Chekov by dammitcola

3. Weiße Lügen by dammitcola

4. Leonard McCoy by dammitcola

5. Schwarze Wahrheiten by dammitcola

6. Nach Hause by dammitcola

Nach Kolpino by dammitcola

Nach Kolpino

 

 

 

»Wo hast du die Pralinen, Bones?«

 

Jim bedachte Leonard mit diesem Blick, der besagte, dass er in Kürze in seiner Trübseligkeit ertrinken würde, wenn er nicht augenblicklich Süßigkeiten zu verzehren bekam.

 

»Welche Pralinen?«, gab Leonard sich jedoch ahnungslos. Er mochte diese Pralinen, er mochte sie wirklich, dabei gab es kaum Naschereien, mit denen man ihn locken konnte - und Jim würde ihm keine einzige übrig lassen.

 

»Du weißt ganz genau, welche. Die, die Pfleger Daagir dir geschenkt hat. Er erzählt überall rum, dass es die besten Pralinen des Universums sind und du der beste Vorgesetzte überhaupt, weil du der erste Arzt bist, der ihn nicht behandelt wie einen tellaritischen Dorftrottel. Dafür darfst du auch Schweinewitze vor ihm machen, du und sonst niemand, O-Ton Daagir.« Hoffnungsvoll blinzelte Jim ihn an.

 

Leonard seufzte, öffnete die rechte Schublade seines Schreibtisches und holte die edel aussehende Schachtel heraus, um sie vor Jim auf die Tischplatte zu legen. Dunkelblau mit goldenen Ornamenten. Galaxy's Diamonds, was immer Schokolade auch mit Diamanten zu tun haben sollte. »Hier hast du sie. Aber lass mir welche übrig.«

 

Leonard selbst neigte nicht dazu, zwischendurch zu naschen. Er hatte vor nicht allzu langer Zeit gegessen und schaffte jetzt beileibe keine Pralinen mehr.

 

»Klar«, behauptete Jim, riss den reich verzierten Deckel auf und stopfte sich zwei Pralinen zugleich in den Mund. Zwei weitere folgten Sekunden später.

 

So verschwanden sie also, Daagirs kostbare, mit Whiskey gefüllte Vollmilchpralinen mit einem Hauch von Zimt und Koriander. In Rekordzeit verschlungen vom Captain der Enterprise. Das war wieder mal typisch.

 

 

 

»Wie geht's dir?«, fragte Leonard schlicht, als die Pralinenschachtel zur Hälfte leer war.

 

Jim, der es offenbar als unter seiner Würde empfand, nur jeweils eine Praline auf einmal zu essen, ließ die Hand mit seinen nächsten beiden sinken. Zu Leonards Überraschung legte er sie sogar zurück in die Schachtel, kaum hörbar etwas murmelnd, das wie »Ach, Bones« klang.

 

Leonard sagte nichts. Er wartete, den Blick aufmerksam auf Jim gerichtet, während dieser sich betont interessiert in Leonards Büro auf der Krankenstation umschaute, als habe er es nie zuvor von innen gesehen.

 

»Bones, ich ...« Jim blinzelte heftig, bevor er Leonards Blick endlich erwiderte. »Ich glaub, die Rede war nicht besonders gut.«

 

»Stimmt«, antwortete Leonard. »War sie nicht, wenn man deine bisherigen Reden als Maßstab nimmt.«

 

Gequält und subtil vorwurfsvoll starrte Jim ihn an. »Machst du jetzt einen auf Spock?«

 

»Nein. Ich sage dir nur etwas, das du nicht hören willst: dass dein Sonnenschein-Charme und deine Eloquenz dir nicht helfen bei so einer Sache.«

 

»Bei so einer Sache?«, würgte Jim hervor. Seine Lippen zitterten.

 

»Jim, wir haben heute nicht irgendein Crewmitglied verabschiedet, das wir kaum kannten«, wurde Leonard deutlicher. »Pavel Chekov gehörte zu den Personen, die du täglich um dich hattest. Was erwartest du von dir? Das war keine große Rede vor der gesamten Sternenflotte. Es war eine Trauerfeier. Mein Gott, es ist okay, dass du geweint hast. Niemand hat es dir übel genommen. Chekovs Tod ist noch keine zwei Wochen her.«

 

Tatsächlich gab es kaum jemanden, der bei der Trauerfeier am Vormittag keine Tränen in den Augen gehabt hatte. Spock, natürlich, der reservierte sich seine Tränen für Tage, an denen der Captain persönlich das Zeitliche segnete. Aber sonst hatte der Tod dieses Jungen niemanden unberührt gelassen - und unberührt, das musste Leonard sich eingestehen, war auch in Spocks Fall das falsche Wort.

 

Etwas hatte sich verändert auf dem Schiff. Als hätte Ensign Pavel Chekovs tragischer Tod etwas in der Besatzung wachgerüttelt, ein verstärktes Bewusstsein dafür, wie schnell und unwiderruflich das Leben vorbei sein konnte. Jim hatten sie vor kaum vier Monaten zurück ins Leben holen können. Chekov dagegen würde nicht zurückkehren, und das brachte die Crew offenbar dazu, ihr eigenes Leben und ihre Entscheidungen zu überdenken. Selbst Spock. Nein, ganz besonders Spock, soweit Leonard das beurteilen konnte.

 

»Bones, ich hab ... echt ein schlechtes Gewissen«, fuhr Jim fort. »Wegen so unfassbar vielen Dingen. Ich hätte Pavel auf dem Schiff behalten sollen. Ich hätte meiner Mutter deutlicher sagen sollen, dass sie sich das falsche Weihnachten ausgesucht hat, um mich und Sam nach Riverside einzuladen und irgendwas zu klären. Ich meine, ich hab mich Mister und Missis Chekov doch schon so gut wie angekündigt, ich sollte sie wirklich besuchen, ich -«

 

»Jim«, fiel Leonard seinem Freund ins Wort, sehr sanft jetzt. »Ich glaube, du willst nach Iowa fliegen, Frank hin oder her. Du willst hören, was deine Mutter dir so Dringendes zu sagen hat. Und angekündigt hast du überhaupt nichts, du hast Chekovs Eltern in deinem Kondolenzschreiben lediglich mitgeteilt, dass du hoffst, sie einmal persönlich kennenzulernen. Das ist alles.«

 

»Aber Bones, er war fast noch ein Kind!«, brauste Jim auf, die blauen Augen weit aufgerissen und abermals in Tränen schwimmend. »Ihr Kind, das ich da runtergeschickt hab und das deswegen unwürdig krepiert ist. Es gibt nicht mal eine Leiche, die sie bestatten könnten! Laut sämtlichen Suchtrupps ist da nichts und niemand mehr! Es ist meine Pflicht, die Chekovs zu besuchen, okay?«

 

Dies war der Augenblick, in dem Leonard endgültig beschloss, sich psychologisch weiterzubilden. Egal, wie viele Psychotherapeuten die Flotte auf die Enterprise schickte, Jim würde keinen von ihnen aufsuchen.

 

»Jim«, sagte er geduldig, »Pavel Chekov war trotz seiner erst achtzehn Jahre einer unserer Experten für Stellarkartographie und Physik. Kardia galt nach all unseren Beobachtungen als friedfertiger Planet, die Kardianer selbst als enthusiastische Astronomen. Diese Explosion -«

 

»- war ein Terrorakt, ich bleib dabei, Bones. Und der kardianische Bevölkerungsanteil, der gegen einen Föderationsbeitritt ist, vergrößert sich immer weiter. Ich hätte den Kleinen niemals da runterschicken dürfen.«

 

»Dann hättest du niemanden da runterschicken dürfen«, entgegnete Leonard. »Nicht Spock, nicht mich - niemanden.«

 

»Genau, ich hätte den Mist einfach selbst erledigen sollen!«, rief Jim frustriert. »Bloß, weil ihr alle immer denkt, ich wäre noch nicht fit genug -«

 

»Verdammt noch mal, Jim, jetzt reicht's aber!« Leonard war aufgesprungen, hatte auf den Tisch geschlagen und war lauter geworden als beabsichtigt, doch anders war Jim nicht beizukommen im Moment. »Du willst auf die Fünf-Jahres-Mission? Ernsthaft? Dann, verflucht noch mal, musst du akzeptieren lernen, dass du nicht jeden retten kannst. Ich dachte, das wäre dir klar.«

 

Er bereute seinen Ausbruch sofort, als Jim in sich zusammensank und die Arme um sich selbst schlang. »Ich dachte fast zwei Tage lang, du wärst auch tot, Bones«, hauchte er und presste kurz die Lippen zusammen. »Ich ... ich weiß nicht, was ich dann getan hätte. Ohne dich. Wenn du gestorben wärst, mein ich.«

 

Tief durchatmend umrundete Leonard den Tisch und setzte sich auf die Tischplatte, eine Hand auf Jims Schulter legend. Das wulstige Narbengeflecht auf Leonards Rücken schmerzte noch immer, sobald es gedehnt wurde; seine Wunden waren auf Kardia nicht fachgerecht versorgt worden, und momentan fühlte er sich nicht bereit, irgendwen an sich herumstümpern zu lassen. »Bin ich aber nicht, Jim. Ich bin hier. Ich bin immer hier, und ich - wenn es dir hilft, fliege ich für dich nach Russland, hörst du? Wie wäre das?«

 

»Echt?«, fragte Jim mit ungewohnt hoher, bedrohlich schwankender Stimme. »Aber du ... Bones, jetzt, wo Jocelyn sich gemeldet hat ...«

 

»Jocelyn lädt mich aber nicht über Weihnachten zu sich ein, Jim«, erklärte Leonard ruhig. Er drückte Jims Schulter noch einmal und ließ seine Hand dann sinken. »Sie lässt mich einmal pro Woche mit Jojo telefonieren, weil die beiden mich auch für tot gehalten haben, aber für alles andere ist es noch zu früh. Und hör mal, das wird auch nichts Romantisches. Das mit Jocelyn und mir ist durch. Ich will bloß bezüglich Jojo keinen Fehler machen, und das Dümmste, was ich tun könnte, wäre es, aufdringlich zu sein.«

 

So schwer es ihm auch fiel, das war die Wahrheit. Seine Exfrau hatte ihrer gemeinsamen Tochter schließlich über Jahre hinweg erzählt, er wolle nichts mehr mit ihnen beiden zu tun haben. Er brauchte Geduld. Und wenn Jim bei seiner Familie festsaß, würde er selbst das »Fest der Liebe« ohnehin allein verbringen müssen. Da konnte er ebenso gut Chekovs Eltern einen Besuch abstatten, wenn es Jim so wichtig war. Er hatte ja recht: Es war nur anständig, immerhin war Chekov das jüngste Mitglied der Crew gewesen. Er hätte überleben sollen, er vor allen anderen.

 

Im Festsaal hing eine große Fotografie von ihm, die in Kürze die Wand der im Dienst Gefallenen im Hauptquartier der Sternenflotte zieren würde. Der Chekov auf diesem Bild würde für immer achtzehn Jahre alt sein und strahlen, als hätte ihm jemand ein flauschiges Kaninchen zum Geburtstag geschenkt. Zum Geburtstag. Himmel, in wenigen Wochen wäre Pavel Chekov neunzehn geworden.

 

»Das würdest du tun?«, hakte Jim nach. Erneut streckte er die Hand nach den Pralinen aus, ließ sie wieder sinken und sagte unglücklich: »Ich kann dort unmöglich Spock hinschicken, weißt du? Auch wenn er Weihnachten nicht feiert, das geht einfach nicht.«

 

»Gott bewahre«, schnaubte Leonard. »Natürlich lassen wir das Spitzohr nicht auf trauernde Eltern los, Jim, darüber brauchen wir gar nicht zu diskutieren.«

 

»Was?« Verwirrt blinzelte Jim ihn an, um dann leise hinzuzufügen: »Bones, darum geht es nicht. Es ist ... wegen seiner Mutter, verstehst du? Das ist erst etwas über ein Jahr her, und ich - ich möchte nicht, dass Spock so was tun muss. Das ist zu nah an ihm selbst dran, zumal es auch noch Pavel war, der das Transportersignal damals -«

 

Gemartert stöhnte Leonard auf. »Ja, verstehe«, gab er zu. »Tut mir leid, ich hab nicht dran gedacht im Moment.« Das hatte er tatsächlich nicht. Der grünblütige Kobold war kein wandelnder Eisschrank, auch wenn er meist so wirken mochte. Spätestens die Wochen nach Jims Tod und Wiederbelebung durch Khans Blut hatten Leonard das deutlich gezeigt. Es war kein Tag vergangen, an dem Spock sich nicht persönlich bei ihm nach Jims Zustand erkundigt hatte. Und in Kombination mit seinem derzeitigen Verhalten ...

 

»Schon gut«, murmelte Jim. »Bones, eigentlich wollte ich dich fragen, ob du mich begleiten willst. Ich will nicht allein nach Riverside, verdammte Scheiße. Aber das mit Pavels Eltern, das - das ist wichtiger als ich.«

 

Leonard schluckte. Für Jim Kirk war im Grunde alles wichtiger als er selbst, so großspurig er sich nach außen hin auch gab. »Nimm doch Spock mit«, schlug er vor, ehe ihm vollständig bewusst wurde, was er da sagte.

 

»Spock?«

 

»Spock«, bestätigte Leonard. Doch, die Idee war gar nicht so schlecht. »Er scheint bislang keinen nennenswerten Erfolg mit dem zu haben, was er seit Tagen versucht.« Seit Tagen. Seit der offiziellen Bestätigung von Chekovs Tod und ihrer Rückkehr auf die Enterprise.

 

»Was versucht er denn?«, fragte Jim verblüfft.

 

»Oh, Jim«, ächzte Leonard. »Sag bloß, du hast das nicht mitbekommen? Ich meine, jeder kriegt es mit, und seit der Sache mit Khan läufst du Spock, nimm es mir bitte nicht übel, hinterher wie ein treudoofes Hündchen.«

 

Jim stieß lautstark Luft durch die Nase aus. »Tu ich nicht. Ich finde einfach nur, dass wir es jetzt hinkriegen sollten, uns ernsthaft anzufreunden. Es ist die richtige Zeit dafür, denke ich. Und wenn wir es jetzt nicht schaffen, wann denn dann, Bones?«

 

Um nicht sofort antworten zu müssen, wiegte Leonard den Kopf hin und her. »Dann frag ihn doch einfach«, sagte er schließlich. »Frag ihn, ob er mit dir kommt.«

 

»Und mit welcher Begründung? Und hey, weich mir nicht aus! Was versucht Spock seit Tagen?«

 

»Kann ich dir nicht verraten, wenn du es selbst nicht siehst«, beeilte Leonard sich zu sagen. Er würde nicht über Spocks kompliziertes Liebesleben tratschen; ein solcher Arsch war er dann doch wieder nicht.

 

Nun war es für Jim an der Zeit, sich zwei neue Pralinen in den Mund zu stopfen. Dabei verzog er das Gesicht, als bereitete ihm die Anstrengung des Nachdenkens massive körperliche Schmerzen, und Leonard bekam Mitleid.

 

»Uhura«, sagte er sehr leise, lautlos fast.

 

»Uhura?«, rief Jim mit vollem Mund und kugelrunden Augen. Hastig würgte er seine Schokolade hinunter. Seine Hände bebten, und er brachte sie erst unter Kontrolle, als er sich an der Tischkante festkrallte, so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. »Oh mein Gott, Bones, macht er etwa Schluss? Er will mit ihr Schluss machen, oder? Das versucht er, Bones, nicht wahr?«

 

»So sieht es für mich aus, ja, und das selbst aus der Ferne«, antwortete Leonard bedächtig. »Aber hör zu, du bist auch Lieutenant Uhuras Captain, in Ordnung? Auch sie hat Gefühle, und ich finde nicht, dass wir beide uns am momentan herrschenden allgemeinen Getratsche beteiligen sollten, auch wenn es die Crew ein wenig von ihrer Trauer ablenkt.«

 

»N-Natürlich«, stotterte Jim. Er wirkte fassungslos und zugleich auf wundersame Weise aufgemuntert.

 

»Und jetzt, Jim, gehst du bitte in dein Quartier und denkst in aller Ruhe darüber nach, warum dich das so beschäftigt«, sagte Leonard.

 

Er machte sich bereits auf heftigen Widerspruch gefasst, doch Jim nickte nur stumm, die Augen nach wie vor unnatürlich geweitet. »Gleich, ja?«, meinte er dann mit heiserer Stimme. »Gleich, Bones.«

 

 

 

Ein paar Minuten lang saßen sie beide wortlos in Leonards Büro. Minuten, in denen Jim Daagirs teure Pralinen endgültig verschlang und ihre edel aufgemachte Verpackung bedauernd in den Müllschacht warf.

 

»Schade, dass Daagir mich nicht am liebsten mag«, schmollte er. »Was stimmt eigentlich nicht mit diesem Kerl? Die Dinger sind jedenfalls super.«

 

»Du kannst uns ja ein paar Schachteln mitbringen, wenn du aus Iowa zurückkommst«, schlug Leonard vor, wissend, dass Jims Selbstbewusstsein nach wie vor größtenteils aufgesetzt war, und darum nicht gekränkt.

 

»Mhm, das mach ich«, stimmte Jim zu. »Ähm - sorry, Bones. Du kriegst natürlich neue Pralinen von mir.«

 

Leonard lachte. »Das will ich hoffen.«

 

Kaum hatte er zu Ende gesprochen, wurde der Türbuzzer betätigt. In der Erwartung, Pfleger Daagir habe noch irgendetwas vergessen, bevor es für die gesamte Besatzung auf Landurlaub ging, öffnete Leonard die Tür.

 

Doch dann ...

 

»Spock?«

 

Mit dem hatte er nicht gerechnet.

 

»Es ist unlogisch, das Offensichtliche zu erfragen, Doktor«, belehrte ihn das Spitzohr sogleich. »Verzeihung, ich hatte nicht erwartet, Sie hier anzutreffen, Captain.«

 

»Jim«, murmelte Jim betreten. Die Enttäuschung in seiner Stimme war nicht zu überhören - Spock hatte ihn in ihrer Freizeit Captain genannt und ihm zu verstehen gegeben, dass er nicht die Person war, nach der er gesucht hatte. Kein ausreichendes Futter für das labile Kirk'sche Ego.

 

»Jim«, korrigierte sich Spock, der hölzern im Türrahmen stehen geblieben war. »Doktor McCoy, besteht die Möglichkeit einer kurzen Unterredung, ehe Sie aufbrechen?«

 

Sie waren bereits gestern Abend im Raumdock der Erde angekommen, doch erst ab heute Nachmittag waren sie offiziell dazu aufgefordert, Landurlaub zu machen. Jedes einzelne Crewmitglied hatte die Trauerfeier zu Ehren Pavel Chekovs besucht, auch wenn nicht alle in den Festsaal der Enterprise gepasst hatten und über hundert Personen auf Übertragungen in den Gemeinschaftsräumen ausweichen mussten.

 

»Zwischen ihnen und mir?«, fragte Leonard perplex.

 

»Das war mein Ansinnen«, bestätigte Spock.

 

»Na schön, bitte, kommen Sie.« Leonard rutschte von der Tischplatte und wies auf den Platz neben Jim.

 

»Soll ich gehen?«, fragte dieser verwirrt.

 

»Dies wären nicht die Worte, die ich wählen würde, Capt- Jim.« Obwohl er stocksteif vor ihnen stand, erweckte Spock allein aufgrund seiner Blicke den Eindruck, sich am liebsten unbehaglich winden zu wollen. »Jedoch beabsichtige ich, Doktor McCoy um einen ... nun, einen ... Gefallen zu bitten, welchen ich objektiv betrachtet nicht gutheißen dürfte.«

 

Leonard stieß einen Pfiff aus. »Jetzt wird's interessant.« Er holte die Whiskeyflasche und drei Gläser aus dem Medizinschrank und nahm wieder auf seinem Schreibtischstuhl Platz. »Setzen Sie sich, Spock, Sie machen mich ganz nervös, wenn Sie da so rumstehen.«

 

Der Commander gehorchte mit einem zweifelnden Blick auf den Alkohol. Ob ihm bewusst war, dass seine Augen ihn inmitten seiner starren Maske verrieten?

 

»Ich hab Ihnen nur aus Höflichkeit ebenfalls ein Glas rausgeholt«, klärte Leonard ihn auf. »Es ist völlig in Ordnung, wenn Sie Jim und mir beim Trinken zuschauen.«

 

»Ich nehme ein Glas, Doktor«, überraschte ihn Spock, der inzwischen statuengleich neben Jim thronte. Letzterer riss ein weiteres Mal die Augen auf, fassungslos, und Leonard beeilte sich, ihnen allen einzuschenken.

 

»Also? Worum geht's?«

 

»Spock, ich werd hier nicht den Captain raushängen lassen oder die Regeln zitieren«, meinte Jim, als Spock trotz Leonards Nachhaken schwieg. »So gut solltest du mich mittlerweile kennen, hm?«

 

Spock nahm einen Schluck Whiskey und schien Mühe zu haben, nicht angewidert das Gesicht zu verziehen. Er schöpfte so tief Atem, wie Leonard es nie zuvor bei ihm gesehen hatte, und blies dann aus: »Doktor, ich möchte Sie darum bitten, mich ... krankzuschreiben. Zu krank, um eine mehrtätige familiäre Weihnachtsfeier auf dem afrikanischen Kontinent zu besuchen.«

 

Stille, sekundenlang.

 

»Wow«, machte Leonard dann und entschied sich, die spöttische Bemerkung, die ihm bereits auf der Zunge lag, hinunterzuschlucken. »Grundgütiger, warum reden Sie nicht einfach mit ihr, Spock?«

 

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, Doktor.«

 

»Wow«, wiederholte Leonard. »Meine Damen und Herren, hier sehen Sie den ersten Vulkanier, der lügt wie gedruckt. Ist wohl auf den Geschmack gekommen.«

 

»Spock?«, krächzte Jim, dessen Augen mittlerweile zwei vor Neugier glühenden blauen Sonnen glichen. »Ich glaube, Bones hat nicht ganz unrecht mit seiner Frage.«

 

Plötzlich wirkte Spock kleinlaut. »Ich habe es versucht«, murmelte er betreten. »Ich habe es nach bestem Wissen und Gewissen versucht, doch ... mir war ... kein Durchdringen möglich. Meine Wortmeldungen wurden als Ausdruck der Nervosität missinterpetiert, deren Unnötigkeit mir prompt und mehrfach ausführlich versichert wurde.«

 

»Oh, fuck«, stöhnte Jim.

 

»Da hat wohl jemand ein kleines Durchsetzungsproblem außerhalb des Dienstes«, bemerkte Leonard, bevor er sich gnädig zeigte: »Aber heute ist Ihr Glückstag, Commander. Der Captain muss kurzfristig nach Iowa reisen, und es ist mir verdammt wichtig, dass ihn dort jemand im Auge behält. Ich schätze, Sie wissen bislang nicht viel über Jims Hintergründe, aber glauben Sie mir - das ist ein Umfeld, in das ich ihn nicht ohne Bodyguard schicke, erst recht nicht nach der Sache mit Khan.«

 

»Bones!«, zischte Jim erbost.

 

»Ich sag nur die Wahrheit«, antwortete Leonard. »Ihnen kann ich keine glaubwürdige Krankmeldung ausstellen, Spock, wohl aber dem Captain. Seine Mutter ist ebenfalls Mitglied der Sternenflotte, das wissen Sie sicher. Insofern ist es kein Problem, ihm als sein Arzt offiziell zu raten, dass er seinen Ersten Offizier mitnimmt, falls dienstliche Aufgaben ins Spiel kommen sollten, denen er gesundheitlich noch nicht gewachsen ist.«

 

Peinlich berührt verzog Jim das Gesicht. »Frag im Moment einfach nicht weiter nach, ja?«, bat er Spock.

 

»Wie Sie wünschen, Capt- wie du wünschst, Jim.«

 

»Heißt das, du kommst mit?« Jim schien es kaum fassen zu können und lächelte mit einem Mal beinahe.

 

»Es wäre mir eine Ehre«, versicherte Spock.

 

»Vor allem rettet es Ihnen erst mal den Arsch«, knurrte Leonard. »Es geht mich zwar einen feuchten Kehricht an, aber ich persönlich rate Ihnen, zuerst mit Lieutenant Uhura reinen Tisch zu machen - und wenn Sie sie mit Ihrem vulkanischen Nervengriff ausschalten müssen, um zu Wort zu kommen.«

 

»Doktor, ein Gespräch mit Lieutenant Uhura zu führen, während sie sich nicht bei Bewusstsein befindet, erscheint mir wenig sinnvoll«, antwortete Spock.

 

Leonard stöhnte die Decke an. »Wie auch immer. Tun Sie, was Sie für richtig halten. Es ist also abgemacht, Jim: Du fliegst mit Spock nach Iowa, und ich fliege nach - wohin fliege ich?«

 

»Wohin fliegen Sie, Doktor?«

 

»Das fragte ich gerade Jim, Himmelherrgott! Wo wohnen Chekovs Eltern denn?«

 

»Oh, äh, in der Nähe von Sankt Petersburg«, stammelte Jim. »Sie wohnen in der Nähe von Sankt Petersburg.«

 

»Und wo da genau?«

 

»Äh, in Kolpino.«

 

»Schön, dann fliege ich nach Kolpino, Spock. Chekovs Eltern besuchen. Jim erzählt Ihnen den Rest.«

Pavel Chekov by dammitcola

Pavel Chekov

 

 

 

Was hatte er erwartet?

 

Was um alles in der Welt hatte er erwartet?

 

Zwei intellektuelle Mittvierziger, wenn Leonard ehrlich war, die sich freundlich, aber mit einer gewissen Distanz mit ihm über ihren verstorbenen Sohn austauschen würden. Die gründlich und kritisch nachhaken würden inmitten all ihrer Trauer, um womöglich einen Schuldigen an Pavels Tod ausmachen zu können. Menschen, die nur wenig älter waren als er selbst und die er, wenn er nach einer Übernachtung wieder abreiste, nicht wesentlich besser kennen würde als vor seiner Ankunft.

 

Tatsächlich hatten sich Missis und Mister Chekov als Ehepaar aus einfachen Verhältnissen herausgestellt und gingen ihrer Erscheinung nach zu urteilen bereits auf die sechzig zu. Anya Chekov war klein, rundlich und besaß rotbraunes Haar, das sie zu einem altmodischen Dutt aufgesteckt trug. Ihr hatte Pavel Chekov seine freudig strahlenden grünen Augen zu verdanken. Gehabt. Zu verdanken gehabt. Seine schmale Statur und die dunkelblonden Locken dagegen hatte er von seinem Vater geerbt, der bereits weitgehend ergraut war und Leonard aus gütigen braunen Augen musterte.

 

Das taten sie alle beide, die Chekovs: Sie sahen ihn die ganze Zeit über aufmerksam an, doch es war keine unangenehme, entlarvende Aufmerksamkeit. Seit sie ihn vom Shuttlelandeplatz im Zentrum Kolpinos abgeholt hatten, hatten sie ihm beide wiederholt unter Tränen versichert, wie dankbar sie für seinen persönlichen Besuch seien und wie wenig sie diesen als selbstverständlich erachteten. Außerdem hatten sie ihn gebeten, Jim herzliche Grüße von ihnen zu bestellen und ihm auszurichten, dass sie ihm eigene familiäre Verpflichtungen keinesfalls übel nahmen.

 

Sie lebten in einem bescheidenen Häuschen am westlichen Stadtrand. Unten gab es einen kleinen Wohnraum, eine noch kleinere Küche und ihr Schlafzimmer, im ersten Stock ein winziges Badezimmer, eine Rumpelkammer und Pavels Zimmer. Pavels ehemaliges Zimmer. In diesem würde Leonard die Nacht verbringen, weil das Sofa im Wohnzimmer durchgesessen und nicht mehr besonders bequem war, wofür Missis Chekov sich wortreich entschuldigt hatte. Platz für eine Essecke abseits des Sofas gab es nicht.

 

Zu Beginn hatte Leonard Schwierigkeiten gehabt, die Chekovs zu verstehen, denn wenn das überhaupt möglich war, war ihr osteuropäischer Akzent noch stärker ausgeprägt als der ihres Sohnes. Doch davon abgesehen sprachen sie flüssig Standard, und bereits auf der Hoverbusfahrt durch die verschneite russische Großstadt hatte Leonard sich an den Klang gewöhnt.

 

Seit sie in ihrem Zuhause angekommen waren, weinte Missis Chekov immer wieder, während sie redete, selbst wenn es um Banalitäten ging wie jetzt: »Sind Sie ganz sicher, dass Sie nicht noch eine Portion Soljanka möchten, mein Junge?«

 

Weder sie noch ihr Mann hatte Leonard bislang mit seinem Namen oder gar seinem Titel angesprochen; er war die ganze Zeit über mein Junge, wenn sie das Wort an ihn richteten - kein Wunder, dass Pavel Chekov es Leonard nicht übel genommen hatte, dass er auch ihn auf ihrer ersten Mission schlicht Junge genannt hatte. Eine Respektlosigkeit, an die er seit Chekovs Tod bereits einige Male mit Bedauern zurückgedacht hatte, während er die Bezeichnung auf sich selbst bezogen als geradezu absurd empfand - er war zweiunddreißig Jahre alt. Dennoch störte er sich nicht ernstlich daran. Die beiden meinten es gut und begegneten ihm mit großer Warmherzigkeit, wie er sie abseits seiner Freundschaft zu Jim kaum noch kannte.

 

»Ganz sicher, vielen Dank, Missis Chekov«, antwortete er und gab sich Mühe, dabei nicht zu ächzen. Die Suppe mit Rindfleisch und Gemüse war köstlich, doch das galt für alle Gerichte, welche die Chekovs aufgetischt hatten und mit denen sie ihn seit über einer Stunde vollstopften.

 

»Oh bitte, mein Junge, nenn mich Anya.« Missis Chek- Anya wischte sich die Tränen vom Gesicht und füllte Leonards Teller erneut, als hätte sie seine Antwort nicht gehört. Dann schnitt sie ihm von Hand eine weitere kräftige Scheibe Schwarzbrot ab und schob auch die Schüsseln mit den sechs Salaten noch näher an ihn heran.

 

Ihr Mann unterstützte sie, indem er Leonard Wodka nachschenkte. »Und ich bin Andrei«, sagte er und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

 

Im Grunde ging Leonard das ein wenig zu schnell, doch er lächelte den zweien zu. Sie hatten ihr Kind verloren, verdammt noch mal. »Mein Name ist Leonard«, antwortete er mit einem Nicken.

 

»Ein sehr schöner Name, mein Junge«, meinte Anya, die ihn anstrahlte und dann eindringlich auf die Soljanka und das Brot blickte. »Bitte, bitte, iss.«

 

Leonard hoffte, dass Anya und Andrei ihm seine subtile Verzweiflung nicht anmerkten. Er hatte bereits von jedem einzelnen Gericht auf dem Tisch eine große Portion gegessen, darunter eine gefüllte Wachtel mit Honig, Beeren und einem riesigen Berg Buchweizen, und auch wenn er um die medizinische Unmöglichkeit wusste, fürchtete er ernsthaft, beim nächsten Bissen zu explodieren. Himmel, die beiden waren schlimmer als seine eigenen Eltern, die ihn ebenfalls bei jedem Besuch zu Hause gemästet hatten.

 

Verflucht. Daran hätte er nicht denken dürfen. Seine Mutter war vor acht Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen, und sein Vater ... Es war jetzt fast fünf Jahre her. Mit einem Mal fühlte Leonard sich verdorben neben den beiden gütigen älteren Menschen, die ihn nach wie vor hoffnungsvoll anblickten, als hinge ihr verbliebenes Lebensglück davon ab, ihn essen zu sehen.

 

Komm schon, McCoy, sei kein Weichei, beschwor er sich. Mach sie jetzt einfach glücklich, und danach hast du eine ganze Nacht Zeit, dich zu erholen, bis es Frühstück gibt. Er wünschte sich inständig, Jim wäre hier.

 

Anya und Andrei wirkten selig, als Leonard begann, die Suppe stoisch in sich hineinzuschaufeln, und obwohl sein Magen entschieden rebellierte und er im Geiste bereits den Knopf seiner Hose durch den Raum fliegen sah, leerte er seinen Teller zur Gänze und aß auch die Scheibe Brot auf, ehe er zum krönenden Abschluss den Wodka trank. Danach schienen die Chekovs endlich zufrieden zu sein, während Leonard keine Ahnung hatte, wie er sich vom Tisch erheben sollte, ohne sich zu übergeben.

 

Glücklicherweise erwartete das zum jetzigen Zeitpunkt noch niemand von ihm: Anya wuselte in die Küche, um ihnen »noch ein Tässchen Tee zu kochen«, und Andrei packte Tabak und eine altmodische hölzerne Pfeife aus und begann am noch gedeckten Esstisch zu rauchen, nachdem er sich mit einem gebrummten »Stört dich doch nicht, mein Junge?« Leonards Erlaubnis eingeholt hatte.

 

Nein, es störte ihn nicht. Andreis Tabak roch angenehm würzig, kein Vergleich zu gewöhnlichen stinkenden Zigaretten, und außerdem war Leonard viel zu voll, um sich an irgendetwas zu stören. Er hoffte inständig, dass Anya zum Tee kein Gebäck servieren würde. Ein heißer Tee dagegen, langsam und vorsichtig getrunken, würde ihm vielleicht guttun, obwohl er sonst ein passionierter Kaffeetrinker war.

 

 

 

Anya servierte Gebäck zum Tee, einen selbst gebackenen Napfkuchen und eine Schüssel voll Kekse, die ebenfalls selbst gebacken zu sein schienen.

 

Vor Entsetzen und einem Anflug von Panik schossen Leonard Tränen in die Augen, er konnte es nicht verhindern, obwohl er diesen gutmütigen Menschen keinesfalls wehtun wollte.

 

»Oh, aber mein Junge, was hast du?«, fragte Anya betroffen, stellte ihr Tablett auf dem bereits übervollen Tisch ab und legte ihm beide Hände auf die Schultern, um ihn voller Fürsorge anzusehen.

 

Verdammt. Er konnte es nicht, er konnte es einfach nicht. Er konnte dieser Frau nicht sagen, dass er ihren Kuchen nicht essen wollte, das brachte er nicht übers Herz. Stattdessen log er, bevor er vollständig begriff, was er da tat: »Es ist nur ... ihr beide seid ganz genau so, wie Pavel euch immer beschrieben hat.«

 

»Oh!«, rief Anya, ließ von ihm ab, und schon kullerten auch ihr neue Tränen über die Wangen, während Leonard seine Augen hastig trocken wischte. Sie sank zurück auf ihren Stuhl, wo Andrei sich zu ihr beugte und ihr einen Arm um die bebenden Schultern legte, beruhigende russische Worte murmelnd.

 

»Kanntest du Pavel gut, mein Junge?«, wandte er sich Leonard dann mit warmem Lächeln zu.

 

Dieser räusperte sich betreten. »Nein«, räumte er ein, »es waren eher allgemeine Gespräche im Gemeinschaftsraum. Die ganze Crew wusste, dass Pavel aus einem liebevollen Elternhaus stammte und sein Zuhause oft vermisste.«

 

Die Chekovs nickten beinahe synchron. Dann begannen sie, zögerlich erst, angesichts seiner Aufmerksamkeit aber mit wachsendem Enthusiasmus, von ihrem Sohn zu erzählen.

 

Zuerst waren es Dinge, die Leonard bereits wusste: dass Pavel auf der Sternenflottenakademie Klassenbester auf den Gebieten der Stellarkartographie und der Transportertheorie gewesen war. Dass er ein Genie im Bereich der theoretischen Physik gewesen war. Dass er der jüngste Kadett gewesen war, der jemals den Marathon der Akademie gewonnen hatte, ein Jahr nach Leonards und Jims Eintritt in die Flotte, und das auch noch barfuß. Dafür war Pavel Chekov auf der Enterprise berühmt gewesen.

 

Dann aber folgten persönlichere Geschichten. Anya erzählte Leonard, dass Pavel bereits mit vier Jahren herausragende Fähigkeiten und ein erstaunliches Talent für Mathematik gezeigt hatte. Andrei führte aus, dass ihr gemeinsamer Sohn die nächsten zehn Jahre seines Lebens als das jüngste, kleinste und klügste Kind in einer Reihe zunehmend elitärer russischer und später internationaler Schulen verbracht hatte, zerrissen zwischen unstillbarem Wissensdurst und kindlichem Heimweh.

 

Sie beide sprachen mit Stolz, jedoch ohne Arroganz von Pavel. »Er bekam Stipendien, wir hätten uns diese Schulen niemals leisten können«, sagte Anya.

 

»Weißt du, mein Junge, wenn der eigene Sohn schon mit zehn Jahren sehr viel mehr weiß und kann als man selbst, kommt man sich manchmal schon ein wenig dumm vor«, ergänzte Andrei und lachte wehmütig.

 

»Was ist mit dir, mein Junge?«, fragte Anya und tätschelte Leonard den Arm. Glücklicherweise schien sie das Gebäck während des emotionalen Gesprächs vergessen zu haben.

 

»Oh, ich ... nun, ich ...«, stammelte Leonard überfahren. »Eine Tochter. Ich habe eine Tochter. Sie ist zehn. Aber sie lebt bei ihrer Mutter, wir werden die Weihnachtstage nicht zusammen verbringen, macht euch keine Gedanken.«

 

Natürlich hatte er Joanna geschrieben und ihr Geschenke geschickt, und diesmal konnte Jocelyn sie ihr nicht verweigern. Über die Feiertage würden sie außerdem telefonieren.

 

»Richtig, richtig, Weihnachten«, meinte Andrei nachdenklich. »Was sagt man dazu, Anya, daran haben wir gar nicht gedacht. Weißt du, mein Junge, wir feiern noch ganz traditionell nach dem julianischen Kalender. Nur an die vorherige Fastenzeit halten wir uns nicht.«

 

Dass die Chekovs trotz Pavels Tod feiern wollten, verblüffte Leonard - und zugleich auch nicht. Es passte zu ihnen, und obwohl er ihn auf persönlicher Ebene nicht näher gekannt hatte, war Leonard davon überzeugt, dass dies auch Pavel Chekovs eigenem Charakter entsprochen hätte.

 

»Mein Junge, ich meinte vorhin aber gar nicht deine Tochter, obwohl es mich gefreut hat, von ihr zu erfahren«, sagte Anya zu Leonard. »Meine Frage bezog sich auf deine eigene Ausbildung. Willst du nicht ein bisschen von dir erzählen?«

 

Das verschlug Leonard die Sprache.

 

»Hm?«, hakte Anya mit warmem Blick nach, der eine merkwürdige Art von Verlegenheit in ihm wachrief.

 

»Ein Genie wie euer Sohn bin ich nicht, falls du das meinst«, murmelte er. Zwar hatte man ihn in seiner frühen Laufbahn oft als brillanten jungen Mediziner mit magischen Händen bezeichnet, doch all das war nicht länger von Bedeutung gewesen, nachdem er seinem Vater auf dessen Wunsch hin Sterbehilfe geleistet hatte. Dass er seine Zulassung behalten hatte, grenzte an ein Wunder.

 

»Pavel hat uns da etwas anderes erzählt«, sagte Andrei.

 

»Tatsächlich?« Verwirrt hob Leonard die Brauen.

 

»Oh, er verehrte seine Vorgesetzten sehr«, lächelte Anya. »Doktor McCoy hier, Captain Kirk und Commander Spock da. Unser Junge hat zu euch allen aufgesehen.«

 

»Das wusste ich nicht«, antwortete Leonard mit vor Betroffenheit schmerzender Kehle. Zumindest hatte er nicht ansatzweise geahnt, dass es dabei auch um ihn selbst gegangen war; Pavels an Schwärmerei grenzende Sympathie für Jim und Spock war ihm durchaus aufgefallen.

 

Er hoffte, Anya und Andrei würden ihm nun weitere Anekdoten aus Pavels Kindheit erzählen, damit er nicht von sich selbst sprechen musste, doch die beiden hakten so lange nach, bis er ihnen zögerlich von seinem Studium berichtete, ebenso von seiner Laufbahn bei der Sternenflotte. Den Bruch dazwischen ließ er großzügig aus, und glücklicherweise fragten sie diesbezüglich nicht nach.

 

»Ah, siehst du?«, sagte Anya stattdessen. »Du bist doch ein Genie, mein Junge.« Dann schlug sie erschrocken die Hände zusammen. »Oh! Du hast ja noch gar keinen Kuchen gegessen! Bitte, bitte, greif zu!«

 

 

 

Leonard hatte keine Ahnung, wie er es die Treppe hinauf und unter die Dusche geschafft hatte. Beim Zähneputzen hätte er sich um ein Haar ins Waschbecken übergeben, und wahrscheinlich wäre ihm jetzt weniger elend gewesen, hätte er es getan. Doch die Wände dieses Hauses schienen recht dünn zu sein, und es kam nicht infrage, Anya und Andrei mit lautstarken Kotzgeräuschen für ihre Gastfreundschaft zu danken. Und da er gegen alles Mögliche Hyposprays bei sich trug, nur nicht gegen heilloses Überfressen, blieb ihm nichts anderes übrig, als stumm zu leiden.

 

Er hätte ein wenig durchs Zimmer wandern sollen, um sich Linderung zu verschaffen, doch als er einmal auf der etwas zu weichen Matratze lag wie ein nasser Sack, würde nichts in der Welt ihn dazu bringen, wieder aufzustehen. Eine Weile versuchte er es damit, sich mit kreisenden Bewegungen um den Bauchnabel zu massieren, aber erstens kam er sich albern dabei vor, so etwas mit sich selbst anzustellen, und zweitens fielen ihm allmählich trotz seiner Beschwerden die Augen zu. Wenn er Glück hatte, würde er sich am nächsten Morgen besser fühlen, und Grundgütiger, dann musste er Anya und Andrei schonend beibringen, dass sein Magen nicht für derart ausgiebige Gelage geschaffen war.

 

Wie um alles in der Welt hatte Pavel Chekov es geschafft, von seinen früheren Heimaturlauben nicht kugelförmig zurückzukommen? Im Gegenteil, der junge Mann hatte sich stets an der Grenze zum Untergewicht befunden.

 

Leonard hatte sich nicht näher in Chekovs Zimmer umgesehen. Es erschien ihm einfach nicht richtig, und erst recht wäre es ihm ungehörig vorgekommen, nackt in dessen Bett zu schlafen, obwohl ihn im Moment selbst seine eigentlich bequeme Pyjamahose unangenehm einengte.

 

Es dauerte eine Weile, bis er eine halbwegs erträgliche Position fand, die es ihm erlaubte, seiner wachsenden Müdigkeit nachzugeben. Er befahl dem auf Standard programmierten Computer, die Raumtemperatur zu senken, zog sich die Decke über die Schultern und spürte sich bereits in den wohlverdienten Schlaf gleit-

 

Sein PADD klingelte.

 

Es war weit nach 2300.

 

Es gab nur eine einzige Person im Universum, die es wagen würde, ihn zu solch später Stunde anzurufen.

 

»Verdammt noch mal, Jim«, knurrte Leonard.

 

Jim nutzte in der Freizeit lieber das PADD als den Kommunikator für Gespräche, weil dieses Miniaturholografien übertragen konnte, und Leonard stand kurz davor, wütend zu werden, ehe ihm wieder einfiel, wo Jim sich aktuell befand.

 

»Gedimmtes Licht«, befahl er dem Computer, richtete sich ächzend auf und tastete nach dem PADD auf dem Nachttisch, um den Anruf anzunehmen. »Jim?«

 

Jim antwortete nicht sofort. Sein Holo sah schrecklich aus, nein, schlimmer als das, und er schien irgendwo auf offener Straße im Schneegestöber zu stehen.

 

»Jim, was ist passiert?«

 

»Bones, ich ... ich wollte dir bloß Bescheid sagen, dass Spock und ich jetzt nach Iowa City fahren und uns ein Hotelzimmer nehmen«, murmelte Jim. Er wirkte apathisch. »Ich meine natürlich, zwei getrennte Zimmer.«

 

»Jim, was ist passiert?«, wiederholte Leonard mit Nachdruck. Er war so erschrocken, dass er Übelkeit und Magenkrämpfe kaum noch wahrnahm.

 

Sein Freund zuckte die Schultern. »Das Übliche. Was bei Kirks am Abend vor Weihnachten halt so passiert.«

 

»Jim.«

 

»Es war ihnen scheißegal, dass ich einen Gast mitgebracht hatte. Es war ihnen auch scheißegal, dass Sam seine Frau und seinen kleinen Sohn mitgebracht hatte. Irgendein Admiral hat meine Mutter nach der Sache mit Khan wohl angequatscht, ob sie nicht mal darüber nachdenken will, unseren Kontakt wieder in Schwung zu bringen, und jetzt nach der Explosion auf Kardia wieder, und ach - die alten Geschichten. Sam hat sich darüber aufgeregt, dass Frank vor dem Kleinen getrunken hat. Frank meinte mit zunehmendem Suff, Sam könne sich ja einfach verpissen wie damals. Aurelan, Sams Frau - ich hab sie und Peter heute zum ersten Mal gesehen, kannst du dir das vorstellen? -, ist dann mit Peter rauf in eins der Gästezimmer gegangen, Frank und Sam sind aufeinander losgegangen, meine Mutter hat mich angeschrien, warum ich denn nichts unternehmen würde, ich sei doch ein ach so berühmter Captain der Sternenflotte - und Spock hat die beiden dann getrennt. Einfach so. Als wäre es sein Job. Ich ... ich konnte nicht ...« Jim brach ab und blickte zu Boden. »Ich hätte Peter so gern kennengelernt«, murmelte er dem Asphalt zu. »Aber das ist einfach nicht möglich. Auf seine Weise ist Sam nicht besser als Frank. Er hat mich nicht mal richtig angesehen. Keine Ahnung, warum er überhaupt gekommen ist. Oder warum ich gekommen bin.«

 

»Scheiße«, fluchte Leonard schockiert.

 

»Es war so klar«, seufzte Jim, kreideweiß im Gesicht. »Ich bleib hier keine Minute länger. Es war einen Versuch wert, aber fuck, nein. Jetzt muss ich erst mal sehen, wie ich Spock das Ganze erkläre. Ich wusste, dass es Streit geben könnte, aber nicht ... nicht ... so.« Jim wischte sich über die geröteten Augen. »Jetzt denkt er wahrscheinlich, dass ich komplett den Verstand verloren habe, ihn in so eine Umgebung zu schleppen. Na ja, und weil das alles ja noch nicht reicht, meinte meine Mutter, sie würde es der Admiralität melden und die Polizei rufen, wenn Spock ihre Familie noch mal angreift.«

 

»Verfickte Scheiße«, stockte Leonard auf. Selten zuvor war er derart froh gewesen, den Kobold bei Jim zu wissen.

 

»Doppelt und dreifach«, stimmte Jim zu. »Sollen sie sich den Weihnachtsmorgen in den Arsch schieben. Es tut mir so leid für Peter, aber ich ... ich kann hier nichts tun. Okay, ähm, Bones - ich wollte bloß, dass du Bescheid weißt. Wir wissen noch gar nicht genau, was wir jetzt machen, Spock organisiert uns erst mal die Hotelzimmer, und dann mal schauen.«

 

Im Hintergrund konnte Leonard Spock herannahen sehen, seinen Kommunikator am Ohr. »Das Taxi ist in wenigen Minuten hier, Jim«, erklang seine Stimme, als er das Gerät sinken ließ. Er wirkte so ruhig und gefasst wie meist.

 

»Gut«, krächzte Jim. »Danke, Spock. Ähm, Bones? Bist du okay? Du siehst irgendwie grün um die Nase aus.«

 

»Muss das Licht sein«, behauptete Leonard. Um ihn sollte Jim sich jetzt wirklich keine Sorgen machen.

 

»Okay.« Jim schniefte verhalten; es war schwer auszumachen, ob die Kälte oder aufsteigende Tränen daran schuld waren. »Bis dann, Bones. Ich, ähm, ich hoffe, es läuft alles gut mit Pavels Eltern.«

 

»Das tut es«, versicherte Leonard. »Sie lassen dich grüßen. Ich erzähl dir von ihnen, wenn wir uns das nächste Mal sprechen.«

 

Sie verabschiedeten sich, ohne dass Leonard den leisesten Seitenhieb auf Spock losließ, und schließlich legte er das PADD zurück auf den Nachttisch und sank erneut auf die Matratze, die wirklich zu weich für seinen Geschmack war. Erstaunt stellte er fest, dass es ihm bereits ein wenig besser ging. Die Übelkeit war fast ganz verflogen, das Atmen fiel ihm leichter und der Gummizug seiner Hose kam ihm nicht mehr so entsetzlich eng vor. Er war davon überzeugt, jetzt tief und erholsam schlafen zu können.

 

Er wollte den Computer gerade das Licht ausschalten lassen, als ein Holo mitten im Raum erschien. Ein blassgraues, durchscheinendes und dennoch originalgetreues Holo von Ensign Pavel Chekov. Es trug Jeans und ein helles Hemd, keine Sternenflottenuniform, und es war barfuß.

 

»Fuck«, flüsterte Leonard. Ob Anya und Andrei hiervon wussten? Ob sie ahnten, dass ihr genialer Sohn in seinem Zimmer eine lebensgroße Holografie von sich selbst angefertigt hatte? Er, Leonard, musste sie versehentlich aktiviert haben, aber wie? Er hatte das Bett nicht verlassen und dem Computer keinen diesbezüglichen Befehl erteilt.

 

»Guten Abend«, sagte das Holo nun auch noch mit Pavel Chekovs Stimme, und Leonards Puls schwoll an. »Ich meine, gute Nacht. Ich meine - hallo, Doktor McCoy.«

 

Das wurde ja immer bunter. Hatte das kleine Genie diese Holografie mit Daten gefüttert? Hatte er es hier mit einer Art künstlicher Intelligenz zu tun? Großer Gott!

 

»Computer, Programm beenden«, sagte Leonard. Er bemühte sich um eine ruhige Tonlage, konnte jedoch nicht verhindern, dass seine Stimme bebte.

 

Nichts geschah. Das Holo blieb stehen, wo es war, und nach zwei, drei Sekunden bewegte es sich auf ihn zu. »Sie sehen mich«, wisperte es dabei. »Sie können mich sehen, oder, Doktor McCoy?«

 

»Stopp!« Erschrocken fuhr Leonard auf. Jetzt war ihm endgültig nicht mehr schlecht. Dafür brach ihm der Schweiß aus vor Entsetzen. Was war das nur für ein Ding? Er musste Jim anrufen, damit er ihn mit Spock sprechen ließ. Oder sollte er Spock direkt kontaktieren?

 

Als er abermals nach seinem PADD tastete, erhob das Holo erneut die Stimme: »Doktor McCoy, Sie müssen keine Angst vor mir haben. Ich bin es, sehen Sie?« Das Holo hob die Hände, verzog den Mund zu einem unsicher wirkenden Lächeln und drehte sich auf seinen nackten Füßen einmal um die eigene Achse, ehe es geradezu flehentlich seinen Blick suchte. »Ich bin Pavel Chekov.«

Weiße Lügen by dammitcola

Weiße Lügen

 

 

 

Im Nachhinein fiel es Leonard schwer, auszumachen, zu welchem Zeitpunkt er begonnen hatte, die Geschichte der geisterhaften Erscheinung vor ihm zu glauben - nein, Pavel Chekov zu glauben.

 

War es nach dessen lebhafter Ausführung über seinen vollen Namen gewesen? »Doktor McCoy, wenn ich tatsächlich eine lebensechte Holografie von mir selbst angefertigt und ein so umfangreiches Kommunikationsprogramm für sie erschaffen hätte, dann hätte ich doch eingestellt, dass sie sich mit meinem vollen Namen vorstellt, oder? Pavel Andreievich Chekov. Nur gegenüber Personen, die mich schon lange kennen, lasse ich meinen Vatersnamen weg, aber ich hätte doch niemals die Zeit gehabt, hier in Kolpino ein Programm zu entwickeln, das Leute voneinander unterscheiden kann!«

 

Oder hatten seine zusammengefassten Erinnerungen den Ausschlag gegeben? »Wissen Sie noch, auf unserer ersten Mission, Doktor McCoy? Da habe ich vorgeschlagen, dass die Enterprise erst in unmittelbarer Nähe zum Saturn aus dem Warp springt, da das Magnetfeld des Saturnsystems sie vor der Entdeckung durch feindliche Sensoren schützen konnte. So konnten Captain Kirk und Commander Spock unbemerkt an Bord der Narada beamen. Sie fanden es damals, nun, wie soll ich sagen, ein wenig befremdlich, dass ich erst siebzehn war, und ich glaube, Sie haben mich nicht ganz ernst genommen, aber keine Angst, ich bin nicht nachtragend.«

 

Oder waren es doch Chekovs detaillierte Kenntnisse bezüglich ihrer Mission auf Kardia gewesen, die es Leonard unmöglich gemacht hatten, ihm nicht zu glauben?

 

Wie auch immer - vor ihm stand Ensign Pavel Chekov. Ensign Pavel Chekov, der vor knapp zwei Wochen bei einer Explosion ums Leben gekommen war und dessen Gestalt blass und durchscheinend wirkte. War er also ein Gespenst? Oder gab es eine andere, bessere Erklärung?

 

»Mister Chekov, seit wann befinden Sie sich hier in Ihrem Elternhaus?«, fragte Leonard mit nach wie vor beschämend wackeliger Stimme. Auf ihren bisherigen Missionen im vergangenen Jahr war er Zeuge zahlreicher merkwürdiger Erscheinungen gewesen, aber das toppte alles.

 

Der blasse, durchscheinende Chekov senkte den Kopf. »Seit fast zwei Wochen. Da war diese Explosion auf Kardia, und es fühlte sich an, als würde jeder Knochen in meinem Körper brechen ... und dann war da ein hellgrauer Nebel mit einer Lichtquelle im Hintergrund, und ich wusste, ich sollte dorthin, aber ich konnte sie nicht erreichen. Und dann stand ich plötzlich meinen Eltern gegenüber, von einer Sekunde auf die andere. Aber sie konnten mich nicht sehen, Doktor McCoy. Sie können es immer noch nicht. Seitdem bin ich oft nach draußen gegangen und habe versucht, mit den Nachbarn und Spaziergängern in Kontakt zu treten, aber es funktioniert nicht. Niemand sieht mich. Niemand außer Ihnen, Doktor McCoy.«

 

»Heilige Scheiße«, entfuhr es Leonard. Seine vage Hoffnung, es könnte sich bei Chekovs Gestalt um etwas anderes handeln als ein Gespenst, verflüchtigte sich. Zartgrauer Nebel, Lichtquelle im Hintergrund - dies waren genau die Worte, die Jim gewählt hatte, als er ihm von seiner Nahtoderfahrung berichtet hatte. Während Jims Bewusstsein danach jedoch in seinen durch Khans Blut geheilten Körper zurückgekehrt war, existierte Pavel Chekovs Körper nicht mehr. Warum aber war er hier?

 

»Helfen Sie mir?«, fragte das kleine Gespenst nun mit flehentlichem Welpenblick.

 

Leonards Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt. Noch immer saß er auf Chekovs Bett, aufrecht jetzt, die nackten Füße auf dem weichen Teppichboden. »Ich habe keine Ahnung, wie ich das anstellen soll«, krächzte er.

 

Daraufhin kam Leben in Chekovs Geistergestalt. »Oh, aber ich!«, rief der junge Ensign. Plötzlich strahlte er über das ganze fahle Gesicht, und sein osteuropäischer Akzent trat noch deutlicher hervor als sonst, als er eifrig fortfuhr: »Ich habe eine Theorie entwickelt, Doktor McCoy. Ich bin mir sehr sicher, dass ich tot bin und mich bereits kurz vor dem befunden habe, was wir Menschen das Jenseits nennen. Da ich aber zurück zu meinen Eltern geschickt wurde, ist meine Vermutung, dass ich hier noch etwas zu erledigen habe, etwas Wichtiges, und dass meine Seele erst Frieden findet, wenn das vollbracht ist.«

 

Leonard hatte Chekov aufmerksam zugehört und fröstelte jetzt. Wie um alles in der Welt konnte dieser Junge derart enthusiastisch über seinen eigenen Tod sprechen? Verdarb ihm denn nicht mal das Sterben die Laune?

 

»Helfen Sie mir?«, wiederholte Chekov. »Ich glaube, es könnte darum gehen, meinen Eltern zu beweisen, dass ich glücklich war, bevor ich starb. Und dass ich nie vergessen habe, wie viel sie für mich getan haben. Es gab auf der Enterprise immer so viel zu tun, und ich habe oft ... ich war oft zu müde, um sie nach der Arbeit noch anzurufen oder ihnen Nachrichten zu schreiben. Dabei hatten sie immer, immer Angst um mich. Was jetzt mit mir passiert ist, das - das haben sie immer befürchtet.«

 

Leonard wusste nicht, wie es zugegangen war, doch mit einem Mal schwammen seine Augen in Tränen. Er hatte Anya und Andrei dort unten kennengelernt, und mit keinem Wort und keiner Geste hatten sie ihn spüren lassen, dass sie der Sternenflotte und dem Weltraum im Innersten ähnlich kritisch gegenüberstanden, wie er selbst das so lange getan hatte und zum Teil nach wie vor tat. Sie hatten niemandem die Schuld am Tod ihres Kindes gegeben. Er hatte keine Ahnung, ob er diese Stärke besessen hätte, wenn Joanna ...

 

»Nicht«, flüsterte Chekov und trat einen Schritt auf ihn zu, ehe er sich vorsichtig neben ihn auf die Matratze setzte. Diese gab keinen Millimeter nach, Leonard spürte nicht, dass da jemand neben ihm saß, und mehr Indizien brauchte er nun wirklich nicht.

 

Grob wischte er sich über die Augen. »Sie sind doch ganz zu Anfang durch Ihren Schreibtisch und Ihren Kleiderschrank gegangen, um mir zu beweisen, dass Sie ein Gespenst sind«, brachte er schließlich hervor. »Wie kommt es, dass Sie auf dem Boden stehen und auf dem Bett sitzen können?«

 

Traurig blinzelte Chekov ihn an. Es war merkwürdig, seine Iriden in Grau zu sehen statt in Grün. »Ich weiß es nicht. Bislang ist mir keine physikalische Erklärung dafür eingefallen. Möglicherweise ist es so eine ... Geistersache. Dass meine bloße Erinnerung an das Stehen und Sitzen dafür sorgt, dass ich das kann, verstehen Sie?«

 

Leonard zwang sich zu einem Nicken. Ihm wurde erneut übel, doch diesmal hatte das nicht das Geringste mit Anyas reichhaltiger Verköstigung zu tun. »Wie kann ich Ihnen helfen, Mister Chekov? Was soll ich tun? Haben Sie dafür zufälligerweise auch eine Theorie entwickelt?«

 

»Ja, Sir«, erwiderte Chekov beflissen. »Der erste Schritt zu einem Gelingen dieser Mission wäre, dass Sie mich Pavel nennen und ich Sie Leonard. Wir sollten so miteinander sprechen, als würden wir uns sehr, sehr gut kennen. Ich weiß, dass es unhöflich ist, das als der Jüngere vorzuschlagen, aber es ist wichtig. Sind Sie einverstanden?«

 

»Nun ... in Ordnung, ja«, antwortete Leonard leicht überrumpelt. Er hob die Hand und hielt sie Chek- Pavel entgegen, und just in dem Augenblick, in dem ihm aufging, wie töricht das war, griff der Junge danach.

 

Pavels Finger glitten durch die seinen hindurch; sie fühlten sich an wie eine Mischung aus Nebel und kaltem Wasser, und Leonard erschauderte.

 

»Entschuldigung«, hauchte Pavel betreten. »Für einen Moment habe ich es vergessen.«

 

»Ich doch auch«, beruhigte ihn Leonard mit belegter Stimme. »Das alles ist - gruselig. Es tut mir leid, aber anders kann ich es nicht ausdrücken.«

 

»Das ist es«, murmelte Chek- Pavel. Plötzlich sah er so deprimiert aus, dass Leonard Zweifel an seiner vorhin scheinbar guten Laune kamen. Dass ihm seine grundlegende Begeisterungsfähigkeit erhalten geblieben war, musste nicht heißen, dass es ihm mit dieser Situation gut ging.

 

Himmel, McCoy, schalt Leonard sich stumm. Manchmal bist du wirklich ein Volltrottel.

 

»Wie fühlt es sich an?«, fragte er dann behutsam und blickte Pavel so aufmerksam in die Augen, als wäre er ein Patient. In gewisser Weise war er das schließlich. Er hatte ihn aufgesucht und um Hilfe dabei gebeten, seinen Zustand zu verbessern. »Wie geht es dir im Moment, Pavel?«

 

Dieser zögerte, bevor er mit bebenden Lippen zu einer Antwort ansetzte: »Es ... fühlt sich ... traurig an. Und leer. Ich bin nirgendwo richtig. Meine Eltern können mich nicht sehen, wahrscheinlich nie mehr. Ich kann nichts essen oder trinken. Ich kann durch Wände gehen und sogar durch Wände sehen, aber ich gehöre nicht mehr in diese Dimension. Doch wenn ich versuche, von hier wegzukommen ... wenn ich die Augen schließe und mich darauf konzentriere, den Ort zu sehen, an dem ich direkt nach der Explosion war ... dann ist alles schwarz. Kein Geräusch. Kein Geruch. Keine Landschaft. Kein Stern an keinem Himmel. Ich bin ... fast nur noch verzweifelt. Das ist nicht sehr präzise, ich weiß, aber so geht es mir momentan.«

 

Eine derart poetische und deprimierende Beschreibung seines Befindens hätte Leonard Pavel Chekov nicht zugetraut. Frustriert stellte er fest, dass er abermals Tränen in den Augen hatte, und erneut wischte er sie fort.

 

Er musste versuchen, diesem Jungen zu helfen, es war seine verdammte Pflicht. Am liebsten hätte er sich mit Jim beraten, doch falls es Jim mittlerweile etwas besser ging als vorhin, wollte er ihn jetzt nicht mit dieser heftigen Sache belasten - und falls nicht, erst recht nicht. Dies war kein physikalisches Phänomen, das es zu erforschen galt, sondern etwas, das Pavel Chekov ganz persönlich betraf. Leonard würde Jim davon erzählen, jedoch erst dann, wenn es ihm gelungen war, Pavels Situation zu verbessern.

 

»Leonard?«, fragte dieser mit dünner Stimme. »Darf ich dir jetzt erzählen, was ich mir ausgedacht habe?«

 

 

 

»Und das soll funktionieren?«, stieß Leonard aus, als Pavel mit vorsichtigem Lächeln geendet hatte. »Du willst, dass ich deinen Eltern Lügen auftische?«

 

»Nur weiße Lügen«, beeilte sich Pavel zu sagen. »Altruistische weiße Lügen, die meinen Eltern das Gefühl geben, dass ich sehr, sehr glücklich war kurz vor meinem Tod. Nur dann, wenn sie denken, dass du und ich uns nahestanden, werden sie dir glauben, dass ich dir die ganzen Sachen erzählt habe, die du jetzt ihnen erzählen sollst.«

 

»Und wie erkläre ich ihnen, dass ich gestern behauptet habe, wir hätten uns nicht besonders gut gekannt?«

 

Pavel versuchte, tief Luft zu holen - dann schüttelte er den Kopf, verärgert über sich selbst. »Da sehe ich ehrlich gesagt nur eine Möglichkeit, Leonard«, blies er aus. »Ich hoffe, du wirst jetzt nicht wütend.«

 

Verwirrt starrte Leonard ihn an.

 

Klick.

 

»Hm?«, hakte Pavel hoffnungsvoll nach.

 

»Oh nein. Nein, auf gar keinen Fall.« Empört hob Leonard die Hände. »Was sollen deine Eltern bitte von mir denken? Du könntest mein Sohn sein!«

 

Pavel zog seine durchscheinende Nase kraus. »Mit vierzehn hast du bestimmt noch nicht an Kinder gedacht.«

 

»Himmelherrgott, nein, aber das -«

 

»- wird dazu führen, dass sie dir glauben!« Jetzt strahlte Pavel wieder. »Du kannst ja sagen, dass niemand von uns wusste und sie das bitte für sich behalten sollen, dann kommst du nirgendwo in eine komische Situation. Du musst dir keine Sorgen machen wegen meiner Eltern, sie sind nicht prüde oder altmodisch in solchen Dingen, wirklich nicht, und sie müssen denken, dass du mich sehr gut kanntest!«

 

»Pavel, das -«

 

»Sir! Doktor McCoy! Ich meine, Leonard! Es ist sehr wichtig, und ich kann niemanden sonst fragen. Bitte!«

 

All die wüsten Flüche, die Leonard jetzt über die Lippen rutschten, ließen sich nicht aufhalten und brachten Pavel dazu, betreten auf seine nackten Zehen zu starren.

 

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich einen so abstoßenden Eindruck mache«, murmelte er.

 

»Was?« Verblüfft und entsetzt gleichermaßen hielt Leonard inne. »Nein!« Er zwang sich, durchzuatmen. Zur Ruhe zu kommen. Er musste es dem Jungen erklären. Ein Junge, ja, das war er, Respektlosigkeit hin oder her. Ein toter Junge. »Pavel, ich habe deine Eltern gestern sehr lieb gewonnen. Das Letzte, was ich will, ist, ihnen das Gefühl zu geben, ich hätte dich angegraben und ausgenutzt.«

 

»So werden sie auch nicht von dir denken«, antwortete Pavel mit schmerzerfülltem Blick. »Sie werden glücklich sein, wenn sie denken, dass ich glücklich war.«

 

»Und? Warst du es? Glücklich?«

 

Pavel zuckte mit den Schultern. »Manchmal. Oft war ich aber auch irgendwie ... allein.«

 

»Warst du nicht eng mit Lieutenant Sulu befreundet?«, fragte Leonard leise. Himmel, Sulu musste es im Augenblick ziemlich dreckig gehen.

 

»Doch«, wisperte Pavel. »Aber Hikaru hat einen festen Freund und ist älter als ich und ... man kann auch einsam sein, wenn man gute Freunde hat, oder nicht?«

 

Die Worte trafen Leonard wie ein Schlag ins Gesicht. Jims Gegenwart hatte ihn schon so manches Mal vor der absoluten Verzweiflung bewahrt, doch an anderen, einzelnen Tagen hatte Jims Freundschaft ihn nicht vollständig retten können. An jenen Tagen, an denen ihm der Schmerz über seine persönlichen Verluste beinahe den Verstand geraubt hatte und er nicht mal mehr im Suff fähig gewesen war, sein Empfinden in Worte zu fassen. »Das ist richtig«, antwortete er darum heiser. »Du hast recht.«

 

»Siehst du.« Pavel sprach jetzt so leise, dass Leonard Mühe hatte, ihn zu verstehen. »Aber doch, meistens war ich glücklich. Und ich will, dass meine Eltern wissen, dass ich viel öfter an sie gedacht habe, als ich es ihnen gezeigt habe. Ich verdanke ihnen alles.«

 

Für einen Sekundenbruchteil wurde Leonard schwarz vor Augen. »In Ordnung«, presste er schließlich hervor. Wer war er, Pavel diesen letzten Wunsch abzuschlagen? Leonard hatte noch nie etwas mit einem Mann gehabt, doch darüber würden Anya und Andrei wohl kaum Erkundigungen einziehen.

 

»Ja?« Pavel riss Mund und Augen auf, dann schlang er abrupt seine neblig-kühlen Geisterarme um Leonard und kippte durch ihn hindurch an die Wand.

 

»Verdammt noch mal, Pavel! Das ist -«

 

Er blickte in ein schreckensweites Augenpaar, das betreten zu ihm aufsah, als Pavel sich wieder gerade hingesetzt hatte.

 

»- ist schon in Ordnung«, seufzte Leonard. »Wir kriegen das hin. Zumindest werde ich mir Mühe geben.«

 

Das schrille Geräusch eines Weckers drang die Treppe hinauf. Himmel, war es etwa bereits Zeit, aufzustehen? Hatten sie die ganze Nacht hindurch geredet?

 

»Es ist 0700«, informierte Pavel ihn lächelnd. »Mama macht jetzt erst mal ein riesengroßes Frühstück; du hast mindestens noch eineinhalb Stunden, bis sie dich wecken kommt. Willst du noch ein bisschen schlafen?«

 

»Vielleicht«, krächzte Leonard, mühsam das Entsetzen niederkämpfend, das der Gedanke an ein erneutes gigantisches Bankett in ihm auslöste. »Hör mal, hast du zufällig eine Idee, wie ich deinen Eltern erklären könnte, dass ich es nicht besonders gut vertrage, stundenlang gemästet zu werden wie ein Truthahn vor Thanksgiving? Ohne sie zu verletzen, meine ich.«

 

Zu Leonards grenzenloser Überraschung verfiel Pavel in lautstarkes Prusten, das er nur schwer wieder in den Griff bekam. »Oh Mann«, japste er, »Mama hat dich so richtig fertiggemacht gestern, du hast mir so leidgetan!«

 

Leonard stutzte. »Du hast uns beobachtet?«

 

»Ja«, kicherte Pavel. »Es war sehr lustig. Zuerst dachte ich, du könntest mich auch nicht sehen, aber dann, nach deinem Gespräch mit dem Captain, da - da hat sich plötzlich etwas verändert in deinem Blick.«

 

»Moment«, sagte Leonard unbehaglich. »Du bist mit mir nach oben in dieses Zimmer gegangen und hast zugesehen, was ich gemacht habe? Die ganze Zeit?«

 

Pavel nickte. »Nur, als du mit Captain Kirk gesprochen hast, bin ich kurz auf den Flur gegangen. Ich fand es unangemessen, eine private Unterhaltung zu belauschen, vor allem, weil ich den Eindruck hatte, dass es dem Captain auf persönlicher Ebene nicht gut ging. Natürlich war ich neugierig, aber ich finde, man muss trotzdem immer anständig bleiben.«

 

»Anständig«, blies Leonard aus. »Mich zu beobachten, ohne dass ich von dir wusste, das fandest du also anständig?« Er wusste gar nicht recht, was ihn so sehr störte, schließlich war dies immer noch Pavels Zimmer und er hatte hier nichts Nennenswertes getan. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, fand er es schlichtweg entwürdigend, dass ein achtzehnjähriger Ensign ihm dabei zugesehen hatte, wie er sich vor Magenkrämpfen ächzend auf dem Bett gewunden und sich selbst den Bauch massiert hatte. Großer Gott, er war doch kein Clown!

 

»Ich wäre natürlich auch rausgegangen, wenn du masturbiert hättest oder so«, sagte Pavel kleinlaut. »Bist du sehr böse auf mich?«

 

Leonard öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Pavel Andreievich Chekov machte ihn fertig.

 

»Hm? Leonard?« Mit einem Mal wirkte Pavel ernsthaft ängstlich. »Ich meine, du hast doch gar nichts Wichtiges oder Peinliches getan; ich wollte nur - ich wollte nicht allein sein. Und mit dir im selben Zimmer zu sein, war ein bisschen wie auf der Enterprise, da hast du ja meistens auch nicht richtig mit mir geredet. Ich konnte mir einfach vorstellen, es wäre wie früher. Es tut mir leid.«

 

»Ich bin dir nicht wirklich böse, entschuldige«, seufzte Leonard, der seine unsinnige Wut verrauchen spürte. »Kannst du dir eigentlich aussuchen, was du siehst und hörst? Ich meine, vorhin sagtest du, du könntest durch Wände sehen. Klappt das auch mit dem Hören, oder wie läuft das?«

 

»Das ist mir bislang noch ein Rätsel«, antwortete Pavel mit sichtlicher Erleichterung. »Es hat größtenteils etwas mit Konzentration zu tun, glaube ich. Wenn ich mich darauf konzentriere, kann ich zum Beispiel von hier aus ins Badezimmer oder auf den Flur schauen, aber ich kann nicht durch den Fußboden ins untere Stockwerk sehen. Wenn ich mich darauf konzentriere, kann ich allerdings hören, was meine Eltern unten zueinander sagen. Wenn ich mich aber entscheide, mich nicht zu konzentrieren, dann ist es so, wie es war, als ich noch ... lebendig war. Dann ist eine Wand einfach eine Wand und ich höre und sehe nichts dahinter.«

 

Leonard nickte langsam. »Hör mal, wenn ich gleich aufs Klo gehe, beobachtest du mich nicht, ist das klar? Das würde ich dir ernsthaft übel nehmen.«

 

»Das würde ich niemals tun!«, empörte sich Pavel. »Ich bin ein anständiger Mensch! Ich meine, ich bin ... ein anständiges Gespenst.« Er seufzte schwer.

 

»Das wird schon«, behauptete Leonard. »Wir versuchen nachher alles, um dich ... zu erlösen.«

 

War das eine angemessene Bezeichnung?

 

Pavel in jedem Fall nickte ihm zu und schenkte ihm ein kleines Lächeln. »Danke.«

 

 

 

Als Leonard das Badezimmer verließ, fühlte er sich gut, aber noch längst nicht in der Lage, sich erneut bis zum Anschlag vollstopfen zu lassen. Er wollte Pavel gerade noch einmal darauf ansprechen, ob er diesbezüglich Tipps zum Umgang mit seinen Eltern hatte, als der Klingelton seines PADDs ertönte.

 

»Bestimmt Captain Kirk«, meinte Pavel und erhob sich von der Matratze. »Ich warte unten. Keine Angst, ich sage dir dann immer ganz genau, was du meinen Eltern erzählen sollst, ja? Ein bisschen musst du vielleicht improvisieren, aber das schaffst du schon, Leonard.« Damit verschwand er, und Leonard nahm den Anruf an.

 

»Jim?«

 

»Hey, Bones.« Jims Holo sah genauso übernächtigt aus, wie Leonard sich fühlte. »Bist du schon richtig wach? Und hast du kurz Zeit? Ich ... Gott, ich ... wahrscheinlich bist du momentan nüchtern, aber ich muss dir das jetzt einfach erzählen, wirklich, Bones.«

 

»O...kay?« Leonard ahnte, dass er nicht vollständig gerüstet war für das, was Jim ihm nun anvertrauen würde, doch das durfte keine Rolle spielen. Er setzte sich samt dem PADD aufs Bett und lehnte sich rücklings an die Wand. »Schieß los, aber wenn irgend möglich, fass dich bitte kurz; Pavels Mutter werkelt unten schon in der Küche rum.«

 

»Ist gut.« Falls es Jim irritierte, dass Leonard Pavel plötzlich beim Vornamen nannte, ließ er es sich nicht anmerken. Vermutlich war er allerdings selbst zu verwirrt dazu. Er schnappte nach Luft und fuhr sich durch seine wild in alle Himmelsrichtungen abstehenden Haare. »Gestern Nacht, nachdem Spock und ich im Hotel angekommen waren. Whoa, Bones. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass wir noch ein paar höfliche Worte wechseln, er dann schlafen oder meditieren geht und ich danach ... na ja, du kennst mich, ich wollte mich betrinken und dann einen richtig, richtig harten Fick mit irgendwem; ich konnte doch so nicht einschlafen, ich hätte das echt gebraucht.«

 

Leonard deutete ein Nicken an. Genau diese Art von Gespräch führte er ungern nüchtern. Und wie es aussah, hatte Jim noch nicht näher darüber nachgedacht, warum ihn Spocks und Uhuras Beziehungsstatus so sehr interessierte.

 

»Na ja, aber Spock ging einfach nicht«, fuhr Jim fort. »Er wollte mich überreden, noch eine Kleinigkeit zu essen; er wollte mir unbedingt was bestellen, das war echt merkwürdig. Ich meine, klar, er achtet auch auf Missionen immer überpenibel darauf, dass mir nichts passiert, aber das? Er fand das aus irgendeinem Grund total wichtig und ließ sich auch nicht richtig abwimmeln, und ich wollte ihn ja auch gar nicht abwimmeln, schließlich will ich mich ernsthaft mit ihm anfreunden, und dann - na ja. Du weißt ja, dass ich nach so Situationen nicht richtig essen kann, aber Spock weiß es nicht, und da fiel mir ein, wir könnten dir doch gleich deine Pralinen bestellen und für uns selber auch noch welche. Die gibt es auch mit zwei verschiedenen Likören, wusstest du das? Da hab ich einfach zwanzig Schachteln von jeder Sorte ins Hotel bestellt.«

 

»Du hast - insgesamt sechzig Schachteln ...?«

 

»Jaa, eine für dich und die anderen für mich. Ich meine, fünf Jahre im All sind lang.«

 

»Jim, wir wissen noch nicht mal endgültig, ob -«

 

»Doch, Bones, wir kriegen die Mission, glaub mir. Na ja, auf jeden Fall kam die Lieferung dann an, und irgendwie hab ich es geschafft, Spock dazu zu bringen, die Sorten mit Likör zu probieren, und er mochte sie, und na ja, so ab der vierten Praline ... war er irgendwie ... anders.«

 

»Inwiefern anders?«

 

»Er hat mich gefragt, ob ich ihm das mit meiner Familie erklären will. Und das wollte ich ja, ich wusste nur nicht, wie. Und als ich nicht sofort geantwortet hab, da hat er - da hat er mich gefragt, ob es mir helfen würde, wenn zuerst er mir was Persönliches erzählt, weil das ja unter Menschen so üblich sei. Mann, Bones, ich dachte kurz, da sitzt ein Geist vor mir, das war so krass.«

 

Leonard konnte das leicht hysterisch klingende Auflachen, das ihm aus der Kehle drang, nicht unterdrücken.

 

»Genau! Ganz genau das!«, rief Jim. Dann nahm sein Gesicht einen sehr weichen, überforderten Ausdruck an. »Ich hab gesagt, dass das vielleicht nicht schlecht wäre. Und dann hat er mir von sich und Uhura erzählt. Von ihnen beiden seit Pavels Tod. Ich kann natürlich keine Details weitersagen, das wäre nicht fair Spock gegenüber; ich bin echt froh, dass er mir das anvertraut hat. Aber die Kurzfassung ist, dass Spock seitdem deutlich erkannt hat, dass das nirgendwo hinführt mit ihnen, und Uhura ... wohl das komplette Gegenteil demonstriert. Demonstriert, weil - Spock selber kann so was null einschätzen, aber nach allem, was er mir erzählt hat, denke ich, dass sie es weiß, es aber einfach nicht wahrhaben will. Und sich jetzt krampfhaft an dieser Beziehung festklammert. Oh, Bones, er hat versucht, mit ihr zu reden. So richtig. Total oft. Aber im Moment hat er keine Chance, und ich fürchte, das ist so ein Fall, in dem irgendwas Therapeutisches sinnvoll wäre, auch wenn ich eigentlich nicht viel von so was halte.«

 

»Whoa«, machte Leonard. »Das ist heftig.«

 

»Und wie«, murmelte Jim, blinzelte und fuhr fort: »Na ja, Spock war dann jedenfalls total erleichtert, als ich ihm das gesagt hatte. Weil er jetzt zumindest ein bisschen beruhigter ist und nicht mehr denkt, dass er einfach bloß unfähig ist oder so.«

 

Leonard nickte nur knapp, obwohl ihm einmal mehr ein sarkastischer Spruch auf der Zunge lag.

 

»Und dann«, seufzte Jim, »blieb mir nichts anderes übrig, als ihm auch was zu erzählen. Ich wollte ja, alles andere hätte echt einen verdammt miesen Captain aus mir gemacht. Man zerrt seinen Ersten Offizier nicht ohne Erklärung in so eine Situation, wirklich nicht. Und weil ich nicht so richtig wusste, was er als relevant empfinden würde und was nicht ... hab ich mir Whiskey aufs Zimmer bestellt und ihm einfach alles erzählt. Von meiner Mutter, von Sam, von Frank ... ja, alles.«

 

Leonard stieß einen Pfiff aus. »Und jetzt?«

 

»Weiß nicht«, stöhnte Jim. »Spock hat noch ein paar Pralinen gegessen währenddessen, und irgendwie hat ihn diese Mischung aus Schokolade und Alkohol ziemlich ... berauscht. Er sah aus wie wir, wenn wir total dicht sind, kannst du dir das vorstellen? Und er war - schockiert. Das hat er mir wörtlich so gesagt. Und dann ist er auf meinem Bett eingeschlafen, einfach so. Er schläft immer noch. Dabei hatte ich am Anfang den Eindruck, dass es ihm schon komisch vorkommt, neben mir auf der Matratze zu sitzen.«

 

»Im Ernst? Das Spitzohr schläft auf deinem Bett? Zeig her«, verlangte Leonard, bereit, den Holoshot seines Lebens anzufertigen.

 

»Vergiss es!«, antwortete Jim entrüstet.

 

»Spielverderber«, knurrte Leonard. »Na, ich muss jetzt sowieso runter. Und Jim, es könnte sein ... dass ich noch ein paar Tage hierbleibe. Die Chekovs sind froh über jede Ablenkung und Gesellschaft. Das sind zwei ganz großartige Menschen, und sie haben mich eingeladen.«

 

Jim nickte langsam. »Ist okay. Mach dir um mich keine Sorgen, ich bin ... na ja ... es geht schon. Und du? Bist du in Ordnung, Bones? Du wirkst irgendwie immer noch seltsam.«

 

»Alles gut, Jim«, behauptete Leonard und lächelte seinem Freund zu. »Es ist nur auch für mich nicht ganz leicht, mit trauernden Eltern umzugehen.«

 

»Ich weiß«, sagte Jim bedrückt. »Es tut mir leid, Bones. Ich hätte dich auf keinen Fall gehen lassen, wenn ich den Eindruck gehabt hätte, dass du ...«

 

»Hey«, fiel Leonard ihm ins Wort, noch immer lächelnd. »Es sind jetzt fast fünf Jahre. Das hier ist in Ordnung für mich, und ich mag die Chekovs wirklich gern.«

 

»Okay.« Jim nickte wieder. »Das ist gut.«

 

In diesem Augenblick wurde Leonard bewusst, dass er wahrhaftig keinen Grund hatte, Pavel den Plan für seine Eltern vorzuwerfen. Schließlich erzählte er selbst auch Jim gerade eine Menge weißer Lügen. Seinem besten Freund jetzt, wo er so sehr strauchelte, auch noch von Pavels Geist zu berichten - nein, das brachte Leonard nicht fertig.

Leonard McCoy by dammitcola

Leonard McCoy

 

 

 

Im Wohnzimmer stand Pavel hinter dem durchgesessenen braunen Sofa, allem Anschein nach bereit, den Souffleur für Leonard zu spielen. Sein leicht eingezogener Kopf und die traurigen Blicke, die er seinen Eltern zuwarf, rührten etwas in Leonard an, das seine Kehle erneut eng werden ließ.

 

Er hatte sein PADD und seinen Kommunikator mitgebracht und fragte Anya und Andrei, die ihn schon am gedeckten Tisch erwarteten, höflich um Erlaubnis, beides bei sich behalten zu dürfen - Jocelyn hatte ihm keine feste Uhrzeit genannt, wann sie Joanna gestatten würde, ihn anzurufen.

 

Beinahe war er sich selbst ein wenig peinlich, er benahm sich mehr wie ein Schuljunge denn wie ein Mediziner der Sternenflotte, doch Pavels Eltern strahlten ihn einhellig an, lobten seine guten Manieren und versicherten ihm ausführlich ihr Verständnis. »Mach alles so, wie es für dich richtig ist, mein Junge«, sagte Anya. »Deine Kleine wird sich dann schon melden, bestimmt.«

 

Pavels Lächeln wirkte gequält, und Leonards Bedürfnis, ihm zu helfen, wuchs ins Unermessliche.

 

Als Nächstes wuchs allerdings auch seine Verzweiflung ins Unermessliche, denn der Tisch - helles Holz und offenbar von Hand gezimmert; er besaß die Höhe eines Couchtisches und den Umfang eines großen Esstisches - war schon wieder über und über beladen mit den leckersten Dingen, die Andrei ihm sogleich erklärte:

 

Da gab es Kascha, einen süßen Brei aus Buchweizen, kleine Pfannkuchen namens Blini und gefüllte Teigtaschen mit dem Namen Piroggen. Das Wort Pirogge, so erzählte Andrei eifrig, ging auf die urslawische Bezeichnung für ein Fest oder Gelage zurück.

 

Wie passend, dachte Leonard missmutig, während Andrei zu den herzhaften Gerichten überging. Ihm standen offenbar erneut schwere Stunden bevor, denn als er sich setzte, grinste Pavel hinter dem Sofa bis über beide Ohren. Dann aber, als sein Vater Leonard gerade zeigte, in welchen Kannen sich Kaffee, Schwarztee, Früchtetee und Trinksahne befanden, und seine Mutter im Begriff war, Leonards Teller abermals vollzuschaufeln, flüsterte der Junge Leonard ins Ohr: »Anya, es tut mir so unendlich leid, aber bestimmt weißt du es von Pavel - diese Sternenflottenvorschriften. Ich werde noch Ärger bekommen wegen meiner Werte.«

 

Verdattert lauschte Leonard diesen Worten. Pavel hatte seinen Eltern also erzählt, die Sternenflotte würde ihm verbieten, sich über die Feiertage vollstopfen zu lassen? Das wüsste er aber, sie waren doch längst keine Kadetten mehr, und er hasste es, Menschen unsinnige Lügen aufzutischen. An den gestrigen Abend zurückdenkend, hatte er jedoch kaum eine Wahl, und mit seinem gewinnendsten Lächeln wiederholte er Pavels Vorgabe originalgetreu.

 

»Oh, ich weiß!«, stöhnte Anya. »Aber mein lieber Junge, ich hatte gehofft, du würdest heute Morgen noch eine Ausnahme machen. Du bist so schrecklich mager!«

 

Leonard hatte Mühe, ein Prusten zu unterdrücken.

 

»Es tut mir wirklich leid, aber ich als Arzt habe natürlich eine Vorbildfunktion. Wie soll ich der Crew erklären, dass sie auf ihr Cholesterin achten soll, wenn meine eigenen Werte durch die Decke schießen und ein wildes Feuerwerk am Himmel veranstalten?« Er griff nach Anyas faltiger Hand und drückte sie herzlich. »Würdest du mir bitte einen Teller mit kleinen Häppchen zusammenstellen, damit ich von allem probieren kann? Ich möchte keine deiner Köstlichkeiten verpassen; wir schummeln uns einfach ein bisschen um die Vorschriften herum.«

 

Diese Aussicht stimmte Anya sofort versöhnlich. Mit einer Begeisterung, die an die ihres Sohnes erinnerte, begann sie, Leonard ein komprimiertes, akkurat auf dem Teller angeordnetes Frühstücksmenü zu zaubern.

 

»Das ist wunderschön«, sagte er, und das war nicht gelogen. Etwas Derartiges gab es nicht mal in Edelrestaurants. »Darf ich ein Foto davon machen und es meinem Captain schicken? Er wird platzen vor Neid.«

 

»Oh bitte, bitte, mein Junge, nur zu!« Anya strahlte über das ganze runde Gesicht.

 

Leonard fotografierte also sein Essen, schickte das Ergebnis an Jim und bekam auch prompt Antwort:

 

Whoa! Bones, du Arsch! Frag, ob du mir was mitbringen darfst, okay? Aber wirklich!

 

Eine Frage, die Anya umgehend bejahte, worauf sie sich in ausgiebigen Plänen erging, welche Leckereien sie dem jungen Captain mitschicken würde.

 

Während des erleichternd magenfreundlichen Frühstücks plauderte Leonard eine Weile unverfänglich mit Pavels Eltern, die einen wahren Narren an ihm gefressen hatten und ihn von Minute zu Minute herzlicher behandelten. Manchmal, wenn er sich nicht in Jims unmittelbarer Nähe befand und sich nicht wider Willen mit seinem besten Freund verglich, erinnerte Leonard sich daran, dass auch er selbst über so etwas wie Charme verfügte.

 

»Das hast du schon mal sehr, sehr gut gemacht. Jetzt müssen wir aber anfangen«, hörte er da Pavel hinter sich flüstern. Leonard bekam eine Gänsehaut. Wie musste der Junge sich fühlen angesichts all dieser Plaudereien mit seinen Eltern, an denen er nicht teilnehmen konnte?

 

Er deutete ein Nicken für Pavel an, das dessen Eltern ebenso gut auf sich selbst beziehen konnten, denn momentan erzählten sie ihm satzweise abwechselnd eine Geschichte aus Pavels Kindheit, die sich in einem Hallenbad zugetragen hatte: Der vierjährige Pavel hatte damals einem Imbissverkäufer detailliert vorgerechnet, dass dessen genannter Preis falsch war, und hatte danach von diesem zur Entschädigung ein Eis spendiert bekommen.

 

»Anya? Andrei?«, begann Leonard zögerlich, als die beiden geendet hatten. »Wenn Ihr erlaubt, würde ich euch gern ... ebenfalls eine Geschichte über Pavel erzählen.«

 

»Genauer gesagt, über Pavel und mich«, wisperte Pavel ihm ins Ohr. »Ich habe euch gestern belogen, und dafür möchte ich mich entschuldigen. Ich sagte euch, Pavel und ich hätten uns nicht gut gekannt, aber das ... war nicht die Wahrheit. Ich wusste einfach nicht, wie ich euch erklären sollte, was euren Sohn und mich tatsächlich verbunden hat.«

 

Leonard begriff nicht recht, warum Pavel flüsterte, wo seine Eltern ihn doch gar nicht hören konnten, fügte die Worte aber gehorsam hinzu - zumindest sinngemäß, das war doch etwas viel auf einmal gewesen, und er war Arzt, kein Broadway-Star. Die Lüge ließ ihm heißes Blut in die Wangen schießen, erstens, weil es nun mal eine Lüge war, und zweitens, weil all das so anrüchig klang.

 

Er erwartete, dass Anya und Andrei ihm jetzt allerlei Fragen stellen würden. Vielleicht auch, dass sie gerührt sein würden und sich freuten, wie Pavel es ihm prophezeit hatte. Doch nichts, nichts auf der Welt hätte ihn auf das vorbereiten können, was nun tatsächlich folgte.

 

Anya war aufgesprungen und starrte ihn an. Auch Andrei erhob sich langsam. Für einen schrecklichen Moment fürchtete Leonard, sie würden ihn mit vereinten Kräften packen und aus dem Haus werfen. Nicht, dass er mit den beiden nicht fertig geworden wäre, doch wenn sie es wünschten, musste und würde er ihr Heim verlassen.

 

Dann aber rannen Anya einmal mehr Tränen über die Wangen. »Oh!«, rief sie. »Oh, Pavel! Oh, Leonard! Leonard, mein Junge!« In der nächsten Sekunde plumpste sie neben ihm auf das Sitzpolster, schlang beide Arme um seinen Hals und weinte haltlos, während Andrei dicht bei ihr Platz nahm und ihr den Rücken tätschelte.

 

 

 

Stunden später konnte Leonard sich kaum mehr erinnern, wie der restliche Vormittag konkret abgelaufen war. Wann wer was gesagt, wann wer was darauf geantwortet hatte. Nur den Inhalt dessen, was besprochen worden war, kannte er; all das hatte sich unauslöschbar in sein Bewusstsein gebrannt.

 

Pavels geflüsterte Worte hatten ein geradezu erschreckend realistisches Bild von einer Liebesgeschichte erschaffen, die nach dem Drama um Khan und Jims Tod ihren Anfang genommen hatte. Zwei Menschen zwischen Pflichterfüllung und Sorge, die einander zögerlich näherkamen und sich schließlich gegenseitig stützten.

 

In Wahrheit hatte es niemanden gegeben, der Leonard während Jims zweiwöchiger Bewusstlosigkeit aufgefangen hatte, und seine Kehle tat schon wieder weh bei dieser Vorstellung. Hatte dieser Junge damals erkannt, wie fertig Leonard gewesen war? Pavel Chekov? Er hatte regelmäßig nach dem Captain gefragt, wie die restliche Crew auch, und einmal - einmal hatte er Leonard eine Kanne Kaffee mitgebracht. Es war die einzige Geste eines Crewmitglieds gewesen, die sich auf Leonard selbst bezog statt auf Jim, denn Bewusstlose tranken für gewöhnlich keinen Kaffee. In all seiner Sorge und Müdigkeit hatte Leonard das damals kaum wahrgenommen, doch es sagte eine Menge über Pavel aus.

 

Pavels Eltern jedenfalls hatten sich über die fiktive Geschichte nicht einfach nur gefreut, nein, sie waren hingerissen gewesen. Und auf Leonards zögerliche Aussage, er habe niemals erwartet, dass sie so positiv auf ihn reagieren würden, hatte Andrei wissen wollen, warum er so etwas nur gedacht habe.

 

»Nun, ich ...«, hatte Leonard herumgedruckst und war sich abermals himmelschreiend albern vorgekommen, »ich bin doch ein ganzes Stück älter als Pavel.«

 

»Pah!«, hatte Anya darauf gerufen. »Was die Leute sagen und denken, ist nicht wichtig, mein Junge, das musst du dir merken. Was meinst du, wie sie gelästert haben, als ich mit Pavel schwanger war? Über vierzig und eine natürliche Schwangerschaft! Niemand hat das verstanden, und es war uns egal.«

 

Leonard hatte einen vorsichtigen Blick zu Pavel riskiert, der beide Daumen nach oben reckte und ihn anstrahlte.

 

Irgendwann hatte Pavel begonnen, seine Eltern in den höchsten Tönen zu loben, und Leonard hatte nichts weiter zu tun gehabt, als all seine Worte an sie weiterzugeben und zu behaupten, Pavel habe ihm diese Dinge im Laufe der letzten Monate erzählt.

 

Anya und Andrei waren selig inmitten all ihrer Trauer, die nun tief und dunkel in ihren Blicken pochte und dennoch Raum ließ für unbändige Freude. Zur Feier des Tages schenkte Andrei ihnen trotz der frühen Stunde allen ein Glas Wodka ein, damit sie auf Pavel anstoßen konnten.

 

Dieser stand nun still und mit traurigen Augen in der Ecke hinter dem Sofa, und könnten Gespenster weinen, hätte er es vermutlich getan.

 

Leonard fühlte sich grauenhaft, doch er hatte eine rettende Idee: Er fragte Anya und Andrei, ob sie damit einverstanden wären, wenn er den Tag dafür nutzen würde, sich eine Weile allein in Pavels Heimatstadt umzusehen. Das war nur glaubwürdig, fand er - ein Mensch, der gerade seinen Partner verloren hatte, brauchte dringend ein wenig Privatsphäre und Raum für seine eigene Trauer.

 

Natürlich hatten sie nichts dagegen.

 

Ehe Leonard jedoch aufbrechen konnte, klingelte erneut sein PADD: Joanna.

 

Die Chekovs machten Anstalten, das Zimmer zu verlassen, doch er bedeutete ihnen eilig, sitzen zu bleiben. Gewiss würde Jocelyn Joanna kein langes Gespräch erlauben.

 

»Hallo, Jojo«, sagte Leonard und fühlte sich von innen heraus leuchten, als er seine Kleine sah, die bereits den Haarschmuck trug, den er ihr zu Weihnachten geschickt hatte. Der Anblick hatte etwas Surreales an sich. In den letzten Jahren waren all seine Kontaktversuche ins Leere gelaufen.

 

»Hallo, Papa«, erwiderte sie mit scheuem Lächeln. Sie zupfte verlegen an den silbern blinkenden Sternen herum, die sie in ihren Zopf geflochten hatte. »Danke. Die sind toll. Alle haben solche, nur ich hatte bisher keine.«

 

»Und ich hatte schon Angst, sie könnten dir nicht gefallen«, schmunzelte Leonard und spürte der wärmenden Erleichterung nach, die sich in ihm ausbreitete.

 

»Mama hat ...«, begann Joanna mit bebender Stimme. »Mama hat mir Sachen gegeben. Und Briefe. Von dir. Manche davon sind schon total alt.«

 

Pavel in seiner Ecke beugte sich neugierig nach vorn, seine Eltern verhielten sich mucksmäuschenstill. Mit einem Mal wäre es Leonard doch lieber gewesen, allein mit Joanna zu sprechen, aber ernstlich störte ihn die Anwesenheit der Chekovs merkwürdigerweise nicht.

 

»Das ist gut«, sagte er heiser. »Ich wollte ... ich wollte nie, dass wir uns nicht mehr sehen, Jojo.«

 

»Ich weiß«, hauchte sie und wirkte für Sekunden beängstigend alt für ein zehnjähriges Kind. »Ich hab alles gelesen. Und ... Papa, ich glaub ... ich glaub, Mama hat Angst vor dir. Sie hat mir zuerst das alles gegeben, und dann wollte sie mir die Sachen wieder wegnehmen, aber ich hab sie nicht mehr hergegeben, und dann hat sie gesagt, dass du vielleicht gefährlich bist. Aber ich hab trotzdem alles behalten, und sie hat mich in Ruhe gelassen, und jetzt durfte ich dich anrufen und sie ist sogar rausgegangen, als ich gesagt hab, dass sie das tun soll.«

 

Ein bitteres Gefühl machte sich in Leonard breit, das er regelrecht auf der Zunge schmecken konnte. Immer noch. Nach all den Jahren tat Jocelyn also immer noch so, als wäre er gefährlich wegen der Geschichte mit seinem Vater.

 

»Sie hat vor vielen Sachen Angst«, fügte Joanna fast entschuldigend hinzu. »Dieses Jahr sind wir sogar zu Hause geblieben an Weihnachten, weil sie dachte, dass uns vielleicht jemand überfallen könnte, wenn wir zu Grandma und Grandpa fliegen. Sie sind dafür zu uns gekommen.«

 

Leonard stutzte. Plötzlich war es ihm, als rückte ein lange gesuchtes Puzzleteil in seinem Kopf endlich an den richtigen Platz. »Kommt das oft vor, Jojo? Dass Mama solche Angst vor anderen Leuten hat?«

 

Joanna nickte zögerlich. »Aber eigentlich darf ich das niemandem sagen, vielleicht ist es gefährlich, wenn das jemand weiß. Aber ich hab deine Briefe gelesen. Ich glaub nicht, dass du gefährlich bist, Papa.«

 

Leonard fühlte sich, als müsste er jeden Moment in Tränen ausbrechen, doch das durfte er Joanna nicht antun. Sie war schon verunsichert genug. »Jojo, Süße - nein, ich bin nicht gefährlich. Und Grandma und Grandpa sind auch nicht gefährlich, das weiß Mama bestimmt auch.«

 

Dass seine ehemaligen Schwiegereltern ihn zuletzt behandelt hatten wie den letzten Dreck, spielte jetzt keine Rolle. Es durfte keine Rolle spielen.

 

Erneut nickte Joanna langsam.

 

»Es wäre gut, wenn du auch Grandma und Grandpa erzählst, was du mir gerade gesagt hast, Jojo«, sagte Leonard vorsichtig. »Glaubst du, du schaffst das?«

 

»Na klar.« Unsicher blinzelte sie ihn an. »Aber warum?«

 

Leonard atmete verhalten durch. Jetzt keinen Fehler machen. Keinen einzigen. Es ging um alles. »Weil ich befürchte, dass Mama vielleicht krank sein könnte, das aber selber nicht merkt. Wenn Menschen immer, immer Angst haben, ohne echten Grund - dann kann es sein, dass das in Wahrheit eine Krankheit ist. Aber das kann ich nicht sicher sagen; um das richtig festzustellen, müsste Mama zu einem Arzt gehen. Grandma und Grandpa können ihr dabei helfen, einen guten zu finden. Und sie passen gut auf Mama und dich auf und sind auf gar keinen Fall gefährlich.«

 

Ein weiteres Nicken von Joanna. »Okay«, piepste sie. »Papa? Kommst du mich bald besuchen?«

 

»Wahnsinnig gern«, presste er hervor. Nicht heulen. Nicht heulen. Und bloß keinen Fehler machen, McCoy. »Wenn du willst und Mama einverstanden ist, noch in den Ferien.«

 

»Ich frag sie«, verkündete Joanna.

 

»Das freut mich«, antwortete Leonard mit rauer Stimme.

 

Als sie das Gespräch ein paar Minuten später beendeten, weil Jocelyn nach Joanna rief, fühlte Leonard sich merkwürdig leer und zugleich voller Energie. Nach Weihnachten würde er seine ehemaligen Schwiegereltern kontaktieren, ganz gleich, wie wenig sie noch von ihm hielten.

 

Erst Sekunden später begriff er, dass Anya und Andrei das Zimmer, nein, das Haus verlassen hatten. Sie hatten ihm auf einem kleinen, alten PADD eine Nachricht hinterlassen: Sie würden Freunde besuchen, damit er etwas Zeit für sich hatte, und hofften, ihn zum Abendessen wiederzusehen. Selbst den Zahlencode für die Haustür hatten sie ihm aufgeschrieben.

 

Pavel stand nach wie vor bedrückt in seiner Ecke. »Entschuldigung«, murmelte er. »Ich wusste nicht, ob ich auch gehen oder bleiben soll. Und ich glaube ... ich glaube, meinen Eltern das alles von mir auszurichten, hat nicht funktioniert. Schließlich bin ich immer noch hier.«

 

Verdammt, ja. Leonards Pulsschlag beschleunigte sich, als ihm bewusst wurde, was das bedeutete. »Komm«, sagte er heiser und klopfte auf den Platz neben sich.

 

Pavel gehorchte.

 

»Warum bist du eigentlich barfuß?« Die Frage war dämlich, doch sie fiel Leonard ein, als Pavel die Knie anzog, die Beine mit seinen Armen umschlang und nervös mit den durchscheinenden Zehen wackelte.

 

»Weiß ich nicht«, seufzte Pavel. »Ich weiß auch nicht, warum ich Freizeitkleidung trage; ich war schließlich uniformiert, als ich ...« Erneut seufzte er. »Leonard, darf ich dir sehr ehrlich etwas anvertrauen?«

 

»Schieß los.«

 

»Ich hab Angst.«

 

Leonard schluckte schwer. »Ich auch, Pavel.«

 

Pavel nickte. »Du denkst, deine Exfrau hat eine psychische Erkrankung, oder? Es klang so.«

 

»Ja«, bestätigte Leonard befangen, »aber das meinte ich gerade nicht. Ich meinte: Welche Möglichkeiten haben wir beide jetzt noch? Was könnten wir noch versuchen? Hast du irgendeine Idee?«

 

Bekümmert schüttelte Pavel den Kopf. »Vielleicht muss ich irgendwelche Sachen machen, von denen ich immer geträumt habe«, murmelte er dennoch. »So was Filmtypisches. Aber ... ich ... nun.« Er presste die Lippen fest zusammen, bevor er fortfuhr: »Das sind Dinge, die in meinem momentanen körperlichen Zustand nicht funktionieren.«

 

Drei. Zwei. Eins.

 

Klick.

 

»Oh.«

 

»Mhm«, machte Pavel unbehaglich. »Ich war früher ... immer nur das Baby. Manche von den weiblichen Kadetten haben mir auf der Akademie jedes Mal durch die Haare gewuschelt, wenn sie mich auf dem Flur getroffen haben, ohne mich zu fragen. Und manche von den Männern haben mich gezwungen, ihre Physikhausaufgaben zu machen. Das war's.«

 

»Und für dich wäre beides infrage gekommen?«, rutschte es Leonard unbedacht über die Lippen. Jim hatte ihn einmal gefragt, wie er diesbezüglich »drauf war«, und obwohl Leonard sich weder vor noch nach Jocelyn jemals ernstlich für einen potenziellen Partner interessiert hatte, war er nicht umhingekommen, darüber nachzudenken.

 

»Ich glaube schon«, murmelte Pavel. »Ich war mal in einen Andorianer verliebt, dann in eine Orionerin. Und weil das Schicksal mich so lieb hat, sind die zwei später ein Paar geworden und kamen auf das gleiche Schiff.«

 

»Scheiße«, sagte Leonard, und als sie sich ansahen, mussten sie beide plötzlich lachen, kurz und leise.

 

»Und du?«, wollte Pavel kleinlaut wissen. »Ich meine, wenn ich das fragen darf?«

 

Leonard nickte leicht, ließ sich jedoch Zeit mit seiner Erklärung. »Als Jim mich das zu Anfang unserer Freundschaft mal gefragt hat, fand ich es ziemlich schwierig, ihm zu antworten«, räumte er dann ein. »Ich war mit einer Frau verheiratet gewesen und hatte vereinzelt One-Night-Stands mit Frauen gehabt, sonst hatte ich keine Erfahrung.«

 

»Und jetzt?«, platzte Pavel heraus. »Äh, entschuldige.«

 

Leonards Mundwinkel zuckten. »Daran hat sich bisher nicht viel verändert«, antwortete er offen. Dies war kein Thema, das er als übermäßig privat erachtete, und im Augenblick war ihm alles recht, um Pavel abzulenken, aufzumuntern oder was auch immer. »Aber ich sagte Jim damals, dass ich glaube, dass es einfach passen muss. Ich war nie ein Typ, der sich viel aus Äußerlichkeiten macht. Und im Grunde haben Jim und ich da eine Gemeinsamkeit. Mann, Frau, Inter, Rasse, Spezies - Jim interessiert sich dafür nicht primär, wenn das Gesamtpaket stimmt. Und das kann ich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch von mir sagen, obwohl ich nicht so offensiv damit umgehe wie er.«

 

»Warum vergleichst du dich mit ihm?«, fragte Pavel.

 

»Was?«

 

»Ich meine, warum ... warum erklärst du dich mit Bezug auf den Captain?«

 

Leonard hielt kurz inne. »Er ist mein bester Freund und ein anschaulicher Maßstab«, erklärte er dann, aber er hatte keine Ahnung, ob das wirklich alles war. Er wusste besser als jeder andere Mensch um Jims gravierende Selbstzweifel, doch zugleich war er sich nur zu deutlich bewusst, wie sehr er selbst vor anderen neben Jim unterging. Wie uninteressant sie ihn fanden neben dem strahlenden Captain. Und er war ja auch tatsächlich meist keine angenehme Gesellschaft. Er konnte nicht strahlen, wenn ihm zum Sterben zumute war.

 

Pavel schenkte ihm ein äußerst vorsichtiges Lächeln. »Ich weiß nicht, ob dich das tröstet«, sagte er leise, obwohl Leonard mit keinem Wort behauptet hatte, Trost zu brauchen, »aber meine Eltern haben dich sehr viel lieber als Schwiegersohn. Du warst immer schon ihr Liebling, wenn ich von euch allen erzählt habe. Arzt und zuverlässig und so. Und jetzt ... wollen sie dich am liebsten gar nicht mehr von hier weglassen.«

 

»Du glaubst gar nicht, wie beschissen ich mich deswegen fühle«, murrte Leonard. Er wollte es nicht zugeben, nicht mal vor sich selbst, aber er fühlte sich tatsächlich getröstet. Obwohl es absolut nichts zu trösten gab.

 

»Musst du nicht«, antwortete Pavel, doch auch er klang befangen. »Sie werden respektieren, dass du gesagt hast, dass niemand von uns wusste wegen der verschiedenen Ränge. Aber bestimmt werden sie dich trotzdem ab und zu einladen, und das ist doch nicht übel, oder? Jetzt, wo sie dich nicht mehr zwingen, dich für eine Hungersnot zu rüsten.«

 

Zu seiner eigenen Überraschung musste Leonard kichern. »Nein, das ist nicht übel. Ganz und gar nicht.«

 

 

 

Da ihnen nichts anderes zu tun einfiel, um Pavels Situation zu beeinflussen, ließ Leonard sich von dem jungen Russen seine Heimatstadt zeigen.

 

Dick eingepackt wanderte er neben dem barfüßigen kleinen Gespenst durch das Schneetreiben - entlang der Ischora, über Brücken, durch gemütliche Gässchen und grell blinkende Einkaufspassagen. Laufbandbürgersteige gab es lediglich im Zentrum Kolpinos, und die Bewegung und die frische Luft taten Leonard gut und vertrieben seine Kopfschmerzen, die sich kurz vor dem Aufbruch eingestellt hatten.

 

Unterwegs brachte Pavel ihm einige Schimpfwörter und Flüche auf Russisch bei - »Die entsprechen am ehesten deiner natürlichen Ausdrucksweise, denke ich«, sagte der unverschämte Lümmel -, die Leonard leise vor sich hin murmelte, bis er ihre korrekte Aussprache beherrschte.

 

Schließlich aber verlangte es ihn dringend nach einem Kaffee mit großzügigem Schuss, und obwohl Pavel ihm versicherte, dass es in ganz Kolpino kein Geschäft gebe, dessen Mitarbeiter kein Standard sprachen, setzte er sich in den Kopf, die Bestellung auf Russisch aufzugeben.

 

»Na schön«, meinte Pavel. »Aber das ist schwierig; du musst mir jetzt sehr gut zuhören.«

 

Sie übten ein Weilchen im Gehen, und als Pavel endlich zufrieden mit ihm war, betraten sie ein Café namens Snegurka, das mit einer großen Auswahl an Getränken zum Mitnehmen warb. Im Café herumsitzen wollte Leonard nicht, obwohl er allmählich ernstlich fror. Es hätte sich merkwürdig und ungerecht angefühlt, Pavel die ganze Zeit um sich zu wissen, ihn aber ignorieren zu müssen, wenn er nicht für geisteskrank gehalten werden wollte.

 

Nicht ohne Stolz gab Leonard seine Bestellung auf, einen schwarzen Kaffee mit reichlich Cognac, und lächelte den breit gebauten Kellner dabei vielleicht ein bisschen zu erwartungsvoll an für dessen Geschmack.

 

Die Miene des Mannes versteinerte erst, dann wurde sie ausgesprochen grimmig.

 

»Sag's noch mal, vor allem die ersten zwei Silben deutlicher!«, zischte Pavel.

 

Leonard gehorchte, doch nun krempelte der fleischgewordene Schrank vor ihnen seine Ärmel hoch, knurrte etwas auf Russisch und kam um den Tresen herum.

 

»Scheiße, Leonard!«, rief Pavel. »Lauf!«

 

Leonard hatte sich im Laufe des letzten Jahres zu oft an Jims Seite auf nicht ganz nach Plan verlaufenden Missionen befunden, um jetzt nicht aufs Wort zu gehorchen wie ein klassisch konditionierter Pawlow'scher Hund.

 

Wobei er, wie er gut zwanzig Straßen weiter mit rasendem Puls und heftigem Seitenstechen feststellte, heute eher ein Pavel'scher Hund war: Der Junge schüttete sich aus vor Lachen und torkelte dabei wie ein Betrunkener durch den Schnee.

 

»Was hab ich da gesagt?«, verlangte Leonard atemlos zu wissen. Die von den kardianischen Medizinern verpfuschten Narben auf seinem Rücken schmerzten und juckten nach dem unverlangten Mix aus Sprint und Marathon. »Was zur Hölle hab ich falsch gemacht?«

 

»Nichts!«, jubelte Pavel, prustete weiter und drehte sich mehrfach im Kreis, bevor er sich zu einer ausführlicheren Antwort herabließ: »Ich hab dir was ganz Falsches beigebracht, Leonard. Du hast den Typen gefragt, ob er dir nicht schnell einen Kaffee machen kann, statt fliegende Penisse zu fangen.«

 

»Fliegende - was?!«

 

»Fliegende Penisse«, wiederholte Pavel grinsend. »Das ist einfach so eine Redensart. Wenn jemand nur reglos mit offenem Mund rumsteht und nicht arbeitet, sagt man, dass er fliegende Penisse fängt.«

 

»Mit dem Mund?«

 

»Mit dem Mund. Es ist sehr unhöflich, so etwas zu einem Kellner zu sagen, der gerade gefragt hat, was er für einen tun kann. Ich bin bestürzt, Leonard.«

 

Leonard öffnete den Mund, doch ihm fiel keine angemessene Erwiderung ein. Dieser ...

 

»Achtung, die fliegenden Penisse!«, lachte Pavel.

 

»Du ... du mieser kleiner ... russischer ...«

 

»Penis? Das ist aber nicht sehr originell.«

 

Wider Willen musste daraufhin auch Leonard lachen. »Scheiße, ich hasse dich, Pavel Chekov!«

 

 

 

Als sie ins Haus der Chekovs zurückkamen, zitterte Leonard vor Kälte, doch drinnen war es warm und roch herrlich nach Kaffee und irgendetwas Süßem.

 

»Na, mein Junge?«, fragte Anya und strahlte Leonard an, als er sich seiner nassen Jacke entledigte. »Ich hoffe sehr, du hast ein klein wenig Hunger mitgebracht.«

 

Es war später Nachmittag, seit dem Frühstück hatte Leonard nichts mehr gegessen, und wie aufs Stichwort knurrte sein Magen hörbar. Er lächelte Anya schief und leicht verlegen zu. »Darauf kannst du wetten. Aber bitte, Anya, nicht zu viel - du weißt ja, diese Vorschriften.«

 

Es wurde ein entspannter, gemütlicher Nachmittag mit selbst gebackener Torte und Leonards ersehntem Kaffee mit Cognac, der in einen entspannten, gemütlichen Abend mit Suppe und Brot überging. Keine gravierenden Mästungsversuche diesmal, und wäre Pavel nicht gewesen, hätte Leonard diese Stunden in vollen Zügen genossen. Doch Pavel war, und so verabschiedete Leonard sich bereits kurz nach acht, offiziell, um duschen und schlafen zu gehen.

 

Als er nach seiner Dusche zurück in Pavels Zimmer trat, in Shorts und mit leicht feuchten Haaren, war ihm allerdings keineswegs nach Schlaf zumute.

 

»Verflucht, was sollen wir jetzt tun?«, murmelte er, teils an Pavel gewandt, teils an sich selbst, während er sich nach seinem Pyjamaoberteil auf der Matratze bückte.

 

Pavel, der auf seinem Schreibtischstuhl gesessen hatte, antwortete nicht sofort. Aus dem Augenwinkel erkannte Leonard, dass er sich erhob und auf ihn zukam.

 

»Alles okay?«

 

Erneut keine Antwort. Stattdessen eine Gegenfrage: »Leonard, was ist mit deinem Rücken passiert?«

 

»Ach, das.« Leonard schlüpfte in sein Oberteil, dann in seine Pyjamahose. »Das war auf Kardia. Schätze, im Vergleich zu dir kann ich damit zufrieden sein.«

 

»Aber warum hat das danach niemand heil gemacht?«

 

Heil gemacht, wiederholte Leonard in Gedanken. Die Bezeichnung löste ein merkwürdiges Gefühl in ihm aus, in seinem Brustkorb oder seinem Magen, er konnte es nicht genau lokalisieren. Eine Mischung aus Rührung und Verlegenheit.

 

»Ich bin nicht gerade ein Musterpatient«, gab er unumwunden zu. »Ich wollte da einfach niemanden ranlassen. Dachte, das hat nach den Feiertagen noch Zeit.«

 

»In Ordnung«, murmelte Pavel und blickte mit großen Augen zu ihm auf. »Aber du musst das wirklich machen lassen, ja? Bestimmt tut es weh. Das sieht schlimm aus, Leonard.«

 

»Schlimmer, als es ist«, antwortete Leonard mit leichtem Schmunzeln. »Mach dir darüber mal keine Sorgen.«

 

»Warum nicht? Du machst dir auch Sorgen um mich.«

 

Leonard schluckte schwer. »Weil dein Körper vernichtet ist und dein Geist keine Ruhe findet. Nicht wegen ein paar lächerlicher Narben, Pavel.«

 

Der Junge wirkte unzufrieden mit dieser Antwort, entgegnete aber nichts mehr. »Sehen wir uns vielleicht einen Film an?«, wollte er stattdessen wissen. »Irgendwas, das auch für nüchterne Menschen lustig genug ist?«

 

Damit brachte er Leonard erneut zum Lachen. »Können wir gern tun. Ist es okay für dich, wenn ich kurz noch Jim anrufe? Dann klingelt er später nicht dazwischen.«

 

Das Lächeln, das Pavel ihm nun schenkte, wirkte verwirrend schüchtern. »Klar. Soll ich rausgehen?«

 

Leonard winkte ab. »Nein, bleib ruhig. Falls bei Jim nichts Gravierendes passiert ist, dauert das jetzt nicht lange.«

 

Sein bester Freund sah müde aus, allerdings wesentlich stabiler als bei ihren letzten Gesprächen. »Bones! Ich hab gerade leider nicht viel Zeit, Spock und ich spielen Schach. Ich fürchte, ich bin der mieseste Gegner, den er jemals hatte, aber er meint, für den Anfang wäre ich gar nicht schlecht.«

 

»So?« Leonard ließ die Erleichterung zu, die diese Worte in ihm auslösten. »Dann habt ihr das alles gestern ... tja, halbwegs gut überstanden?«

 

Jim verzog leicht gequält das Gesicht. »Mhm. Manchmal können wir uns kaum in die Augen schauen, irgendwie ist das alles schon echt peinlich, aber na ja - wir sind jetzt in San Francisco, unsere Dienstwohnungen sind dann doch besser als irgendein Hotel, und ab morgen wollen wir die Mission auf Kardia nachbereiten. Da ist einiges schiefgelaufen; mehr, als offiziell tatsächlich relevant war.«

 

Leonard nickte Jim zu. »Halt mich auf dem Laufenden.«

 

»Mach ich. Und, ähm, Bones?«

 

»Ja?«

 

»Du siehst so ... so entspannt aus, irgendwie. Ich glaub, ich muss dich jetzt öfter zu den Chekovs schicken.«

 

»Während der Fünf-Jahres-Mission, die wir angeblich schon so sicher in der Tasche haben?«, spottete Leonard. »Von mir aus gern, alles ist besser als das da oben.«

 

»Ja, das klingt schon eher nach dir«, sagte Jim. »Nein, aber im Ernst: Ich glaub, du hast diese Auszeit echt gebraucht.«

 

»Kann schon sein«, räumte Leonard leise ein. »Kann schon sein, Jim.«

 

Ihm wurde bewusst, dass es da einen Leonard McCoy in ihm gab, den Jim bislang kaum zu Gesicht bekommen hatte.

Schwarze Wahrheiten by dammitcola

Schwarze Wahrheiten

 

 

 

Leonard besaß eine recht genaue Vorstellung von Filmen, die auch für nüchterne Menschen lustig genug waren. Allerdings nahm er nicht im Traum an, dass sein diesbezügliches Empfinden sich mit Pavels deckte, weshalb er auf seinem PADD einige Filme zur Auswahl antippte, die Jim zum Brüllen komisch fand. Sie waren nicht schlecht, und hier ging es nicht um Leonards eigene Aufheiterung, sondern um die des Jungen.

 

Dieser zeigte sich überraschenderweise kritisch: »Können wir vielleicht etwas ansehen, das weniger ... fröhlich ist? Vielleicht hätte ich nicht von nüchternen Menschen sprechen sollen, sondern ... nun, ähm ... von toten.«

 

Verblüfft hob Leonard die Brauen. »So was hier?«, fragte er und öffnete den Trailer einer Neuverfilmung von Gravitiy's Rainbow, um Pavel ein bisschen zu ärgern.

 

Der Film war noch keine zwei Jahre alt, durchdacht und sozialkritisch, allerdings an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten. Im Zentrum der Handlung stand ein amerikanischer GI, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs jedes Mal eine Erektion bekam, wenn Einschläge deutscher V2-Raketen in London bevorstanden - und das ausgerechnet durch Pawlow'sche Konditionierung -, der sich im Verlauf der Handlung jedoch mehr und mehr auflöste und schließlich von den anderen Figuren nicht mehr gesehen werden konnte.

 

Eine kleine Rache für die panische Flucht aus dem Café musste drin sein, befand Leonard; vermutlich konnte er sich niemals wieder in Kolpinos Innenstadt blicken lassen.

 

Und was tat der Junge? Kicherte bereits während dieses Trailers unentwegt, sodass ihre Wahl feststand - und das blieb nicht die einzige Überraschung.

 

Pavel Andreievich Chekov besaß auch abseits der Naturwissenschaften einen messerscharfen Verstand und hatte keinerlei Probleme, den zunehmend komplexer werdenden Handlungssträngen zu folgen. Dazu gehörte er eindeutig zu den etwa viereinhalb Personen in der Galaxie, die zwischen sick jokes und schwarzem Humor zu differenzieren vermochten, wenngleich er behauptete, dass beides in Russland erfunden worden war. In sein stetiges Gekicher ob der teils fragwürdigen Filmszenen mischten sich allerdings auch ernste Töne, denn Pavel fühlte sich zunehmend berufen, zu betonen, dass er Derartiges »wirklich nur in der Fiktion, ehrlich« lustig fand und keinesfalls in der Realität.

 

»Das will ich auch hoffen«, schmunzelte Leonard daraufhin jedes Mal, denn die tödliche Raketentechnik der Nazis, die Ausmerzung menschlicher Willensfreiheit durch Pawlow'sche Konditionierung, die Verbindung von Sex und Tod in sadomasochistischen Praktiken oder die Tatsache, dass die Schweine aus Pynchons Romanvorlage im Film von Tellariten verkörpert wurden, war nun wirklich nichts, worüber ein Mensch im wahren Leben lachen sollte.

 

Der Film war anspruchsvoll, geradezu prätentiös, doch einem weniger intelligenten und verzweifelten jungen Geschöpf als Pavel Chekov hätte Leonard ihn im Leben nicht gezeigt. Über so etwas konnte man im Grunde nur lachen, wenn man emotional nicht mehr tiefer sinken konnte.

 

»Das war der coolste Film, den ich je gesehen habe«, befand Pavel abschließend und strahlte Leonard an.

 

»Hättest du das vor deinem Tod auch gesagt?«, fragte Leonard. Das interessierte ihn, es interessierte ihn wirklich, und er hatte den Eindruck, dass er Pavel diese Frage im Augenblick durchaus stellen durfte.

 

Pavel sann kurz nach. »Er hätte es zumindest in die Top Ten geschafft«, meinte er nachdenklich. »Ein paar Sachen hätte ich damals aber vielleicht nicht verstanden.«

 

»So? Welche denn?«

 

»Das mit den Tellariten, zum Beispiel«, erklärte Pavel mit leicht gerunzelter Stirn. »Es ist sehr einfach, dieses Stilelement als geschmacklos und speziesistisch abzustempeln, aber eigentlich zeigt es nur deutlich, was doch sowieso die meisten Erdenmenschen denken. Es gibt seriöse Umfragen und Experimente, die aufzeigen, dass Menschen Föderationsbürgern mit tellaritischem Äußeren weniger Respekt entgegenbringen als anderen Spezies, einfach nur, weil sie uns an Schweine erinnern. Aber niemand würde das offen zugeben.«

 

Leonard hatte das Gefühl, Pavel nicht vollständig folgen zu können. »Und wieso bewertest du das jetzt anders als früher? Wieso hättest du es früher nicht verstanden?«

 

»Ich glaube, weil ... weil ich mich immer sehr dringend für einen guten Menschen halten wollte. Und jetzt, wo ich auf mich selbst zurückblicke, merke ich, dass ... dass ich genauso viele Vorurteile hatte wie die meisten anderen auch. Zum Beispiel ...«, Pavel zögerte merklich, »zum Beispiel in Bezug auf dich, Leonard.«

 

Verwirrt hielt Leonard inne, atmete bedächtig ein und aus und schloss das Fenster mit dem Film auf seinem PADD. Er war sich nicht sicher, ob er hören wollte, was konkret Pavel damit meinte, und doch hakte er nach: »Inwiefern?«

 

Pavel schenkte ihm ein so schüchternes, verlegenes Lächeln, dass er Leonard ernstlich leidtat. »Ich glaube, ich hatte irgendwie ein bisschen Angst vor dir. Als ich meine Eltern darüber sprechen hörte, dass du sie besuchst und nicht Captain Kirk, bin ich etwas erschrocken. Der Captain wirkt ... einfach sehr viel zugänglicher, und obwohl ich wusste, dass du mit deinen Patienten immer gut umgehst und Pfleger Daagir immer in den höchsten Tönen von dir spricht, habe ich mir irgendwie Sorgen gemacht, du könntest ... nicht richtig nett zu meinen Eltern sein. Und vielleicht ihr positives Bild von dir ... zerstören. Es tut mir leid.«

 

Mit einem zwickenden Gefühl zwischen Brustkorb und Magen schüttelte Leonard den Kopf. »Das muss es nicht«, antwortete er mit rauer Stimme. »Du hast mich niemals privat erlebt, Pavel, und hättest du es getan, wären deine Befürchtungen wahrscheinlich nur noch bestärkt worden.«

 

»Aber du bist ehrlich«, sagte Pavel leise und lehnte seinen Kopf an die Wand. Ein ewiges Paradoxon, dass er dazu imstande war. »Immer, wenn ich dich etwas frage, antwortest du offen. Das ist etwas, das Captain Kirk nicht tut, das weiß ich. Er ist im Dienst zwar viel freundlicher als du, aber er ... er ist so freundlich, dass man meistens nicht merkt, dass er gar nicht immer gut gelaunt ist.«

 

»Du beobachtest deine Mitmenschen ziemlich genau«, stellte Leonard fest. Er konnte und wollte nicht verbergen, dass er beeindruckt war. »Ich habe dich bis vor Kurzem für wesentlich naiver gehalten, als du es bist.«

 

Bedrückt hob Pavel die Schultern. »Außenseiterkind«, seufzte er. »Mir war oft langweilig so allein. Ich habe die anderen beobachtet und analysiert und mir Geschichten ausgedacht, in denen sie meine Freunde waren.«

 

»Verstehe«, murmelte Leonard betroffen. »Ich hoffe, ich habe dich anfangs nicht zu sehr verschreckt.« Es verblüffte ihn, wie wichtig ihm das auf einmal war.

 

»Nur ein bisschen«, versicherte Pavel. »Ich wusste, dass jemand, den der Captain und Pfleger Daagir so sehr mögen, einfach kein schlechter Mensch sein kann.«

 

Leonard spürte seine Mundwinkel zucken, und dann war da noch eine andere, tiefer greifende Empfindung: Plötzlich fühlte er sich beängstigend weich und sanftmütig im Inneren. Und widerwärtig verletzlich. Da war etwas wie Furcht, gravierende Furcht davor, dass Pavel diese Worte nur aussprach, um ihn nicht vor den Kopf zu stoßen. Und weil er nicht wusste, was er zu all dem sagen sollte, schwieg er und starrte auf den dunklen Bildschirm des PADDs.

 

»Leonard?«, sagte Pavel mit hörbarem Fragezeichen.

 

»Ich hoffe, das ist keine deiner weißen Lügen«, rutschte es Leonard heraus. Nach wie vor sah er nicht auf. Warum interessierte ihn das überhaupt? Das hier war das Gespenst von Ensign Pavel Chekov, achtzehn Jahre alt und tot.

 

»Nein«, antwortete Pavel mit entwaffnend scheuer Stimme, die Leonard endlich dazu brachte, ihn anzusehen und in zwei noch scheuere Augen zu blicken. »Das ist eine schwarze Wahrheit. Und falls du jetzt fragen willst, warum schwarz: weil ich glaube, dass ich gerade anfange, dich sehr zu mögen, und weil das ziemlich blöd ist, wenn man nicht mehr lebendig ist. Und falls du jetzt fragen willst, warum ich dir das so ehrlich sage und ob mir das nicht peinlich ist: doch, sogar sehr, aber ich denke, wenn man tot ist, sollte man keine Zeit verlieren mit solchen Dingen. Wer weiß, ob ich mich morgen oder übermorgen nicht doch einfach auflöse.«

 

Mit aufgerissenen Augen starrte Leonard Pavel an. Sein Puls raste und klingelte ihm in den Ohren. Seine linke Schläfe begann, schmerzhaft zu pochen. »Pavel ... meine schwarze Wahrheit ist ...«, presste er mühsam hervor, »dass ich nicht in der Lage bin, auf so etwas ... angemessen zu reagieren. Das war ich noch nie.«

 

Ihm stand der Schweiß auf der Stirn, war das zu fassen?

 

Pavel senkte den Kopf. »Du musst ja nichts dazu sagen«, murmelte er, doch die Enttäuschung schwang deutlich in seiner Stimme mit. »Ich meine, ich hab nicht mal einen richtigen Körper, und wenn ich einen hätte, wäre ich immer noch achtzehn und Ensign und langweilig für dich.«

 

Meist gewann Leonard vor allem dann an innerer Stärke, wenn sein Gegenüber sich schlecht fühlte und ein gewisses Maß an Fürsorge benötigte, und auch diesmal ließ ihn dieser Wesenszug nicht im Stich. »Achtzehn und Ensign, ja«, sagte er. »Und damit würde die ganze Sache aus meiner persönlichen moralischen Sicht bereits auf eine verdammt fragwürdige Ebene rutschen. Aber langweilig? Nein. Pavel, nein. Nicht so, wie ich dich heute erlebt habe.«

 

Mit schmerzerfüllt verzerrtem Mund blinzelte Pavel ihn an. »Weiße Lüge?«, wisperte er.

 

Leonard wünschte sich, es wäre anders gewesen, doch sein Herz klopfte wie verrückt in seiner Brust. Im Geiste sah er sich durch Kolpino rennen, verfolgt von einem rauflustigen Kellner, weil dieser dreiste Bengel hier ihm absichtlich eine vulgäre Unverschämtheit beigebracht hatte. Und er hörte ihn lachen, den dreisten Bengel, wegen eines Filmes, der jedem Leonard bekannten Menschen außer ihm selbst zu morbide war. Wäre Pavel nicht dummerweise ein Gespenst und abseits dieser Tatsache das jüngste Besatzungsmitglied des Sternenschiffes gewesen, dessen Erster Medizinischer Offizier Leonard war, dann würde er in dieser Nacht ... verdammt noch mal, er würde tatsächlich zum ersten Mal ...

 

»Scheiße«, zischte er. Das war peinlich. Das war mehr als peinlich. Das war der Gipfel aller Peinlichkeit.

 

»Hm?«, machte Pavel kleinlaut. »Weiße Lüge oder nicht?«

 

»Nein«, stieß Leonard aus. Er musste für ein paar Sekunden die Augen schließen, um sich zu sammeln, und blinzelte dann heftig. »Rabenschwarze Wahrheit, Pavel. Hör zu, glaubst du, deine Eltern fänden es seltsam, wenn ich ... noch ein zweites Mal duschen würde?«

 

Pavels Augen wurden rund und richteten sich unverblümt auf Leonards Schritt.

 

Leonard fragte sich, ob dieses Szenario weniger entwürdigend gewesen wäre, wenn er keinen Pyjama getragen hätte, und kam zu dem Schluss, dass es in jeder Aufmachung gleich blamabel war.

 

Pavel allerdings - strahlte. Ganz und gar ehrlich und ohne seinen Blick abzuwenden. »Wow«, sagte er.

 

»Ich hasse dich wirklich«, knurrte Leonard.

 

»Nein, das glaube ich nicht«, entgegnete Pavel sinnend, unentwegt weiter auf Leonards Erektion starrend. »Du ... du ... du spürst es, wenn ich dich berühre, oder? Es ist seltsam, aber irgendetwas ist da?«

 

Und da war es vorbei, Leonards Erregung verebbte. Nicht aus einem Fluchtbedürfnis heraus, sondern weil ...

 

»Das bist nicht du, Pavel«, sagte Leonard sanft, jetzt wieder ganz und gar Herr der Lage. »Was immer da ist oder nicht ist, das bist nicht du. So viel glaube ich über dich zu wissen. Du bist niemand für Oberflächlichkeiten. Ich selbst bin das auch nicht, aber du noch viel weniger.«

 

Sichtlich frustriert erwiderte Pavel seinen Blick. »Der frühere Pavel war es nicht«, räumte er ein. »Aber das, was jetzt vor dir sitzt, hat vielleicht nicht mehr lange Zeit. Oder viel zu viel davon. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich wissen will, wie es ist.«

 

»Aber du würdest doch überhaupt nichts dabei spüren, oder?«, fragte Leonard, wie er glaubte behutsam. In der nächsten Sekunde kam er sich bereits wie der letzte Volltrottel vor. Sex war keine rein körperliche Sache, er als Mediziner sollte das eigentlich vor allen anderen bedenken. Sex fand zu einem nicht unerheblichen Teil im Kopf statt.

 

»Ich hab ja noch ein Bewusstsein«, murmelte Pavel geknickt. »Ich würde mir einfach vorstellen, Dinge zu spüren. Verstehst du?«

 

Leonard nickte langsam. »Ja. Ja, das tue ich.«

 

»Und warum versuchen wir dann nicht ... irgendetwas? Ich bin volljährig. Ich meine, ich wäre es, wenn ich nicht ... du weißt schon. Gerade sah es nicht so aus, als wärst du abgeneigt. Niemand würde es je erfahren. Meine Eltern glauben sowieso, dass wir ein Paar waren. Und du würdest mir damit helfen. Hör auf, zu denken, dass ich ein Kind bin. Ich weiß schon, ob ich etwas machen will oder nicht.«

 

Unromantischer konnte man sein Gegenüber nicht zum Sex auffordern. Und peinlicherweise ließ genau das Leonards Hose im Schritt abermals erschreckend eng werden.

 

Was würde er später mehr bereuen: nachgegeben oder sich geweigert zu haben? Wahrscheinlich würde sich beides die Waage halten. Er würde sich hassen, so oder so. Also konnte er auch die Variante wählen, die Pavel um eine Erfahrung reicher machte - und ihn selbst ebenfalls.

 

»Li-o?«, kam es fragend über Pavels Lippen, und nur zeitverzögert begriff Leonard, dass das ein Name war, sein Name, dass Pavel ihn Leo genannt hatte.

 

Niemand hatte das je zuvor getan. Nicht seine Eltern, nicht Jocelyn, nicht seine Freunde in der Schule. Lenny, Len und sogar Lee waren unter seinen bisherigen Spitznamen gewesen, und dann natürlich Jims ewiges und längst lieb gewonnenes Bones - aber nicht Leo, und schon gar nicht auf jene osteuropäisch hart artikulierte Weise, auf die Pavel diesen Namen aussprach.

 

Vielleicht war das letzte Mal zu lange her. Vielleicht war Leonard auch einfach nur zu lange allein gewesen im Inneren. Er wusste es nicht. Es war ohnehin nicht fair, Pavel auf psychologische Gründe zu reduzieren, der gerade wirklich andere Probleme hatte als die emotionalen Verkrüppelungen des Leonard Horatio McCoy.

 

Pavel saß hier vor ihm auf dem Bett, eine geisterhafte Erscheinung, durch deren Gesicht die Deckenbeleuchtung schimmerte, und schaffte es dennoch, eine Hitze durch Leonards Lenden zucken zu lassen, die ihn völlig unvorbereitet traf - und er ließ all seine Bedenken für die nächsten Augenblicke los.

 

 

 

Neblig-kühle Berührungen, hauchzart, kaum wahrnehmbar.

 

Leonard wusste, was er hier tat, es war ihm so einschneidend bewusst, dass es schmerzte: Er machte sich verwundbar.

 

»Mach das weg, bitte mach das alles weg«, hatte Pavel aufgeregt gebeten und seine Nebelfinger über Leonards Pyjama geführt, trotz seiner Aufgekratztheit penibel darauf achtend, dass sie nicht durch ihn hindurchglitten.

 

Das tat er jetzt ebenfalls, und alles andere, da musste Leonard ehrlich sein, hätte definitiv nicht zu seiner Entspannung beigetragen. Dies hier dagegen war ... verrückt, aber keineswegs unangenehm. Er verfügte nach wie vor über eine ausgesprochen gesunde Libido, und wenn er sonst auch vor gewagten Experimenten zurückscheute - dieses das Diesseits überschreitende Wagnis war gut.

 

Manchmal stockten Pavels Finger, und wenn Leonard dann blinzelte, sah er, dass der junge Mann die Augen geschlossen hatte wie zuvor er selbst, den Mund leicht geöffnet, Gefühlen nachspürend, die er in Fleisch und Blut niemals hatte kennenlernen dürfen.

 

Leonard ließ ihm Zeit. Er drängte ihn zu nichts. Wer war er, irgendetwas zu verlangen? Das alles war Pavels Wunsch gewesen, und Pavel allein würde entscheiden, was nun geschah.

 

Pavel aber erwies sich als aufmerksamer Geber. Mit vor anrührendem Eifer strahlenden Augen weitete er seine gespenstischen Berührungen aus, ein nicht enden wollender sachter Windhauch auf all der pulsierenden Hitze. Ein ungläubiges Lächeln auf dem jugendlichen Gesicht, das kaum zu fassen schien, dass Leonards laut pochendes Herz, sein immer schwerer werdender Atem und all die anderen eindeutigen Reaktionen wirklich sein Werk waren.

 

Wahrhaftig, Sex fand im Kopf statt, auch im Kopf von Leonard McCoy. Anders war dieser Wahnsinn nicht zu erklären. Leonard hatte das Gefühl, von innen heraus zu verglühen.

 

Und schließlich ... schließlich tat er es einfach. Es war nicht seine Art, nur egoistisch zu nehmen, und er hob seine rechte Hand und führte sie über Pavels Brust, seinen Bauch, bis hinunter zu seinem Schritt.

 

Pavels geweitete Augen folgten jeder seiner Bewegungen aufmerksam, und ihm entfuhr ein leises Keuchen. Dass er nicht mehr über körperliche Empfindungsfähigkeit verfügte, spielte keine Rolle. Ebenso wenig, dass seine Geistergestalt mit Freizeitkleidung verbunden war, die er nicht abstreifen konnte. Es war sein Bewusstsein, sein innerstes Ich, das ihn fühlen ließ, und er beobachtete Leonards Finger beim sachten Spiel mit seiner durchscheinenden Silhouette, bis diese für Sekunden erschauerte. Anschließend schien er Leonard alles doppelt und dreifach zurückgeben zu wollen, und sein jugendlich anmutender Enthusiasmus übertrug sich auf Leonard; er hatte diesen Empfindungen nichts entgegenzusetzen.

 

Kurz vor dem Höhepunkt nahm Leonard seine eigene Hand zu Hilfe. Nicht, weil er sie gebraucht hätte, sondern weil er bei aller Liebe zu morbiden Szenarien ein gewisses Bild vermeiden wollte, das spritzendes Sperma und ein über ihn gebeugtes, reizendes Gespenst beinhaltete.

 

Er hatte den Verstand verloren.

 

So musste es sein.

 

All diese Gefühle.

 

All diese Bilder im Kopf.

 

Pavels schiefes Schmunzeln, der sein Eingreifen zum Glück genau richtig interpretierte.

 

Dann ein Geräusch aus Leonards Kehle, das er seit langer, langer Zeit nicht mehr gehört hatte.

 

Schließlich Stille.

 

 

 

Die nächsten Tage waren merkwürdig - und besser als die meisten anderen Tage in den letzten vier Jahren von Leonards gebeuteltem Leben.

 

Sie waren besser, weil er unerwartet das seltene und kostbare Gefühl hatte, keinen Fehler begangen zu haben. Da war keine nennenswerte Verlegenheit zwischen Pavel und ihm, sie beide waren erwachsen, und Pavels momentane Existenzform degradierte ihn noch lange nicht zu einem Nichts.

 

Und weil das so war, weil sie beide nichts bereuten und in Bezug auf Pavels unselige Situation ohnehin nicht weiterkamen, wiederholten sie ihre neu entdeckte Version eines One-Night-Stands mehrfach, was den Begriff One-Night-Stand im Grunde ad absurdum führte. Ob die Bezeichnung Affäre mit einem wesentlich jüngeren Gespenst allerdings angenehmer in seinen Ohren klang, wagte Leonard zu bezweifeln, weshalb er allzu ausführliche Grübeleien bezüglich einer Beschreibung zu vermeiden suchte.

 

Wenn Jim ihn fragte, wie es ihm ging, fühlte er sich mit seinem »Gut, Jim, wirklich gut« wie der ehrlichste und zugleich wie der verlogenste Mensch der Welt.

 

Es ging ihm gut. Doch eigentlich befand er sich nicht in einer Situation, in der es irgendjemandem gut gehen sollte.

 

Ihm wie auch Pavel selbst wurde zunehmend klar, dass sie so keinen Erfolg haben würden. Wenn Pavel eine Veränderung seines Zustands wünschte, mussten sie daran arbeiten, und da ihnen beiden längst die Ideen ausgegangen waren - nicht, dass Leonard je welche gehabt hätte -, war der sinnvollste nächste Schritt, Jim und die Kerncrew einzuweihen. Sie hatten schon so vieles gemeinsam bewältigt - womöglich würde ihnen ja auch dieses Mal etwas einfallen.

 

Die anderen zu überzeugen, dass Leonard die Wahrheit sagte, würde ein Leichtes sein. Bis auf grundlegende Anwendungen und Programmierungen war er auf technischer Ebene eine Null. Selbst Spock würde es vermutlich einigermaßen erschüttern, wenn Leonard sich plötzlich auf Pavels Posten setzen und den Job des jungen Navigators fehlerfrei ausüben würde.

 

Also beschlossen sie, diesen einzigen Weg zu gehen, der ihnen noch blieb. Pavel würde Leonard nach San Francisco begleiten, Leonard würde Jim und Sulu alles erklären, und sie alle gemeinsam der restlichen Crew. Zwar war die Situation zwischen Spock und Uhura laut Jim momentan recht angespannt, denn Spock hatte sich dazu gezwungen, Uhura einen Brief zu schreiben, in dem er ihr seine Sicht der Dinge dargelegt hatte. Doch hier ging es nicht um diese zwei, es ging um Pavel Chekov, und Leonard wollte verdammt sein, wenn sie dem Jungen nicht helfen konnten.

 

Er begriff nur nicht recht, warum sich dieser Plan dann so schrecklich falsch anfühlte. Vielleicht handelte es sich auch dabei um eine schwarze Wahrheit, deren Eingeständnis Leonard Pavel und sich selbst nicht antun konnte.

 

Er hatte gehofft, Joanna noch einmal sprechen zu können, bevor er nach San Francisco flog, doch seine Anrufversuche blieben unbeantwortet. Auch seine ehemaligen Schwiegereltern, die er auf ihren Kommunikatoren anzurufen versuchte, erreichte er nicht. Am ersten Tag nach Weihnachten dachte er sich nichts dabei. An den folgenden beiden Tagen jedoch machte sich eine nagende Angst in seinen Eingeweiden breit.

 

Es war ihm unmöglich, Anya und Andrei vorzuspielen, dass alles in Ordnung war - er versuchte es um ihretwillen, doch er schaffte es nicht, und schließlich erzählte er ihnen alles, ohne die kleinste Ausnahme. Pavel bekam seine zunehmende Verzweiflung ohnehin mit; um das nicht zu tun, hätte er ihm nicht annähernd so nahe sein dürfen, wie er es mittlerweile war.

 

Und während Anya und Andrei Leonard umsorgten wie ein krankes Küken, was ihm mehr als peinlich war und ihn dennoch auf merkwürdige Weise erdete, begann er, wieder daran zu glauben, dass er im Recht war. Nicht nur auf der Verstandesebene, da war es ihm von jeher bewusst gewesen. Nun aber fühlte er es auch: Er hatte seinen Vater nicht umgebracht, sondern seinem Wunsch entsprechend gehandelt. Und er verdiente es verflucht noch mal nicht, dass Jocelyn und ihre Eltern ihn jetzt doch wieder auflaufen ließen und derart auf Abstand hielten. War diesen Leuten eigentlich klar, was sie Joanna damit antaten?

 

Jim regte sich schrecklich über all das auf, als er es erfuhr, und Leonard konnte ihn gerade noch davon abhalten, doch noch persönlich nach Kolpino zu reisen. Jim sollte sich jetzt mal schön um sich selbst kümmern, wie lange er auch immer brauchen würde, um zu erkennen, was das Spitzohr denn nun wahrhaftig für ihn war oder sein konnte.

 

Doch obwohl sie ihm alle Halt gaben, Jim und Anya und Andrei, war es letztlich Pavel, der Leonard davor bewahrte, in sich selbst zu ertrinken.

 

Sie hatten sich gemeinsam einen weiteren bitterbösen Film angesehen, der Leonard zumindest kurzfristig Ablenkung geschenkt hatte, und schließlich war er eingeschlafen, auf beinahe fiebrige Weise aufgewühlt, jedoch elend müde.

 

Im Traum wanderte er eine lange, herbstlich goldene Allee entlang, über Stunden und Tage hinweg. Die Blätter fielen von den Bäumen und säumten seinen Weg, und dann kam der Winter und deckte die kahlen Äste mit Schnee zu, während Leonard noch immer lief und lief und lief.

 

Mit einem Mal erkannte er, wo der Weg endete: In der Ferne befand sich ein Lichtschimmer hinter zartgrauem Nebel. Das war es, dort musste er hin! Doch als er auf das Licht zurannte, kamen ihm Jocelyn und ihre Eltern entgegen, die Joanna als Geisel genommen hatten und jeweils einen Phaser auf sie richteten.

 

»Wenn du Erlösung willst«, sagte Jocelyn mit harter Stimme, »wirst du Joanna verlieren.«

 

Joanna weinte.

 

Plötzlich stürmte Jim von links herbei, der Jocelyn mit seinem eigenen Phaser betäubte.

 

Jocelyns Eltern schossen daraufhin auf Leonard, während sie Joanna achtlos zur Seite stießen, doch sie trafen - Pavel, der neben ihm gestanden haben musste. Und da lag er, zu Leonards Füßen, tot, dabei hatte Leonard ihm noch so viel sagen wollen. Aber was? Was, um alles in der Welt?

 

Ehe Leonard sich darüber Gedanken machen konnte, erschoss Jocelyns Vater seine Enkelin. Leonards Kind, sein kleines Mädchen! Joanna fiel leblos neben Pavel zu Boden.

 

Mit einem erstickten Schrei fuhr Leonard aus dem Schlaf auf, schweißnass und nach Luft schnappend, mit klingelnden Ohren und haltlos heulend.

 

Pavels Worte drangen kaum zu ihm durch. Nur langsam, ganz langsam verstand Leonard, was er sagte: dass er schon seit Minuten versucht hatte, ihn zu wecken. Dass alles gut war, dass Leonard nur geträumt hatte. Dass er, Pavel, hier war. Dass Leonard sich beruhigen und etwas Wasser trinken musste. Und da waren die Hände, die inzwischen vertrauten kühlen Geisterhände, die vorsichtig über sein erhitztes, verheultes Gesicht strichen.

 

Leonards Rücken juckte, und gedankenlos kratzte er sich, was er zusammenzuckend sofort wieder unterließ. Die verfluchten Narben. Sie juckten, wenn er schwitzte, und sie schmerzten heftig, wenn man sie zu fest berührte oder sie Erschütterungen ausgesetzt waren.

 

»Schhhh, lass das«, sagte Pavel mit Nachdruck.

 

Leonard ließ die Hand sinken. Was sonst sollte er tun?

 

Er gehorchte ebenfalls, als Pavel ihn anwies, sich die Nase zu putzen und etwas zu trinken, Pavel, der dabei mindestens so fürsorglich klang wie seine Mutter Anya. Pavel, der ihn dann bat, sein Oberteil auszuziehen und sich auf den Bauch zu legen, und der ihm mit seinen Nebelhänden über die juckende, schmerzende Haut strich - bis sie sich beruhigte und lange darüber hinaus. Es war unfassbar, absolut unfassbar, und das nicht allein aus medizinischer Sicht.

 

Irgendwann konnte Leonard wieder klar denken. Klar genug zumindest, um eines ganz sicher zu wissen: »Scheiße, Pavel, ich ... ich will nicht, dass du gehst. Wohin auch immer. Es ist nicht fair, dir das zu sagen, aber es stimmt.«

 

Von Pavel kam ein Geräusch, das wie ein Schluchzen klang. Er legte sich neben Leonard, so nahe es möglich war, ohne auf gespenstische Weise in ihm zu versinken, und blickte ihm im Halbdunkel durchdringend in die Augen. »Ich hatte noch nie so viel Angst. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn du das nicht gesagt hättest. Ich ... ich will auch nicht gehen, Leo. Das Licht da im Jenseits kann auf keinen Fall so gut sein wie ... das.« Er beugte sich nach vorn und hauchte einen kühlen Geisterkuss auf Leonards bebende Lippen.

 

Einmal mehr pochte Leonards Herz wild in seiner Brust. Es spielte keine Rolle, dass das hier, das alles mit Pavel, verrückt und unlogisch und übernatürlich und abgefahren und was sonst noch alles war. In Leonards Innerem war Wärme, ja, Wärme und Sanftmut und blanker Wahnsinn, und er konnte nicht anders, als all das zu wollen.

 

»Dann bleib, Pavel«, hauchte er erstickt. »Bitte bleib, solange du kannst.«

Nach Hause by dammitcola

Nach Hause

 

 

 

Leonard erwachte mit widerstreitenden Gefühlen in der Brust. Einmal war da jene Mixtur aus Wärme, Sanftmut und Wahnsinn aus der letzten Nacht, die ihn dazu gebracht hatte, Undenkbares auszusprechen. Dem gegenüber stand jedoch eine seltsame Klammheit, die dunkle Ahnung nahenden oder bereits eingetretenen Unheils.

 

Er riss die Augen auf, mit einem Schlag hellwach. Es war kurz vor 0600 - und von Pavel war nichts zu sehen.

 

»Pavel?«, murmelte er. Für einen furchtbaren Augenblick erfasste ihn die Angst, ihr Gespräch nur geträumt zu haben. Ihr letztes Gespräch, bevor er eingeschlafen war.

 

Doch selbst wenn: Pavel war verschwunden, und das war er bislang noch an keinem anderen Morgen gewesen, seit Leonard sich im Haus der Chekovs aufhielt.

 

Die Art der Unsicherheit, die Leonard jetzt durchflutete, kannte er bisher nicht von sich. Er wälzte sich aus dem Bett, machte fröstelnd ein paar Schritte in den Raum hinein, sah sich um und wiederholte Pavels Namen.

 

Nichts.

 

Nichts, nicht in Pavels Zimmer, nicht im Bad. Selbst die Tür zu der kleinen Rumpelkammer öffnete Leonard. Unnötig zu erwähnen, dass sich auch darin kein bis über beide Ohren strahlendes Gespenst befand.

 

Noch barfuß und im Pyjama schlich Leonard die hölzerne Treppe hinunter ins untere Stockwerk. Keine Spur von Pavel, nicht das geringste Anzeichen einer übersinnlichen Präsenz.

 

Etwas in Leonards Brustkorb krampfte sich zusammen.

 

Es sah so aus, als hätte Pavel es geschafft. Sein Geist war nicht mehr ans Diesseits gebunden. Oder? Welche Erklärung sollte es sonst für sein Verschwinden geben?

 

Frierend stand Leonard im Wohnzimmer und starrte auf die leere Ecke hinter dem Sofa, von der aus Pavel ihm an seinem ersten Morgen hier ihre angebliche Liebesgeschichte diktiert hatte. Es war eine schöne Geschichte gewesen, doch die Art, auf die sie sich in Wahrheit nähergekommen waren, hatte Leonard noch wesentlich besser gefallen. Er hatte dadurch Seiten an sich entdeckt, von denen er zuvor nichts geahnt hatte, und zudem verloren geglaubte wiedergefunden.

 

»Verrückt«, flüsterte er und wusste gar nicht recht, was er damit meinte. Seine Empfindungen für Pavel, derer er sich in der vergangenen Nacht erst bewusst geworden war? Die Tatsache, dass er sich in ein Gespenst verliebt hatte und dieses seine Gefühle erwiderte? Oder den schrecklichen Umstand, dass es nun verschwunden war, sein kleines Gespenst?

 

Plötzlich heulte er. Verdammt.

 

Er hatte kein Recht, zu weinen. Pavel war nun dort, wo er hingehörte. Er musste es einfach sein. Und er, Leonard, er musste ... was? Weitermachen? Nach vorn schauen?

 

Vorn, da waren Jocelyn und ihre Eltern, die beschlossen zu haben schienen, ihn abermals von Joanna fernzuhalten. Natürlich würde er erneut versuchen, juristisch dagegen vorzugehen, doch mit welcher Chance?

 

Er sehnte sich danach, in Pavels strahlende Augen zu blicken, die inmitten aller Verzweiflung noch immer in der Lage waren, das Schöne zu sehen. Leonard konnte das nicht. Er konnte nur hoffen. Für Pavel.

 

Bitte sei in Sicherheit, dachte er. Bitte sei hinter dem hellgrauen Nebel, dort, wo das Licht ist.

 

Leonard schauderte, als er an Pavels Beschreibung des anderen Ortes zurückdachte, an den er gelangt war, wenn er von ihrer irdischen Dimension aus versucht hatte, sich ins Jenseits zurückzubringen: »Doch wenn ich versuche, von hier wegzukommen ... wenn ich die Augen schließe und mich darauf konzentriere, den Ort zu sehen, an dem ich direkt nach der Explosion war ... dann ist alles schwarz. Kein Geräusch. Kein Geruch. Keine Landschaft. Kein Stern an keinem Himmel. Ich bin ... fast nur noch verzweifelt.«

 

Kein Stern an keinem Himmel.

 

Fast nur noch verzweifelt.

 

Exakt so fühlte Leonard sich jetzt.

 

Was sollte er tun? Da hatte er tagelang versucht, Pavel zu helfen, einen Weg in eine jenseitige Dimension zu finden - und jetzt? Jetzt, wo sie erkannt hatten, zusammenbleiben zu wollen, war dieser Transfer gelungen.

 

So stand er da, zitternd, mit bloßen Füßen und verheultem Gesicht, und schalt sich einen Idioten, während er einfach nicht aufhören konnte, zu weinen.

 

Und so fanden ihn Anya und Andrei eine Stunde später.

 

Er brauchte ihnen nichts zu erklären. Sie trauerten ebenso, sie alle trauerten um Pavel, und nun konnte Leonard diese Trauer erstmals vollständig teilen. Nun hatte auch er Pavel verloren und erstickte beinahe an seinem Schmerz.

 

Am frühen Abend reiste er ab. Er musste sich einen Anwalt suchen und allmählich auch wieder in sein alltägliches Leben zurückkehren, wenn er darin weiter bestehen wollte, Silvester und Neujahrstag hin oder her. Falls Jim sich von Spock losreißen konnte, würden sie sich morgen bestimmt gemeinsam betrinken. Das hatte Leonard bitter nötig.

 

Anya und Andrei schenkten ihm zum Abschied ein holografisches Foto von Pavel, das bei dessen letztem Heimatbesuch im Frühsommer aufgenommen worden war. Leonards Kehle schnürte sich zu, als er sein kleines Gespenst darauf betrachtete, quicklebendig und strahlend, als wäre gerade sein größter Wunsch in Erfüllung gegangen.

 

»Danke«, brachte er heiser hervor. Er wusste, er würde dieses Bild bis an sein Lebensende in Ehren halten, und er kam sich schäbig vor, weil er umgekehrt kein Geschenk für Pavels Eltern besorgt hatte. Ihr Weihnachtsfest stand noch bevor.

 

Doch dies war eine Sorge, die sie ihm umgehend nahmen, als er sie stockend in Worte fasste.

 

»Danke«, wiederholte er, fast stimmlos jetzt. Er fühlte sich seltsam jung und zerbrechlich im Inneren, während er das Foto sowie Anyas zahlreiche Leckereien für Jim in seinen Standardkoffer der Sternenflotte packte. »Ich danke euch beiden für alles, Anya und Andrei.«

 

Wehmütig lächelnd blickten die zwei sich an, bevor Anya Leonard fest in ihre Arme zog. »Bitte, Leonard, mein Junge«, sagte sie sanft, »nenn uns Mama und Papa.«

 

 

 

Im Shuttle nach San Francisco versuchte Leonard ein weiteres Mal, Jocelyn sowie ihre Eltern zu erreichen. Erneut nahm niemand seine Anrufe an, und nachdem er Jim über seine heutige Rückkehr in Kenntnis gesetzt hatte, schaltete er frustriert PADD und Kommunikator aus.

 

Er verbrachte den Flug, der ihm früher so viel Panik bereitet hätte und ihn jetzt kaum beeindruckte, damit, Pavels Foto zu betrachten, abwechselnd in seiner Trauer versumpfend und sich einredend, dass es besser so war, für Pavel zumindest. Der Geist eines Verstorbenen gehörte nicht ins Diesseits. Was immer auf Pavel warten mochte hinter dem zartgrauen Nebel, es musste einfach besser für ihn sein als ein Dasein als Gespenst. Und obwohl Leonard eigentlich nicht an derlei glaubte, fragte er sich, ob Pavel ihn gerade sehen konnte.

 

In San Francisco regnete es in Strömen, als Leonard aus dem Shuttle stieg. Das passte hervorragend zu seiner Stimmung. Doch kaum, dass er beschlossen hatte, ein Stück zu Fuß zu gehen, statt sich ein Taxi zu rufen, riss ihn eine vertraute Stimme aus seinen Gedanken:

 

»Bones!«

 

Durch das Gedränge am Shuttlelandeplatz schob sich ein aufgeregt winkender Jim, das Gesicht vor Anstrengung gerötet, der immer wieder seinen Namen rief.

 

»Ich sehe und höre dich, Jim, okay?«, gab Leonard missmutig zurück. Jims Anblick tröstete ihn mehr, als er vor sich selbst zugeben wollte, doch im Moment war er trotz allem nicht annähernd genug.

 

»Einen Scheiß!«, brüllte Jim, der mittlerweile keuchend vor ihm stand. Er packte Leonard am Ärmel seiner wattierten Jacke und zog ihn heftig in Richtung einer anderen Shuttlerampe. »Wieso warst du nicht erreichbar? Verdammte Scheiße, Bones, wir müssen zurück nach Kardia!«

 

Die Worte waren wie ein Schwall Eiswasser, der über Leonards Kopf ausgegossen wurde. »Wir müssen - was?«

 

»Sie haben Chekov gefunden! Pavel! Es ist unfassbar, Bones, er war über zwei Wochen lang unter einer alten Ruine verschüttet, aber er lebt!«

 

Wie versteinert blieb Leonard stehen, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen oder sich weiterzubewegen. Die Suchtrupps hatten doch behauptet, da wäre nichts und niemand mehr ...

 

»Bones!«, schrie Jim so laut, dass sich mehrere andere Reisende nach ihnen umdrehten. »Die Enterprise ist startklar, verfickt noch mal, beweg deinen Arsch! Was glaubst du, wieso wir auf dich gewartet haben? Du kennst doch diese kardianischen Stümper, und Pavel ist nicht transportfähig; er hat kaum noch einen Knochen im Körper, der nicht zersplittert ist! Frag mich nicht, wie er das oder die gesamte Zeit ohne Wasser überlebt hat, es gibt keine wissenschaftlich erfassbare Erklärung dafür. Spock meint, es könnte an einem bestimmten Schwermetall im Boden liegen, das eine konservierende Wirkung auf lebende Organismen hat, aber richtig erforscht ist das noch nicht, und es ist ja auch egal, Bones, wir müssen los!«

 

Leonard öffnete den Mund, brachte jedoch nichts als ein brüchiges Krächzen zustande.

 

Klatsch.

 

Verwirrt, aber wesentlich klarer als zuvor rieb Leonard sich die Wange. »Ernsthaft, Jim? Du haust mir eine runter?«

 

»Sorry, Bones, aber wir müssen jetzt rauf aufs Schiff. Auf dem Flug schläfst du besser eine Weile, du bist echt komisch drauf im Moment. Ich kann dich ja verstehen, das mit Jocelyn und ihrer Sippe ist hart, aber ich brauch dich jetzt einsatzfähig, verstanden?«

 

Leonard nickte, während sein Kopf zu explodieren drohte. Schock. Erleichterung. Unglauben. Freude. Aufregung. Panik. Und endlich das Begreifen. »Anya und Andrei«, brachte er hervor, als er sich eilig in Bewegung setzte. »Jemand muss sie kontaktieren, Jim!«

 

»Hab ich schon! Sie haben übrigens auch versucht, dich zu erreichen! Die scheinen dich richtig zu mögen!«

 

»Ja, äh ... kann sein!«, rief Leonard, schwer atmend, weil sie jetzt beide rannten, wie sie selten in ihrem Leben gerannt waren. »Reden wir später darüber!«

 

 

 

Während des zweifellos grausamsten Fluges seines Lebens fand Leonard erwartungsgemäß nicht viel Schlaf.

 

Stattdessen nahm er regelmäßig Kontakt zu den kardianischen Ärzten auf, ließ sich sämtliche Aufnahmen und Werte von Pavel zusenden und bereitete mit Schwester Chapel und Pfleger Daagir all die Operationen vor, die notwendig waren, um den jungen Mann zu retten.

 

Seinen jungen Mann, doch daran wagte er kaum zu denken.

 

Natürlich spuckte sein Gehirn trotzdem unterschwellig jede Menge bange Fragen aus: Würde Pavel sich, sofern Leonard ihn überhaupt erfolgreich behandeln konnte, an seine Zeit als geisterhafte Erscheinung in seinem Elternhaus erinnern können? Bestand die Möglichkeit, dass Leonard sich all das nur eingebildet hatte? Und wenn Pavel sich an nichts erinnern konnte, weder an ihre weißen Lügen seinen Eltern gegenüber noch an ihre tatsächliche Verbindung - wie um alles in der Welt sollte Leonard sich ihm, Anya und Andrei dann erklären? Anya und Andrei, die ihn gebeten hatten, sie Mama und Papa zu nennen.

 

Nein, auch darüber durfte er nicht nachdenken. Er zwang sich, sich ausschließlich auf die Kommunikation mit den kardianischen und den hiesigen Kollegen zu konzentrieren, während die Enterprise unablässig mit Warp 9 durch den Weltraum schoss, sodass sie statt der üblichen sechs nur zwei Standardtage bis nach Kardia brauchen würde.

 

Zwei Tage, in denen Pavel möglicherweise draufgehen würde, weil diese kardianischen Narren sich gebärdeten wie die Ärzte des finstersten irdischen Mittelalters.

 

Einmal telefonierte Leonard während des Fluges mit Anya und Andrei, und zu seinem Glück erreichte ihn zu Beginn des Gesprächs eine Nachricht von Jocelyns Vater.

 

Er schrieb ihm, dass Jocelyn, auf eine mögliche Erkrankung angesprochen, vollkommen durchgedreht sei. Ihre Eltern hatten sie gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen, weil sie keine andere Option gesehen hatten, und es darum nicht geschafft, Leonards Kontaktversuche zu beantworten. Nun wollten sie Joanna vorerst mit zu sich nehmen, damit sie zur Ruhe kommen konnte, während Jocelyn eingehend untersucht wurde. Sie erwarteten seinen Besuch und wollten dann gemeinsam mit ihm besprechen, wie es weitergehen sollte.

 

Diese Nachricht las Leonard Anya und Andrei vor, mit zitternder Stimme und am Rande des Nervenzusammenbruchs angesichts der Gesamtsituation, und so durchschauten sie nicht, dass er neben ihrer gemeinsamen Angst um Pavel noch wegen einer gänzlich anderen Sache nervös war.

 

»Oh, mein Junge, das bedeutet, dass du sie vielleicht mitnehmen darfst, nicht wahr?«, fragte Anya unter Tränen. »Es gibt doch in bestimmten Fällen die Möglichkeit, Kinder mit an Bord zu nehmen, wo sie Unterricht und Betreuung erhalten?«

 

»Nicht so schnell«, bat Leonard und rieb sich die brennenden Augen. »Theoretisch gibt es diese Möglichkeit, aber nach allem - ich - ich will mir keine zu großen Hoffnungen machen, auch wenn ich mich natürlich darum bemühen werde, das Sorgerecht für Joanna zurückzubekommen. Und im Augenblick möchte ich mich darauf konzentrieren, Pavel zu erreichen und ... sein Leben zu retten.«

 

»Das wirst du«, sagte Andrei mit fester Stimme. »Das wirst du ganz bestimmt, mein Junge.«

 

Mama und Papa, dachte Leonard, der vor Aufregung und Erschöpfung bereits Sterne sah. Und dann, dann sprach er diese drei Worte einfach aus, lächelnd.

 

Letzten Endes knipste er sich auf Jims ausdrückliche Anordnung selbst mit einem Schlafmittel aus. Er musste erholt sein für die bevorstehenden Operationen, es ging gar nicht anders.

 

Jim verkündete, an Leonards Bett sitzen zu bleiben, bis er eingeschlafen war. Und selbst mit schwirrendem Kopf und immer schwereren Lidern fiel Leonard auf, dass Jim wiederholt hoffnungsvoll lächelnd auf seinen Kommunikator schielte.

 

War es möglich, dass Leonard nicht der Einzige war, der seinem besten Freund nicht die ganze Wahrheit über die letzten Tage erzählt hatte?

 

 

 

Das Geschöpf, das Scotty im Orbit Kardias direkt auf die Krankenstation beamte, wirkte weitaus lebloser, als es Pavels Geist in Kolpino getan hatte.

 

Ausgemergelt.

 

Aschfahl, wo seine Haut nicht verbrannt war.

 

Selbst Pavels Gesichtsknochen waren gebrochen, doch zum Glück hatten sich die Kardianer an Leonards Anweisung gehalten, ihn im künstlichen Koma zu halten und lediglich mit der vollen Bandbreite an Nährstoffen zu versorgen. Das war besser, als wenn sie selbst an seinem zersplitterten Skelett herumgepfuscht hätten, was ihn verunstaltet und im schlimmsten Fall umgebracht hätte.

 

Nun war er schwach, kaum noch vorhanden, doch er hatte eine Chance. Pavel hatte eine Chance.

 

Leonard schüttelte jeden einzelnen unprofessionellen Gedanken ab und tat, was er am besten konnte und warum das Sternenflottenkommando allein ihn hatte hier haben wollen, obwohl er im Shuttle nicht erreichbar gewesen war. Es war kaum zu glauben, doch offenbar genoss er in der Flotte mittlerweile einen verflucht guten Ruf.

 

Er operierte Pavel zweiundzwanzig Standardstunden lang. Sein Team wechselte er im Vier-Stunden-Takt aus, auch wenn Daagir entschieden protestierte; nur er, Leonard selbst, war im Rahmen dieser speziellen Operationen unersetzlich. Nicht nur, weil das Flottenkommando ihm diese Aufgabe ausdrücklich zugewiesen hatte - nein, nur über seine Leiche würde er zulassen, dass irgendein anderer Arzt Pavel auch nur anfasste.

 

Als auch der letzte Knochensplitter zurück an seinem angestammten Platz war, brach Leonard um ein Haar zusammen. »Ich bleibe hier«, konnte er gerade noch murmeln, als die Pfleger Brown und Th'akaalnes herbeistürmten, um ihn zu stützen. »Ich überwache seine Werte, bereiten Sie mir ein Bett neben seinem vor.«

 

Die beiden Männer, die ihn um einen halben Kopf überragten, wagten nicht zu widersprechen.

 

Und Leonard blieb, blieb an Pavels Seite, weitere zweiundzwanzig Stunden und länger, teils wachend, teils im Halbschlaf. Auf der Erde hatte vor drei Tagen das neue Jahr begonnen, doch es kümmerte ihn nicht. Alles, was ihn in diesen Stunden interessierte, war Pavel.

 

Und plötzlich waren da Hände in seinem Haar, warme, weiche Hände, die ihn streichelten.

 

Leonard blinzelte. War er eingeschlafen?

 

»Schhhh, mein Junge, ich bin es, Mama«, sagte Anya beruhigend. »Wir sind so schnell gekommen, wie es möglich war. Ein alter Freund hat uns in einem privaten Schiff nach Kardia gebracht.«

 

Im Hintergrund räusperte sich eine Stimme, die Leonard als die Jims identifizierte. »Verzeihung«, sagte Jim verblüfft, »hab ich was verpasst?«

 

Oh nein, dachte Leonard. Nein, bitte nicht.

 

Am liebsten hätte er sich schlafend gestellt, um sich ihnen allen nicht erklären zu müssen, doch sein Blinzeln hatte ihn ohnehin schon verraten, und letzten Endes konnte er das niemandem hier antun.

 

Als er sich benommen aufrichtete, standen Anya und Andrei an seinem Bett und strahlten ihn an, während Jim ein paar Schritte hinter ihnen verwirrt dreinblickte. An seiner Seite stand Spock, Spock mit seinem undurchdringlichen Gesicht; warum um alles in der Welt war das Spitzohr mit Jim hier?

 

Leonard war auf voller Linie überfordert. Und dann ... dann war es ein weiteres Mal Pavel, der ihn rettete. Eine Rettung in Form einer schwachen, dünnen Stimme, kaum hörbar trotz der plötzlichen Stille im Raum: »Li-o?«

 

Leonard fuhr herum. Auf dem Biobett neben dem seinen hatte Pavel die Augen geöffnet.

 

Himmel, hatte denn niemand auf die Anzeigen des Biofunktionsmonitors geachtet, während Leonard geschlafen hatte? Oder hatten sie das alle getan und Anya hatte ihn wecken wollen, ehe Pavel zu sich kam?

 

Es war gleichgültig, beschloss Leonard, vollkommen gleichgültig, denn da auf dem Bett blinzelte ihn sein kleines Gespenst aus scheuen grünen Augen an, denen nichts annähernd Gespenstisches mehr anhaftete.

 

»Hey«, sagte Leonard leise, als er sich auf die Bettkante setzte und sich leicht über Pavel beugte, und verdammt, seine Stimme klang verdächtig nach Tränen.

 

»Leo«, wiederholte Pavel, und Jim, der dieses hart artikulierte Wort erst jetzt als Spitznamen für Leonard zu identifizieren schien, schnappte ungläubig nach Luft.

 

»Ich bin hier«, hauchte Leonard und ergriff Pavels Hände, die dieser zittrig nach ihm ausstreckte.

 

Eigentlich wäre es Anyas und Andreis Vorrecht gewesen, sich ihrem erwachenden Sohn zu nähern, Mamas und Papas Vorrecht, aber sie hielten sich im Hintergrund. Und vielleicht stimmte es auch gar nicht, vielleicht war Leonard doch der Erste, dem eine Begrüßung zustand.

 

»Ich ...«, presste Pavel hervor, doch seine Stimme erstarb und ging dann in ein Husten über.

 

»Schhhh«, machte Leonard, drückte Pavels Hände und beeilte sich, ihm ein Glas Wasser einzuschenken und vorsichtig an die Lippen zu führen.

 

Pavel trank in gierigen Schlucken, die zu einem erneuten Hustenanfall führten, und es dauerte mehrere Minuten, bis er schließlich zu sprechen imstande war.

 

»Ich musste nur glücklich sein, Leo«, wisperte er. Seine Augen tränten vom Husten - und vielleicht auch noch wegen etwas anderem. »Das war alles. Jemand hat es mir gesagt, jemand im Licht, aber ich weiß nicht mehr, wer. Vielleicht war es auch nur eine Stimme. Ich musste dich finden. Und plötzlich war ich ... hier. Ich weiß nicht, warum, aber das alles ist wahr.«

 

Jede Person, die sich außer ihnen beiden im Raum befand, musste diese Worte für einen Ausdruck der Verwirrung halten - und Leonards Antwort zumindest zu Anfang für einen Versuch der Beruhigung:

 

»Das ist gut. Das ist ... großartig. Gott. Gott, Pavel.«

 

Letzteres klang bereits weniger beruhigend, und abermals war Jims verblüfftes Schnaufen deutlich zu vernehmen.

 

»Bones?«, fragte sein bester Freund dann. »Bones, ist alles in Ordnung?«

 

»Bestens, Jim«, antwortete Leonard leise, ohne den Blick von Pavel abzuwenden.

 

»Leo«, sagte Pavel ein weiteres Mal. Er schloss die Augen und schob unter sichtlicher Anstrengung sein Kinn nach oben, wie um ihm seine ausgedörrten Lippen darzubieten.

 

»Bones, was geht hier vor?«, hakte Jim nach, jetzt so ernst, dass Leonard versucht war, ihm alles zu erklären, doch er konnte nicht. Es ging einfach nicht, nicht jetzt, wo sein Bewusstsein Pavel gehörte, und nur Pavel.

 

»Sie müssen nicht immer alles sofort verstehen, mein lieber junger Captain«, sagte Anya. »Haben Sie denn schon probiert, was mein Leonard Ihnen von mir mitgebracht hat?«

 

Jim bejahte verdattert und bedankte sich wortreich. Von Anyas Köstlichkeiten war längst nichts mehr übrig.

 

Leonard wollte diese Frau küssen.

 

Wobei - nein. Nein, das wollte er nicht. Er wollte Pavel küssen, der auffordernd ein wenig mit dem Kinn wackelte. So unsicher. So unromantisch. Er war perfekt.

 

Und da war es wieder, Leonards Herzrasen, vermengt mit dem Gefühl von Wärme, Sanftmut und blankem Wahnsinn. Es war so unendlich lange her, dass er seinem eigenen Herzen gelauscht und sich der Gewissheit hingegeben hatte, dass nun alles, alles gut war. Dass er sich am richtigen Platz befand, dass er die richtige Person vor sich hatte, ja, dass er selbst richtig war.

 

»Leo«, drang es ungeduldig aus Pavels Mund. Ein Blinzeln, ein fragender Blick aus grünen Augen. Kein Stern an keinem Himmel konnte heller leuchten als dieses Augenpaar.

 

»Entschuldige«, hauchte Leonard, streckte die rechte Hand aus und streichelte Pavel durch die momentan verfilzten dunkelblonden Locken. »Ich bin noch dabei, zu verinnerlichen, dass du real bist.«

 

»Ah«, machte Pavel nahezu lautlos. »Brauchen alle Leute in deinem Alter so lange für so etwas? Das ist nicht gut, Leo, du weißt doch, was passiert, wenn man zu lange mit offenem Mund in die Luft starrt.«

 

Leonard lachte. Himmel, er lachte. Und er beugte sich tiefer zu Pavel hinunter, voller Rührung, die in seiner Kehle, seinem Brustkorb und seinem Magen auf die zarteste Art und Weise schmerzte. »Ich habe aber dich angestarrt«, informierte er Pavel.

 

»Dann solltest du jetzt etwas anderes fangen als fliegende ...«, setzte dieser an, und Leonard beeilte sich, ihn mit einem gehauchten Kuss auf die aufgesprungenen Lippen am Weitersprechen zu hindern.

 

Es war ihm, als käme er nach Hause. Und es spielte nicht die geringste Rolle, dass er nicht begriff, wie um alles in der Welt das möglich war. Er hatte den Punkt, an dem er all das hätte hinterfragen können, längst überschritten, und wer brauchte schon Erklärungen, wenn ihm gerade sein ganz persönliches Wunder widerfuhr? Laut dem julianischen Kalender war erst in drei Tagen Weihnachten. Ihren unterschiedlichen Kulturkreisen entsprechend trafen Pavel und er sich wohl annähernd in der Mitte, was dieses Weihnachtswunder betraf.

 

Anya hinter ihnen seufzte selig auf, begleitet von den Worten eines eindeutig verstörten Captains: »Äh, äh - Bones?!«

 

 

 

Ende

End Notes:

Danke fürs Lesen und frohe Weihnachten! :)

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