STD 01 - Böses Erwachen by Adriana
Summary: Als ihr Schiff verschrottet werden soll, blickt Captain Lairis Ilana einer ungewissen Zukunft entgegen. Der neue Chef des Sternenflottenkommandos, Admiral Layton, hat keine gute Meinung von der eigenwilligen Bajoranerin, deren Entscheidungen bei der Schlacht um Wolf 359 er bis heute verurteilt.
In der Sternenflotte gehen derweil beunruhigende Veränderungen vor sich.Das seltsame Verhalten von Yasushi Kitamura, Captain des neuen Kriegsschiffs USS DEFENDER, gibt Rätsel auf. Auch um die DEFENDER selbst ranken sich wilde Gerüchte.
Einen Tag später steht die gesamte Föderation unter Schock: Siebenundzwanzig Personen starben bei einem Bombenanschlag auf der Erde! Die Öffentlichkeit ist sich einig, dass das Attentat von Wechselbälgern verübt wurde – doch mit der Zeit häufen sich die offenen Fragen.
Eine geheimnisvolle Sicherheitsbox, auf die Wechselbälger und Sternenflotte gleichermaßen versessen sind, scheint alle Antworten in sich zu bergen. Captain Lairis ist der Lösung schon ganz nahe – da geraten sie und Captain Kitamuras Sohn Raymond in eine heimtückische Falle. Für die Bajoranerin und den jungen Kadetten geht es nun um Leben und Tod …
Gemeinsam mit dem Formwandler Odo arbeitet Lairis’ Chefingenieur, Lieutenant Marc van de Kamp, an einem Plan zur Rettung seines Captains. Dabei kommt ihm ein schrecklicher Verdacht …
Categories: Eigene Kreationen Characters: Original Character(s)
Virtual Episode, Challenges: Keine
Series: Star Trek: Defender
Chapters: 18 Completed: Ja Word count: 33905 Read: 206 Published: 14.11.17 Updated: 14.11.17
Story Notes:
3. überarbeitete Auflage Köln, Juni 2006

1. Am Rand der Vernichtung by Adriana

2. Eine Warnung an Quark by Adriana

3. Adieu, Casablanca! by Adriana

4. Düstere Vorboten by Adriana

5. Julianna by Adriana

6. Das Ende des Friedens by Adriana

7. Für immer verloren by Adriana

8. Ein Paradies in Aufruhr by Adriana

9. Kilaris Zweifel by Adriana

10. Todesurteil by Adriana

11. In der Wüste by Adriana

12. Gefangenschaft by Adriana

13. Nachricht von Lairis by Adriana

14. Rettung in Sicht by Adriana

15. Nacht über Lissabon by Adriana

16. Reingelegt by Adriana

17. Dunkle Stadt by Adriana

18. Vier Wechselbälger by Adriana

Am Rand der Vernichtung by Adriana
Die junge Frau in der gelben Starfleet-Uniform kauerte hinter ihrer Deckung - ein bizarres Kon-glomerat aus eingeschmolzenem Glas und Metall, das einmal die taktische Konsole gewesen war. Ihr langer, kastanienbrauner Zopf hing ihr halb aufgelöst über die Schulter. Fast jeder Mus-kel ihres Körpers war angespannt und die Menge an Adrenalin, die durch ihre Adern kreiste, war womöglich schon gesundheitsschädlich. Vor ihrem geistigen Auge flimmerten Bilder von monst-rösen Borg-Kuben und brennenden, explodierenden Sternenflottenschiffen. Und von Captain Jean-Luc Picard, der - halb Mensch, halb Maschine, die eigene Persönlichkeit abgewürgt von Implantaten, Kabeln und Schaltkreisen, ein Gesicht von grauer, cardassianischer Blässe - mit blecherner, monotoner Stimme ständig die Worte „Ich bin Locutus von Borg. Sie werden assimi-liert werden. Widerstand ist zwecklos!“ wiederholte.
Als Locutus zum ersten Mal auf dem Hauptbildschirm der U.S.S. PRETORIA erschienen war, hatte die junge Starfleet-Offizierin nicht gewusst, was sie entsetzlicher finden sollte: Die Tatsa-che, dass die Föderation kurz vor ihrer Vernichtung stand oder das Schicksal Captain Picards, eines Mannes, dem früher nichts wichtiger gewesen war, als seine Crew und die Werte der Föde-ration zu beschützen. Nun war dieser Mann nichts weiter als eine Marionette der Borg, ein Werk-zeug gegen all das, was ihm einst so viel bedeutet hatte. Die junge Frau in der gelben Uniform war ziemlich froh, dass der Monitor nicht mehr funktionierte.
Mit ihren Händen umklammerte sie eine antike bajoranische Waffe: eine handliche kleine Jagdarmbrust, die einst ihrem Vater gehört hatte. Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht: Papa, der passionierte Bastler ... Man hätte ihm eine Drahtspule und einen Schraubenzieher in die Hand drücken können, und er hätte damit vielleicht sogar den Schiffscomputer repariert. Auch diese Armbrust hatte er selbst gebaut. Als seine Tochter zur bajoranischen Resistance ge-gangen war, hatte er ihr die Waffe feierlich überreicht. „Hier, meine Kleine! Damit kannst du den verdammten Cardis die Hinterteile perforieren, falls ihr keine Energie für eure Phaser mehr habt!“ In der Tat hatte ihr die Armbrust im Kampf gegen die Cardassianer gute Dienste geleistet und im Laufe der Jahre gewann sie immer mehr Bedeutung als Talisman.
Als auf dem Schiff der Rote Alarm ertönt war, hatte die junge Bajoranerin ganz instinktiv da-nach gegriffen.
„Commander Lairis ...“ eine Männerstimme, seltsam verzerrt und heiser, aber dennoch vertraut. „Commander ... Lairis, he... helfen Sie mir!“
Die Augen des Mannes blickten starr und glasig, als er auf die junge Frau zu wankte. Plötzlich schien sich jede Ader an seinem Hals aufzublähen und grau zu verfärben, so als würde ein Heer anthrazitgrauer Würmer unter seiner Haut entlang kriechen. Die hässlichen, dunkelgrauen Linien wanderten weiter zu seinem Gesicht, um daraus den letzten Rest von Menschlichkeit zu tilgen. Voller Entsetzen wich Lairis vor ihm zurück. Ohne nachzudenken, legte sie die Armbrust weg, zog ihren Phaser und feuerte eine Energiesalve auf ihn ab. Er brach zusammen. Sein Gesichts-ausdruck war der eines eingefrorenen Fisches.
Ihr nächster Schuss traf den Borg, der hinter dem Mann gestanden und ihm vor wenigen Se-kunden seine Assimilationsröhrchen in den Hals gebohrt hatte.
Lairis spürte, wie sich ihre Eingeweide zusammenzogen, und sie kämpfte gegen den Drang, unkontrolliert zu schluchzen. Natürlich weinte sie der Borgdrohne keine Träne nach - doch der Tote zu ihren Füßen, der Tote mit dem blutleeren, von Nanosonden zerfressenen Gesicht, war einmal Commander Cliff Darrel gewesen, der Erste Offizier der U.S.S. PRETORIA, eines der vie-len Sternenflottenschiffe, die sich in der Schlacht bei WOLF 359 den Borg entgegenstellten.
Ich habe Commander Darrel erschossen, ich habe Commander Darrel erschossen ...
Sie verspürte Brechreiz, ihre Augen wurden feucht, aber sie musste sich zusammenreißen. Sie hatte keine andere Wahl, denn die Last des Kommandos lag jetzt auf ihren Schultern. Captain Layton wurde seit gut vier Stunden auf der Krankenstation operiert. Die Decke war eingestürzt und hatte ihn unter sich begraben. Wenn ihn seine inneren Verletzungen nicht umbringen, tun es wahrscheinlich die Borg, dachte Lairis fatalistisch.
Commander Darrels Tod schmerzte sie viel mehr. Weil sie Darrel gemocht hatte: seine Offen-heit, sein Lächeln, seinen Humor ... das ganze Gegenteil von Layton.
„Ich fasse es nicht – die kommen wohl zur Beerdigung!“ rief in diesem Moment Lieutenant Wagner, der Steuermann, der dicht neben Lairis in Deckung gegangen war. Schweißperlen ran-nen über sein Gesicht und er hielt ein Phasergewehr, dessen Lauf so lang war wie sein Arm. Kur-ze, abgehackte Atemzüge verwirbelten den Staub in der Luft.
Dann kamen sie. Sechs - nein, sieben - Borgdrohnen materialisierten sich auf der Brücke. Mit schweren, mechanischen Schritten kamen sie näher und näher. Die roten Lämpchen an ihren Okular-Implantaten sandten scharfe Strahlen aus, die sich durch die Dunkelheit schnitten - und durch den Dampf, der aus verschiedenen kaputten Leitungen quoll. Es war ein faszinierender Anblick, der Lairis kalte Schauer über den Rücken jagte.
„Feuer!“ befahl sie schlicht und drei Borgdrohnen fielen unter den Schüssen der Crew. Doch die restlichen vier passten ihre Schutzschilde an. Das Phaserfeuer berührte sie nicht mehr.
„He, ihr wollt uns doch nicht etwa assimilieren, ihr Zombies?!“ Lairis versuchte, witzig und tapfer zu sein, doch ihre Stimme klang dünn und verloren, fast wie die eines kleinen Mädchens.
Da kam ihr eine Idee ... Die Borg mochten zwar gegen Energiewaffen resistent sein – doch was war mit Materie? Sie griff nach ihrer Armbrust, spannte die Sehne - und ein etwa dreißig Zenti-meter langer Metallpfeil sauste durch die Luft. Er bohrte sich tief in den Hals eines Borg. Die Drohne gab ein merkwürdiges Röcheln von sich und wirkte für einen Augenblick desorientiert. Doch als einer der Brückenoffiziere die Gelegenheit nutzte, um zu feuern, zeigte sich, dass die Schilde des Borg noch immer funktionierten. Lairis zielte erneut - und dieses Mal traf der Pfeil ins Auge. Der Borg fiel um wie eine Statue, der man einen heftigen Tritt versetzt hatte. Dann löste er sich auf. Lairis stieß einen kurzen Jubelschrei aus und Wagner grinste euphorisch. In der Lade-vorrichtung von Lairis’ Armbrust befanden sich noch vier Pfeile. Vier Pfeile, drei Borg - Sie muss-te gut zielen!
Normalerweise war das kein Problem für sie. Sie hatte viel Übung im Umgang mit Waffen aller Art und es gelang ihr bei Gefechten immer, irgendwie die Ruhe zu bewahren.
Doch dieser Kampfeinsatz unterschied sich von allen anderen. Dieser Feind war gefährlicher und furchteinflößender als jeder, dem sie früher gegenübergestanden hatte.
Er verwandelte aufrechte Männer und Frauen in Monster.
Sie versuchte, die Waffe, so gut es ging, ruhig zu halten. Kalter Schweiß ließ ihre Finger glit-schig werden. Der erste Pfeil bohrte sich in die Wange des nächsten Borg, erst der zweite traf das Auge. Die nächsten beiden Schüsse würden auf Anhieb sitzen müssen... Lairis erledigte Drohne Nummer drei, doch Nummer vier schmetterte den letzten Pfeil mit ihrem Arm ab.
Lairis kämpfte erfolglos gegen das Zittern ihrer Hände. Der Borg war jetzt weniger als zwei Me-ter von ihr entfernt. Die Phaserschüsse, die die anderen Crewmitglieder auf ihn abfeuerten, wa-ren lediglich ein Ausdruck der Verzweiflung, denn sie verfehlten ihre Wirkung völlig. Lairis saß in der Falle. Die Wege rechts und links waren durch Trümmer verbaut. Schritt für Schritt wich sie vor dem unheimlichen Wesen zurück, bis sie im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Rücken an der Wand stand.
Sie war machtlos gegen ihre Fantasie ... stellte sich vor, wie aus dem metallenen Exoskelett an der Hand des Borg gleich zwei Assimilationsröhrchen fahren und sich in ihren Hals bohren wür-den. Wie Nanosonden sich durch ihre Blutgefäße fraßen, Borg-Implantate in ihr wuchsen und sich den Weg durch ihr Fleisch bahnten ... Wie ihre Individualität, ihre Persönlichkeit, ihr gesam-tes Wesen vom Kollektiv gefressen wurde ...
„Wagner, verdammt, tun Sie endlich was!“ schrie sie.
Der junge Lieutenant hatte bisher wie versteinert daneben gestanden. Nun löste er sich aus sei-ne Erstarrung und packte sein Phasergewehr - jedoch nicht, um damit zu schießen ...
Er ließ es mit voller Wucht auf den Schädel des Borg niedersausen.
Die Drohne drehte orientierungslos den Kopf hin und her. Ihr Maschinenarm zuckte unkontrol-liert. Diese Gelegenheit nutzte Lairis, um die Kabel und Schläuche, die dem Borg aus dem Hals ragten, die das Lebewesen mit der Maschine verbanden, zu packen und herauszureißen. Die Drohne löste sich augenblicklich auf.
Mit einem Seufzen der Erleichterung sank Lairis gegen die Wand.
Der Kommunikationsoffizier vergewisserte sich, dass keine weiteren Drohnen an Bord waren.
„Befehle, Commander?“ fragte eine müde Stimme. Sie gehörte dem Waffenoffizier, einem Bo-lianer, dessen blaue Glatze vor Schweiß glänzte. Neben ihm stand Fähnrich Beldan, eine junge Betazoidin mit großen, angsterfüllten Augen.


Lairis strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, was einen breiten Streifen von Dreck auf ih-rem fast klassisch schönen Gesicht hinterließ. „Bringen wir uns in Sicherheit, solange wir noch können.“ Sie kam sich feige und schäbig vor, als sie das sagte, doch sie wußte, dass die PRETO-RIA keinen weiteren Kampf überstehen konnte. Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind auf diesem Schiff würde getötet oder assimiliert werden! Ihre zehnjährige Tochter Julianna war an Bord, musste zusammen mit den anderen Zivilisten in einem „sicheren“ Bereich ausharren ... Hoffent-lich ist sie vor Angst nicht schon verrückt geworden, dachte Lairis besorgt.
Der Bolianer räusperte sich. „Bei allem Respekt, aber ... Die Flotte im Stich lassen?“
„Ihr Kampfgeist in allen Ehren, aber wir haben keine Waffen und keinen Warpkern mehr. Selbst wenn wir Kamikaze fliegen, gibt das nicht mal eine Delle im Kubus. Wir können den Borg keinen Schaden mehr zufügen – im Gegenteil: Wenn wir hier bleiben, liefern wir ihnen zweihundert Drohnen auf dem silbernen Tablett. Also nichts wie weg hier!“
Für Julianna! fügte sie in Gedanken hinzu. Für jedes lebende Individuum auf diesem Schiff.
Den Rest der Schlacht verbrachte die PRETORIA angekuschelt an kahlen Felsboden im Krater eines Mondes. Wagner hatte wahre Glanzleistungen der Flugkunst vollbracht, um dorthin zu ge-langen, Phaserblitzen und Photonentorpedos auszuweichen und dabei die Aufmerksamkeit der Borg nicht zu erregen.
Layton hätte es verstanden, wenn er dabei gewesen wäre ... Doch er hatte die weniger glorrei-che Hälfte der Schlacht auf der Krankenstation verschlafen. Es war ein gehässiger Gedanke, der sich Lairis immer wieder aufdrängte, wenn sie ihren Captain auf seinen Krücken durchs Schiff humpeln sah. Sie verstand genug von der Sternenflottenmedizin, um zu wissen, dass der Kno-chenregenerator ganze Arbeit geleistet hatte und die Verletzungen nach drei Wochen längst aus-geheilt sein mussten ... aber Layton liebte diese martialische Kriegsveteranenpose viel zu sehr. Er wäre so gern ein Held geworden – jetzt war er nur ein Überlebender.
„Zum Teufel, Ihre Pflicht war es, die Stellung zu halten und die Föderation zu verteidigen – nicht, Katz und Maus mit den Borg zu spielen!“ schrie er seinen taktischen Offizier an.
„Wir sind doch nicht desertiert! Wir haben gekämpft, so gut wir konnten!“ verteidigte sich Lairis. „Wenn wir mit der PRETORIA noch irgendeine winzige Chance gehabt hätten, den Feind ...“
„Sie wollen mir doch nicht weismachen, Sie hätten keine Chance gehabt! Das Schiff war im-merhin flugfähig und nicht etwa kurz vorm explodieren!“
„Bei allem Respekt, aber mit aussichtslosem Heldenmut wäre ich beim bajoranischen Unter-grund nicht sehr weit gekommen!“
„Sie sind jedoch nicht mehr im bajoranischen Busch, sondern in der Sternenflotte. Also gewöh-nen Sie sich besser an die Befehlshierarchie!“
„Fast alle Leute, die in dieser Befehlshierarchie über Ihnen stehen, sind auf meiner Seite“, erwi-derte sie nüchtern. „Es gab keinen Befehl, um jeden Preis die Stellung zu halten – also können Sie mich auch nicht vors Kriegsgericht bringen, weil ich die Crew gerettet habe!“
„Ich weiß, Sie wurden für Ihr feiges Fluchtmanöver sogar befördert. Weil die PRETORIA dank Ihnen noch in einem Stück ist. Trotzdem will ich Sie nicht als Ersten Offizier. Hier ist Ihre Verset-zungsurkunde – melden Sie sich übermorgen auf der U.S.S. CASABLANCA.“
„Verstanden, Sir.“ Lairis nahm das Datenpad entgegen. Zur Überraschung ihres Captains lä-chelte sie. „Kann ich offen sprechen?“
„Nur zu, Commander!“
„Sie sind lebendig, Sie sind gesund und Sie schleppen keinen Borgpanzer mit sich herum. Be-trachten Sie es als Geschenk, Sir! Oder stört es Sie, dass jemand anderes als Sie die Lorbeeren einheimst?“ War ihm seine Profilneurose wichtiger als sein Leben?
„Das reicht. Wegtreten, Commander. Ich will Sie nie wiedersehen.“
Lairis ahnte tief im Inneren, dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen würde.
Eine Warnung an Quark by Adriana
Sieben Jahre später...

Quark, Sie widerliches kleines Henkelohrenmonster!“
Der Ferengi - Besitzer der meistbesuchten Bar auf der Raumstation DEEP SPACE NINE - verzog das Gesicht. Auch wenn die meisten Gäste diese hässlichen Worte nicht gehört hatten - woran ohne Zweifel der hohe Geräuschpegel in diesem Etablissement Schuld war - so fuhren sie doch Quark schmerzhaft in die Ohren.
Es war eine weibliche Stimme, bajoranisch - und verdammt wütend. Quark wollte gerade mit seinem obligatorischen „Hallo Major Kira! Was kann ich für Sie tun?“ antworten, doch diese Frau war nicht Major Kira. Quark fuhr herum. Die Bajoranerin war eine äußerst attraktive Erscheinung, trotz der zackigen rötlichen Narbe an ihrer linken Schläfe. Ihr schlanker, wohlproportionierter Körper steckte in einer maßgeschneiderten Starfleet-Uniform, ihr langes kastanienbraunes Haar war im Nacken zu einem lockeren Knoten geschlungen und ihre ausdrucksvollen Augen – braun mit grasgrünen Flammen rund um die Pupille – funkelten ihn herausfordern an.
Vor allem aber kam sie dem Ferengi auf merkwürdige Weise bekannt vor...
„Ilana!“ rief er, als er es endlich geschafft hatte, sie einzuordnen.
„Für Sie Captain Lairis“, erwiderte die Bajoranerin kühl.
„Captain? Oh, Sie haben es weit gebracht!“
Lairis Ilana antwortete nicht, sondern knallte ihm wortlos einen Datenblock auf die Theke. Das Bild zeigte eine sehr spärlich bekleidete junge Frau, die sich aufreizend auf einem Dabo-Tisch räkelte. Quark riss vor Überraschung die Augen auf – große blaue Kullern, die von violetten Schatten umrahmt waren. Doch er fasste sich relativ schnell wieder. Ganz offensichtlich angetan von dem, was er sah, fuhr er lüstern sich mit der Zungenspitze über die Lippen.
„Hinreißend, nicht wahr!“
Lairis starrte ihn noch immer wütend an.
„Naja, Sie müssen verstehen, Captain, das Bild ist immerhin zwanzig Jahre alt und...“
„Man kann mich aber immer noch erkennen“, entgegnete sie hitzig.
„Das stimmt, Sie haben sich kein bisschen verändert in diesen zwanzig harten Jahren! So wunderschön wie eh und je...“
„Hören Sie auf mit dieser elenden Schleimerei, Quark!“ fuhr die Bajoranerin ihn an.
Mein Schiff wird verschrottet und mein guter Ruf gleich dazu ... Prima, dank dieses sabbernden kleinen Latinum-Fetischisten wusste jetzt also der halbe Alpha-Quadrant, womit Captain Lairis Ilana ihr Geld verdient hatte, bevor sie zur Sternenflotte gegangen war. Nicht, dass sie sich sonderlich dafür geschämt hätte ... Der Job als Dabo-Mädchen hatte nicht gerade ihre gesellschaftliche Stellung gehoben, aber ihre Familie vor dem Verhungern bewahrt.
Lairis wollte lediglich verhindern, dass jemand aus ihrer Crew das lebensgroße Holoplakat neben dem Eingang sah. Das wäre ihr doch verdammt peinlich gewesen!
„Wissen Sie, Quark, ich würde jetzt liebend gern Chief O’Briens Dartpfeile nehmen und damit ihre hässlichen Ohren an die Wand nageln – aber das wäre wohl Körperverletzung und schlecht für meine Karriere, also...“
„Richtig, das ist diese Kröte wirklich nicht wert!“ ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihnen.
Lairis drehte sich um. In ihrem Ärger über Quark hatte sie fast vergessen, weshalb sie diese
Bar eigentlich aufgesucht hatte: um ihre alte Freundin Kira Nerys wiederzusehen.
Kira lächelte warm und die beiden Frauen umarmten sich.
„Schön, dass du kommen konntest, Nerys!“
„Ich bin froh, dich zu sehen, Ilana!“
Sie gingen zu dem Tisch, den Major Kira reserviert hatte.
„Ich kann mir schon denken, weshalb du Quark in die Zange genommen hast“, sagte Kira.
„Es ist ja auch kaum zu übersehen“, entgegnete Lairis trocken.
„Was darf ich den Damen bringen?“ fragte Quark übertrieben freundlich.
„Zwei mal bajoranischen Frühlingswein bitte!“ bestellte Kira. „Ach ja, und entfernen Sie Ilanas Bild aus Ihrer Schmuddelecke!“
Quark verdrehte die Augen. „Ja ja, natürlich! Ich werde mich so bald es geht, darum kümmern - aber im Moment warten sehr viele ungeduldige Kunden auf mich!“
„Quark, erinnern Sie sich noch an meine Kollegin Linatrel?“ fragte Lairis Ilana zuckersüß.
Der Ferengi fauchte verächtlich. „Wie könnte ich dieses Höllenweib vergessen! Packt mich an den Ohren und schleift mich über das halbe Promenadendeck! Dabei wollte ich doch nur ein bisschen Omox ...“
Lairis und Kira lachten lauthals.
„Wie ich sehe, haben Sie nicht viel daraus gelernt, Quark“, meinte Kira.
„Doch, er hat nie wieder eine Cardassianerin als Dabo-Mädchen eingestellt“, konterte Lairis, während Quark sich ärgerlich davon trollte.
„Was macht die Wühlmaus-Plage?“ fragte sie dann, an Kira gewandt.
„Chief O’Brien arbeitet daran“, erwiderte der Major und lächelte.
„Ach, ich dachte, er wäre Ingenieur und kein Kammerjäger!“
„Der Chief ist ein Mann mit vielen Talenten!“
Captain Lairis lachte leise.
„Ich muss schon sagen, da hast du uns ganz schön was eingebrockt, Ilana!“
„Naja, wenn ich geahnt hätte, dass diese Station eines Tages an die Föderation fällt, hätte ich mir vielleicht was anderes einfallen lassen“, entgegnete Lairis und lächelte schuldbewusst.
Das so genannte „Wühlmaus-Inferno“ gehörte zu den wenigen lustigen Geschichten, die es über die cardassianische Besetzung zu erzählen gab. Als Neuling im bajoranischen Widerstand hatte Lairis Ilana einmal die Getreidevorräte auf TEROK NOR mit Hormonen präpariert, die die Wühlmäuse dazu brachten, sich pro Jahr drei bis vier Mal häufiger als üblich zu paaren. War die vorhandene Population schon vorher ein Ärgernis gewesen, wurden die Mäuse nun zum echten Problem. Natürlich vor allem für die Cardassianer.
„Schade, dass Professor Merak inzwischen gestorben ist“, sagte Lairis zu Kira. „Ich bin nie dazu gekommen ihr ein Dankschreiben zu schicken.“
„Wer ist Professor Merak?“
„Eine cardassianische Wissenschaftlerin, die sich auf vergleichende Säugetier-Physiologie spezialisiert hat.“ Sie zitierte aus einem imaginären Brief: „Sehr geehrte Frau Professor Merak, obwohl ich Ihre Vorlesungen nie persönlich besucht, sondern lediglich aus dem Datennetz gesaugt habe, haben sie mir sehr viel gegeben. Besonders Ihr Vortrag über die Biologie cardassianischer Wühlmäuse war nicht nur interessant und informativ, sondern auch äußerst praxisrelevant! Mit freundlichen Grüßen – Captain Lairis Ilana, ehemalige Anführerin der Widerstandszelle Gabor...“ Lairis liebte es, Kira zum lachen zu bringen. Deshalb war sie auch ziemlich enttäuscht, als ihre Freundin das Thema wechselte und dabei – ohne es zu wollen – einen wunden Punkt bei ihr berührte...
„Ich habe gehört, dass dein Schiff verschrottet werden soll“, begann Kira, als sie endlich aufhören konnte, zu lachen. „Das tut mir leid!“
Lairis seufzte. „Mir auch. Die CASABLANCA ist über achtzig Jahre alt und dauernd geht irgendwas an ihr kaputt. Wir alle haben sie schon mal einen ‘alten Schrotthaufen’ genannt – aber trotzdem ... wenn ich wenigstens wüsste, was jetzt aus uns wird ...“
Kiras blick war völlig verständnislos. „Wieso sollte die Sternenflotte keinen Platz für dich und deine Crew finden?“
„Für meine Crew? Vielleicht. Aber seit Layton Chef des Sternenflottenkommandos ist, stehe ich auf der Hitliste beliebter Captains nicht gerade oben.“
„Standest du dort jemals?“ fragte Kira unverblümt.
„Wohl kaum“, erwiderte sie mit einem halben Lächeln. „Ich war nie etwas Besonderes, guter Durchschnitt auf der Akademie ... das hat mir gereicht. Julianna war mir wichtiger als irgendwelche Zahlen auf meinem Zeugnis.“
„Ich habe zwar keine Ahnung von Zeugnissen oder den Anforderungen auf der Sternenflottenakademie – aber, wenn du behauptest, du wärst nichts Besonderes, hast du keine Ahnung von dir selbst, Ilana!“
„Mag sein.“ Sie lächelte nicht mehr, sondern sah Kira mit merkwürdig verhangenen Augen an.
„Trotzdem verstehe ich nicht, weshalb du etwas dagegen hast, dass Juliannas Vater dir beisteht“, sinnierte der Major.
„Julianna bei Fred lassen? Damit er sie mit all seiner flauschigen, rosaroten Zuckerwatte vollstopft? Dass Kinder keinen Zwang vertragen, wahre Freiheit nur im Nacktsein liegt und so ein Unsinn? Ich wäre völlig verzweifelt bei dem Versuch, sie auf ein ganz normales Leben vorzubereiten … ein Leben voller Kleidung, Pflichten und anderer schrecklicher Zwänge.“
„Aber er hätte wenigstens erfahren sollen ...“
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. „Als ich Fred kennenlernte, war ich gerade zwanzig, im zweiten Jahr auf der Akademie … es passierte auf einem Klassenausflug nach Risa. Frederik, ganz in Schwarz gekleidet, protestierte gegen die Zerstörung der risianischen Ökosysteme durch den Massentourismus …“
„Er hat auf die wahre Freiheit des Nacktseins verzichtet?“
Lairis konnte nicht anders, als unbeherrscht zu lachen. „Ich schätze mal, es war ihm zu kalt an diesem Tag. Dank seiner neo-alternativen Kumpane, die gerade das Wetterkontrollsystem lahmgelegt hatten. Als es wieder in Betrieb war, befreite er sich als erstes von seinen Klamotten – und zwar vor den Augen einiger sehr prüde wirkender Abraxaner. Ich war hin und weg.“
„Sah er so gut aus?“
„Eigentlich war er ein bisschen zu dürr für meinen Geschmack. Aber ich habe noch nie jemanden kennen gelernt, der mit so viel Begeisterung gegen den Strom geschwommen ist. Klar, auf Bajor kämpften wir auch leidenschaftlich für eine gerechte Sache – aber die Cardis hatten uns so sehr in die Enge getrieben, dass uns nichts anderes übrigblieb. Frederik dagegen lebt in der Föderation, wo niemand hungern muss oder mitsamt seinem Haus in die Luft gesprengt wird. Er hätte eigentlich zufrieden in der Sonne liegen können und warten, bis die gebratenen Paradiesvögel in seinen Mund fliegen ... Aber das war nicht sein Charakter. Für mich war er ein Mann, der anderen die Augen geöffnet hat – für Probleme, die niemand wahrhaben wollte … für die Schattenseiten seiner scheinbar perfekten Welt.“
„Deshalb hast du dich in ihn verliebt.“
Lairis nickte. „Das Problem war, dass Frederik nur spielen und nicht wirklich kämpfen wollte. Er umgab sich mit diesem düsteren Image, weil es ihm Spaß machte, sich von der Masse abzuheben. Tritt den Leuten auf die Zehen, dann beachten sie dich wenigstens … Das war sein heimliches Lebensmotto. Aber wenn er geahnt hätte, was wir manchmal tun mussten, um unsere Welt von den Cardis zu befreien ... Er hätte es nie verstanden und ich konnte ihn nicht mehr verstehen. Als ich erfuhr, dass ich schwanger bin, hatten wir uns schon getrennt. Trotzdem hab ich lange überlegt, ob ich es ihm sage ... aber dann dachte ich, es wäre besser, ihn in seiner Unbekümmertheit zu lassen. Er wäre gern Familienvater gewesen und wahrscheinlich hätte er sogar das Sorgerecht gekriegt. Ich bin ja in der Sternenflotte und deshalb schon per Definition eine schlechte Mutter ...“
„Du hattest also Angst, dein Kind zu verlieren“, begriff Kira.
„Ja“, erwiderte Lairis schlicht.
In diesem Augenblick meldete sich ihr Kommunikator. „Captain, eine gewisse Lieutenant Commander T’Liza bittet, an Bord kommen zu dürfen“, ertönte die Stimme ihres Ersten Offiziers, Commander Jerad Silgon. „Sie will das Schiff besichtigen.“
„Warum nicht? Immer rein in die gute Stube! Die Gelegenheit ergibt sich nie wieder.“
„Wie du meinst, Captain!“ Seine Stimme klang leicht amüsiert, und obwohl kein visueller Kontakt bestand, konnte Lairis sein schelmisches Lächeln vor sich sehen.
Adieu, Casablanca! by Adriana
Eine Eigenart älterer Schiffe war, dass man dem Computer vieles nicht verbal befehlen konnte, sondern dafür irgendwelche Knöpfe drücken musste. Wie zum Beispiel, um einen Turbolift zu rufen ... Captain Lairis Ilana strich gedankenverloren, ja beinahe zärtlich über das Armaturenbrett, das aussah, als stammte es direkt aus dem Raumfahrtmuseum. Als der Turbolift endlich kam und die Tür zur Seite glitt, stand Lairis plötzlich einer fremden Frau in blauer Starfleet-Uniform gegenüber. Ein Ausdruck des Wiedererkennens, des Schmerzes und des ungläubigen Erstaunens lag in den großen grauen Augen der Unbekannten.
„Corazón“, flüsterte sie kaum hörbar.
„Corazón?“, wiederholte Lairis verständnislos. War das vielleicht irgendein Gott? Sie vergaß glatt, dass sie eigentlich in den Lift steigen wollte.
Im nächsten Moment gab sich die Frau wieder so förmlich, wie es sich für einen Offizier der Sternenflotte einem ranghöheren Offizier gegenüber ziemte. „Bitte entschuldigen Sie mein unangemessenes Verhalten, Captain! Sie haben mich ... an eine alte Freundin erinnert.“
„Es muss eine ungewöhnlich gute Freundin gewesen sein“, erwiderte Lairis nachdenklich, ohne ihren Blick vom Gesicht der Fremden abzuwenden. „Lieutenant Commander T’Liza?“
„Das ist richtig, Captain Lairis Ilana.“
„Dann brauche ich mich wohl nicht mehr vorzustellen.“ T’Liza – der Name klang vulkanisch, und Lairis begriff nun, weshalb sie ihn nicht sofort mit der Fremden im Turbolift in Verbindung gebracht hatte. Die Frau trug ihr Haar länger als jeder andere Vulkanier, den sie kannte. Es war schwarz, dicht und glänzend und reichte ihr bis über die Schultern. Damit verdeckte es natürlich ihre Ohren. Doch der blass grüne Schimmer auf ihren Wangen und die spitz nach oben zulaufenden Augenbrauen gaben ebenfalls Hinweis auf ihre Rasse.
„Es lag am Licht und an Ihrem Nehau, dass ich sie für jemand anderen hielt, Captain.“
„Ich hoffe, ich enttäusche Sie nicht, wenn Sie mich in normalem Licht betrachten?“ Es war wohl die merkwürdigste Frage, die Lairis je gestellt hatte. Aber T´Liza war auch mit Abstand die merkwürdigste Vulkanierin, die ihr je begegnet war.
„Captain, Sie haben mit Sicherheit schon unzählige Leute überrascht, verärgert, gerettet, geliebt, befreit, verunsichert, inspiriert und gequält. Aber noch nie jemanden enttäuscht. Bis auf Admiral Layton.“
„Sie kennen Layton? Jetzt überraschen Sie mich!“
„Ich bin seine Counselor.“
„Er ist sicher ein schwieriger Patient.“
„Ein beunruhigender! Ich wünsche Ihnen ein langes Leben und Frieden.“
„Langes Leben und Erfolg“, grüßte Lairis zurück.
Noch etwas benommen betrat sie den Turbolift und betete zu den Propheten, dass er nicht wieder auf halbem Wege ausfallen möge, wie er es in letzter Zeit so oft getan hatte. Doch der Lift brachte sie ohne Zwischenfälle zur Brücke, so als wollte das Schiff ein letztes Mal beweisen, dass es der Sternenflotte noch immer gute Dienste leisten konnte.
„Na, hast du schon die Daten für den Totengräber zusammengestellt?“ begrüßte Lairis ihren Ersten Offizier mit dem Anflug eines wehmütigen Lächelns.
„Klar.“ Jerad, ein großer, kräftiger Trill mit scharf geschnittenen Zügen, tiefen Grübchen und leicht ergrauten Haare, aktivierte sein Datenpad. „U.S.S. CASABLANCA, NCC-2518-A, Excelsior-
Klasse, in den Dienst gestellt: 2292 oder auch Sternzeit 9342.1, 470 Mann Besatzung.“
„Corazón Inserra“, murmelte Lairis plötzlich.
„Wie bitte?“
„Der erste Captain der CASABLANCA ... Es war eine Frau und ihr Name war Corazón Inserra.“
„Natürlich. Nur eine Frau kann ein Raumschiff CASABLANCA nennen“, lästerte Jerad.
„Ach, das wusstest du nicht?“
„Ja, ja Schande über mich!“ Jerad grinste immer noch. „Die Geschichte eines Raumschiffs, das schon sein Cluster auf dem Schrottplatz reserviert hat ... nein, das ist mir einfach zu deprimierend, so etwas überlasse ich meinem Captain.“
„Vielen Dank auch!“
„Was meinst du: Wollen wir uns einen Logbucheintrag dieser Captain Insarra ansehen?“
„Bist du sicher, dass du davon nicht depressiv wirst?“
„Ich werde es überleben. Jetzt bin ich neugierig.“
Viele Crewmitglieder verkniffen sich nur mühsam ein Kichern.
„Fähnrich Wheeler?“
Die blonde junge Frau hinterm Steuer wandte sich um. „Ja, Captain?“
„Was meinen Sie: Schafft es der alte Dampfer noch bis zur Erde?“
„Warum nicht? Solange wir nicht schneller als Warp 5 fliegen ...“
„Sind wir überhaupt jemals schneller geflogen, Fähnrich?“
„Nicht in meiner Schicht, Captain.“ Wheeler lächelte.
„Also dann ... Energie! Ich möchte die High-School-Abschlussfeier meiner Tochter nicht verpassen.“
Doch kaum hatte Fähnrich Wheeler den Warpantrieb aktiviert, fing ihre Konsole unsäglich an zu brummen. „Hilfe, das hört sich ja an, wie das Antigrav-Moped von meinem Ex!“
„So lange es fliegt ...“ erwiderte der Captain fatalistisch.
Jerad folgte ihr in den Bereitschaftsraum.
Sie schaltete den Terminal ein und begann, Dateien aus dem Archiv herunter zu laden. Das 3D-Foto einer Frau in einer roten Starfleet-Uniform aus dem späten 23. Jahrhundert zog sie sofort in seinen Bann. Die Frau war eine Humanoide und etwa vierzig Jahre alt. Ihre Haare waren rötlicher als die von Lairis, die Augen grüner und natürlich hatte Captain Inserra auch keine bajoranischen Riffeln auf dem Nasenrücken. Dennoch ...
„Sie sieht dir wirklich sehr ähnlich“, stellte auch Commander Silgon fest.
„Was T´Liza wohl meinte, als sie sagte, mein Nehau würde sie an Corazón erinnern?“
„Nehau ...“ Jerad überlegte. „Ich glaube, damit bezeichnen Vulkanier die Ausstrahlung eines anderen, die Aura oder wie immer man das nennen mag.“
„Hmm ... welchen Eintrag soll ich abspielen?“
„Egal. Meinetwegen den Allerersten.“ Jerad legte seine Hände auf ihre Schultern und streifte ihren Nacken mit einem flüchtigen Kuss.
„Persönliches Computerlogbuch, Captain Inserra, Sternzeit 9346.2...“ ertönte Corazóns dunkle, rauchige Stimme. „Es war gar nicht einfach, dem Sternenflottenkommando zu erklären, weshalb ich die CASABLANCA zu Bruch fliegen musste. Mir hat es ja auch in der Seele wehgetan. Sie war ein gutes Schiff, und ich werde sie vermissen. Aber die verdammten Klingonen waren dabei, das Chanara-System zu erobern. Die einzige Chance, sie zu besiegen, war, ihr Flaggschiff zu zerstören. Aber zerstör’ erst mal einen Kreuzer der Vor’Cha-Klasse! Mit Phasern und Torpedos lässt sich da nicht viel machen... Also hab’ ich die Crew evakuiert und direkten Kurs auf dieses Monstrum genommen. Ich kam mir vor wie einer dieser lebensmüden japanischen Kamikaze-Piloten! Zu sterben hatte ich allerdings nicht vor. Wenige Sekunden, bevor die CASABLANCA in die äußeren Plasmaverteiler des Klingonen-Kreuzers gekracht ist, hat mich Kerala von Bord gebeamt. Himmel, war das knapp!
Dann saß ich mit meiner Crew auf diesem grässlichen Klasse-L-Planeten fest... Da war es sogar noch heißer und staubiger als auf Vulkan! Ich hätte nie gedacht, dass das möglich ist... Zum Glück wurden wir bald von der LANZELOT hochgebeamt. Den Kampf hatten unsere Leute inzwischen gewonnen. Durch den Crash mit der CASABLANCA war das Flaggschiff explodiert und hatte vier ‘Birds of Prey’ mitgerissen. Ich will mich ja nicht selber loben, aber ich glaube, das war es, was die Schlacht zugunsten der Sternenflotte entschieden hat.
Und dann verstehe einer diese Admiräle... Erst hängen sie mir eine Tapferkeitsmedaille um den Hals und dann schmeißen sie mir Verschwendung von Ressourcen vor! Und natürlich Verstoß gegen das Starfleet-Protokoll für die Kriegführung in bewohnten Sternensystemen. Verdammt, die sollten erst mal gegen diese blutrünstigen, klingonischen Wikinger kämpfen - dann wüssten sie, was ihr dusseliges Protokoll wert ist!
Aber, was beschwere ich mich überhaupt ... Schließlich hab’ ich heute das Kommando über dieses Prachtstück erhalten! Excelsior-Klasse - der letzte Schrei! Angeblich hat sie sogar Transwarp-Antrieb, aber als ich ihn ausprobieren wollte, ist mir gleich der Warpkern abgesoffen! Soviel zum Fortschritt...
Natürlich trägt auch dieses Schiff den wundervollen Namen CASABLANCA. Die meisten denken, ich hätte es nach einer Stadt auf der Erde benannt, aber das stimmt nicht ganz... ‘Casablanca’ ist der Titel eines Filmklassikers aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Es ist mir ein wenig peinlich, das zuzugeben, aber ich habe eine Schwäche für alte Liebesfilme...“
Jerad pfiff durch die Zähne. „Interessante Frau! Es würde ihr gar nicht gefallen, dass ihr geliebtes Schiff einfach in seine Einzelteile zerlegt wird, wie ein alter Küchenmixer.“
Lairis seufzte. „Nach Wolf 359 haben wir die CASABLANCA nie wieder richtig flott gekriegt. Unter meinem Kommando hatte sie das Gnadenbrot, die wirklich aufregenden Missionen haben wir natürlich nicht bekommen.“
„Tausendmal aufregender als das, was ich früher machen musste.“ Jerad verzog das Gesicht. „Die sagenhafte Relaisstation R-27, ein wahres Eldorado der Langeweile. Nicht mal der Maquis hat sich in unsere Gegend verirrt. Dabei wäre ein kleines Gefecht genau das gewesen, was meine Crew gebraucht hätte, um wieder ein bisschen lebendiger zu werden ... Aber wer interessiert sich schon für eine Raumstation mit fünf Mann Besatzung in einem besonders dünn besiedelten Teil der Entmilitarisierten Zone. Ich bin dir wirklich dankbar, dass du mich dort rausgeholt hast! Noch zwei Jahre in dieser Blechbüchse und du hättest mich zu meinen tierischen Vorfahren ins Primatengehege stecken können!“
Sie lachte, doch seine Augen wurden plötzlich schmal. „Ich hoffe, du hast mich nicht nur zu deinem Ersten Offizier gemacht, weil du dir die Schuld für meinen Karriereknick gibst!“
„Natürlich fühle ich mich mitverantwortlich für das, was damals passiert ist“, erwiderte Lairis ernst. „Aber ich würde dich ganz bestimmt nicht zu meinem Ersten Offizier ernennen, nur um irgendwelche Fehler von damals wieder gut zu machen! Jedenfalls nicht, wenn ich auch nur den geringsten Zweifel an deinen Fähigkeiten hätte! Du weißt, ich halte sehr viel von dir - persönlich wie beruflich – und denke, dass die Sternenflotte mehr als dämlich war, deine Talente als Knöpfchendrücker auf einer Relaisstation zu verschwenden!“
Jerad beugte sich zu ihr herab, legte seine Arme um ihre Taille und küsste sie. „Du siehst, ich lerne noch nicht einmal aus meinen Fehlern.“
„Dann brauchst du wohl einen Symbioten, der dir dabei hilft ...“
„Das wird nichts mehr.“ Sein Lächeln verschwand. „Die Symbiosekomission war ganz offensichtlich der Meinung, dass ich ihren Ansprüchen nicht genüge. Ein Kerl, der seine Hormone nicht mal so weit unter Kontrolle hat, dass er die Finger von seinen Kadetten lässt, verdient halt kein so edles Geschöpf wie einen Symbionten. Punkt. Aus.“
„Es ist nicht fair, dass du den ganzen Ärger bekommen hast, und ich ...“
„Bei Unzucht mit Abhängigen wird nie der Abhängige bestraft.“
„Unzucht? So weit ist es doch gar nicht gekommen!“
„Aber nur, weil uns deine tratschsüchtige Zimmergenossin vorher aus den Gänseblümchen gescheucht hat.“ Er lächelte schief. „Bereust du es denn?“
„Ich bereue nur, dass wir uns erwischen ließen!“
„Du bist doch ein heimtückisches, verdorbenes Luder, Lairis Ilana!“ scherzte er zwischen zwei Küssen. „Und so was in der Sternenflotte – pfui!“
„Was willst du machen? Ich stamme eben aus dem bajoranischen Busch – ich bin hoffnungslos unzivilisiert.“
Düstere Vorboten by Adriana
Über San Francisco erstreckte sich ein wolkenloser, azurblauer Himmel, doch in Kadett Raymond Kitamuras Kopf war eine dicke Nebelsuppe. Während er sich ins Badezimmer schleppte, gähnte er fast ununterbrochen.
„Welcher Hornochse ist eigentlich auf die Idee gekommen, früh um acht Quantenmechanik-Vorlesungen abzuhalten!“ beschwerte er sich, obwohl ihn niemand hörte.
Er war viel zu spät ins Bett gegangen, doch es war nicht nur der Schlafmangel, der ihm so zu schaffen machte ... Nein, was ihn ins Reich der Scheintoten versetzt hatte, waren die vier oder fünf Gläser Sake, zu denen ihn sein Vater überredet hatte. Ausgerechnet Captain Yasushi Kitamura, der Musteroffizier, das Fleisch gewordene Pflichtbewusstsein, betrank sich einen Tag vor einer wichtigen Konferenz! Das ging nicht mit rechten Dingen zu ...
Aber dann hatten sie irische Seemannslieder gesungen, die Raymond von seiner Mutter kannte ... sie hatten über alte Zeiten geredet, über Raymonds Zukunftspläne, über Frauen ... und sie hatten gelacht, gelacht, gelacht. So viel Spaß hatte Raymond mit seinem Vater noch nie gehabt und er lächelte trotz seines schmerzenden Schädels, wenn er an den letzten Abend zurückdachte. Dennoch blieb ein schales Gefühl hängen, eine diffuse Angst.
Raymond schwankte die Treppe hinunter und klopfte an die Tür von Captain Yasushi Kitamuras Arbeitszimmer. Das Wochenende war vorbei und nun galt es wieder, in Kadettenbaracken zu schlafen. Es hatte ihm noch nie soviel daran gelegen, „Auf Wiedersehen“ zu sagen.
Hoffentlich war sein Vater nicht schon fort, auf dem Weg nach Antwerpen, wo heute ein Treffen zwischen hochrangigen Vertretern der Föderationsregierung und der Romulaner stattfinden sollte, eine Verhandlung über den Einsatz von Tarnvorrichtungen im Alphaquadranten ... Warum, fragte sich Raymond plötzlich, nahm ausgerechnet Captain Kitamura an dieser Konferenz teil, obwohl er kein Admiral, kein Diplomat und kein Regierungsbeamter war? Es musste an diesem neuen Schiff liegen, das im Trockendock von UTOPIA PLANITIA auf ihn wartete. Die U.S.S. DEFENDER ... ein Name, der besser zu einem altertümlichen Navy-U-Boot als zu einem Föderationsschiff passte, ein Name, der Raymond sofort an Krieg und Raumschlachten denken ließ, an ganze Planeten, die binnen Sekunden in die Luft gesprengt wurden ... Manchmal hatte der Junge Gesprächsfetzen aufgeschnappt, die zwischen seinem Vater und anderen Offizieren hin und her flatterten: Multivektor-Angriffsmodus, Telleron-Geschütze, Quantentorpedos, neue Kampfflotte, Tarntechnologie. Seit Admiral Layton das Sagen im Hauptquartier hatte, war der Ton in der Sternenflotte um einiges harscher und militanter geworden, häuften sich die Tage, an denen der Kadett seine Ausbilder daran erinnern musste, dass sein Name Raymond Kitamura war und nicht „Wischlappen“, „Fauler Hund“ oder „Rohrmade“ ...
Die Tür stand offen. Tiefe Furchen hatten sich in Captain Kitamuras Stirn gegraben, er beugte sich über ein Datenpad und bemerkte seinen Sohn nicht gleich. Raymond blickte gedankenverloren aus dem großen, blank geputzten Panoramafenster, das den Blick auf den Haupteingang der „Zefram Chochrane High School“ freigab.
„Du guckst wohl nach den Mädchen“, scherzte sein Vater müde.
Raymond lächelte. „Vielleicht.“
„Was ist mit der Schwarzhaarigen aus deiner Klasse, die Kleine, die ein paar mal bei uns zu Hause war?“
„Diana DeMarco?“
„Sie ist hübsch.“
„Sie ist ne Zicke.“
„Aber wenigstens keine Zivilistin.“
Beide lachten kurz.
Dann fiel Raymonds Blick auf das Datenpadd in Yasushis Hand und er wurde neugierig. „Hey, sind das die Konstruktionspläne der DEFENDER?“
Captain Kitamura schwieg, sein hageres Gesicht verriet keine Gefühlsregung, seine dunklen, mandelförmigen Augen wirkten stumpf, als den Inhalt seines Aktenkoffers checkte.
„Kann ich sie mal sehen?“ Raumschiffkonstruktion hatte Raymond schon als kleinen Jungen fasziniert und seine Stimme überschlug sich fast.
„Nein!“ Die Antwort des Captains kam unerwartet laut und schroff.
„Ach komm schon, Dad, es ist doch nur ein Schiff!“
„Es ist nicht nur ein Schiff. Es ist die Zukunft der Sternenflotte.“
„Ich bin auch die Zukunft der Sternenflotte.“ Raymond grinste frech, doch er spürte das Eis wieder zuwachsen, das gestern Abend erst gebrochen war. Nicht zum ersten Mal rumorte ein flaues Gefühl in seinem Bauch, das nichts mit seiner Alkoholvergiftung zu tun hatte.
„Ich mach mich dann mal auf die Socken, Dad“, verabschiedete er sich hilflos.
Captain Kitamura nickte abwesend. „Viel Erfolg, mein Sohn.“
„Dir auch, Dad. Viel Glück bei der Konferenz.“
Täuschte Raymond sich oder wurden die Furchen auf Captain Kitamuras Stirn bei dem Wort „Konferenz“ noch tiefer?
Der Koffer schnappte zu, Yasushi trat hinter dem Schreibtisch hervor und drückte seinen Sohn wortlos an sich – so heftig, als wollte er ihn nie wieder loslassen.
Raymond war überwältig ... überwältigt und irritiert. Solche Gefühlsausbrüche passten überhaupt nicht zu seinem Vater – genauso wenig, wie das wilde Trinkgelage gestern Abend.
Als ihm die Wahrheit aufging, zog sich sein Magen so heftig zusammen, dass es wehtat. Verdammt, er hätte es wissen müssen – aber er wollte es nicht wissen. Er wollte es immer noch nicht wissen. „Zum Teufel, was ist los mit dir?“ Seine Zunge fühlte sich rau und pelzig an. „Du hast eine Mission, richtig? Eine sehr gefährliche Mission ...“
Captain Kitamuras Augen schimmerten verdächtig. „Ja.“
„Mit der U.S.S. DEFENDER. Nach der Konferenz.“
Diesmal erwiderte Yasushi nichts.
„Oh Gott, verdammt, ich ...“ Raymond wollte noch so viel sagen, aber ein dicker Kloß verstopfte seine Kehle und seine Worte verrieselten im Nirgendwo. „Versprich mir, dass du zurückkommst, ja?“
„Das kann ich nicht versprechen“, erwiderte sein Vater traurig. „Dunkle Zeiten kommen auf uns zu und ich wünschte manchmal, die Ereignisse würden an uns vorbeirauschen, ohne uns zu verändern. Aber so ist es leider nicht. Was uns bleibt, ist Pflichtbewusstsein, Loyalität und Ehre. Und manchmal werden wir Dinge tun müssen, die uns nicht gefallen.“
„Nun ja, wenn wir uns verteidigen müssen ...“
„Ich bin stolz auf dich, mein Sohn!“
Danke“, murmelte Raymond.
„Heute wird sich alles entscheiden.“
„Heute? Warum denn heute? Ich kapiere gar nichts mehr“, regte sich der Junge auf.
„Ich darf es dir leider nicht sagen.“ Captain Kitamura wandte sich ab.
„Na toll, ich werde dich vielleicht verlieren und weiß noch nicht mal ...“
Yasushi umarmte seinen Sohn erneut.
„Es wird alles gut, mein Junge. Und nun geh! Du kommst sonst zu spät zu deiner Vorlesung.“
Dann trennten sich ihre Wege und Raymonds Knie fühlten sich wie Pudding an.
Auf dem Campus der Akademie stieß er beinahe mit Diana de Marco zusammen, die – wie er amüsiert feststellte – auch nicht viel munterer aussah, als er. Ihre sonst so lebendigen schwarzen Augen waren zu rot unterlaufenen Schweinsritzen zusammengeschrumpft.
„Na, auch ne wilde Party mit deinem Alten Herrn gehabt?“ zog er sie auf.
„Was? Wie?“ Sie zog die Nase kraus. „Nein, hab die Nacht durchgepaukt.“
Er grinste. „Subraumharmonik?“
„Was sonst.“ Auf einmal verfinsterte sich ihre Miene noch mehr. „Ray, das Objekt deiner Anbetung nähert sich mit Viertel Impuls.“
Von einer Sekunde auf die andere war Raymond hellwach und vergaß beinahe die Sorge um seinen Vater. Kilari Kayn trat aus dem Schatten einer Palme ins Gegenlicht – und Raymond fuhr sich unwillkürlich mit den Fingern durch seine verunglückte Frisur. Er fand, dass Kilari, wie immer, umwerfend aussah. Sie hatte ihr langes, goldblondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihre Augen – blau wie der Himmel an einem strahlenden Oktobertag – blickten kein bisschen trübe oder glasig, obwohl sie einmal behauptet hatte, ein hoffnungsloser Fall von einem Morgenmuffel zu sein. Die Uniform, die an den meisten Kadetten wie ein unförmiger grauer Pyjama aussah, saß an ihr perfekt und betonte ihre nicht gerade schwach ausgeprägten weiblichen Rundungen. Ein Muster von leopardenartigen Flecken, das in einem durchgehenden Streifen über ihre Schläfen, ihre Wangen und ihren Hals lief, gab ihrem Gesicht eine besonders attraktive Note. „Wie weit gehen eigentlich die Flecken runter?“ war eine der häufigsten Fragen, die ihr die Jungs von der Akademie stellten. Es war jedoch das Maximum an Anzüglichkeit, das man ihr entgegenbrachte, denn Kilari galt auf dem Campus beinahe als Respektsperson.
Raymond musste gezwungenermaßen zu ihr aufschauen, weil sie einen halben Kopf größer war als er. „Hi Ki... Kilari!“ stammelte er.
„Hallo Ray, hallo Diana!“ erwiderte sie lächelnd. „Quantenmechanik am frühen Morgen kann ... stimulierend sein, nicht wahr?“
Den anderen entging die Zweideutigkeit ihrer Worte nicht.
„Stimmt es, dass wir nächste Woche einen Test schreiben?“ fragte Raymond.
„Möglich“, erwiderte Kilari leichthin. Die Trill lernte so gut wie nie für ihre Prüfungen. Dennoch war sie Jahrgangsbeste auf der Akademie. Sie erklärte es damit, dass sie immerhin „zwei Gehirne“ besaß und die Erinnerungen aller vorherigen Wirte in sich trug. Doch da war sie schlicht und ergreifend zu bescheiden. Kilari Kayn galt als brillant. Obwohl ein Trill normalerweise mindestens fünfundzwanzig bis dreißig Jahre alt sein musste, um mit einem Symbionten vereinigt zu werden, war ihr diese Ehre schon im Alter von dreiundzwanzig Jahren zugekommen. Nach einem Studium der Xenogenetik und Molekularbiologie, das sie natürlich mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, war sie an der Akademie der Sternenflotte aufgenommen worden. Genau wie Diana und Raymond befand sie sich im zweiten Semester, doch sie hatte bereits den Stoff von anderthalb Jahren geschafft.
„Wie wär‘s, Flecki, willst du mir nicht mal deinen Symbionten ausleihen?“ scherzte Raymond.
„Das würde ich nicht empfehlen“, entgegnete Kilari. „Du würdest erst höllische Kopfschmerzen kriegen, dann Bauchkrämpfe, die Abstände, in denen du dich übergeben musst, werden immer kürzer, bis du irgendwann Blut spuckst...“ Die Trill lächelte amüsiert, als Diana angeekelt das Gesicht verzog. „Na, soll ich weitermachen?“
„Ich riskiere alles, um nicht wieder durchzurasseln!“ konterte Ray. „Das letzte Mal war es nämlich gar nicht lustig. Ich dachte schon, ich stehe vorm Cardassianischen Hohen Tribunal – so hat mein Vater mich ‘runtergeputzt!“ Er äffte Captain Yasushi Kitamuras volltönende Barritonstimme nach: „Ich bin dein Herr, dein Gul...“
Die Mädchen kicherten, aber Raymond wurde augenblicklich von seinen Ängsten eingeholt, als er seinen Vater erwähnte.
„Alles in Ordnung?“ fragte Kilari besorgt. Als sie ihm zart über die Schulter strich, zuckte er zusammen.


„Es geht um meinen Dad. Er war heute echt ... merkwürdig.“ Und nach Kilaris stummer Aufforderung fuhr er fort. „Du weißt ja, dass wir heute mit den Romulanern verhandeln, ob die Sternenflotte Tarnvorrichtungen im Alphaquadranten verwenden darf ... Mein Vater meint jedenfalls, dass die Romulaner uns übern Tisch ziehen werden, so wie uns die Cardassianer bei der Sache mit der Entmilitarisierten Zone übern Tisch gezogen haben ... dass wir die Spielregeln endlich selbst bestimmen müssen, damit wir wieder verteidigungsbereit sind – aber das ginge nur mit einer neuen Regierung. Die alte wäre feige und korrupt, die Politiker hätten nur noch die nächste Wahl im Kopf und nicht das Wohl der Föderation ... dass wir wieder bereit sein müssen, Opfer zu bringen und Risiken einzugehen. Mit diesem Sermon nervt er mich mindestens dreimal im Monat. Ehrlich gesagt, wird Dad immer komischer je näher die Konferenz rückt. Und gestern Abend wollte er unbedingt mit mir feiern, hat ein Glas Sake nach dem anderen gekippt ...“
„Sake?“
„Japanischer Reiswein.“ Raymond schluckte ein paar mal heftig, gab sich große Mühe, nicht zu weinen. „Er ... er muss auf eine lebensgefährliche Mission.“
Diana tat betont gelangweilt und wippte mit dem Fuß auf und ab, doch mit einem Mal wurde ihre Miene ernst und sie schenkte Raymond einen mitfühlenden Blick.
„Es hat mit der U.S.S. DEFENDER zu tun“, schloss er stockend.
„Dieses neue Kriegsschiff, das er kommandieren soll?“ hakte Diana nach. „Wenn es wirklich so gut bewaffnet ist, wie alle sagen, kommt dein Vater bestimmt zurück – egal, was passiert!“
„Danke, Diana!“ Manchmal kann sie richtig lieb sein, dachte er gerührt.
Kilari blickte bedeutungsschwer von einem zum anderen. „Irgendwas an der Geschichte macht mich misstrauisch ...“
„Ray hat schon genug Probleme – ohne, dass du dich hier mit deinen Verschwörungstheorien aufplusterst!“ fauchte Diana die Trill an.
Sie hatte erwartet, Raymond würde sich für ihren Einwurf dankbar zeigen – doch er hing immer noch wie gebannt an Kilaris Lippen. Du liebe Güte, es fehlt nicht mehr viel, bis er kleine Niagara-Fälle sabbert, dachte sie angewidert. Es war die blanke Eifersucht, denn unterschwellig wusste sie, dass Raymond ihre Zuneigung nicht erwiderte.
„Ich wette, die DEFENDER hat eine Tarnvorrichtung – oder Massenvernichtungswaffen, von denen nur der Geheimdienst weiß. Dieser Layton plant was, da bin ich ganz sicher ... irgendwas
wovon der Rest der Sternenflotte nichts erfahren darf ...“
„Meine Güte, Ray, du hast eindeutig zu viel Reiswein gesoffen!“ Diana stöhnte.
Ja, manchmal konnte sie richtig lieb sein – aber leider nur manchmal.
Kilaris Mundwinkel hoben sich kurz, aber ihre Augen blieben ernst. „Wie kommt es, dass du uns solche brisanten Sachen erzählst? Immerhin könnten wir alle Wechselbälger sein!“
Raymond schmunzelte halbherzig. „Bist du denn ein Wechselbalg?“
Anstelle einer Antwort zog Kilari ein nachgemachtes Schweizer Armeemesser aus ihrer Uniformtasche, ließ eine der Klingen aufschnappen und fuhr damit über die Innenfläche ihrer linken Hand. „Bäh, du bist ja krank!“ Diana bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
Aus Kilaris Wunde quoll hellrotes Blut. Es tropfte auf den Boden, sickerte darin ein und blieb, was es war – nämlich Blut.
„Na, ganz offensichtlich bist du kein Wechselbalg!“ bemerkte Raymond trocken.
„Du hast Glück gehabt“, entgegnete Kilari. „Aber es hätte auch schiefgehen können.“
Raymond verehrte sie, zweifellos, doch er konnte nicht behaupten, dass er sie verstand. Dafür tat sie zu oft Dinge, die niemand erwartete. Sie amüsierte sich manches Mal über Probleme, die ihre Mitstudenten tagelang quälen und beschäftigen konnten. Dann wiederum zeigte sie einen ungewöhnlichen Ernst an Stellen, wo sich die anderen keinerlei Gedanken machten.
„Alle vereinigten Trills sind multiple Persönlichkeiten. Das liegt in ihrer Natur“, sagte er zu Diana. Kilari war inzwischen gegangen.
„Wofür hält die sich eigentlich? Für die Weisheitsgöttin von Betazed?“ regte sich Diana auf. Sie hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie die Trill nicht besonders mochte und sogar einmal zugegeben, dass sie sie unheimlich fand. Nun, in letzterem Punkt musste Raymond ihr Recht geben.
„Diese eingebildeten Red-Squad-Typen gehen mir voll auf den Geist!“ schimpfte sie weiter.
„Kilari ist nicht eingebildet“, widersprach Raymond. „Und wir wissen auch nicht, ob sie beim ‘Red Squad’ ist.“
„Ach nein?“ spottete Diana. „Ein vereinigter Trill mit dem IQ von Zefram Cochrane und Noten, die man als Normalsterblicher nur kriegen kann, indem man sie fälscht?“
Raymond schwieg, als ihm klar wurde, dass Diana höchstwahrscheinlich Recht hatte. Er war gut und im zweiten Jahr hatte er seine Leistungen sogar noch verbessern können. Doch um ins Red Squadron, diesen geheimen Club von Elitekadetten, aufgenommen zu werden, genügte es noch lange nicht. Allerdings war sich Raymond nicht sicher, ob er das überhaupt wollte.
Julianna by Adriana
Julianna Lairis rümpfte ihre schmale, zart geriffelte Nase, als sie sich in der so genannten Festaula umsah. „Da kämpft man sich vier Jahre durch die High School – mit Klauen und Zähnen und Kopfschmerzen – und was bekommt man als Entschädigung? Eine Abschlussfeier in einer alten, vergammelten Werfthalle! Ich fasse es nicht!“
„Das ist nicht einfach nur eine Werfthalle – sondern DIE Werfthalle“, konterte ihre beste Freundin, Celine Devereaux, gespielt wichtig.
„Ach, und das soll mich beeindrucken?“
„Hier wurde die erste USS ENTERPRISE gebaut!“
„Egal, was hier gebaut worden ist – die Dekoration ist Kacke und die Wandfarbe beißt sich mit meinem Kleid.“ Sie blickte an sich herunter und strich mit beiden Händen über den türkisgrünen Samt, der exakt die Farbe ihrer Augen hatte. Ihr langes blondes Haar war hochgesteckt und sie fühlte sich fremd in ihrem eleganten Aufzug. Obwohl das Kleid wunderschön war und sich wie eine zweite Haut an ihren schlanken, dennoch kräftigen Körper schmiegte.
„Du hättest meinem Beispiel folgen und schwarz tragen sollen.“ Celine Devereaux lächelte überlegen. Sie war die Tochter von Captain Charles Devereaux, einem früheren Vorgesetzten von Juliannas Mutter. Fast alle Schüler der Zefram Chochrane High School waren Kinder von Sternenflottenoffizieren und das schuf ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl.
Celine war rothaarig und grazil, ihre sanften, haselnussbraunen Augen täuschten leicht über ihre spitze Zunge hinweg. „Du solltest jetzt mit Ehrfurcht erfüllt sein – schäm dich!“ bemerkte sie scherzhaft. „Dafür, dass du die beste Geschichtsklausur des Jahrgangs geschrieben hast, weißt du aber nicht viel über diesen unglaublich legendären Ort.“
„Mein Thema war nicht Geschichte der Sternenflotte, sondern Geschichte des 21. Jahrhunderts. Die Schutzzonen und der Bell-Aufstand.“
Der Direktor trat auf die Bühne, räusperte sich und die Scheinwerfer spiegelten sich in seiner Glatze. Als seine langweilige, aber glücklicherweise kurze Ansprache zu Ende war, kamen die ersten Schüler auf die Bühne, um ihr Zeugnis in Empfang zu nehmen.
Julianna fiel plötzlich etwas ein und sie schlug erschrocken die Hände vor den Mund. Ihre Augen wurden noch größer, als sie ohnehin schon waren.
„Was ist los?“ fragte Celine alarmiert.
„Oh Gott, hoffentlich muss ich keine Rede halten!“
„Eine Rede? Du meinst, wegen der Geschichtsklausur?“
„Ich wurde dafür ausgezeichnet!“
„Nun reg dich ab, Julianna. Wenn du eine Rede halten solltest, hätten sie es dir längst gesagt, damit du dich vorbereiten kannst.“
Julianna beruhigte sich für einen Moment, aber dann wurden ihre Augen wieder ganz groß vor Panik. „Und wenn sie es nun spontan von mir verlangen? Bitte, Celine, du musst mich retten, versprich mir das! Sag den Lehrern, ich bin auf dem Klo und kotze mir die Seele aus dem Leib.
Da müsstest du nicht mal schwindeln …“
„Also, wenn du mir meinen nagelneuen Hosenanzug voll reiherst, schleife ich dich höchstpersönlich auf die Bühne und kette dich dort an!“
„Celine, ich kann das nicht! Nicht vor so vielen Menschen! Ich gehe ein! Glaub mir – ich falle um und sterbe!“ Julianna war so verzweifelt, dass die sarkastischen Sprüche ihrer Freundin wirkungslos an ihr vorbei rauschten.
Celine verdrehte die Augen zur Decke. „Meine Fresse! Mal doch nicht schon wieder den Teufel an die Wand! Du machst mich fertig.“
„Tut mir leid“, erwiderte sie zerknirscht.
„Weißt du was? Vorhin ist Mr. Curtis an mir vorbeigelaufen – und er stank schon wieder, als hätte er drei Nächte auf der Mülldeponie gepennt“, lästerte Celine.
Ein unangenehmes Gefühl rumorte in Juliannas Bauch, als sie an ihren verhassten Mathelehrer dachte. „Mr. Curtis … entweder seine Mutter hat ihn als Baby in die Kartoffelkiste gesperrt oder er ist ein umoperierter Cardi. Kein normaler Mensch quält so gern Schüler!“
„Curtis ist ja auch kein normaler Mensch sondern ein kranker sadistischer Mistkerl, der irgendwo in der analen Phase stecken geblieben ist und heimlich davon träumt, seine Mutter zu heiraten.“ Ein paar Eltern und Lehrer drehten sich ärgerlich zu ihnen um und die Mädchen lächelten unschuldig.
Julianna unterdrückte ein Kichern. „Man merkt, dass du mal Psychologie studieren willst.“
Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie Celine ihre unglückseligen Patienten auf der Couch platzierte, um sie dann mit unangenehmen Wahrheiten zuzuschütten.
„Schade, dass ich nicht mit zehn von den Borg assimiliert wurde …“
Celine runzelte die Stirn. „Das ist doch wohl nicht dein Ernst!“
„Natürlich nicht! Andererseits wäre es ganz praktisch: man tankt für ein paar Sekunden am HAIF-Bewusstsein und braucht nie wieder diese unsäglichen Formeln zu pauken …“
„Erzähl mir nicht, dass du dir für eine Eins in Mathe Arme absägen und Augen ausstechen lasen würdest!“
„Quatsch!“ Julianna schaute kurz auf den Chronometer an der Wand. „Meine Mutter kommt wohl nicht mehr“, meinte sie pessimistisch.
„Wahrscheinlich hat sie Probleme mit ihrem Raumschiff. Die alte Rostlaube schafft doch keine zwei Parsecs ohne Warpkernbruch.“
„Mag sein. Trotzdem frage ich mich manchmal, was Mom wichtiger ist: ich oder ihre Karriere.“
Vielen ihrer Mitschüler schien es ähnlich zu gehen. Nur knapp die Hälfte war mit ihren Eltern hier, aber ein großer Teil mit Partnern oder Partnerinnen.
Der Anblick versetzte Julianna einen schmerzhaften Stich. Sie wünschte, Christopher Hartmann hätte nicht mit ihr Schluss gemacht – jedenfalls nicht vor dem Abschlussball.
„Denkst du an Chris?“ fragte Celine.
„Es ist gut, dass ich ihn los bin“, erwiderte sie hart. „Ich konnte die Art, wie er sich mir gegenüber aufgespielt hat, nicht mehr ertragen. Als wäre ich ein kleines blondes Dummchen, dem er die Welt erklären muss! Nur weil er mal Physik studiert hat, bildet er sich ein, er wäre Steven Hawking oder so. Dabei hat er es nach drei Semestern geschmissen, der Versager! Ich habe selbst überlegt, Schluss zu machen – blöd, dass er mir zuvorgekommen ist. Ich glaube, er hat es getan, weil er gespürt hat, dass ich nicht mehr viel Respekt vor ihm habe.“
„Und das hat seinen Narzissmus verletzt. Glaub mir – der Typ hat ein emotionales Alter von maximal viereinhalb!“
„Ich verstehe nicht, warum immer nur Versager auf mich fliegen! Es ist, als hätte ich ein Schild um den Hals: ‚Liebe Weicheier und Schlappschwänze – kommt brav zu mir, hier werdet ihr gestreichelt und gefüttert’. Verstehst du das? Immerhin bist du angehende Psychologin.“
Celine musterte sie forschend. „Naja, du bist eine starke Frau mit einer sanftmütigen Ausstrahlung und weiblichen Formen, die Mütterlichkeit versprechen …“
„Starke Frau? Im Moment fühle ich mich alles andere als stark.“
„Du hast nur eine kleine Phobie. So was kann man abtrainieren.“
„Aber nicht heute.“
„Du hast mir noch gar nicht erzählt, mit wem du jetzt zum Abschlussball gehst?“ Celine runzelte die Stirn, als Julianna schwieg. „Sag nicht, du gehst solo!“
„Nein, ich gehe mit Yram Tohl.“
Celine schnappte vor Überraschung nach Luft. „Ich weiß nicht … Yram ist ein netter Kerl, aber er sieht aus wie eine zwei Meter lange Presskohle.“
„Er ist Edemaraner. Die sehen alle so aus.“
Celine beugte sich vor. Sie hatten bisher schon geflüstert, aber nun senkte sie ihre Stimme noch mehr. „Ich habe gehört, männliche Edemaraner haben … sechs.“
Julianna bekam wieder einmal große Augen. „Sechs?“
„In einem hübschen Kreis verteilt um ihre Frühlingsrolle. Und die Dinger glühen auch noch, wenn der Kerl Spaß hat!“
„Ehrlich?“ Julianna grinste. „Na, das ist doch mal ein Lichtblick.“
„Ja, im wahrsten Sinne des Wortes.“
Die nächste Gruppe von Schülern kam auf die Bühne und Julianna wurde flau im Magen. Die alphabetische Liste war schon bei „K“ angelangt und ihr Nachname begann mit einem „L“!
Ein Piepton aus der Com-Anlage schreckte die Schüler, Eltern und Lehrer auf. Es war ein schriller, lang gezogener Ton, wie ihn Julianna noch nie gehört hatte. Sie wusste nicht, was er bedeutete – doch es war mit Sicherheit nichts Gutes. Der Direktor verschwand hinter dem Vorhang. Ein aufgeregtes Tuscheln und Raunen ging durch die Menge. Celine warf einen fragenden Blick auf Julianna, die ratlos mit den Schultern zuckte.
Eine dunkle Vorahnung erfüllte den ganzen Saal.
Dann kam der Direktor zurück – sichtlich um seine Fassung ringend, als hätte er gerade einen nahen Verwandten verloren. „Ich muss Ihnen allen eine schlimme Nachricht überbringen“, begann er. „Während wir uns hier zusammengefunden haben, um unseren jungen Absolventen zu ihrem erfolgreichen Abitur zu gratulieren, erschüttert eine schreckliche Tragödie die ganze Föderation.“ Julianna fragte sich nervös, wann er denn endlich zum Punkt kommen würde. Sie wischte ihre schweißfeuchten Hände am Kleid ab.
Die Com-Anlage zeigte Bilder einer Explosion. Sterile, anonyme Bilder, die nichts über das Leid der Opfer verrieten – dennoch …
Ein Alptraum verfolgte Julianna seit der Schlacht bei Wolf 359. Sie verdrängte ihn, schob ihn beiseite, sperrte ihn in eine Kiste mit Schlössern und Riegeln … und manchmal verblasste er einfach im Sonnenlicht. Aber nun hatte er sie eingekreist und grinste siegesgewiss auf sie herab. Wie ein Zyklop mit einem viereckigen Auge – ein Auge, so groß wie ein Com-Bildschirm …
„Wir unterbrechen unsere Feier für eine Schweigeminute“, verkündete der Direktor. „Die anschließende Zeugnisausgabe findet in einem stillen, angemessenen Rahmen statt.“
„Ich bin gerettet! Keine Rede, keine Rede, keine Rede …“ jubilierte ein kleiner Teufel in ihr, aber es war nur eine leise, unbedeutende, stimmbrüchig krächzende Stimme.
Das Ende des Friedens by Adriana
Lieutenant Marc van de Kamp, Chefingenieur der USS CASABLANCA, zog den Kopf ein, bevor er das Quartier seines Captains betrat. Marc war über 1,90 Meter groß und duckte sich jedesmal gewohnheitsmäßig, bevor er durch eine Tür ging – selbst, wenn diese Tür drei Meter hoch war. Er hielt einen Werkzeugkoffer in der Hand und lächelte. „Wo brennt’s, Captain?“
„Wenn es nur brennen würde, hätte ich Sie nicht gerufen.“
Sie seufzte leise und zeigte auf einem Haufen chaotischer Maschinenteile hinter sich.
Marc kratze sich am Kopf, wobei er selbigen leicht schief hielt, und sagte kein Wort.
„Keine Sorge, ich befehle Ihnen ganz bestimmt nicht, mein Quartier aufzuräumen“, zog Lairis ihn auf. „Ich wollte meiner Tochter einen dieser neuen Antigrav-Scooter zum Schulabschluss schenken – aber leider war weder aus der Verpackung noch aus dem Anschauungsexemplar ersichtlich, dass es ein romulanisches Fabrikat ist. Und – wie es die Propheten mit ihrem makaberen Sinn für Humor so wollen – ist die Bedienungsanleitung komplett auf Romulanisch. Sehen Sie mal, was für ein Quatsch dabei herauskommt, wenn ich sie durch mein Übersetzungsprogramm jage.“
„Schießen Sie nicht im Schalter für den abgesicherten Modus ... Verbinden Sie sich mit einem elektrischen Meter und brauchen Sie Abstand, um auf eine niedrige Geschwindigkeit zu gehen ... Hmm, das klingt in der Tat ein bisschen unlogisch.“ Marc lachte. „Soll ich das Ding für Sie zusammenbauen?“
„Ich hatte es schon fast zusammengebaut – bis ich dahinter kam, dass es eine Mini-Quantensingularität als Energiequelle verwendet.“
„Und da haben Sie es wieder auseinandermontiert?“
„Würden Sie Ihrer Tochter ein Geschenk machen, das sie bei unsachgemäßem Gebrauch dreihundert Jahre in die Vergangenheit schleudert?“
„Ich weiß nicht ... das käme auf die Tochter an.“
„Ihr Humor ist geschmacklos. Schämen Sie sich, Lieutenant!“ Lairis runzelte die Stirn. „Dummer Weise ist die Singularität direkt mit der Antigrav-Einheit gekoppelt. Wir müssen uns also was einfallen lassen, damit das gute Stück wieder fliegen kann.“
„Ich könnte einen simplen Elektromotor mit einer Dilicium-Batterie einbauen. Aber dazu müsste ich die Schaltkreise teilweise neu anordnen und natürlich auch eine neue Bedienungsanleitung schreiben. Aber das kriege ich hin.“ Nichts brachte Marcs blaue Augen so zum Leuchten wie eine technische Herausforderung.
„Danke, Lieutenant! Ich revanchiere mich.“
„Keine Ursache.“ Marc grinste. „Ohne Sie hätte ich Freizeit und würde mich langweilen.“
Captain Lairis grinste zurück. „Geben Sie zu, dass Sie es kaum erwarten können, an diesem Ding herumzubasteln – und wie ich Sie kenne, sind Sie erst zufrieden, wenn es nicht nur fliegen kann, sondern auch noch Opernarien singt und Kaffee kocht. Aber denken Sie dran: Ich hab Julianna versprochen, an meinem freien Tag mit ihr zu feiern!“
„Kein Problem.“ Lieutenant van de Kamp griff nach einer unscheinbaren silbernen Kugel von knapp zwei Zentimetern Durchmesser. „Ist das die Singularität?“
„Ja, es gibt doch nichts Beruhigenderes als ein Schwarzes Loch in meiner Obstschale! Können Sie nicht eine Öse daran befestigen, damit ich es als Kettenanhänger tragen kann?“
„Würde Ihnen sicher gut stehen, Captain.“
„Vielleicht lösen wir sogar einen neuen Modetrend aus.“
Das penetrante Signal der Com-Anlage hackte Marcs Lachen ab.
„Ilana ...“ Jerads Stimme klang ernst, viel zu ernst. „Du musst dir etwas ansehen. Diese Bilder sind eben über den Nachrichtenkanal der Sternenflotte gekommen. Ob sie schon zu den Medien durchgesickert sind, weiß ich nicht.“
„Was ist passiert?“ fragte sie klamm.
„Sieh es dir einfach an“, wiederholte Jerad. „Ich kann es immer noch nicht glauben.“
Dann verschwand sein Gesicht vom Bildschirm und Lairis sah stattdessen einen Konferenzraum voller Menschen und Romulaner. Plötzlich nahm sie einen weiß glühenden Blitz wahr, ein Knall ertönte – und im nächsten Augenblick wurde der Raum von einem gigantischen Feuerball verschlungen. Die Konferenz von Antwerpen ... einfach in die Luft gesprengt.
„Das ... das ist ja entsetzlich!“ rief sie. „Hast du eine Ahnung, wie das passieren konnte, ich meine, was den Unfall verursacht hat?“
Ihr Erster Offizier schwieg, und seine düstere Miene verhieß nichts Gutes.
„Es war doch ein Unfall, oder?“ hakte sie angespannt nach.
„Es war eine Bombe“, erwiderte Jerad, die Augen starr auf einen Punkt gerichtet, den Lairis nicht sehen konnte.
„Was?“ rief die Bajoranerin entsetzt.
„Ganz recht, Ilana! Das Sternenflottenkommando hat genauso reagiert wie du. Aber es kommt noch besser ... du musst die Aufzeichnung mit 1/10 Normalgeschwindigkeit abspielen und das Bild fünffach vergrößern.“
Lairis folgte seinen Anweisungen.
„Halt!“
„Gut, ich habe das Bild gestoppt. Und jetzt?“
„Fahr mit 1/10 Normalgeschwindigkeit fort und achte auf die Vase in der Ecke.“
Was Lairis nun sah, ließ sie für einen Bruchteil der Ewigkeit den Atem anhalten. Ihre Hände umklammerten die Kante des Schreibtischs wie Schraubzwingen und sie vermeinte, zu spüren, wie die Temperatur im Raum um fünf Grad sank. Marc neben ihr war ganz blass.
Die Vase schien zu schmelzen, obwohl man wusste, dass das bei einem Tongefäß eigentlich nicht möglich war. Dennoch zerfloss sie, und ein unförmiges Schleimgebilde landete mit einem kaum hörbaren „Plop“ auf dem Fußboden.
„Ein Wechselbalg?“ rief Lairis und wusste dabei selbst nicht genau, ob das eine Feststellung oder eine Frage sein sollte. Jerad nickte nur.
„Ich komme gleich auf die Brücke“, versprach sie. „Setzen wir den Kurs zur Erde fort und warten wir auf Befehle vom Sternenflottenkommando.“ Dann sank Sie schwer in ihren Sessel, für einen Moment unfähig, irgendwas zu fühlen oder zu denken. „Diese verdammten Wechselbälger sind überall.“
„Also, ich weiß nicht ...“, widersprach Lieutenant van de Kamp überraschend.
Lairis fuhr hoch. „Was wollen Sie damit sagen?“
Marc fuhr sich ein paar Mal mit dem Zeigefinger über seine Stupsnase. „Captain, wir sollten uns die Aufzeichnung noch mal in normaler Geschwindigkeit ansehen.“
„Da sieht man doch nicht viel.“
„Eben! Ich schätze, es liegen nur Sekundenbruchteile zwischen dem Moment, wo die Vase Plop macht, und der Explosion. In so kurzer Zeit kann nicht einmal ein Wechselbalg davonkommen. Das heißt, der Attentäter ist tot.“
Lairis atmete heftig ein und aus, als ihr klar wurde, was ihr Chefingenieur andeuten wollte.
„Die Gründer opfern sich nicht selbst, wenn sie es vermeiden können. Das passt nicht zu ihnen. Dafür haben sie ihre Jem´Hadar.“
Marc nickte bedächtig. „Wenn ich ein Wechselbalg wäre und eine Konferenz in die Luft jagen wollte, hätte ich einen Zeitzünder programmiert und mir eine Ausrede einfallen lassen, um rechtzeitig zu verschwinden.“
„Sie haben Recht! Verdammt Lieutenant, Sie haben Recht!“ Lairis tauschte einen bedeutungsvollen Blick mit ihrem Chefingenieur. Was sie an ihm schätze, war neben seinem technischen Geschick die Fähigkeit, in jeder Situation kompromisslos und klar zu denken.
„Aber, wenn es kein Wechselbalg war – wer war es dann?“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das wissen will“, murmelte Marc.
Für immer verloren by Adriana
Noch immer war der Himmel wolkenlos und strahlend blau und Raymond Kitamura empfand das schöne Wetter als glatten Betrug. Nein, das Paradies konnte nicht real sein, wenn auf der anderen Seite des Erdballs gerade siebenundzwanzig Menschen verbrannt waren. Darunter auch sein Vater. Er befand sich in einer Holosuite, brauchte nur „Programm beenden“ zu rufen und durch eine Tür zu treten ... hinaus in eine kalte stürmische Einöde.
„Raymond ...“ Es war Kilaris Stimme, doch Kilari war genauso wenig real.
Selbst als sie ihn umarmte, spürte er es nicht wirklich.
Von Kilari umarmt zu werden … früher hatte er in seinen Tagträumen ausgemalt, wie sie sich wohl anfühlen würde … bestimmt weich, mit zarter, samtiger Haut … und dann strömte sein Blut dorthin, wo bei Männern angeblich das zweite Gehirn saß.
Aber diesmal passierte nichts dergleichen. Er war einfach nur froh, in dieser schrecklichen Situation eine Freundin zu haben.
„Professor Lindström fragt, wie es dir geht“, begann sie sanft. „Die Sache mit deinem Vater tut ihm sehr leid ... und mir auch.“
„Danke, Kilari“, murmelte er gerührt.
„Wie schaffst du es nur, so gefasst zu sein? Du hast bis zum Schluss in Lindströms Unterricht gesessen und dir wie ein Besessener Notizen gemacht, ohne hochzugucken ... dann bist du oh-
ne ein Wort aufgesprungen und verschwunden. Ich mache mir Sorgen, ehrlich gesagt.“
„Was erwartest du, von mir, Kilari?“ entgegnete er spröde.
„Es gibt eine Gedenkfeier, heute Nachmittag um 16.00 Uhr auf dem Campus ...“
„Muss ich dort hingehen?“ fragte Raymond und erschrak selbst vor seinem schroffen Ton.
Kilari wich zurück. „Natürlich nicht – aber ich dachte, du solltest es wissen.“
„Das ist lieb von dir“, erwiderte er und sein Blick bat um Entschuldigung. „Aber ich halte das nicht aus. Wenn sie diese Geschichten über meinen Vater erzählen ... was er für ein außergewöhnlicher Mensch war und wie ergeben er gedient hat ... irgendwann fange ich an, zu heulen wie ein Baby ... vor all den Leuten in der Öffentlichkeit ... das wäre mir echt peinlich.“
„Der Gedanke an diese Feier ist dir ein Gräuel – und das kann ich gut verstehen.“ Der Ausdruck ihrer schönen blauen Augen war dem Jungen ein Rätsel. Dass in diesem wohlgeformten Mädchenkörper eine uralte, fremdartige Seele wohnte, war ihm selten so bewusst gewesen, wie diesem Moment. „Aber nicht, weil du Angst hast, in der Öffentlichkeit zu heulen und deshalb schief angeguckt zu werden ... im Gegenteil: sie werden dich eher schief angucken, wenn du nicht heulst ...“
„Worauf willst du hinaus?“ unterbrach er sie steif.
„Wenn du zur Gedenkfeier gehst, musst du akzeptieren, dass dein Vater für immer gegangen ist. Dass er nie wieder in seinem Arbeitszimmer über irgendwelchen Datenpads brüten wird ... nie wieder Wein mit dir trinken ... dich nie wieder wegen einer schlechten Zensur herunterputzen ... Du kannst nur noch hoffen, dass seine Seele jetzt an einem besseren Ort ist – aber das kommt dir infantil und albern vor. Obwohl ich fest überzeugt bin, dass er weiterlebt: irgendwo, irgendwie ...“
„Er hatte leider keinen Trill-Symbionten – und an den Himmel glaube ich nicht.“
„Ich fühle wirklich mit dir – aber den Sarkasmus kannst du dir sparen, Ray!“
Ein Schleier legte sich über die Welt und Raymond kapierte, dass seine Augen sich mit Tränen füllten ... dass er nichts dagegen tun konnte. Kilaris Bild wurde von salzigem Wasser weggewaschen. Sie verschwand, weil es in Raymonds Geist keinen Platz mehr für so etwas Schönes gab. „Entschuldige, Kilari ... ich ... ich finde es unheimlich nett, dass du mir helfen willst ... aber ich wäre jetzt gern allein.“
Dann ging er. Die Welt zerfloss in bunte, wabernde Farbschlieren, die sich um seine Knöchel zu wickeln und ihn zu Fall zu bringen drohten. Er stieß immer wieder gegen Hindernisse, die manchmal hart, manchmal weich waren, ab und zu sogar schimpften oder fluchten.
Eine ganze Stunde später – sein Haus hatte ihn mittlerweile gefunden und verschluckt – saß er auf den hölzernen Treppenstufen, beide Arme um die Knie geschlungen, und weinte hemmungslos. „Warum?“ schrie er den Tisch, das Sofa und die makellos weiße Rauhfasertapete an. „Warum? Wieso habt ihr ihn umgebracht, ihr Schweine? Womit hat er das verdient? Womit hab ich das verdient?“ Diesmal starrte er anklagend in die graugrünen Augen einer attraktiven, rothaarigen Frau. „Kannst du mir das erklären?“
Karen Kitamura, geborene O’Reilly, antworte natürlich nicht. Sie war nur ein Holobild an der
Wand. Trotzdem glaubte Raymond, ihre Stimme zu hören ... wie sie seinen Vater anschrie, in ihrer typisch temperamentvollen Art ...

„Hab ich dir schon erzählt, dass ich manchmal Visionen von der Zukunft habe? Und weißt du, was ich dann sehe? Dich, Yasushi, wie du vor Erschöpfung an deinem verfluchten Schreibtisch zusammenbrichst – selbstverständlich mit der Föderationshymne auf deinen Lippen. Lieber Gott, ich heirate nie wieder einen Japaner! Schon dieser Fraß, den du manchmal für uns kochst ... so was isst doch höchstens Gollum, aber kein vernünftiger Mensch! Oder willst du den armen Ray damit vergiften, weil er dir zu frech ist? Ich hab das alles so satt! Dich, die Sternenflotte … ich will damit nichts mehr zu tun haben!“

Raymond packte eine schwere Vase und warf sie schluchzend gegen das Bild. Glas klirrte und Wasser lief die Wand herab. Nun sah es aus, als würde auch seine Mutter weinen ... Vielleicht weinte sie tatsächlich – wo immer sie gerade steckte.
Sie hatte die Familie verlassen, als er neun Jahre alt gewesen war.
Raymond verliebte sich in das Scheppern von Porzellan und Glas. Es war so befreiend!
Ohne nachzudenken, riss er eine Schublade nach der anderen aus den Schränken, schmiss sie gegen die Wände und sein Herz jubilierte jedesmal, wenn irgendwas knallte oder zerbrach. Alles war besser, als diese gespenstische Stille ... diese Leere. Er hätte Kilari nicht wegschicken dürfen. Es war keine gute Idee gewesen, allein in dieses verlassene Haus zurückzukehren.
Als er keine Kraft mehr hatte, lehnte er sich gegen Captain Kitamuras Bücherregal. Das Chaos, das er angerichtet hatte, quälte seine Augen und ihm wurde plötzlich ganz kalt. Er hatte sein schönes Zuhause verwüstet, seine Nachbarn würden die Polizei rufen ... oder die Klapsmühle. Denn das hier war die Tat eines Wahnsinnigen. Er atmete heftig, sein Herz raste und er schloss die Augen, damit ihn das zerschmetterte Bild seiner Mutter nicht länger anlächelte.
„Komm zurück, Dad“, murmelte er halb erstickt. „Du bist mir ganz schön auf die Nerven gegangen und wir hatten dauernd Krach, weil du nie mit mir zufrieden warst, aber ... Gott, ich vermisse dich!“ Er schniefte. „Heute früh hast du gesagt, dass du stolz auf mich bist ... so was sagst du nicht oft und es bedeutet mir unheimlich viel! Vielleicht hat Kilari Recht und du bist noch irgendwo da draußen. Falls das so ist, hoffe ich, dass du mich hörst. Du hast mich geliebt, du warst für mich da, und dafür möchte ich dir danken.“
Ein Geräusch wie das Rascheln von Papier ließ ihn aufhorchen. Als er widerwillig die Augen öffnete, stand sein Vater vor ihm.
Jetzt wusste er endgültig, dass er den Verstand verloren hatte.
„Du ... du bist tot!“ stammelte er.
Captain Kitamura lächelte. „Du hattest wohl einen schlimmen Traum.“
Natürlich! Raymond war so erleichtert, dass er über das ganze Gesicht strahlte. Er umarmte seinen Vater, der die Umarmung unbeholfen erwiderte. Ein Alptraum ... es war nur ein Alptraum gewesen. Jetzt war er endlich aufgewacht und konnte sich auf den nächsten Tag freuen.
Aber das Chaos war noch da. Und sein Vater hatte kein Wort darüber verloren.
Das war nicht nur ungewöhnlich, sondern fast so sensationell wie eine Eiszeit auf Vulkan.
„Was machst du hier?“ fragte der Junge zögerlich. „Die Konferenz ...“
„Ich hab was Wichtiges vergessen. Eine graue Sicherheitsbox ... Hast du eine Ahnung, wo sie liegt, mein Junge? Es ist wirklich sehr wichtig!“
Raymond schüttelte ganz langsam den Kopf, wie in Zeitlupe. Tränen schossen wieder hoch. Sein Vater hatte nie so mit ihm geredet. Oder ihn so angelächelt: derart erwartungsvoll und gleichzeitig irgendwie ... heimtückisch. Und er hatte auch nie etwas Wichtiges vergessen.
„Du bist nicht mein Dad – verschwinde!“ fauchte Raymond und packte den Phaser auf Captain Kitamuras Schreibtisch. „Raus hier – oder ich drücke ab!“
Der Mann hinter dem Schreibtisch rührte sich nicht.
„Wer, zum Teufel, bist du?“
Anstelle einer Antwort lächelte Captain Kitamura. Er lächelte so breit, dass sein Kopf aufklappte und bräunliche Gallertmasse aus seinem Schädel quoll. Binnen einer Sekunde verwandelte sich sein Arm in einen meterlangen Tentakel, der sich mit eisernem Griff um Raymonds Handgelenke schlang. Der Junge schrie gequält, als seine Knochen brachen. Die Waffe rutschte aus seinen Händen, greller Schmerz fraß sich durch seine Arme, für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen und im nächsten Augenblick flatterte ein weißer Vogel aus dem Fenster.
„Alles okay?“ Es war eine Frauenstimme und sie kam offensichtlich von draußen. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ Diesmal eindeutig näher ...
Raymond blinzelte und eine Bajoranerin in Sternenflottenuniform beugte sich über ihn. Ihre Hand lag auf seiner Schulter und ihre braun-grün-gescheckten Augen musterten ihn besorgt.
Er sah die Rangabzeichen eines Captains an ihrem Kragen aber er salutierte nicht. Die Sternenflotte und ihre Hierarchien waren ihm plötzlich egal.
Er blickte die Unbekannte nur fragend an.
„Ich hörte Sie schreien und stolperte auf einmal in diese Neunzig-Quadratmeter-Apokalypse“, erklärte sie und streckte die Hand nach ihm aus. „Was, bei allen Pah-Geistern, ist hier passiert? Sie sehen aus, als stünden Sie unter Schock, Kadett ...“
Raymond schnappte sich die Waffe seines Vaters. Er keuchte vor Schmerzen, aber er hielt den Phaser fest umklammert. „Wer sind Sie? Und wie sind Sie hier reingekommen?“
„Zu Ihrer ersten Frage: Ich bin Captain Lairis Ilana. Zur zweiten: Die Tür stand offen und dass ich hier vorbeigekommen bin, ist purer Zufall. Ich hoffe, ich habe Ihre Neugier soweit befriedigt, dass Sie endlich den verdammten Phaser runternehmen.“
Raymond ignorierte den letzten Satz. Er schüttelte den Kopf und funkelte Lairis zornig an. Sie war nicht echt – genauso wenig wie sein Vater. Sie war das schöne Mädchen, das sich bei Tageslicht als gefräßige Monsterspinne entpuppte ... ein altes japanisches Märchen ... sein Vater hatte es ihm als Kind vorgelesen und er hatte Alpträume davon gekriegt ... „Lass mich doch endlich in Ruhe, Wechselbalg!“ fuhr er sie an. „Glaubst du, ich falle noch mal auf dich rein, weil du so eine nette Gestalt angenommen hast? Vergiss es! Du bist zurückgekommen, weil du die Sicherheitsbox haben willst ... Sorry, ich weiß nicht, wo das Scheißding ist – und wenn ich es wüsste, würde ich es dir nicht verraten!“ Er grinste siegesgewiss, obwohl immer noch Tränen über seinen Wangen liefen. „Hey, du kannst mich nur sechzehn Stunden lang foltern, dann musst du in deinen Eimer zurück! Du kannst mir nichts mehr tun, wenn du zur Schleimpfütze wirst. Ja, ich weiß über euch Formwandler Bescheid ...“
Lairis zog urplötzlich einen Dolch aus ihrem Waffengürtel und ritzte mit unbewegter Miene ihre Handfläche. „Was ... was tun Sie da?“ stammelte der Junge verunsichert.
Diesen Moment nutzte Lairis, um ihn blitzschnell zu entwaffnen. „Ich beweise Ihnen, dass ich weder unschuldige Kadetten foltere noch in Eimern schlafe.“
„Tut mir Leid, Ma’am ... verzeihen Sie mir bitte.“ Raymond wandte sich ab. In seinem Inneren kämpften drei gleich starke Kräfte: Da war zuerst der Wunsch, sich trostsuchend in Captain Lairis‘ Arme stürzen. Dagegen drängte ihn die zweite Kraft, wegzulaufen und ganz schnell zu vergessen, wie er sich vor ihr blamiert hatte. Und sein drittes Ich wollte auf der Stelle einschlafen.
Raymond tat nichts dergleichen. Er stand einfach nur da und atmete schwer.
„Haben Sie einen Hautregenerator hier?“ fragte Lairis.
Raymond schüttelte sich verwirrt über den plötzlichen Themenwechsel.
„Für meine Hand, Sie Blitzdenker! Ich habe keine Lust, Admiral Laytons Schreibtisch vollzubluten.“
„Laytons Schreibtisch?“
Lairis holte ungeduldig Luft. „Sie hatten eine Begegnung mit einem Wechselbalg in Ihrem eigenen Haus – das müssen wir dem Hauptquartier melden! Möglichst sofort. Sie kennen doch die Vorschriften, Kadett. Oder haben Sie die Sicherheit schon gerufen?“
„Nein“, erwiderte er schwach.
„Hab ich mir schon gedacht“, knurrte sie. „Das könnte Ärger geben.“
„Ich weiß.“
„Deshalb muss ich Sie begleiten. Wenn ich den Hohen Tieren erzähle, in welchem Zustand ich Sie gefunden hab, lassen sie vielleicht Milde walten.“
Raymonds Miene verriet, dass ihm diese Vorstellung gar nicht gefiel.
„Also haben Sie nun einen Hautregenerator, oder nicht?“ bohrte Lairis nach.
Mit zitternden Fingern deutete Raymond auf die Badezimmertür. Dabei rutschte der Ärmel seiner Uniform zurück und legte blutige Quetschwunden frei.
Der Gesichtsausdruck des Captains wechselte von moderatem Ärger zu Betroffenheit. „Sieht ganz so aus, als bräuchten Sie eine Behandlung nötiger, als ich.“ Sie bewegte das kleine, zylinderförmige Gerät routiniert über Raymonds Handgelenke.
„Ich hoffe, dieses Ding flickt auch meine Knochen“, stieß der Junge zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Der Schleimteufel hat zugedrückt wie ne andorianische Boa!“
„Wird schon funktionieren.“ Sie blickte ihn mitfühlend an. „Ich bin noch nicht dazu gekommen, Ihnen mein Beileid auszusprechen ... für den Tod Ihres Vaters. Er war ein guter Offizier und Sie können stolz auf ihn sein.“
„Danke, Captain.“ Seine Stimme klang heiser.
Sie aktivierte ihren Kommunikator, verlangte eine Verbindung zum Hauptquartier der Sternenflotte und gab eine Kurzfassung von Raymonds Geschichte zum Besten.
„Verstanden, Captain Lairis“, erwiderte eine männliche Stimme am anderen Ende. „Bleiben Sie bitte, wo Sie sind! Verändern Sie nichts am Tatort! Wir beamen Sie und Kadett Kitamura in Kürze zur Sicherheitszentrale.“
Raymonds Blick war leicht verlegen, als Captain Lairis sich neben ihm auf den Stufen niederließ und den Schnitt an ihrer Hand verarztete.
„Stimmt was nicht, Kadett?“
„Nein, Ma‘am, alles okay.“ Er lächelte schief. „Es ist nur so ... Sie sind heute schon die zweite Frau, die sich vor meinen Augen die Handfläche aufsäbelt.“
Lairis zuckte die Achseln. „Es sind schwierige Zeiten.“
„Es tut mir sehr Leid, was ich zu Ihnen gesagt hab, als ich Sie für einen Wechselbalg hielt, Captain. Ich hoffe, Sie halten mich jetzt nicht für respektlos, übergeschnappt oder ... Wissen Sie, ich bin sonst nicht so daneben ...“
„Sicher nicht. Sonst wären Sie nicht auf der Akademie.“
Raymond lächelt schwach. „Und wie es hier aussieht ...“
„Müssen Sie mit sich selbst und Ihrer Hausratversicherung abmachen.“
„Ich erkläre denen einfach, der Wechselbalg hätte alles verwüstet.“
„Sehr clever, Kadett! Offenbar haben Sie Probleme, Ihre Gefühle in der Öffentlichkeit zu zeigen, weshalb Sie um so schlimmer ausrasten, wenn Sie allein in Ihren vier Wänden sind.“ Sie streifte seine Handgelenke mit einem Blick. „Tut’s noch weh?“
„Nicht sehr.“
Lairis nickte knapp. „Sie sollten damit zum Arzt gehen. Im Dienst hätte ich ein Med-Kit dabei gehabt und bessere Erste Hilfe leisten können.“
„Sie sind nicht dienstlich unterwegs?“
Sie lächelte flüchtig. „Meine Tochter hat ihre Abschlussfeier in der Schule dort drüben.“
Raymond blickte nachdenklich aus dem Fenster auf den Eingang der Zefram Chochrane High School. „Das heißt wohl, Sie verpassen sie gerade ...“
„Ja“, antwortete Lairis betrübt. „Sie wird ziemlich enttäuscht sein.“
„Sie wird Ihnen verzeihen“, meinte der Junge und fügte in Gedanken traurig hinzu: „Spätestens nach Ihrem Tod.“
Ein Paradies in Aufruhr by Adriana
Captain Lairis konnte ihre Tochter nicht erreichen. Weder in der Schule, noch im Hotel, das sie gemeinsam gebucht hatten. War Julianna beleidigt, weil ihre Mutter auf der Graduationsfeier durch Abwesenheit geglänzt hatte? Hatte sie ihren Kommunikator vergessen? Oder ... Der Gedanke, dass sich Wechselbälger auf der Erde aufhielten, ließ die Bajoranerin nicht los.
Als sie im Hotel eincheckte, war es kurz nach 18.00 Uhr.
„Guten Abend, Ma’am“, sagte die Frau hinter der Rezeption - eine etwa 50-jährige, korpulente Dame in einem cremefarbenen Kostüm.
Lairis rang sich ein müdes Lächeln ab. „Ich habe ein Zimmer reserviert.“
„Name?“
„Lairis Ilana.“
„Ah ja...“ Die Frau lächelte ihr zu - freundlich, aber durch und durch unverbindlich und professionell. „Nummer 241. Zwei Etagen mit dem Fahrstuhl, dann die dritte oder vierte Tür links.“
„Danke“, erwiderte Lairis.
„Ach, Ma’am...“ rief die Empfangsdame ihr nach. „Wie lange wollen Sie eigentlich bleiben?“
„Keine Ahnung“, antwortete Lairis wahrheitsgemäß. „Ich schätze, so lange, bis die Sternenflotte weiß, was wir wegen der Formwandler unternehmen müssen.“
Bei dem Wort „Formwandler“ zuckte die Frau sichtlich zusammen. „Ist es wahr, dass sie die Gestalt von allem und jedem annehmen können – von meinem Chef bis zu meiner Schreibtischlampe?“ fragte sie unsicher.
„Ja, das ist leider wahr.“
„Und man kann sie mit normalen Scannern nicht entdecken?“
„Nein, dummer Weise nicht.“
„Oh Gott!“ rief die Empfangsdame entsetzt. „Mit war ja schon ganz schlecht, als ich in den Nachrichten von diesem Attentat erfahren habe – aber, wenn ich mir vorstelle, was die Wechselbälger noch alles anrichten können ...“
„Keine Sorge!“ Lairis lächelte aufmunternd. „Die Wechselbälger haben bestimmt kein Interesse, Ihren Chef oder Ihre Schreibtischlampe zu imitieren.“
„Richtig. Vielleicht imitieren sie gerade den Präsidenten!“ meinte die Frau.
„Das glaube ich nicht. Dafür wird das Regierungsgebäude viel zu gut bewacht“, erwiderte Lairis, und fügte in Gedanken zynisch hinzu: Schön wär’s!
„Also, ich finde, man sollte sofort den Ausnahmezustand ausrufen und dem ganzen Planeten mit Phasern abtasten!“
Lairis runzelte die Stirn. „Finden Sie das nicht ein bisschen radikal?“
„Naja, Sie sind bei der Sternenflotte. Sie müssen ’s ja wissen“, meinte die Empfangsdame. Der Blick, den sie der bajoranischen Offizierin nachwarf, war jedoch voller Zweifel.
Auf ihrem Zimmer angekommen, wies Lairis den Computer an, ein Hasperat-Soufflé und hellen bajoranischen Frühlingswein zu replizieren.
Als sie jedoch einen Schluck von dem Getränk nahm, musste sie angewidert das Gesicht verziehen. Sie stellte das Glas samt Inhalt zurück in den Replikator.
„Computer – Frühlingswein! Kein Synthehol!“ verlangte sie nachdrücklich.
Ein zweites Glas materialisierte sich – doch sein Inhalt schmeckte so fade wie das des ersten.
„Verdammt noch mal, ich sagte Frühlingswein und nicht ‘Spülwasser’, du schwachsinnige Maschine!“ tobte sie los. Ihre Nerven waren schlicht und einfach überreizt.
Der Computer piepste verständnislos.
„Hatten wir einen schlechten Tag, Mom?“ fragte eine helle Mädchenstimme leicht zynisch.
Lairis schreckte hoch. Julianna stand im Türrahmen. Ihre Wangen waren gerötet und aus ihrer eleganten Hochsteckfrisur lösten sich die ersten hellen Strähnen.
„Da bist du ja!“ rief Lairis erleichtert und nahm ihre Tochter impulsiv in die Arme.
Julianna wirkte für einen Augenblick überrumpelt, dann erwiderte sie die Umarmung. Doch sie tat es so steif und mechanisch, als würde es für sie keinen Unterschied machen, ob sie ihre Mutter oder einen Bergbau-Androiden umarmte. Nach einem kurzen Moment wich sie zurück.
„Das nächste Mal sagst du Bescheid, wenn du dich irgendwo rumtreibst, verstanden! Du weißt doch, dass es auf der Erde nicht mehr sicher ist und ich mir Sorgen um dich mache!“
Der scharfe Klang von Lairis’ Stimme ließ Julianna zusammenzucken. Es verblüffte sie immer wieder, wie schnell Lairis Ilana von warmherziger, verständnisvoller Mutter auf knallharten Feldwebel umschalten konnte – und zwar ohne jede Vorwarnung.
„Es tut mir leid“, entschuldigte sich das Mädchen kleinlaut. „Ich war ein bisschen in Hektik, weil meine blöde Frisur soviel Arbeit gemacht hat, und da hab ich meinen Kommunikator vergessen. Wer sollte denn ahnen, dass heute der Terroranschlag des Jahrhunderts passiert?“
„Ist ja gut“, gab Lairis unwillig zurück. Sie hatte selbst schlechtes Gewissen, weil sie ihre Tochter auf der Abschlussfeier versetzt hatte. „Lasst uns eine Flasche Sekt holen und auf deinen tollen Abschluss anstoßen“, schlug sie versöhnlich vor. „Ich schalte meinen Kommunikator ab und wenn die Sternenflotte etwas will, muss sie sich einen anderen braven Zinnsoldaten suchen …“
„Ähm … ein andermal.“ Julianna biss sich auf die Unterlippe. „Ich muss mich für den Ball fertigmachen.“
„Für den Ball? Er wurde nicht abgesagt?“ wunderte sich Lairis und verbarg nur mit Mühe ihre Enttäuschung,
„Nein, und das ist gut so! Ich bin ja auch schockiert wegen Antwerpen – ehrlich ... Aber auf Bajor gibt es jeden Tag irgendwelche Attentate, ohne dass sich die Leute in ihren Löchern verkriechen und auf ihr gesellschaftliches Leben verzichten. Wenn wir soweit sind, haben die Wechselbälger schon gewonnen. Genau das wollen sie nämlich: uns die Suppe versalzen.“
„Du hast recht“, erwiderte Lairis. „Also amüsier dich gut – aber pass auf dich auf! Versprich mir das! Und ...“ Nun wirkte sie sehr ernst. „Ich wäre gern zu deiner Abschlussfeier gekommen – viel lieber, als alles andere ... aber ich musste mich um einen Jungen kümmern, der in Antwerpen seinen Vater verloren hat und von einem Wechselbalg angegriffen wurde.“
„Wie schrecklich!“ rief Julianna betroffen.
Mit einem eindringlichen Blick drückte Lairis ihrer Tochter einen Kommunikator und einen Phaser in die Hand. „Ich hoffe, du wirst es nicht brauchen.“
„Eine Waffe? Ich soll eine Waffe zum Schulball mitbringen?“ schnaubte Julianna empört.
„Ich weiß, dass du damit umgehen kannst. Und ob sie zu deinem Lidschatten passt, ist mir herzlich egal! Du musst dich im Notfall verteidigen können.“
„Du bist verrückt, Mom! Wie stellst du dir das vor? Soll ich das Ding meinem Tanzpartner auf die Brust setzen und ihn fragen, ob er sich heute Abend noch in Glibber verwandelt?“
Lairis blickte ihre Tochter für einen Moment finster an. „Im Grunde hast du Recht: Der Phaser würde dir nicht viel nützen – es sei denn, du tastest den ganzen Ballsaal damit ab. Trotzdem würde ich mich besser fühlen, wenn du ihn bei dir trägst.“
Julianna gab nach und sagte sich, dass sie die Waffe schließlich nicht benutzen musste.
Lairis musterte sie mit unverhohlener Neugier. „Du hast einen Tanzpartner?“
„Warum nicht? Soll ich keinen Spaß mehr haben, nur weil mich eine gewissen Matschgurke namens Hartmann nicht zu schätzen weiß?“
Ihre Mutter lächelte stolz. „Verrätst du mir, wer er ist?“
„Mein Partner? Er heißt Yram Tohl und ist Edemaraner.“
„Edemaraner?“ Lairis riss die Augen auf. „Du bist ganz schön exprimentierfreudig, muss ich sagen! Edemaranische Männer, weiß ich aus zuverlässiger Quelle, haben ...“
„Sechs.“ Julianna grinste übers ganze Gesicht. „Aber ich hab nicht vor, nachzuzählen.“
„Das wäre auch ein bisschen ... voreilig.“
Die Türklingel unterbrach ihr Gespräch. Yram Tohl stand vor ihnen. Er begrüßte Captain Lairis ausgesprochen höflich und küsste sogar ihre Hand. Aber seine Gestalt war – vorsichtig ausgedrückt – respekteinflößend. Er maß beinahe 2,20 Meter, seine Haut hatte die Farbe eines Baumstamms nach einem schweren Waldbrand und in seinem fast quadratischen Kopf glühten drei orangerote Augen.
Julianna verabschiedete sich und die beiden spazierten Arm in Arm davon.
Wer so einen Tanzpartner hat, braucht keinen Phaser mehr, um Wechselbälger abzuschrecken, dachte Lairis amüsiert. Kurz entschlossen verschlang sie die letzten Bissen ihres Hasperat-Soufflé, hinterließ eine Nachricht für ihre Tochter, entledigte sich ihrer Uniform und ging unter die Dusche. Anschließend schlüpfte sie in ein langen schwarzen Rock mit hohen Seitenschlitzen und ein figurbetontes beigefarbenes Shirt.
„Hallo, noch mal!“ rief die Empfangsdame, als Lairis an der Rezeption vorbei lief. „Wohin soll’s denn gehen?“
„In einen Laden, wo es was Anständiges zu trinken gibt“, antwortete Lairis.
Die Frau lächelte verschmitzt. „Gehen Sie einfach über die Straße, dann immer nach links ...
Nach ungefähr fünf Minuten werden Sie regelrecht in die ‘Blue Planet Taverne’ stolpern. Dort gibt es so ziemlich alles zu trinken, was die Galaxie zu bieten hat – mit oder ohne Alkohol.“
Lairis bedankte sich und folgte ihrem Rat.
Die ‘Blue Planet Taverne“ war ein faszinierender Ort. So ähnlich muss das sein, wenn man die Tag-und-Nacht-Grenze eines Planeten überschreitet, dachte Lairis, als sie eintrat. Statt im nächtlichen San Francisco befand sie sich plötzlich auf einer tropischen Insel, unter strahlend blauem Himmel inmitten von Palmen. Zuerst glaubte sie, dass es sich bei diesem Szenario um eine holographische Projektion handelte, doch dann erkannte sie, dass sämtliche Wände in dieser Bar - selbst die Decke und der Fußboden - mit 3D-Videoschirmen verkleidet waren. Das erzeugte eine fast ebenso perfekte Illusion, war jedoch mit Sicherheit sehr viel weniger energieaufwendig als eine Holosuite. Inmitten der simulierten Idylle standen ein Tresen, sowie mehrere Tische und Stühle aus hellem, lackiertem Holz.
„Bajoranischen Frühlingswein, bitte!“ sagte Lairis zu dem Barmann. „Nein, warten Sie, ich hab’s mir anders überlegt: Einen ‘Samarian Sunset’!“
„Kommt sofort!“
„Ja, hier könnte man fast vergessen, dass Wechselbälger die Erde unsicher machen, was?“ sinnierte der Mann neben ihr.
Lairis wandte sich um. Er war etwa dreißig, höchstens fünfunddreißig Jahre alt, dunkelhaarig und trug einen lässigen, weit geschnittenen Anzug. Sein herausforderndes Lächeln weckte die Lust auf puren Spaß und Abenteuer. Sie lächelte zurück. „Ach wissen Sie, eigentlich wollte ich die Wörter ‘Formwandler’, ‘Wechselbalg’ und ‘Dominion’ heute abend nicht mehr hören!“
„Entschuldigen Sie“, erwiderte der junge Mann. Er wirkte auf einmal viel weniger selbstsicher.
„Sie brauchen sich doch nicht zu entschuldigen!“ versicherte Lairis.
„Es ist nur so ... Als Sternenflottenoffizier ist man ständig gezwungen, sich mit diesen Dingen zu befassen. Da ist es gar nicht so einfach, abzuschalten.“
„Ich weiß“, erwiderte Lairis. „Ich bin auch bei der Sternenflotte.“
Die braunen Augen des Mannes weiteten sich fast zur doppelten Größe. „Ist ja ‘n Ding!“ Dann lächelte er wieder und reichte ihr die Hand. „Ich bin Lieutenant Commander Jeremy Prescott.“
„Lairis Ilana. Freut mich, Sie kennenzulernen.“
„Vielleicht fliegen wir mal ‘nen Kampfeinsatz zusammen! Das wär’ doch was ...“ Als Lairis mit einem leichten Stirnrunzeln reagierte, fuhr er hastig fort: „Ich kann Ihnen natürlich auch die UFO-Absturzstelle in Roswell zeigen ... und Sie anschließend in ein nettes mexikanisches Restaurant zum Essen einladen. Was halten Sie davon? Soviel ich weiß, hat die mexikanische Küche einiges mit der bajoranischen gemeinsam ... Ich meine, wenn wir nicht gerade morgen im Krieg mit dem Dom...“ Er lächelte entwaffnend. „Verzeihen Sie: Mit einem Haufen White-abhängiger Retorten-Krieger unter dem Kommando einer faschistoiden Schleimsuppe aus dem Gamma-Quadranten...“
Sie erwiderte sein Lächeln. „Dann bleibt uns immer noch der Kampfeinsatz.“
„Stimmt. Aber, ehrlich gesagt, würde ich Sie lieber zum Essen einladen.“ Er betrachtete versonnen ihr Gesicht. „Ich kenne Sie zwar erst seit fünf Minuten oder so ... aber ich denke irgendwie immer ein Stückchen voraus – und ich würde es sehr schade finden, wenn wir uns nicht wieder sehen …“
„Ah, Jeremy, ich sehe, du machst gerade die Bekanntschaft meines Captains“, schallte plötzlich die Stimme von Marc van de Kamp über den allgemeinen Geräuschpegel.
Prescott fuhr hoch. „Sie sind Captain?“ vergewisserte er sich. Sein Tonfall klang jedoch eher nach einem Satz á la „Was, die Jem’Hadar greifen die Erde an?“
Lairis nickte langsam. „Captain Lairis Ilana. USS CASABLANCA.“ Dann wandte sie sich an van de Kamp: „Sieht so aus, als müssten wir unsere Einsatzbesprechungen künftig in dieser Bar abhalten, was, Lieutenant?“
Marc lachte kurz. „Komm her, alter Kumpel!“ Er und Prescott umarmten sich. „Ich wusste genau, dass ich dich hier finde!“ Dann wandte er sich an Lairis. „Captain, das ist Jeremy Prescott, ein alter Freund von der Akademie.“
„Sehr erfreut … Entschuldigen Sie mich einen Augenblick“, sagte sie zu den beiden Männern, bevor sie in Richtung Damentoilette verschwand.
Prescott wurde bis hinter beide Ohren rot und ließ seinen Kopf in die Hände sinken. „Oh Mann, ich hab’ einen Captain angebaggert! Jetzt weiß ich, dass ich größenwahnsinnig bin.“
„Das kommt davon, wenn man Frauen unter dreißig langweilig findet“, konterte Marc.
„Ich hab nie gesagt, dass ich Frauen unter dreißig langweilig finde. Ich sagte, die meisten Frauen werden erst ab fünfundzwanzig für mich interessant. Das ist ein Unterschied!“
„Ja – von fünf Jahren.“
Prescott ballte die Fäuste. „Sie hat mir nicht gesagt, dass sie Captain ist. Sie hat mich voll auflaufen lassen.“
„Ja, das ist der Humor von Lairis.“ Marc legte eine Hand auf den Arm seines Freundes. „Ich kenne sie gut genug … Rede einfach mit ihr, wenn dir die Sache peinlich ist.“
„Was mache ich, wenn sie es als ... unverschämtes Verhalten ansieht?“
„Hattest du denn den Eindruck?“ Lieutenant van de Kamp grinste. „Ich glaube, ich muss mir auch mal die Nase pudern.“
Als er Prescotts verzweifelten Blick bemerkte, klopfte er ihm aufmunternd auf die Schulter.
Kaum war van de Kamp gegangen, kam Lairis zurück.
„Es ... es tut mir leid, Captain“, entschuldigte sich Prescott. „Ich wollte Ihnen gegenüber wirklich nicht respektlos erscheinen!“
Die Bajoranerin lächelte hintergründig. „Ich fühle mich doch nicht respektlos behandelt, wenn mich jüngere Männer zum Essen einladen“, konterte sie. „Allerdings gibt es jemanden, der dann ziemlich eifersüchtig wäre.“
Prescott erwiderte ihr Lächeln – halb verlegen, halb erleichtert. „Verstehe.“
„Sind Sie hier auf der Erde stationiert, Commander?“
„Vorübergehend, ja.“ Prescott holte tief Luft. „Ich hatte mich als Sicherheitschef auf der Defender beworben. Captain Kitamura bat mich zum Vorstellungsgespräch ins Hauptquartier, deshalb bin ich überhaupt auf der Erde. Aber nun ist Kitamura tot und Layton hat noch keinen Nachfolger für ihn gefunden. Also wurde ich erst mal dem Clan der Vampire zugeteilt.“
„Clan der Vampire?“
Prescott lachte kurz. „Unsere inoffizielle Bezeichnung für eine Crew von Sicherheitsoffizieren, die bei Angehörigen der Sternenflotte und Föderationsfunktionären Bluttests macht.“
„Ich fürchte, ich bin der Obervampir.“
Prescott sah Lairis mit großen Augen an. „Ma’am?“
„Mein Schiff wird verschrottet – also geht es mir nicht besser als Ihnen. Jetzt hab ich das Kommando über die Sicherheitstruppen der südlichen Westküste.“


„Dann sind Sie meine direkte Vorgesetzte!“ rutschte es Prescott heraus und er dachte insgeheim: Ein Glück, dass Marc uns unterbrochen hat, bevor es richtig peinlich werden konnte!
„Keine Sorge – mein Job ist wohl genauso provisorisch, wie Ihrer.“
„Ich weiß nicht ...“ meinte Prescott. „Wenn Sie mich fragen, waren die Sicherheitsvorkehrungen mehr als überfällig. Die Föderation hat mindestens fünf Kriege hinter sich - aber man kann immer noch auf dem Campus der Sternenflottenakademie ‘rumspazieren, als wäre es ein Vergnügungspark! Mich würde nicht wundern, wenn die Wechselbälger schon den einen oder anderen Admiral ersetzt haben.“
Lairis nickte beipflichtend. „Die Sternenflotte war bisher erstaunlich naiv. Ein Wunder, dass die Föderation so lange überlebt hat!“
„Wohl wahr“, sagte Marc, der gerade von der Toilette zurückgekommen war.
Plötzlich lächelte Captain Lairis. „Also, wenn wir schon taktische Probleme in der Kneipe besprechen, sollten wir uns dazu wenigstens an einen Tisch setzen.“
Lieutenant van de Kamp, der als Einziger von ihnen seine Uniform trug, nutzte die in den letzten Tagen sprunghaft gestiegene Popularität der Sternenflotte, um bevorzugt eine Reservierung zu ergattern. Inzwischen hatte das Szenario gewechselt. Sie befanden sich jetzt nicht mehr auf einer tropischen Insel, sondern auf einer Almwiese. Im Hintergrund ragten Berge mit schneebedeckten Gipfeln auf. Eine Kuh muhte.
„Hauptsache, es fängt keiner an zu jodeln“, lästerte Prescott.
Marc lachte, aber Lairis, deren Wissen über die Kulturen der Erde nicht in jeder Hinsicht komplett war, sah die beiden nur verständnislos an.
Bevor sie zu einer Frage ansetzen konnte, meldete sich ihr Kommunikator. „Captain Lairis – hier ist Kadett Raymond Kitamura. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich störe ...“
„Was ist los, Kadett?“ Der Junge klang irgendwie verstört, außer Atem.
Lairis entschuldigte sich bei den beiden Männern an ihrem Tisch und ging vor die Tür, um ungestört zu reden.
„Eben war eine Truppe von der Sternenflotten-Sicherheit in meinem Haus und hat alles umgewühlt – ohne Vorwarnung, als wäre ich irgendein Krimineller und sie hätten einen Durchsuchungsbefehl ... Eigentlich hätte ich von der Sternenflotte erwartet, dass sie mit mir kooperieren. Ich weiß nicht, ob Dads Hausratsversicherung das noch trägt.“
Als Raymond diesen kleinen Insiderwitz erwähnte, erkannte Lairis, dass er derjenige war, der er behauptete, zu sein – und sie legte ihr anfängliches Misstrauen ab. Stattdessen richtete sich
ihr Argwohn jetzt gegen die Sternenflotte. „Ist ja merkwürdig! Was haben sie gesucht?“
„Wahrscheinlich diese komische Sicherheitsbox, hinter der auch die Wechselbälger her waren ... Ehrlich gesagt, hatte ich gehofft, Sie könnten es mir verraten. Da Sie diesen Einsatz befohlen haben ...“ Enttäuschung schimmerte zwischen seinen Worten durch.
„Moment mal – ich habe was?“ hakte sie scharf nach.
„Soviel ich weiß, kommandieren Sie die Sicherheitstruppen im gesamten Distrikt hier.“
„Das ist richtig. Layton hat mich heute Nachmittag dafür eingeteilt. Aber, offen gesagt, hab ich überhaupt noch nichts befohlen, seit ich hier auf der Erde bin. Zum Geier, es ist seine verdammte Pflicht, mich zu informieren, bevor er seine Kampfdroiden irgendwo hin schickt! Hat er noch nie das Wort ‚Befehlskette’ gehört? Gut, dass Sie sich bei mir beschwert haben, Kadett – Sie hatten wirklich jedes Recht dazu.“
Raymond verkniff sich nur mit Mühe ein Kichern. Die Frau klang so offensichtlich verärgert, dass er beschloss, ihr zu glauben. „Was werden Sie jetzt tun, Captain?“ fragte er.
Lairis überlegte einen Moment. „Hat die Sternenflotte Ihr Grundstückstück mit Phasern abgetastet?“
„Das haben sie sich nicht nehmen lassen. Außerdem wurde es mit einem Ebene-3-Kraftfeld eingezäunt, um ungebetenen Besuch auszusperren. Das war meine Idee.“
„Sehr vorausschauend!“ lobte sie. „Wir müssen uns unterhalten.“
„Gut, Captain ... was möchten Sie wissen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht über Funk. Ich komme vorbei.“
„Aber ...“ Raymond dachte an sein verwüstetes Haus und seine zerknitterte Uniform. „Ich möchte Sie nicht von Ihren Plänen abhalten, oder so.“
„Ich habe keine anderen Pläne, als meinen Samarian Sunset auszutrinken.“
Als sie eine halbe Stunde später vor Raymonds Gartentür stand, musste der Junge zwei Mal hinsehen, bevor er sie erkannte. In Zivilkleidung und mit offenem Haar sah die Frau noch Größenordnungen attraktiver als in seiner Erinnerung aus.
Lairis begrüßte ihn knapp. „Sie fragen sich bestimmt, wieso ich mich mit einem Kadetten über wichtige Sicherheitsfragen unterhalte ...“
„Ehrlich gesagt ... ja.“
„Mir ist schon klar, was Sie denken: Erst beschwert sie sich über Layton und dann schießt sie die Befehlshierarchie genauso in den Denoriusgürtel ... aber keine Sorge.“ Ein kleines Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Ich betrachte das hier als rein private Unterhaltung.“
Raymond fand ihr Vorgehen so ungewöhnlich, dass er impulsiv fragte: „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich einen Bluttest mache.“
„Natürlich nicht. Ich wollte gerade das gleiche vorschlagen.“
Nachdem Kadett Kitamura sich überzeugt hatte, dass der Captain kein Wechselbalg war, ließ er das Kraftfeld herunter und sie folgte ihm ins Haus.
„Haben Sie denn eine Ahnung, wo die Sicherheitsbox ist?“ fragte der Junge.
„Sagen wir: Ich hätte ein paar Ideen. Ich war lange genug beim Widerstand, um zu wissen, wo man etwas versteckt, was um keinen Preis gefunden werden darf.“
„Aber, dass Formwandler auf der Erde sind, wissen wir doch erst seit heute! Wieso sollte mein Vater also ...“
„Was immer in dieser Box ist – Ich nehme an, Ihr Vater wollte es nicht nur vor Wechselbälgern geheim halten.“ Mehr wollte Lairis dazu nicht sagen.
Zu ihrer Überraschung erwiderte Raymond: „Ja, ich auch.“
Als sie das Wohnzimmer betrat, überlief sie ein Frösteln. Sie konnte ihr Unbehagen nicht einordnen, obwohl es immer heftiger wurde. Vielleicht lag es an den herausgerissenen Schubladen, dem zertrümmerten Geschirr, das überall herumlag und so aussah, als wäre es einmal sehr wertvoll gewesen ... „Ich kann kaum glauben, dass die Sternenflotte dieses Chaos angerichtet hat! Sieht eher aus, als wären es die Cardassianer gewesen“, bemerkte sie.
Raymond reagierte nicht. Er fummelte verzweifelt am Kraftfeldgenerator herum, ein Film von Schweiß überzog sein Gesicht. „Verstehe ich nicht ... Er hat sich einfach ausgeschaltet!“ rief er entsetzt. „Ich hab das Kraftfeld wieder hochgefahren, gleich nachdem ich Sie reingelassen hatte ... und jetzt ... Das Schrottding ist einfach kaputt gegangen!“
„Wie bitte?“ Lairis beugte sich herab. „Aber es hat doch eben noch ...“
In diesem Moment fiel ihr die Decke auf den Kopf. Etwas Schweres, Graues begrub sie unter sich und nahm ihr die Luft zum Atmen. Sie versuchte, sich frei zu strampeln, aber sie kam sich vor, als steckte sie in flüssigem Beton fest, der allmählich härter wurde. Gegen den Druck, der ihren Körper zusammenpresste, war sie machtlos. Ihre Glieder wurden taub. Stechende Kopfschmerzen waren das Einzige, was sie noch fühlte.
„Raymond?“ Ihre Stimme klang halb erstickt, wie unter Wasser. Sie erhielt keine Antwort.
Kilaris Zweifel by Adriana
Kilari Kayn zweifelte nicht zum ersten Mal an ihrer Entscheidung, in die Sternenflotte einzutreten. Sie war nicht die richtige Person für eine Befehlshierarchie, die so wenig Raum für Eigenwilligkeiten ließ. Sie hätte promovieren und auf Trill bleiben sollen, wie es ihre Mutter ihr geraten hatte ... aber ihr Symbiont hatte andere Pläne mit ihr. Jedenfalls war der sehnliche Wunsch, zur Akademie zu gehen, erst über sie gekommen, als sie vereinigt worden war.
Es war Kayns Entscheidung, nicht ihre.
Dass sie bei der Sternenflotte unglücklich war, gestand sie nicht einmal ihren engsten Freunden. Besonders, seit sie zum „Red Squad“ gehörte ... Wie stolz sie bei ihrer feierlichen Aufnahme gewesen war! Wie geehrt sie sich gefühlt hatte, wie berauscht ... Außerdem hatte sie gehofft, endlich Freunde zu finden, die nicht von ihrer Intelligenz eingeschüchtert waren.
Aber davon gab es nur wenige. Dorianne Collins zum Beispiel. Sie war offen und freundlich und freute sich jedesmal, wenn Kilari Zeit hatte, mit ihr zu lernen. Oder der zugeknöpfte Vulkanier Skel, der in Quantenmechanik selbst eine vereinigte Trill alt aussehen ließ ...
Aber die „angesagte Clique“ um Tim Watters, Karen Ferris und Riley Shepard wollte nichts mit ihr zu tun haben. Wahrscheinlich waren sie neidisch, weil ihr durch den Symbionten vieles Wissen zufiel, wofür die anderen ganze Nächte durchpauken mussten. Sie hielten sich eben für die Besten der Besten und ertrugen es nicht, wenn jemand besser war als sie. Anders konnte sich Kilari, die zu Hause immer beliebt gewesen war, die Abneigung ihrer Kameraden nicht erklären. Gut, es gab noch diese peinliche Geschichte mit Karens Freund ... Aber war es ihre Schuld, dass der Kerl zuviel getrunken hatte und nicht mehr wusste, wohin seine Finger gehören?
Seit einigen Tagen – nicht erst seit dem Attentat – verhielten sich Watters und sein Hofstaat äußerst merkwürdig ... noch merkwürdiger als sonst. Ständig liefen sie mit wichtigtuerischen Mienen durch die Gegend, verschwanden nach dem Unterricht in irgendwelchen separaten Räumen und pinnten ein knallrotes Schild mit der Aufschrift „Bitte nicht stören“ an die Tür ... Wenn Kilari an ihnen vorbeiging, hörten ihre Gespräche sofort auf oder sie fingen an zu tuscheln und zu flüstern. Kilari fragte Dorianne und Skel, was dieser Unsinn zu bedeuten hatte – aber die beiden waren auch nicht schlauer, als sie selbst.
„Was du erzählst, deckt sich mit meinen eigenen Beobachtungen“, erklärte Skel.
„Und ich dachte, ich hätte mir das nur eingebildet.“ Dorianne schauderte. „Glaubst du, sie hocken in geheimen Besprechungen mit höheren Offizieren oder so?“
Kilari zuckte die Schultern. „Wer weiß – vielleicht spielen sie auch nur ‚Dungeons and Dragons‘. Aber sie lassen keine Gelegenheit aus, um uns zu zeigen, dass wie nicht die auserwählten Drachentöter sind. Findet ihr nicht auch?“
Zwei ereignislose Stunden später lief die Trill einem ihrer Lehrer in die Arme.
„Entschuldigung, Sir“, murmelte sie, im Begriff, sich in ihr Quartier zurückziehen.
„Ich habe einen Auftrag für Sie, Kadett.“
„Einen Auftrag? Für mich?“ Kilari kam nicht umhin, den Offizier zweifelnd anzublicken.
Er drückte ihr ein Datenpadd in die Hand. „Sie haben Abschlüsse in Systemanalytik, Angewandter Mathematik und Objektorientierter Programmierung ...“
„Ich nicht. Das war mein voriger Wirt, Vijana Kayn.“
„Aber Sie können auf Vijana Kayns Gedächtnis zurückgreifen.“
„Natürlich, Sir.“
„Das bedeutet, Sie besitzen ausgezeichnete Programmierfähigkeiten.“
„Ja, ich bin ganz gut, aber ...“
„Ich erwarte, dass Sie das hier ...“ Er deutete auf das Pad. „Spätestens bis übermorgen, 17.00 Uhr, erledigt haben?“
„Bei allem Respekt, Commander Cortéz – aber wann soll ich das schaffen?“, wagte Kilari zu protestieren.
„Sie sind natürlich vom Unterricht und allen anderen Verpflichtungen befreit.“ Commander Cortéz klopfte ihr jovial auf die Schulter. „Ich weiß, Sie schaffen das, Kilari!“
„Also schön, dann fange ich am besten gleich an.“
Kilari machte sich auf den Weg in Richtung Computerpool, aber der Offizier hielt sie zurück. „Sie wollen doch nicht etwa mit diesen antiquierten Schulrechnern arbeiten, Kilari?“
Sie runzelte die Stirn. „Womit sonst, Sir?“
Er wies ihr den Weg und sie begleitete ihn schweigend.
Der Offizier gab einen Code ein und sie landete in einem 4-qm-Kabuff, dessen Wände überall in Augenhöhe mit Displays verkleidet waren.
„Da wären wir. Die Anlage gehört Ihnen, Kadett. Aber entfernen Sie sämtliche Spuren Ihrer Arbeit aus dem Speicher, bevor Sie gehen! Vergessen Sie das auf gar keinen Fall! Wir sehen uns spätestens übermorgen, 17.00 Uhr.“
„Aye, Sir.“ Kilaris Stimme zitterte leicht.
„Ach, den Türcode, um hier rauszukommen, finden Sie auf Ihrem Pad.“
Dann schloss sich die Tür hinter Commander Cortéz.
Kilari seufzte. Ihre Flecken juckten unangenehm. Als sie die Instruktionen durchlas, rebellierte ihr Magen. Wozu, bei allen Dämonen dieser Welt, brauchten Cortéz und seine Vorgesetzten einen selbstreplizierenden Computervirus?
Todesurteil by Adriana
Als Lairis erwachte, lag Raymond in Ketten. Ein Metallreif drückte seinen Brustkorb gegen einen Betonpfeiler, seine Hände steckten in Handschellen, seine Füße waren mit Draht verschnürt. Lairis brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass sie selbst auf die gleiche Weise gefesselt war. „Sind Sie in Ordnung, Kadett?“ fragte sie sofort.
Raymond nickte schwach. „Ich denke schon … Und Sie?“
„Mein linkes Bein ist eingeschlafen … Wo sind wir?“ Es war eine rein rhetorische Frage, auf die Lairis keine erschöpfende Antwort erwartete.
„Sieht wie eine alte Tiefgarage aus“, überlegte Raymond. „Ich hatte ein ganz ekelhaftes Gefühl … als würde ich in zähem Schleim feststecken und ersticken …“
„Ging mir genauso. Und ich wette, es war Schleim – und zwar solcher, den die Sternenflotte mit Phasern jagt“, gab Lairis trocken zurück.
Raymond schluckte offensichtlich. „Mich würde mal interessieren, wie sie uns hier her verschleppen konnten, ohne dass es jemand merkt.“
„Wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Ich habe einen Gleiter gemietet“, antwortete eine arrogante Stimme – eine Stimme, die Lairis vertraut vorkam.
Mit gutem Grund, denn es war ihre eigene. Die Frau, die aus dem schummrigen Zwielicht in den staubverseuchten Scheinwerferkegel trat, sah aus, wie sie. Bis auf die ordentliche Frisur und die frisch gewaschene Sternenflottenuniform. Und das süffisante Lächeln.
„Sie spielen Fesselspielchen mit sich selbst? Also, das nenne ich pervers!“
„Mit mir selbst? Das würde ja bedeuten, dass wir beide identisch sind. Zu meinem Glück ist das nicht der Fall“, konterte die Fremde.
„Was wollen Sie von uns?“ fragte Kadett Kitamura gepresst.
„Diese unscheinbare kleine Sicherheitsbox mit den Konstruktionsplänen Ihres neuen Schiffsprototyps. Oder was dachten Sie?“ erwiderte sie ohne Umschweife.
„Fragen Sie doch meinen Vater! Ach nein, schade, Sie haben ihn ja umgebracht! Wie wär’s, wenn Sie uns losbinden, dann können wir uns alle an den Händen fassen und eine Seance abhalten … aber vergessen Sie die Räucherstäbchen nicht!“
Captain Lairis lächelte dem Jungen zu. Als er der Formwandlerin Paroli bot, wallte ein Gefühl wie mütterlicher Stolz in ihr auf. „Bei mir sind Sie auch an der falschen Adresse. Versuchen Sie’s mal bei UTOPIA PLANITIA“, fügte sie betont gleichgültig hinzu.
„Das haben wir bereits. Aber es sieht leider so aus, als hätte eure Schiffswerft eine höhere Geheimhaltungsstufe als der Tal Shiar … jedenfalls, was dieses spezielle Projekt angeht.“
„Ach, und nun denken Sie, Captain Kitamura hätte einen Satz Konstruktionspläne, die unter die höchste Geheimhaltungsstufe von UTOPIA PLANITIA fallen, in einer Schatzkiste unter seinem Fächerahorn verbuddelt? Wie unprofessionell!“
„Es würde zu einem Solid passen.“ Die Formwandlerin wandte sich an Raymond. „Ich schätze, Sie haben tatsächlich keine Ahnung, wo die Sicherheitsbox ist.“
Raymond schüttelte nur den Kopf und die Fremde starrte Lairis in die Augen. „Aber Sie wissen mehr.“
„Wie kommen Sie darauf?“
Die falsche Lairis lächelte blasiert. „Ich war zwar nur ein Keramikfrosch – aber was Sie am Gartentor zu dem Jungen gesagt haben, ist mir nicht entgangen: Sie meinten, der Widerstand hätte Ihnen beigebracht, Dinge zu verstecken, die niemand finden darf …“
Die Bajoranerin schluckte. Ihre gefesselten Hände fühlten sich kalt an. Hätte ich doch bloß die Klappe gehalten! dachte sie frustriert. Laut sagte sie: „Hören Sie, ich weiß nicht, wo sich die verfluchte Box hin verirrt hat oder was drin ist! Dass es die Konstruktionspläne der DEFENDER sind, halte ich für unwahrscheinlich …“
„Egal, was es ist – die Sternenflotte versucht es um jeden Preis geheim zu halten. Damit haben sie uns neugierig gemacht.“
Lairis gab sich ungerührt. „Wenn Sie der Frosch waren – wer war dann die Zimmerdecke?“
Die Formwandlerin trat ein paar Schritte zurück. Das Lächeln auf ihrem Gesicht wich keinen Millimeter zurück, ihre Augen wirkten starr. „Er bereitet gerade ein Mittel vor, um Sie etwas … kooperativer zu stimmen.“
Lairis versteifte sich bei diesen Worten. „Wie oft soll ich noch sagen, dass ich nichts weiß!“
„Ein kleiner Denkanstoß würde uns genügen.“
„Also, da fällt mir auf Anhieb nur der Fächerahorn ein.“
„Machen Sie mir nichts vor!“ entgegnete die Gestaltwandlerin kalt.
„Wer macht hier wem etwas vor?“ fuhr der Captain sie an. „Keiner, der mich gut kennt, wird länger als zwei Minuten auf diese Maskerade reinfallen! Wenn Sie mich ersetzen wollen, müssen Sie sich ganz schnell etwas Besseres einfallen lassen!“
„Sie ersetzen?“ Die Fremde lachte auf, als hätte Lairis etwas besonders Absurdes von sich gegeben. „Seien Sie mir nicht böse, aber dafür sind Sie nicht wichtig genug.“
Während Lairis ihr wimmerndes Ego beschwichtigte, wandte sich der Wechselbalg an Raymond. „Es gibt gar keinen Fächerahorn im Garten ihres Vaters.“
„Dann war es eben eine Rotbuche. Himmel, ich stamme von Bajor! Erwarten Sie doch nicht von mir, dass ich sämtliches Grünzeug der Erde identifizieren kann!“
„Botanik ist aber eines Ihrer Hobbys.“
Lairis’ Augen verengten sich. „Dafür, dass ich so unwichtig bin, haben Sie sich ja ziemlich gründlich über mich informiert!“
Ihr Ebenbild zuckte die Schultern. „Es ist lebenswichtig, dass man seine Feinde kennt – auch die unwichtigen. Schließlich könnten sie eines Tages wichtig werden.“
„Offenbar lieben Sie Grundsatzgespräche mit gefesselten Opfern. Sie haben eindeutig zu viele Cardassianer imitiert!“
Zu ihrer Überraschung erwiderte der Wechselbalg: „Da haben Sie leider Recht.“
„Wissen Sie, Sie sind nicht die einzige, die gern über ihre Feinde im Bilde ist … Haben Sie einen Namen, mit dem ich Sie ansprechen kann?“
„Ich hatte viele Namen, aber sie sind alle bedeutungslos. Namen sind etwas für Solids, die an ihrer Existenz zweifeln, wenn sie sich nicht unverwechselbar fühlen … Meine Namen waren nichts weiter als austauschbare Etikette – bis auf den Allerersten: Als ich noch sehr jung war, nannte mich jeder Jen’thal.“
„Cardassianisch für: Das Ding“, übersetzte Lairis. „Die Cardassianer mochten Sie wohl nicht besonders …“
„Ich bin auf ihrer scheußlichen Welt erwacht, ohne zu wissen, wer ich bin, was ich bin …“
„Sie sind eins von hundert Kindern, die von Ihrer Rasse ausgeschickt wurden, um die Galaxie zu erforschen“, stellte Lairis fest.
„Es hat Jahre gedauert, bis ich endlich aus dem Forschungslabor des Obsidianischen Ordens entkommen konnte … dann war ich ständig auf der Flucht, bis ich durch das Wurmloch stolperte. Die Cardassianer fürchten sich vor allem, was sie nicht kontrollieren können, verachten alles, was anders ist … Dabei sind sie auch nur Solids – und nicht einmal besonders begabte.“
„Der Aufstieg vom Flüchtling zur Göttin war sicher ein Kulturschock. Kein Wunder, dass Sie die Bodenhaftung verloren haben“, kommentierte Lairis trocken. „Sehr göttlich ist das aber nicht, was Sie hier tun, Jen’thal …“
„Die Anderen haben so viel für mich getan, dass ich glücklich bin, ihnen endlich etwas zurückzugeben. Sie haben mich von diesem Drecksplaneten geholt …“
„Sie haben Sie dort ausgesetzt, weil sie selbst zu feige waren, ihren kuscheligen Gelatineteich zu verlassen“, erwiderte Lairis hart.
„Für die Erforschung der Galaxie auserwählt zu werden ist eine große Ehre und ich bin stolz darauf! Aber das kann ein Ich-bezogener Solid wie Sie natürlich nicht verstehen.“
„Ein Sprichwort der Menschen lautet: Bomben und Auszeichnungen treffen meistens Unschuldige. Sie durften sich von Cardassianern piesacken lassen, während Ihre lieben Verwandten in der Großen Verbindung geschwommen sind und sich als Götter anbeten ließen … Und nun erledigen Sie immer noch die niederen Arbeiten. Finden Sie das gerecht?“
„Bei uns gibt es keine höheren oder niederen Arbeiten – nur den Dienst an der Gemeinschaft“, erklärte Jen’thal hoheitsvoll. „Die Große Verbindung hat meinem Leben erst einen Sinn gegeben. Ich wusste vorher nicht, wie es ist, eine Heimat zu haben, eine Familie …“
„Mir kommen gleich die Tränen!“ konterte die Bajoranerin sarkastisch.
„Genug geplaudert! Wir sollten keine Zeit mehr verschwenden.“ Jen’thal aktivierte einen Holoprojektor in der Mitte des Raumes. Ein dreidimensionales, halb durchsichtiges Bild drängte sich zwischen Raymond und Lairis: Eine junge, dunkelhaarige Frau, menschenähnlich, an einer Diagnoseliege festgeschnallt … Rötliche Läsionen durchzogen ihr Gesicht wie Fraktale. Sie wirkte zu Tode verängstigt. „Ist Ihnen die Quickening-Seuche ein Begriff?“ fragte die Formwandlerin mit sachlicher Kühle. „Schätzungsweise nicht, denn sie stammt aus dem Gamma-Quadranten – genauer gesagt, aus den Laboratorien brillanter Vorta-Wissenschaftler. Es gibt achtzehn oder neunzehn verschiedene Mutationen des Erregers: Viren, die auf den genetischen Code einer bestimmten Rasse zugeschnitten sind, Viren, die fast alle Solids befallen, Viren, die durch die Luft übertragen werden … oder durch den Austausch von Körperflüssigkeiten … Auf manchen Planeten leben ganze Generationen mit dieser Krankheit. Ihre Babys werden damit geboren. Es gibt kein Heilmittel, keine Rettung …“
„Du Dreckstück!“ platzte Raymond heraus. „Das ist Völkermord!“
Lairis konnte ihm nur zustimmen. Das Mitgefühl, das Jen’thal für einen Moment erweckt hatte – ein Mitgefühl, dass die Bajoranerin für jeden empfand, der von Cardassianern verfolgt wurde – war schlagartig verpufft.
„Ihre Schwarz-Weiß-Malerei ist unangemessen. Man sieht uns als Götter und Götter müssen manchmal strafen“, erwiderte die Formwandlerin ungerührt.
„Und was haben diese Völker getan, um das zu verdienen? Zu wenig Kirchensteuer gezahlt? Gegen Ihr glorreiches Imperium rebelliert? Oder wollten sie gar nicht erst beitreten?“
„Gratulation, Captain Lairis, Sie bekommen in diesem Test die volle Punktzahl!“
„Sie sind ja krank!“ fuhr Raymond sie an.
„Nein, ich bin gewiss nicht krank. Allerdings fürchte ich, Sie werden bald sehr krank sein – es sei denn, Ihr Captain zeigt sich ein bisschen gesprächiger.“
„Das können Sie nicht machen!“ protestierte Lairis mit dumpfer Stimme. „Kadett Kitamura weiß nichts – das haben Sie selbst festgestellt! Also halten Sie ihn bitte raus!“ Im selben Moment begriff sie, wie sinnlos es war, den Wechselbalg um Gnade für Raymond zu bitten. Sie ballte die Fäuste und ihre Fingernägel gruben sich tief in die Handflächen.
Ihr Ebenbild ignorierte sie. „Die verschiedenen Varianten des ‚Quickening’ unterscheiden sich
lediglich durch die Inkubationszeiten und die Art und Weise der Übertragbarkeit. Der Verlauf der Krankheit ist immer der gleiche: nämlich sehr unangenehm … aber sehen Sie selbst.“
Die Frau auf dem Holobild schrie. Ihre Haut platzte überall auf, rotes Blut besudelte kaltes Metall, sie zerrte verzweifelt an den Bandagen, die sie an die Liege fesselten … als könnte sie sich dadurch von ihren Qualen befreien. Ihre Schreie berührten Lairis tief im Inneren.
Durch das halbtransparente Hologramm sah sie Raymonds entsetztes Gesicht. Der Junge wandte sich ab, stemmte sich gegen die Fesseln … so wie die Frau auf der Diagnoseliege.
Sie wimmerte gegen Ende nur noch leise … als hätte sie keine Kraft mehr zum Schreien.
Jen’thal näherte sich dem jungen Kadetten mit einem Injektor. „Das ist Ihre letzte Chance, Lairis. Sie wissen jetzt, was das Quickening anrichtet.“
Ja, das wusste Lairis. Und es quälte sie. Die Vorstellung, dass ganze Völker mit dieser fürchterlichen Seuche geschlagen waren … nur weil sie dem Dominion nicht beitreten wollten? Rachsucht war kein fremdes Gefühl für sie – aber die Gründer des Dominion hatten jedes Maß überschritten, jede Grenze … und sie war ihnen hilflos ausgeliefert. Sie und Kadett Kitamura.
„Captain, erzählen Sie nichts!“ rief Raymond – aber seine Stimme klang unverkennbar zittrig.
Lairis zögerte noch für ein oder zwei Sekunden. Der Junge hatte völlig Recht: Sie durfte dem Feind gegenüber nichts preisgeben. Nicht einmal fadenscheinige Theorien und Vermutungen.
Mehr hatte sie ohnehin nicht zu bieten.
„Würden Sie mal endlich dieses eingefrorene Reklamelächeln ablegen? Davon kriegt man ja Zahnbelag! “ fauchte sie, als der Wechselbalg sie eindringlich ansah.
Jen’thal zuckte mit den Schultern. Raymonds Atem ging schwer und irgendwie rasselnd.
„Nein!“ Lairis schüttelte immer wieder den Kopf. Ihre Machtlosigkeit versetzte sie in Wut. „Machen Sie mit mir, was Sie wollen – aber lassen Sie den Jungen in Ruhe, verdammt noch mal!“
„Plärren Sie nicht so – Sie kriegen ja auch noch was ab.“
Dann hörte man nur noch das Zischen des Injektors. Jen’thal wandte sich um und Lairis wäre am liebsten rückwärts gegangen. Der Pfahl stand dem leider im Weg. „Entspannen Sie sich, Captain. Ein paar Läsionen geben Ihrem Gesicht gleich ein bisschen Charakter.“
„Versuchen Sie nicht, meinen Humor nachzumachen – das tut weh!“
„Meine Liebe, wenn Sie das hier überleben – was ich nicht glaube – werden Sie völlig neu beurteilen, was weh tut.“
Mit diesen Worten entlud sie das Hypospray in Lairis’ Halsschlagader.
Raymond keuchte entsetzt auf.
„Falls es Ihre Panik dämpft, Kleiner – es gibt selbstverständlich ein Antigen.“
„Das wir nicht ohne Gegenleistung bekommen, richtig?“
„Ihre Auffassungsgabe ist bewundernswert, Captain“, spottete Jen’thal.
„So langsam nervt mich Ihr herablassendes Getue!“ entgegnete Lairis wütend. „Ja, ich weiß, Sie halten sich für die Spitze der Evolution … Sie und Ihre dickflüssige Verwandtschaft … und das mit dem Gestaltwandeln ist ja auch ne feine Sache … Sie arbeiten nicht viel, richtig? Dafür haben Sie Ihre Lakaien – Ihre Vorta, Jem’Hadar und all die Unglückwürmer, die auf Ihren Befehl Männchen machen, damit das Quickening sie nicht frisst … Was fangen Sie eigentlich mit Ihrer vielen Freizeit an?“
„Regieren“, antwortete Jen’thal ungerührt.
„Damit die Galaxie nicht ins Chaos stürzt?“ gab die Bajoranerin sarkastisch zurück. „Wenn Sie nicht alles, was lebt und atmet, unter Ihrer Kontrolle haben, werden Sie paranoid und schmieden gleich Kriegspläne ... Ja, man kann schon verzweifeln, wenn man eine kollektive Zwangneurose zum Sinn des Lebens aufgeblasen hat …“
Die Faust ihrer Doppelgängerin traf Lairis hart ins Gesicht.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf einem braun gemusterten Teppich.
Raymond beugte sich über sie und lächelte erleichtert. „Ein Glück – Sie sind wach!“
Lairis richtete sich langsam auf und massierte ihre pochenden Schläfen. Ein Alptraum aus roten Herzchen und orangefarbenen Blüten sorgte dafür, dass sie die Augen zukniff. „Bin ich im Delirium oder ist die Tapete wirklich so hässlich?“
Raymond kicherte. „Wahrscheinlich ist die Seuche nicht echt und sie wollen uns mit Ihrem schlechten Geschmack foltern.“
Lairis griff den Faden bereitwillig auf. „Ich denke auch, sie bluffen nur und haben uns nicht wirklich infiziert. Einen unbekannten Virus – eine Biowaffe – auf die Erde zu schmuggeln, stelle ich mir sehr schwierig vor ...“ Ihre Worte schmeckten schal nach aufgesetztem Optimismus. Sie hatte zu lange im Untergrund gelebt, um an die Allmacht von Zollkontrollen und Transporterfiltern zu glauben. Doch es war eine Hoffnung, an die sie sich klammern konnte. Das brauchte sie – und Raymond ebenfalls.
„Sie haben wahrscheinlich Recht, Captain.“ Der Junge sah erleichtert aus. „Die Formwandler-Tussi hat uns zwar in Quarantäne gesteckt und sämtliche Fenster und Türen mit Kraftfeldern versiegelt … aber sie will wohl nur sichergehen, dass wir nicht abhauen. Vielleicht kriegen wir sogar was gebastelt, um das Kraftfeld kurzzuschließen. Ein Hochsicherheitsknast ist das hier nicht gerade – eher ein verlassenes Hotel. Leider ohne Replikator, aber mit Wasserklo.“
„Die haben wahrscheinlich keine Lust, hinter uns her zu putzen.“
Der Kadett schmunzelte.
„Ist die Aussicht wenigstens schön?“


Raymond zog die Vorhänge beiseite, warf einen Blick aus dem Fenster und runzelte die Stirn. „Nicht gerade das, was ich sehen will, bevor ich sterbe.“ „Wir werden nicht sterben!“ erklärte Lairis fest. Neugierig trat sie neben den Jungen und betrachtete nachdenklich das makabere Panorama, das sich ihnen bot. Es war eine Wüstenlandschaft, die zwar irdisch aussah, aber trotzdem eine Gänsehaut verursachte: Ruinen am Horizont, verkohlte Bäume und kein Zeichen von Leben.
„Ich denke, ich weiß, wo wir sind“, meinte Raymond. „Im Dritten Weltkrieg, als sich Nord- und Südamerika in die Wolle gekriegt haben, gab es eine hart umkämpfte Stadt – Las Cruces. Die Mexikaner haben sie erobert und alle Amis vertrieben. Amerika rächte sich mit zwei Atombomben. Oder waren es drei?“
„Das heißt, wir sind in Las Cruces? Weshalb wurde die Stadt nicht wieder aufgebaut?“
„Die Vulkanier haben eine Gedenkstätte daraus gemacht. Geöffnet von 9 bis 18 Uhr.“
„Dann ist die Besuchszeit seit zwei Stunden vorbei.“ Lairis schauderte.
„Und zwar bis übermorgen. Die haben dienstags geschlossen, soviel ich weiß. Mist, Mist, Mist! Die Wechselbälger werden schon gewusst haben, weshalb sie uns hier her verschleppt haben: Hier kommt so bald keiner vorbei.“ Raymonds Miene wirkte düster. „Soll ich die Vorhänge wieder zuziehen?“
„Ja, bitte!“
Nun herrschte wieder Dämmerlicht im Zimmer und Kadett Kitamura schaltete eine der Wandlampen ein. „Ich schätze, die ganzen Möbel stammen noch aus dem 20. Jahrhundert ... jedenfalls sehen sie so aus.“
„Faszinierend! Bestimmt finden wir eine Bibel im Nachtschrank.“
„Ein wenig geistlicher Beistand wäre jetzt nicht schlecht“, erwiderte Raymond leise.
„Falsche Religion.“
„In meinem Fall eigentlich auch. Ich bin Buddhist. Naja, nicht wirklich …“ Plötzlich erstarrte Raymonds Lächeln. „Captain, Sie haben da was im Gesicht …“
„Wahrscheinlich eine gebrochene Nase.“
Doch das Scherzen verging Lairis sehr schnell, denn der Junge sah aus, als hätte er seinen eigenen Tod gesehen. Er drehte den Kopf und sie entdeckte das Mal auf seiner rechten Wange: geschwollene, purpurfarbene Striemen verschlangen sich zu einem bizarren Gebilde.
Lairis entdeckte ganz ähnliche Läsionen auf ihrem Unterarm und kämpfte mit aller Kraft gegen die Panik. „Bei den Propheten – sie haben tatsächlich … Dieses elende, nekrophile Biest! Warum kann sie nicht mit Peitschen und Kohlenzangen beginnen, wenn sie uns zum Reden bringen will? Warum gleich etwas, das die ganze Menschheit gefährdet?“
„Es ist kein durch die Luft übertragbarer Virus und kann auch nicht mutieren.“
„Behauptet dieser äußerst vertrauenswürdige Wechselbalg!“ Lairis brauchte dringend einen Plan – aber die sterbende Frau aus der Holoprojektion schrie ihre Agonie heraus und verjagte jeden rettenden Gedanken … Jen’Thal war es egal, ob sie die Menschheit gefährdete. Sie rechnete ohnehin nicht damit, das Lairis und Raymond dieses Gebäude lebend verließen.
„Hören Sie, Kadett, wir müssen uns jetzt gemeinsam überlegen, wie wir aus dem Schlamassel rauskommen! Bloß nicht die Nerven verlieren!“
Raymond nickte schwach. Er ahnte, dass Lairis nicht nur ihn, sondern auch sich selbst beruhigen musste.
Da kam ihr eine Idee. Sie legte ihre Arme um den Kadetten und drückte ihn fest an sich, als wollte sie ihn trösten. Raymond war ziemlich verblüfft, aber dann flüsterte ihm Lairis ins Ohr: „Wir müssen damit rechnen, dass das Zimmer überwacht wird – also kann ich nicht laut reden. Ich habe ein subdermales Implantat aus meiner Zeit beim Bajoranischen Widerstand. Wenn ich es aktiviere, hinterlässt es eine Isotopenspur, durch die man uns finden kann. Auf die Weise konnten wir unsere gefangenen Mitkämpfer retten – jedenfalls wenn wir Glück hatten und der Knast nicht zu gut bewacht war. Meine Offiziere wissen das und würden uns hier rausholen.“
„Und wer heilt uns von der verdammten Krankheit?“
Lairis seufzte. „An der Stelle ist mein Plan noch ein bisschen unausgegoren, gebe ich zu.“
Raymond ließ sich aufs Bett fallen und starrte verbissen an die Decke. „Captain, darf ich Sie was fragen?“
„Warum nicht.“
„Der Spruch mit der kollektiven Zwangsneurose war gut. Als Sie das zu dem Wechselbalg sagten …“ Er stockte. „Wollten Sie Jen’thal damit provozieren, damit Sie uns umbringt, bevor wir uns in blutigen Matsch verwandeln? Schade, dass es nicht funktioniert hat!“
Lairis schüttelte langsam den Kopf. „Ich wollte nichts dergleichen. Mir ist einfach nur der Kragen geplatzt.“ Sie legte Raymond eine Hand auf die Schulter und blickte ihn eindringlich an. „Es kann noch Tage oder Wochen dauern, bis die Krankheit ausbricht. Vorher wird die Sternenflotte uns hier rausholen und alles tun, um ein Heilmittel zu finden.“ Sie glaubte selbst nicht, was sie sagte, aber als Captain durfte sie nichts unversucht lassen, um die Moral aufrecht zu erhalten.
Raymond blieb skeptisch. „Wenn die Krankheit erst nach Tagen oder Wochen ausbrechen würde, wäre sie wohl kaum zu Folterzwecken geeignet, oder?“
„Sie haben wohl angenommen, uns würden sofort die Knie weich werden, wenn sie uns das Zeug reinhauen.“
„Also, mir sind die Knie auf jeden Fall weich geworden!“
Die Bajoranerin lächelte verständnisvoll. „Meine sind immer noch weich. Aber das müssen die Schleimbündel nicht unbedingt merken.“
Raymond gelang es, zurückzulächeln. Captain Lairis ließ sich von ihrer Angst nicht kontrollieren – und er würde sich keine Blöße geben, vor ihr in die Hosen zu machen! Ihre Stärke richtete ihn auf. „Sie waren wohl schon in schlimmeren Situationen?“
„Kann man so sagen.“
„Ich aber nicht!“
„Das kommt noch.“
„Danke Captain, ich kann’s kaum erwarten.“ Sie grinsten sich sekundenlang an.
„Sicher rechnen die Wechselbälger damit, dass wir unsere Geheimnisse ausplaudern, noch bevor die Gedenkstätte wieder aufmacht. Das werden wir aber nicht! Spätestens Dienstag Nacht müssen sie sich also ein neues Versteck suchen, wo sie uns gefangen halten – und dann ergibt sich bestimmt eine Gelegenheit zur Flucht.“
„Aber trotzdem keine Garantie, dass wir geheilt werden.“
„Nein, die gibt es nicht.“ Aus Lairis’ Gesicht war jedes Lächeln verschwunden. „Aber wir würden wenigstens in Freiheit sterben.“
In der Wüste by Adriana
Commander Jerad Silgon saß auf einem Klapphocker vor seinem Zelt und betrachtete den sternenübersäten Nachthimmel. Unsichtbare Vögel sangen von Freiheit und nächtlichen Jagden, ein heller Streifen am Horizont ließ noch ahnen, wo die Sonne untergegangen war … es hätte sehr romantisch sein können – wenn es nicht so verdammt heiß gewesen wäre. Jerad hatte sich bis aufs Unterhemd ausgezogen, trotzdem lief ihm der Schweiß über den ganzen Körper. Das Camp, das die Sternenflotte behelfsmäßig für die kurzfristig mobilisierten Sicherheitstruppen in Mittelamerika errichtet hatte, befand sich mitten in der Wüste von Mexiko.
„Naja, es hätte auch noch schlimmer kommen können“, sagte er mehr zu sich selbst als zu seinem Crewkameraden Vixpan, der lustlos an einer hohen Agave nagte und ab und zu mal wütend ausspie – wahrscheinlich dann, wenn er aus Versehen einen Stachel erwischt hatte. „Sie hätten uns zum Beispiel im Dschungel abladen können, wo es von Ungeziefer nur so wimmelt…
Wenn es was gibt, das noch schlimmer ist, als Hitze, dann sind es Mücken!“
Vixpan unterbrach seine stachelige Mahlzeit, hielt den Kopf leicht schräg, die Hörnchen vorgestreckt und blinzelte nachdenklich mit seinen himmelblauen Querpupillen-Augen. „Ein Dschungel würde mir besser gefallen.“
„Klar, da gibt es mehr zu knabbern – jedenfalls für Sie.“ Jerad rieb sich ein paar Mal über die Augenlider. „Hatten Sie schon immer so eine fluoreszierende Aura, Fähnrich?“
„Wie bitte?“
„Na gut, wenn Sie nicht fluoreszieren, dann hab ich wohl einen Sonnenstich. Verfluchter Backofen hier … Das mag ja schönes Wetter sein, wenn man sich nicht bewegen muss und kein Gehirn braucht. Vor allem kein Gehirn! Was mussten sie mich auch zur Vampirbrigade nach Mittelamerika schicken! Wissen die nicht, dass ich als Trill keine Temperaturen über 30°C vertrage, diese sepreanischen Waldesel? Hab mich heute früh beschwert und sie entschuldigten sich wortreich, wie leid es ihnen täte und dass sie mich so schnell wie möglich versetzen lassen – aber nun schmore ich immer noch hier. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Bürokraten! Wenn ich ins Hitzedelirium falle, verklage ich sie!“
„Wie wollen Sie es anstellen, jemanden zu verklagen, wenn Sie ins Delirium gefallen sind, Sir?“ fragte Vixpan vernünftig.
Jerad lachte rau. „Da haben Sie natürlich Recht. Rufen Sie einfach meinen Anwalt an, wenn ich umkippe.“
„Sollte ich dann nicht zuerst den Arzt holen?“
Jerad nahm einen Schluck aus seinem Flachmann und spülte ihn anschließend mit einem halben Liter Wasser herunter. „Noch etwas Tequila, Fähnrich? Das Zeug dehydriert mich nur.“
Vixpan nahm das Angebot dankbar an und nuckelte gierig an der Flasche.
„Hey, lassen Sie mir was übrig!“ protestierte der Trill.
„Sie sagten, das Zeug dehydriere Sie! Ich wollte Sie nur vor den negativen medizinischen Folgen bewahren.“
„Schon gut, machen Sie es nieder.“
„Ich hasse Wüsten!“ meckerte Vixpan inbrünstig.
„Stimmt, es gibt hier nur Hitze, Staub und ein paar temperamentvolle Latinos, die mich nach jedem Bluttest ansehen, als hätte ich ihre Mutter beleidigt.“
„Ein Planet … ich hatte mich so gefreut, endlich auf einem Planeten stationiert zu werden … Verstehen Sie mich nicht falsch, Sir – ich liebe die Raumfahrt und die USS CASABLANCA. Wenn sie verschrottet wird, werde ich eigens ein Klagelied komponieren … trotzdem war es das Größte, wenn Captain Lairis nach einer erfolgreichen Außenmission zu mir sagte: ‚Gehen Sie grasen, Fähnrich!’ Ich brauche ab und zu den Wind in meinem Pelz – und Gras! Schönes, saftiges, grünes Gras … schöne, üppige Weidegründe …“
„Ja, mir läuft die Spucke im Mund zusammen“, unterbrach Jerad ihn ungeduldig. „Wieso replizieren Sie nicht ein paar Blätter?“
Vixpan schüttelte sich angewidert. „Mäh, replizierte Blätter!“
„So, wie sich alles entwickelt, werden Sie sich bald an Feldrationen gewöhnen müssen“, entgegnete Commander Silgon hart.
„Keine replizierten Blätter!“ wiederholte Vixpan stur. „Dann lieber Agaven. Sie schmecken gar nicht schlecht: exotisch und würzig. Aber diese verfluchten Stacheln …“
Commander Silgon grinste. „Denken Sie eigentlich auch mal an was anderes, als Essen?“
„Ich denke an das, was ich vermisse“, verteidigte sich Vixpan. „Sie denken zum Beispiel sehr oft an Captain Lairis, seit sie nicht mehr zusammen dienen.“


„Captain Lairis ist aber kein Grasbüschel“, zog Jerad ihn auf. Dann wurde seine Miene schlagartig erst. „Seit wir auf der Erde gelandet sind, hab ich nichts mehr von ihr gehört. Sie hat versprochen, sich zu melden, sobald sie Zeit hat …“
„Haben Sie versucht, sie zu erreichen?“
„Vor einer Stunde. Aber sie geht nicht an ihren Kommunikator und ihre Tochter meinte nur, sie wäre ausgegangen.“
„Dann ist sie wohl noch unterwegs.“
„Ohne ihren Kommunikator? Nach allem, was heute passiert ist? Doch nicht Ilana mit ihrem Sicherheitsfimmel!“
„Dann schläft sie wohl schon.“
„Vielleicht.“ Jerad klang nicht sehr überzeugt.
„Probieren Sie es einfach noch mal, Sir“, schlug Vixpan vor und verabschiedete sich. „Es ist spät und die brütende Hitze wird bald lausiger Kälte weichen. Ich gehe schlafen. Mein Zelt ist isoliert und bietet allen Comfort.“
„Ja, meins auch … trotzdem fühle ich mich da drin wie eingesargt“, murmelte Jerad.
„Wieso?“ fragte Vixpan naiv.
Der Trill schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Kaum bin ich von unserem alten Schiff und …“ Nun lächelte er halb. „… von unserem alten Captain getrennt, werde ich neurotisch.“
„Vielleicht macht Ihnen irgend etwas Angst … genau wie mir.“
Commander Silgon blickte erstaunt auf. „Vielleicht sind wir einfach zu konservativ, um so viel Irrsinn an einem Tag zu verkraften.“
„Wir sind in der Sternenflotte. Irrsinn gehört zu unserem Beruf.“
„Ja, mag sein … aber nicht solcher! Langsam kriege ich sogar Heimweh nach R-27 – und nicht nur, weil die Station eine Klimaanlage hatte … Ich sehe keinen Sinn in dem, was wir hier tun! Diese Phaserabtastungen und Bluttest … Einen Formwandler, der zu allem entschlossen ist, kann man damit nicht aufhalten, fürchte ich.“
„Fürchte ich auch. Gute Nacht, Commander.“
„Gute Nacht, Fähnrich. Ich bleibe hier und heule den Mond an.“
Das Piepen seines tragbaren Terminals beendete Jerads dumpfes Brüten. Er eilte ins Zelt und lächelte vor Erleichterung, als er Lairis Ilanas Gesicht auf dem Monitor sah.
„Hallo, schöne Fremde!“
Lairis runzelte die Stirn. „Schöne Fremde?“
„Ich dachte schon, du würdest heute gar nicht mehr anrufen! Weißt du, ich hab dich vermisst und mir sogar ein bisschen Sorgen gemacht … aber egal! Hauptsache, es geht dir gut!“
„Ja, mir geht es gut und ich vermisse dich auch“, erwiderte die Frau. „Aber du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen. Ich war nur … sehr beschäftigt.“
Gefangenschaft by Adriana
Lairis krümmte sich in ihrem Sessel zusammen. Stumpfe, rostige Messer zerfetzen sie gleichzeitig von außen und von innen, rissen ihre Haut entzwei, ihre Muskeln und Sehnen, bohrten sich tief in die Knochen und Organe ... Kochendes Wasser ergoss sich über sie, ihr Gesicht glühte, ihre Finger verkrallten sich in den eigenen Haaren und sie biss sich heftig auf die Unterlippe, denn sonst hätte sie schreien müssen.
Raymond bekam nicht mit, wie schlecht es ihr plötzlich ging, denn er tastete systematisch die
Wände ab und suchte nach Schwachstellen im Kraftfeld. „Alles verriegelt und verrammelt“, seufzte er. „Hier fehlt Elektrogirl.“
„Elektrogirl?“ fragte Lairis, als die brennende, stechende Qual ein wenig nachgelassen hatte.
„Eine Comicfigur. Sie konnte Blitze schleudern und alle elektrischen Geräte kurzschließen.“
Lairis versuchte sich aufzurichten und das schmerzhafte Pochen in verschiedenen Körperteilen zu ignorieren. „Ich hatte auch einen Comichelden, als ich in Ihrem Alter war. Sein Name war Rana Tel. Die Cardassianer hatten ihn als Kind entführt und fiese Experimente mit ihm angestellt. Ihr Ziel war es, allen Bajoranern den eigenen Willen zu nehmen … allerdings ging das Experiment gewaltig nach hinten los. Rana Tel bekam Superkräfte und konnte Wände sprengen, Gegenstände verbiegen … und vor allem Cardassianer zu Staub zerfallen lassen. Er wurde zu einem Rächer der Unterdrückten und befreite als erstes seine Heimatstadt, der er einen neuen Namen gab: Hesta Kejal – Insel der Freiheit.“
„Klingt cool! Hätte nicht gedacht, dass es auf Bajor Comics gab“, wunderte sich Raymond.
„Uns war damals jedes Mittel Recht, um die Jugend gegen die Cardis aufzuwiegeln. Viele Kinder auf dem Land konnten nicht richtig lesen – warum also nicht Bilder und Sprechblasen?“
„Wie ging die Geschichte weiter?“
„Die Cardassianer schafften es nie, Hesta Kejal einzunehmen. Dabei versuchten Sie es mit Phasern und Bomben und Plasmawerfern … aber gegen Rana Tels Kräfte kamen sie nicht an. Sie krepierten lange, bevor sie ihre Waffen überhaupt einsetzen konnten. Rana Tel zeugte nämlich jede Menge Kinder, die alle seine Fähigkeiten erbten … und sein Gedächtnis. Stellen Sie sich eine Handvoll drei- und vierjähriger Küken vor, die cardassianische Schiffe der Galor-Klas-
se verglühen lassen … indem sie einfach mal scharf in den Himmel gucken.“
„Gruselig!“ Raymond lauschte der Bajoranerin gebannt, obwohl ihre Stimme seltsam gedämpft klang. Ihr langes Haar war wie ein Vorhang, das die wunde, rissige Haut verbarg.
„Aber dann entwickelten die Cardassianer einen ganz speziellen Schutzschild, der sie gegen Ranas Gedankenstrahl immun machte“, fuhr Lairis fort. „Sie standen zu Tausenden vor den Toren der Stadt, zu Zehntausenden, zu Hunderttausenden … von den Mauern loderte grünes Feuer auf und die Leute drängten sich voller Angst im Zentrum zusammen … Rana Tel bohrte mit der Macht seines Geistes einen Tunnel unter der Stadt, damit die Bewohner flüchten konnten … Natürlich wimmelte es draußen von Cardis und viele Bajoraner starben. Rana Tels Freundin Tira Mar war jedes Mittel recht, um Hesta Kejal zurückzuerobern – also ging sie in die Feuerhöhlen, wo sie Hilfe von einer uralten Macht erhoffte. Dummer Weise wurde sie von einem Pah-Geist besessen und ich bin leider nie dazu gekommen, den nächsten Band zu lesen.“
„Eine wirklich faszinierende Geschichte, Captain Lairis!“ wurde die Bajoranerin von ihrer eigenen Stimme unterbrochen.
Das Deckenlicht ging plötzlich an, die Tür sprang auf und vor dem flimmernden Kraftfeld stand die Formwandlerin: immer noch in Gestalt des Captains, komplett mit Sternenflottenuniform. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Superhelden-Mythen in der Regel von schwachen Völkern erfunden werden, die sich nicht aus eigener Kraft wehren können.“
„Mein Volk hat sich sehr wohl gewehrt“, fauchte Lairis wütend.
„Ihre Stimmung ist ja ziemlich gereizt, Captain. Das liegt wohl daran, dass die Krankheit bei Ihnen ausgebrochen ist.“
„Oh Scheiße!“ entfuhr es Raymond, als er Lairis direkt ins Gesicht sah, den blutigen Riss auf ihrer Stirn und die aufgeplatzten Läsionen auf ihrer linken Wange bemerkte.
„Die Schmerzen, die Sie jetzt verspüren, sind nur der sanfte Anfang von dem, was noch kommt“, erklärte Jen’thal nüchtern. „Bedenken Sie eines: Je später wir Ihnen das Antigen verabreichen, desto langwieriger wird die Heilung. Im Endstadium vermögen wir vielleicht noch Ihr Leben zu retten – aber es kann Tage, vielleicht sogar Wochen dauern, bis Sie wieder auf den Beinen sind, und Monate, bis sie vollkommen Ruhe vor Schmerzen, Schwindelgefühlen, Panikattacken und sonstigen unangenehmen Nebenwirkungen haben. Im schlimmsten Fall werden Sie nie wieder diensttauglich sein.“
Raymond sah Lairis an, wie viel Angst ihr diese Vorstellung machte.
„Was tun Sie dann in Ihrer vielen Freizeit, Captain?“ fuhr der Wechselbalg unbarmherzig fort. „Gibt es für Sie einen Sinn des Lebens außerhalb der Sternenflotte?“
Lairis, die sonst nie um eine Antwort verlegen war, starrte ihr Ebenbild nur zornig an. Ihre Finger umklammerten die Sessellehnen so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Doch es war nicht zu übersehen, dass sie am ganzen Körper zitterte. Raymond zitterte auch – aber nicht, weil die Krankheit ihn quälte. Er hatte einfach Angst: Angst um Captain Lairis, Angst um sich selbst, Angst davor, allein zu sterben … Da kam ihm ein Geistesblitz und er trat so nahe an das Kraftfeld heran, dass ihm die flirrende Energie beinahe die Nasenspitze versengte. „Captain Lairis geht es so dreckig, dass sie kaum noch klar denken kann …“
„Konnte sie das jemals?“ gab Jen’thal spöttisch zurück.
„Verstehen Sie denn nicht? Wenn Lairis vor Schmerzen den Verstand verliert oder gar vorzeitig den Löffel abgibt, werden Sie nie erfahren, wo die Box versteckt sein könnte!“
Jen’thal verstand. Zumindest hoffte Raymond dies, als die Formwandlerin sich zum Gehen wandte und ihre Augen den arroganten Glanz verloren.
Lairis hatte sich mittlerweile zum Bett geschleppt und in Fötushaltung auf den weißen Laken zusammengerollt. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt und sie zitterte immer noch.
„Wie fühlen Sie sich?“ fragte Raymond und im nächsten Augenblick dachte er: Blöde Frage!
„Als ob ich einen Zwerg verschluckt hätte, der die Gesetze von Hammurapi in meine Leber meißelt.“ Ihr gelang sogar ein halbes Lächeln, denn die rechte Gesichtshälfte war beinahe frei von Läsionen und aufgeplatzten Wunden.
„Die Gesetze von Hammurapi? Für eine Bajoranerin kennen Sie sich in der Geschichte der Erde ziemlich gut aus!“
„Nicht wirklich, aber manches bleibt hängen.“
Jen’thal kam zurück, diesmal in Begleitung eines Mannes.
Der Mann, der sie gefangen genommen und mit dieser scheußlichen Krankheit infiziert hatte.
Lairis wollte aufspringen und ihm ihre Faust ins Gesicht rammen – nur um ihrem Zorn Luft zu machen. Aber der Schmerz warf sie zurück aufs Bett.
Dann spürte sie eine fremde Substanz in ihr Blut strömen. „Das wird den Verlauf der Krankheit verlangsamen“, erklärte der weibliche Wechselbalg.
„Sie geben ihr doch auch ein Schmerzmittel, oder?“ hakte Raymond nach.
„Das hier ist kein Hospiz, Kleiner“, konterte die Formwandlerin verächtlich.
Der Junge verstand: Captain Lairis sollte nicht sterben, bevor sie ihren Zweck erfüllt hatte – aber genug leiden, dass es sie langsam zermürbte.
„Mir geht es schon besser“, log die Bajoranerin, als Jen’thal das Zimmer verlassen hatten, und insgeheim tröstete sie sich: Wenigstens wird es demnächst nicht schlimmer.
Der junge Kadett sah nicht sehr überzeugt aus.
„Es kommt in Anfällen“, erklärte sie widerwillig. „Und ich hoffe, dass der nächste noch eine Weile auf sich warten lässt.“
Raymond tauchte ein Handtuch in kaltes Wasser und legte es vorsichtig auf Lairis’ verquollene linke Gesichtshälfte.
„Danke, schon viel besser“, erwiderte sie – diesmal ehrlich. „Wie geht es Ihnen?“
„Bis jetzt ganz gut. Ich weiß ja auch nicht, warum die Krankheit bei Ihnen viel schneller ausbricht, als bei mir … vielleicht, weil wir beide verschiedenen Spezies angehören.“ Raymond blickte die Bajoranerin, die sich mit geschlossenen Augen das Handtuch aufs Gesicht drückte, eindringlich an. „Verdammt, Captain, wir müssen irgendwie an das Gegenmittel kommen …“
„Und wie? Glauben Sie, ich kann es gegen meine Ohrringe eintauschen, Kadett?“
Raymond ließ sich von ihrem barschen Tonfall nicht abschrecken. „Wie müssen uns irgendwas einfallen lassen, irgendeine List ... Ich …“ Er zögerte und fügte dann leise hinzu: „Ich möchte Sie nicht verlieren.“
Lairis ließ das Handtuch fallen und blickte auf. Der Ausdruck ihrer Augen war melancholisch, doch sie lächelte, obwohl es wehtat.
„Wir können ja so tun, als wüssten wir, wo die Sicherheitsbox ist“, fuhr der Junge hastig fort. „Erzählen wir ihnen irgendwelchen Blödsinn, um sie hinzuhalten. Was soll’s … Die Sternenflotte wird uns irgendwann finden, das Nest hier ausräuchern, den Virus vernichten und das Gegenmittel mitnehmen. Wir müssen nur durchhalten, bis …“
„Sie haben zu viele Comics gelesen“, unterbrach ihn Lairis mit sanftem Spott. „Formwandler haben zwar kein Gehirn, aber dumm sind sie trotzdem nicht. Wir können gern versuchen, sie hinzuhalten, aber wir brauchen einen Plan B, falls sie nicht darauf reinfallen sollten.“ Sie verzog das Gesicht. Offenbar war das Sprechen auf die Dauer sehr anstrengend für sie.
Raymonds Magen verkrampfte sich, als er daran dachte, was sie wohl durchmachte. „Welcher Plan auch immer … Sie haben recht: Hauptsache, wir sind frei. Ich … ich wollte nie so sterben“, gestand er schließlich leise.
„Wer will das schon.“
Raymond verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn ich sterbe, sollte es im Kampf passieren … am Besten noch ein paar Feinde mitnehmen …“
„Ich dachte eher an ein gemütliches Himmelbett und viele niedliche Enkelkinder mit Blumensträußen … aber Ihre Variante gefällt mir auch.“ Lairis winkte den Jungen zu sich heran und ergriff seine Hand eine Spur zu fest. „Sie haben mich auf eine gute Idee gebracht. Rufen Sie die Wechselbälger und sagen Sie ihnen …“ Sie unterbrach den Satz mit einem gequälten Aufschrei. „Sagen Sie, wenn sie mich ganz lieb darum bitten, gebe ich Ihnen die Kom-Frequenz von Lieutenant Marc van de Kamp, meinem Ingenieur … Das Dominion will Konstruktionspläne? Die sollen sie bekommen.“
„Aber Captain …“
Ihre Miene war hart und angespannt. „Ich hoffe, Marc begreift, weiß ich von ihm will!“
Nachricht von Lairis by Adriana
Julianna blickte hoffnungsvoll auf, als sie das Signal der Kom-Anlage vernahm. Ihre Augen waren verquollen und gerötet, die langen blonden Haare hingen schlaff herunter und das elegante Ballkleid zeigte hässliche Zieharmonikafalten.
Jerad nahm das Gespräch entgegen. „Commander, ein gewisser Lieutenant Marc van de Kamp möchte Sie sprechen“, meldete der Adjutant seines Vorgesetzten. Julianna ließ die Mundwinkel hängen, als sie mitbekam, dass es keine Nachricht ihrer Mutter war.
Lieutenant van de Kamp hatte sich ins Camp gebeamt und kam gleich zur Sache: „Als Julianna sagte, ihre Mutter wäre verschwunden, dachte ich, Lairis könnte ihr Implantat aktiviert haben. Also hab ich meinen Tricorder modifiziert und nach ihrer Isotopenspur gesucht …“
„Wenn sie ihr Implantat aktiviert hat, ist sie in Gefahr“, unterbrach der Trill ihn betrübt.
„Dann hab ich eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die schlechte: Sie hat ihr Implantat eingeschaltet und steckt vermutlich tief in der Tinte. Die gute: Ich konnte sie lokalisieren.“
„Wo?“ fragte der Trill atemlos.
„Las Cruces.“
Jerad runzelte die Stirn. „Das Mahnmal? Was hat sie früh um halb acht dort zu suchen?“
„Vor allem, da es heute geschlossen ist.“
„Sie wurde entführt.“ Jerads Magen verknotete sich.
„Wechselbälger“, vermutete der junge Lieutenant mit finsterer Miene. „Deshalb wollte ich nicht über Funk mit Ihnen sprechen. Es könnte sein, dass die Bande unsere Verbindungen abhört.“
„Ja, aber was wollen die ausgerechnet von Captain Lairis?“
Marc schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung.“
„Hab ich richtig gehört? Meine Mutter wurde entführt?“ Die helle, brüchige, weibliche Stimme ließ beide Männer abrupt herumfahren.
Julianna war ihnen heimlich gefolgt und Jerad fürchte sehr, dass sie wieder anfing, zu heulen. Der Anblick weinender Frauen ging ihm an die Substanz – vor allem dann, wenn er ihren Kummer so gut nachvollziehen konnte, wie dieses Mal.
Es war kurz vor 7.00 Uhr morgens gewesen, als Julianna völlig aufgelöst vor seinem Zelt aufgetaucht war, weil sie nicht wusste, wo ihre Mutter steckte, und etwa zehn Minuten später, als die Sternenflotte ihm erklärt hatte, Captain Lairis hätte sich krankgemeldet.
„Aber wenn sie krank ist, wäre sie doch nach Hause gekommen oder hätte mich wenigstens informiert … oder irgendein Arzt oder wer auch immer …“ Julianna wiederholte sich wie eine defekte Com-Einheit. „Vielleicht liegt sie irgendwo im Krankenhaus, Jerad?“
Er schüttelte den Kopf. „Nicht in San Francisco. Dort hab ich bei allen Krankenhäusern nachgefragt.“
„Und in las Cruces gibt es keines. Jedenfalls keines, das noch in einem Stück wäre.“
Julianna starrte Lieutenant van de Kamp mit großen Augen an. „Meine Mutter wurde also von Wechselbälgern nach Las Cruces verschleppt?“
„Ja, das vermuten wir.“
„Das heißt, wer immer sich vorhin bei der Sternenflotte gemeldet hat …“
„Captain Lairis war es sicher nicht.“
Julianna presste beide Hände auf den Mund. Ihre Augen glänzten schon wieder verdächtig.
Lieutenant van de Kamp nahm sie kurz in die Arme.
„Keine Angst, wir finden deine Mutter – und zwar gesund und lebendig! Sie hat schon schlimmeres überlebt. Außerdem ist sie immer noch auf der Erde.“
„Genau! Wir wissen jetzt, wo sie ist – also soll die Sternenflotte eine Spezialeinheit schicken, die sie dort rausholt“, meinte Jerad und Julianna nickte zur Bestätigung.
Doch kaum wollte er nach seinem Kommunikator greifen, meldete sich der von Lieutenant van de Kamp. „Schalten Sie den Bildschirm ein“, befahl eine weibliche Stimme und Marc strahlte für einen Augenblick. „Captain?“
„Raten Sie noch mal.“ Nun kam die Stimme aus der Kom-Anlage.
„Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Gratulation!“ sagte Marc zu der Formwandlerin, deren Gesicht – Lairis Ilanas Gesicht – den gesamten Bildschirm ausfüllte. „Wie’s aussieht, ist es Ihnen sogar gelungen, die Sternenflotte an der Nase herumzuführen.“
„Nicht nur die Sternenflotte.“ Nun lächelte der Wechselbalg selbstgefällig. „Captain Lairis war der Überzeugung, ich könnte ihre Bekannten keine zwei Minuten lang täuschen … In Wahrheit hab ich mich gestern Abend eine geschlagene Viertelstunde mit ihrem einfältigen Schmusetrill unterhalten, und er war völlig ahnungslos.“
„Entschuldigung, aber der Schmusetrill ist anwesend“, protestierte Jerad. Doch sein Protest kam ziemlich kraftlos, so als würde er sich in Grund und Boden schämen.
Julianna sog die Luft scharf ein und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Wann hat Mom – ich meine, dieses Ding da – Kontakt mit dir aufgenommen?“
„So gegen 22.00 Uhr …“
„Warum hast du mir nichts davon erzählt?“
„Vielleicht war ich zu sehr damit beschäftigt, dich mit Taschentüchern zu versorgen!“
„Dich ruft sie an und mich lässt sie doof sterben … das passt überhaupt nicht zu meiner Mutter! Du hättest merken sollen, dass etwas nicht stimmt!“
„Julianna, ich verstehe ja, dass du wütend bist … aber ich war todmüde und dachte nach ihrem Anruf, es wäre alles in Ordnung. Gut, Ilana wirkte ein bisschen verkrampft, was ich auf den
Stress und die Situation geschoben habe …“
„Hast du noch mehr Ausreden auf Lager?“
„Ich kenne wohl deine Mutter nicht so gut, wie du.“
„Ja, du kriechst auch nur regelmäßig unter ihre Bettdecke!“
Marc räusperte sich. „Julianna, nun reicht’s!“ fuhr er sie an.
Jen’thal hatte für diese beiden aus ihrer Sicht völlig unlogischen und unbeherrschten Solids nur einen verächtlichen Blick übrig.
Jerad griff nach Juliannas Arm. „Entschuldigen Sie uns“, sagte er zu Lieutenant van de Kamp.
Wenn sich Julianna Lairis in dieser Gemütsverfassung befand, war sie für Diskussionen nicht sehr zugänglich. Da half es nur, sie eine Weile in Ruhe zu lassen – oder sie schnell aus der Schusslinie zu schaffen, bevor es für alle Beteiligten zu peinlich wurde.
„Ich möchte mit Captain Lairis sprechen“, verlangte Lieutenant van de Kamp kühl.
„Geben Sie ihr Zeit. Sie ist ein bisschen … wackelig auf den Beinen.“
„Was haben Sie ihr angetan, Sie Miststück?!“
„Ich hatte gehofft, Sie wären ein ruhiger, sachlicher Mensch, mit dem man vernünftig reden könnte – ohne den für Solids typischen Gebrauch unflätiger Beleidigungen … Übrigens: versuchen Sie nicht, den Anruf zurückzuverfolgen oder die Frequenz abzuhören. Damit verschwenden Sie nur Ihre Zeit.“
Die Wechselbälger wussten also nicht, dass Marc seinen Captain längst aufgespürt hatte ... Somit hielt er ein Ass in Ärmel. Doch er war viel zu wütend, um sich darüber zu freuen.
„Verdammt, was erwarten Sie von mir? Sie haben meinen Captain entführt und …“
„Sie mit einer schmerzhaften, todbringenden Seuche infiziert, das will ich ja gar nicht leugnen.“
„Ist das Ihr Ernst?“
„Ich teile nicht die Vorliebe der Solids für Humor.“
Marc brauchte einen Moment, um seine Gedanken zu sortieren, als ihm die ganze Tragweite dieses Satzes aufging. Auf ihre kaltschnäuzige Art war die Formwandlerin ehrlich: Sie würde nicht bluffen, um die Sternenflotte unter Druck zu setzen. Sie ging gleich aufs Ganze.
„Was wollen Sie?“ fragte Marc resigniert.
„Ihr Captain sagte mir, Sie könnten die Konstruktionspläne der USS DEFENDER beschaffen. Wenn ich richtig informiert bin, verfügt dieses Schiff über zahlreiche … Extras, die für das Dominion äußerst interessant sein könnten: zum Beispiel eine Interphasen-Tarnvorrichtung …“
„Die Konstruktionspläne der DEFENDER?“ Marc lachte freudlos auf. „Und Sie behaupten, Sie hätten keinen Humor! Wo soll ich die Dinger her haben? Ich bin nicht auf der DEFENDER stationiert, meine Sicherheitsstufe ist nicht einmal hoch genug, um an solche Pläne zu kommen!“
„Der Chefkonstrukteur der DEFENDER ist doch angeblich ein guter Freund von Ihnen …“
„Was?“ Marc runzelte die Stirn. „Ich kenne den Mann überhaupt nicht“, wollte er gerade herausplatzen, doch er erkannte intuitiv, dass es schlauer war, das Spiel mitzuspielen. „Okay, wir haben ab und zu ein paar Bier getrunken …“
„Dann vertiefen Sie diese Beziehung! Tun Sie ihm etwas ins Bier, das seine Zunge lockert …“
„Warum tun Sie das nicht selbst? Sie könnten sich in einen seiner Kollegen verwandeln …“
„Damit er mich mit einem Phaser abtastet oder versucht, mein Blut zu testen?“
„So schnell schlagen Sie sich Ihre fixe Idee nicht aus dem Kopf, wie?“
„Dafür habe ich schon zuviel Zeit und Kraft hinein investiert.“
„In der Tat. Stammt die Ampulle mit dem Virus noch von einem Ihrer letzten Eroberungszüge oder schleppen Sie so etwas für den Notfall immer mit sich rum?“
Jen’Thal zuckte die Achseln. „Ein cardassianischer Schmerzgenerator wäre sehr viel auffälliger – und weitaus weniger effizient in seiner Wirkung.“
„Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr?“ fragte Marc voller Widerwillen.
„Wenn Ihr Captain und Sie nicht gerade Blut austauschen, geht sie gegen Null.“
„Lassen Sie mich mit ihm sprechen“, verlangte eine schwache Stimme im Hintergrund.
„Captain?“ fragte Marc nervös.
Jen’thal trat beiseite und machte der echten Lairis Platz. Diese wirkte bleich und mitgenommen, ihre Augen waren trübe, ihr Gesicht voller aufgeplatzter Wunden.
„Oh mein Gott!“ rutschte es Marc heraus.
„Verstehen Sie jetzt, dass ich Ihre Hilfe brauche?“
„Sie … Sie sind es wirklich? Das ist kein Trick, oder?“
Lairis versuchte ein Lächeln. „Sie wollten einen neuen Antrieb in meinen Antigrav-Scooter einbauen … Erinnern Sie sich noch?“
„Schon erledigt. Das Ding steht fertig zusammengebaut in Ihrem Hotelzimmer. Nur das mit der Bedienungsanleitung hab ich noch nicht auf die Reihe gekriegt.“
„Nicht so schlimm. Julianna liest sie sowieso nicht. Sie behauptet immer, sie könne mit Technik intuitiv umgehen.“
„Ja, das wissen wirklich nur Sie und ich.“ Marc lächelte nicht. „Ich wünschte, ich könnte irgendwas für Sie tun …“
„Das können Sie“, erklärte Lairis ernst.
„Aber doch nicht die Konstruktionspläne der DEFENDER! Das … das ist Wahnsinn!“
„Sehen Sie mich doch an: Mein Gesicht sieht aus wie eine Luftaufnahme der andorianischen Spinnenschlucht! Ich sterbe, Lieutenant, und es wird ein Tod, den ich meinem ärgsten Feind nicht wünsche. Wenn es nur um mich ginge, könnte ich jetzt mehr oder weniger heldenhaft abtreten, aber …“ Sie hustete und ein dünnes Blutrinnsal floss über ihr Kinn. „Kadett Raymond Kitamura ist mit mir zusammen gefangen worden …“
„Captain Kitamuras Sohn?“
Lairis nickte. „Ich werde überall aufplatzen wie ein Grillwürstchen und schreien, bis meine Stimme versagt … mein verdammtes Blut im ganzen Zimmer verteilen … Das ist kein Anblick, den ich einem 17-jährigen Jungen wünsche, der gerade seinen Vater verloren hat! Außerdem wird er früher oder später genauso elend verrecken – und zwar allein …“
„Das will ich ja auch nicht, aber wir müssen zuerst an das Große Ganze denken! Falls die DEFENDER wirklich eine Tarnvorrichtung hat …“
„Diese Leute haben einen Biowaffen-tauglichen Virus auf die Erde gebracht, sie können jede erdenkliche Gestalt annehmen, ihre Soldaten wachsen wie Zuchtpilze in Kübeln nach … Glauben Sie, eine mickrige Tarnvorrichtung könnte sie aufhalten? Sollen sie sie haben, mir ist es egal …“ Lairis klang richtiggehend verzweifelt.
„Captain, ich kann mir wohl nicht vorstellen, was Sie gerade durchmachen, aber … ich erkenne Sie nicht wieder! Sie haben gegen die Cardassianer gekämpft, gegen die Borg …“
„Ich habe nicht gegen die Borg gekämpft – ich bin vor ihnen getürmt“, entgegnete sie traurig. „Und dieses Dominion ist ein ganz anderes Kaliber als die Cardis! Sie sind fast so schlimm, wie die Borg, und wir haben keine Chance gegen sie. Vielleicht wäre es besser, zu kooperieren.“
„Indem wir Ihnen unsere Technologie in den Rachen zu schmeißen? Selbst wenn ich Ihnen helfe – das Sternenflottenkommando wird da nicht mitmachen, fürchte ich.“
„Lassen Sie sich etwas einfallen!“ Lairis betonte diese Worte ganz besonders.
Lieutenant van de Kamp sah in ihre Augen und verstand. „Ich kann Ihnen nichts versprechen.“
„Sie sind unsere einzige Hoffnung! Lassen Sie uns nicht im Stich!“
„Auf keinen Fall“, erklärte Marc fest.
Rettung in Sicht by Adriana
Ein seltsames Geräusch weckte Lairis’ Aufmerksamkeit … ein leises Scharren irgendwo im Zimmer. Unter Schmerzen richtete sie sich auf. Zuerst dachte sie, ihr vom Quickening zermartertes Hirn spiele ihr einen Streich: Auf einem der Sessel thronte eine fette graue Kanalratte und starrte sie an. Wie war dieses Vieh durch das Kraftfeld gekommen? Oder hatte es sich die ganze Zeit irgendwo in der Suite versteckt? Diese Vorstellung erschien Lairis ekelerregend. Sie verabscheute Ratten! Nicht so sehr, wie cardassianische Wühlmäuse, aber genug, um auf keinen Fall mit ihnen in einem Raum sein zu wollen.
Raymond schlief und bekam von alldem nichts mit. Die Läsionen in seinem Gesicht waren mittlerweile rot geworden.
Lairis sah sich hektisch nach einer Waffe um und riss die Hotelbibel aus dem Nachtschrank.
Die Ratte ließ sich davon nicht im Geringsten beeindrucken. Im Gegenteil – sie begann, zu wachsen, blähte sich zu einem unförmigen, ockerfarbenen Monstrum auf und nahm in der nächsten Sekunde die Gestalt eines Mannes an: Ein Mann mit einem glatten, unausgeformten, leicht mürrisch wirkendem Gesicht und einer bajoranischen Milizuniform. Lairis hielt die Bibel immer noch wurfbereit, was er mit einem entnervten Augenrollen quittierte.
„Odo?“ rief sie verblüfft. „Constable Odo von DEEP SPACE NINE? Ich wusste, dass Sie mit Captain Sisko auf die Erde gekommen sind, aber …“
„Woher wollen Sie wissen, dass ich es wirklich bin?“ fragte er prüfend. „Ich könnte ein anderer Wechselbalg sein, der sich als Odo ausgibt, um Sie hinters Licht zu führen …“
Lairis schüttelte den Kopf. Ein kleines Lächeln ließ ihre Augen aufblitzen. „Niemand kann so unnachahmlich die Augen verdrehen, wie Sie.“
Odos Mundwinkel zuckten flüchtig. „Zum Glück für Sie und Ihre Crew sind Sie ein wesentlich besserer Beobachter als Ihr Erster Offizier.“
„Jerad? Haben Sie mit ihm gesprochen?“
„Nein, aber laut der Sternenflotte hat er gestern Abend eine private kleine Unterhaltung mit einem Formwandler in Ihrer Gestalt geführt.“ Als er bemerkte, wie sich die Miene des Captains verfinsterte, fuhr er schnell fort: „Ich verabreiche Ihnen jetzt das Gegenmittel und etwas gegen die Schmerzen.“
Lairis’ Miene hellte sich sofort wieder auf, als Odo ihr das Antigen spitzte.
„Was ist mit den Überwachungsgeräten?“, fiel ihr ein.
„Es gibt keine Überwachungsgeräte.“
Sie lachte abfällig auf. „Jen’thal hat wohl bei den Cardis überhaupt nichts gelernt!“
„Jen’thal?“
„Einer der Wechselbälger, die uns gefangen haben.“
Odo machte eine wegwerfende Handbewegung. Dem schlummernden Raymond näherte er sich etwas zögerlich. „Soll ich ihn wecken?“
„Ich habe nicht vor, ihn auf der Schulter zu tragen, wenn wir hier abhauen!“
Odo leerte das Hypospray an Raymonds Hals und warf Lairis einen schrägen Blick zu. „Hier abhauen? Viel zu riskant! Ich habe in einer halben Stunde drei Wechselbälger entdeckt und die Alarmanlage im Erdgeschoss ist auch nicht von schlechten Eltern.“
„Konnten Sie sie nicht unbrauchbar machen?“
„Sie wurde nicht von den Wechselbälgern installiert, sondern gehört zur Einrichtung dieses Gebäudes und ist äußerst resistent gegen unqualifizierte Sabotage-Versuche“, erklärte Odo ungeduldig. „Hören, Sie Captain, es dauert mindestens drei Stunden, das Passwort für diese Anlage zu knacken – selbst ohne Unterbrechungen durch meine lieben Artgenossen. Ich muss mich regenerieren, so viel Zeit habe ich beim besten Willen nicht! Ich wurde nur vorgeschickt, um Sie und den Jungen von der Krankheit zu heilen.“
„Und was hat sich die Sternenflotte Raffiniertes einfallen lassen, um uns zu befreien?“
„Zum Glück konnten wir sie davon abhalten, Ihr Leben zu gefährden, indem sie einen Trupp schwer bewaffneter Sicherheitsleute vorbei schicken … Das bedeutet, sie erfüllen die Forderungen der Wechselbälger zum Schein. Ihr Ingenieur meinte, wenn er nicht auf eine passende Gelegenheit warten würde, um seinem angeblichen Freund, dem Chefkonstrukteur, die Pläne zu stibitzen, wäre die Vorstellung äußerst unrealistisch. Also müssen Sie leider noch eine Weile hier aushalten.“
„Ja, das leuchtet mir ein. Ich frage mich nur, wie lange ich den Anblick dieser Tapete noch ertragen kann“, scherzte Lairis.
Odo verdrehte wieder die Augen. „Der Rest läuft wie in einem schlechten Detektiv-Roman: Die Wechselbälger haben darauf bestanden, dass Ihr Ingenieur allein, unbewaffnet und unverwanzt zum Treffpunkt kommt. Tut er das nicht, werden Sie und Kadett Kitamura sofort getötet. Ihr Lieutenant muss diese Jen’thal auf einer geheimen Com-Frequenz kontaktieren, wenn er bereit ist – dann beamen sie ihn weg. Er übergibt ihnen die Pläne an einem neutralen Ort, den wir nicht kennen. Wenn die Wechselbälger zufrieden sind, erhalten Sie beide das Gegenmittel und werden freigelassen. Außerdem bekommen Sie Kommunikatoren, die sich nach einer halben Stunde selbst aktivieren. Damit können Sie nach Hause telefonieren, sobald die Formwandler über alle Berge sind, und sich von der Sternenflotte abholen lassen. Ich empfehle einen direkten Transport in den medizinischen Komplex des Hauptquartiers.“
Die Bajoranerin schmunzelte. „Ich schätze, dann war meine Vorstellung als armes, gebrochenes Opfer ziemlich überzeugend.“
„Nicht für Lieutenant van de Kamp. Er meinte, dieses Selbstmitleid würde überhaupt nicht zu Ihnen passen.“
„Einiges war ehrlich gemeint“, gab sie nachdenklich zurück. „Zum Beispiel, dass ich nicht will, dass Raymond ansehen muss, wie ich elend verrecke.“
„Die Gefahr besteht nicht mehr“, erklärte Odo.
Lairis nickte. Es schadete nicht, wenn sie das Antigen später ein zweites Mal bekamen … Sie durfte sich bloß nicht anmerken lassen, dass es ihr besserging. Die Wunden brauchten ohne Hautregenarator ihre Zeit, um zu heilen – es würde also nicht auffallen, dass sie kuriert war.
„Danke, Odo!“ Sie richtete sich steifbeinig auf und drückte seine Hand.
„Ich gehe jetzt wohl besser“, wand er sich verlegen. Dann zog er einen Datenkristall aus der Tasche und reichte ihn Lairis. „Als ich das Heilmittel gesucht hab, fiel mir ein Datenpaddd in die Hände. Es hatte eindeutig eine Dominion-Signatur. Sein Inhalt war chiffriert, aber ich konnte ihn auf diesen Kristall überspielen. Versuchen Sie ihn rauszuschmuggeln – vielleicht enthält er wichtige Informationen.“
„Warum ich und nicht Sie? Als Formwandler hätten Sie doch viel eher die Möglichkeit …“
„Ich habe in letzter Zeit zu oft die Form gewechselt“, erklärte Odo. „Mein Regenerationszyklus ist aus dem Takt geraten und ich spüre, dass ich dringend in meine flüssige Form zurück muss. Wenn ich versuche, den Kristall heraus zu schmuggeln und mich unterwegs verflüssige, habe ich auch nichts gekonnt.“
Nacht über Lissabon by Adriana
Der Himmel über Lissabon war sternenklar, als die kleine Gruppe von Starfleet-Kadetten zur Division für Planetare Operationen gebeamt wurde. Kilari Kayn fröstelte trotz der lauen, mediterranen Frühlingsluft. Es war die Heimlichtuerei, die ihr Unbehagen bereitete. Ein Instruktionsoffizier, der seinen Namen nicht nannte, Befehle, die keinen Sinn ergaben, der selbstreplizierende Computervirus, den Kilari programmiert hatte, aber dessen Funktion sie nicht kannte ...
Dazu kam noch die Tatsache, dass lediglich ein paar der älteren Semester über den Charakter dieser Mission Bescheid wussten. Kilari war sich darüber im Klaren, dass man als Sternenflottenoffizier manchmal Befehle befolgen musste, ohne Frage zu stellen. Im Laufe ihrer verschiedenen Leben hatte sie jedoch ein sicheres Gespür für Gefahr entwickelt - und auch dafür, wann ein krummes Ding gedreht wurde. Genau dieses Gespür meldete sich jetzt ... „Ich finde, du könntest mir endlich sagen, worum es hier geht!“ sagte sie zum dem Kadetten neben ihr, Riley Aldren Shepard.
Dieser grinste. „Das erfährst du noch früh genug.“
Kilari schluckte ihren Ärger herunter. Shepard ließ keine Gelegenheit aus, um ihr zu zeigen, dass er in der Rangordnung der „Red Squad“ über ihr stand. Dabei war sie ein vereinigter Trill mit fünf Leben und außerdem älter als er. Doch wie viele andere Kadetten, die zu dieser Elitetruppe gehörten, erlebte Shepard einen Höhenflug ohnegleichen. Kilari nahm an, dass sein rationales Denkvermögen davon stark in Mitleidenschaft gezogen wurde.
„Es ist alles bereit. Wir können anfangen“, sagte Tim Watters zu der Gruppe.
„Anfangen? Womit?“, wagte Kilari zu fragen.
Shepard drehte sich zu ihr um - und grinste wieder einmal selbstgefällig. Sein Spektrum an mimischen Ausdrucksmöglichkeiten war offenbar recht gering...
„Wir werden das globale Energienetz abschalten!“ verkündete er.
„Was?“, rief die Trill entgeistert.
„Die Codes und die Ausrüstung dafür haben wir auf der LAKOTA erhalten. Nun müssen wir nur noch dafür sorgen, dass dein Virus brav von Energierelais zu Energierelais springt – sonst sind wir nämlich angeschmiert!“
„Der selbstreplizierende Virus... Ich dachte, das wäre eine Waffe gegen das Dominion!“
„Ist es auch“, entgegnete Shepard.
„Bitte, Kilari! Du musst uns schon vertrauen!“ mischte sich Watters ein.
Kilari hätte beinahe laut gelacht. Watters vertrauen? Nachdem er sich in den letzten Tagen wie die schlechte Karrikatur eines Geheimagenten aufgeführt hatte?
„Wenn wir jetzt die Energie abschalten, ist die Erde wehrlos, falls das Dominion angreift“, protestierte die Trill. „Was bitte soll das für einen Sinn machen?“
„Los, fangen wir an!“, rief Watters, der Anführer.
Kilari verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Ohne mich!“
Der Anführer verdrehte die Augen. „Komm schon, Kilari! Laß die Faxen!“
„Ich fasse nichts an, solange ich nicht weiß, was hier gespielt wird“, entgegnete die Trill.
„Mein Gott, wenn die noch länger ‘rumzickt, werden wir noch erwischt!“ rief ein Mädchen.
Das Wort „erwischt“ ließ Kilari aufhorchen. „Es ist also doch illegal, oder?“
Niemand beantwortete ihre Frage. Shepard allerdings aktivierte seinen Kommunikator.
Reingelegt by Adriana
Der Treffpunkt war ein einsames Felsplateau im Yellowstone-Park. Lairis und Raymond wurden von drei Formwandlern bewacht, die sie keine Sekunde aus den Augen ließen.
Lairis bedachte sie mit einem entnervten Blick. „Keine Angst, wir laufen schon nicht weg! Vergessen Sie nicht: wir sind todkrank. Wo sollten wir also hin?“
Als Lieutenant van de Kamp herunterbeamte, aktivierte Jen’thal ein kleines Gerät und ein leuchtender violetter Kreis zog sich um die ganze Gruppe. Eine Energiebarriere.
Anschließend wurde der Ingenieur von Kopf bis Fuß gescannt. Er gab sich die größte Mühe, niedergeschlagen zu wirken, und Lairis amüsierte sich insgeheim darüber. Das Datenpaddd, dass er in der Hand hielt, riss ihm Jen’thal förmlich aus den Fingern. „Sind das die Pläne?“
„Ja“, antwortete Marc widerwillig und wich demonstrativ dem Blick seines Captains aus.
„Das ging schneller, als ich erwartet hatte …“
„Ja, das Passwort meines Freundes war leicht zu knacken. Wundert mich auch.“
Jen’thal wedelte mit dem Padd wie mit einem Fächer. Ihr durchdringender Blick sorgte dafür, dass sich der junge Ingenieur immer unbehaglicher fühlte. „Und nun erlauben Sie mir eine ganz einfache Frage: Für wie dumm, leichtfertig oder inkompetent halten Sie mich?“
Raymond und Lairis zuckten heftig zusammen.
„Was … wie bitte?“ stammelte Marc.
„Das war viel zu leicht … wo ist der Haken?“
„Haken … Welchen Haken?“
„Sie treffen sich mit mir und meinen Geschwistern in der Wildnis, um uns den letzten Trumpf ihrer lächerlichen Sternenflotte in die Hand zu drücken …“
„Von ‚in die Hand drücken’ kann ja wohl nicht die Rede sein“, knurrte Marc.
„Mir ist völlig klar, dass Sie die Sicherheit der gesamten Föderation aufs Spiel setzen, um lediglich zwei Personen zu retten … so illoyal ist nicht einmal ein Solid. Sicher haben Sie lange mit der Sternenflotte diskutiert, wie sie uns am besten reinlegen können …“
Lairis hielt den Atem an. Würde Marc es schaffen, sich aus der Affäre zu ziehen? Sie sah schwarz. Die Wechselbälger mit gefälschten Konstruktionsplänen zu täuschen, war ein kindischer Plan und von Anfang an zum Scheitern verurteilt … Resigniert wartete sie auf den Schuss, der ihrem Leben ein Ende setzen würde.
„Bitte, Sie können die Pläne gern auf ihre Echtheit überprüfen“, entgegnete Lieutenant van de Kamp entnervt.
„Oh, das ist das Mindeste, was wir tun!“
„Warum haben Sie dem Treffen überhaupt zugestimmt, wenn Sie uns nicht trauen?“
„Die Sternenflotte hat dadurch erfahren, dass zwei ihrer Leute entführt und mit einem tödlichen Virus verseucht wurden … und dank der föderierten Pressefreiheit weiß es wahrscheinlich bald der halbe Quadrant. Die Panik, die dann ausbricht, steht gewiss in keinem Verhältnis zur realen Bedrohung … Ich muss zugeben, der Gedanke an Milliarden verängstigter Solids ist den Aufwand allemal wert, den wir mit der Entführung Ihres Captains getrieben haben! Bald werden sie einen Sternenflottenoffizier an jeder Ecke postieren, niemanden mehr auf die Straße lassen, womöglich den ganzen Planeten unter Quarantäne stellen … und ihre humane, tolerante Gesellschaft, auf die Sie so stolz sind, ist irgendwann nur noch eine Fußnote im Geschichtsbuch wert. Eigentlich wollten wir in diesem Teil der Galaxie für Ordnung sorgen – aber so, wie die Dinge sich entwickeln, tun das die Menschen in nächster Zeit selbst.“
Die Nacht senkte sich allmählich über Yellowstone und mit ihr wurde die Stille immer bedrückender. Niemand gab einen Ton von sich und das Kraftfeld sperrte sämtliche Geräusche der Natur aus: den Wind, das Rascheln der Blätter, die schrillen Schreie der Greifvögel.
Lairis dachte angestrengt nach. Sie sagte sich immer wieder, dass Jen’thal mit ihren Schilderungen maßlos übertrieb. Sie tauschte einen Blick mit Raymond, aber der war auch keine Hilfe. Zu allem Überfluss verlor Odos Schmerzmittel an Wirkung.
Odo … er hatte etwas erwähnt, das nun in ihrem Hinterkopf rumorte, wie ein vergessener Termin … irgendetwas über seine flüssige Form … „Wie lange laufen Sie eigentlich schon in dieser Gestalt herum, Jen’thal? Fünfzehn Stunden? Sechzehn?“ hörte sie sich zu ihrer eigenen Überraschung fragen. „Sie müssen sich bald regenerieren, nicht wahr? Und ich nehme an, Ihren Brüdern geht es genauso … Ist Ihnen klar, dass Sie uns in Ihrem flüssigen Zustand hilflos ausgeliefert sind?“ Lairis blickte in ihre eigenen Augen, die sie scharf und irgendwie empört musterten. Sie hatte einen wunden Punkt bei Jen’thal berührt, die Schwachstelle eines jeden Formwandlers … Hoffentlich reagierten die Wechselbälger so, wie sie erwartete!
Jen’thal lächelte kalt. Eine kleine Ewigkeit sagte sie gar nichts. „Sie verstehen uns besser, als ich dachte“, erwiderte sie schließlich. „Zur Belohnung lassen wir Sie frei.“
„Moment, was ist mit dem Antigen?“ fragte Raymond geistesgegenwärtig.
Das Lächeln des Wechselbalges wurde noch eine Winzigkeit breiter. „In unserer Abmachung hieß es, Sie würden das Antigen bekommen, falls wir mit Lieutenant van de Kamps Arbeit zufrieden wären … sind wir aber nicht. Gute Nacht!“
Das Kraftfeld erlosch, drei gallertartige Säulen schossen in den Himmel. Hoch oben in der Luft verwandelten sie sich in Eulen, von denen die mittlere ein Datenpaddd in den Klauen hielt.
„Warten Sie … das können Sie uns doch nicht antun!“ brüllte Lairis und hoffte, einigermaßen wütend und entsetzt zu klingen.
„Scheiße!“ fluchte Marc inbrünstig – und sehr überzeugend.
Nach kurzer Zeit waren die falschen Eulen außer Sicht- und Hörweite. Raymond strahlte und hielt seine flache Hand hoch. „Los, schlagen Sie ein!“ sagte er zu Captain Lairis.
Marc lächelte entschuldigend. „Ich würde Ihnen ebenfalls gern die Hand reichen, Captain, aber ich riskiere lieber nichts.“
„Lieutenant van de Kamp, was war auf dem Datenpaddd, das Sie den Formwandlern gegeben haben?“ fragte Raymond neugierig.
„Konstruktionspläne.“
„Was für welche?“
Marc lächelte hintergründig. „Etwas, das ich mit dreizehn für die High-School-Wissenschafts-olympiade gebaut hab.“
„Und was war das?“
„Ein Perpetuum Mobile.“
„Ein Perpetuum Mobile? Wirklich originell“, spottete Lairis.
„Es hätte beinahe funktioniert … aber eben nur beinahe.
Für die nächsten Minuten hallte das Lachen der drei über das ganze Tal und wurde den Felsen als Echo zurückgeworfen. „Aua“, brummte Lairis, weil ihr Gesicht sich plötzlich anfühlte, als würde es mit heißen Nadeln bearbeitet.
„Wie gelangen wir jetzt zum Hauptquartier?“ wollte Raymond wissen.
„Gute Frage! Wenn alles glatt gelaufen wäre, hätten wir Kommunikatoren bekommen … aber da ich an Murphys Gesetz glaube, habe ich das hier mitgebracht.“ Er kramte ein Blatt Papier aus seiner Gürteltasche.
„Was ist das?“ fragte Lairis.
„Eine Karte. Tricorder waren leider nicht erlaubt.“
„Aber das ist eine Karte von Yellowstone!“ wunderte sich Raymond. „Ich dachte, Sie würden den Treffpunkt nicht kennen …“
„Captain Lairis’ Isotopenspur“, erklärte Marc.
„Die hat uns schon mehr als einmal gerettet“, sinnierte Lairis. „Dabei sagte meine Schwester, ich wäre lebensmüde, als ich in den Untergrund gegangen bin.“
„Also, auf zum nächsten Transporter … Schaffen Sie das, Captain?“
„Natürlich.“
Dann studierte er die Karte und blickte konzentriert in alle vier Himmelsrichtungen. „Ich glaube, der schnellste Weg zum Transporter ist …“ Er deutete auf einen steilen, von Unkraut überwucherten Pfad, der zu allem Überfluss ziemlich glitschig aussah. „… dieser hier.“
„Das ist nicht Ihr Ernst!“ schnappte Lairis.
„Captain, ich weiß, dass Sie durch die Krankheit geschwächt sind … wir können gern einen anderen Weg suchen.“
„Ich rede nicht von meiner Krankheit, sondern von meinen zehn Zentimeter hohen Absätzen!“
Marc seufzte leise. „Frauen!“
„Meine Absicht gestern war es, einen netten, ruhigen Abend in der Blue Planet Taverne zu verbringen – nicht etwa, mich von einer fiesen Dominion-Seuche infizieren zu lassen oder gar mitten in der Nacht einen schlammigen Pfad runterzurutschen!“
„Wie ich schon sagte, Captain: Wir finden einen anderen Weg.“
„Sind Sie sicher, dass dieser Weg hier der Kürzeste ist?“
„Ja, ziemlich sicher.“
Entschlossen zog sie ihre hochhackigen Sandaletten aus. „Wir nehmen ihn.“
„Bei allem Respekt – Sie wollen doch nicht etwa barfuß dort runter?“ protestierte Marc entgeistert. „Wir haben höchstens 18°C!“
„Ich habe diesen ekelhaften Virus überlebt! Da überstehe ich auch eine kleine Unterkühlung.“ Lairis verschwieg, dass ihre Fußsohlen an mehreren Stellen aufgeplatzt waren und jeder Schritt wehtat – ob mit oder ohne Schuhe. Der Abstieg über diesen Pfad gefiel ihr gar nicht – doch die Vorstellung, einen Umweg von mehreren Kilometern laufen zu müssen, gefiel ihr noch weniger.
„Also gut“, lenkte Marc ein. Zum Glück schien der Mond sehr hell – sonst wären die Chancen für gebrochene Knöchel ziemlich gut gewesen.
Lairis biss die Zähne zusammen. Sie trat nach Möglichkeit auf Grasbüschel und versuchte, den fetten blauen andorianischen Stachelschnecken aus dem Weg zu gehen.
Als sie das Gleichgewicht verlor, griff sie nach dem nächstbesten Halt, der sich dummer weise als Brennnesselbusch entpuppte. Sie fluchte erstickt.
„Captain, Sie halten sich wohl besser an mir fest“, schlug Raymond mit einem kleinen Lächeln vor und Lairis nahm sein Angebot dankbar an.
„Jeder, der mich daran erinnert, dass ich die freie Natur liebe, wird standrechtlich erschossen“, murmelte sie. Es kam ihr wie ein halber Tag vor, bis sie endlich die Tranporterstation erreichten.
„Hier stimmt irgendwas nicht“, rutschte es ihr heraus – aber sie konnte nicht genau definieren, was es war. Bis Lieutenant van de Kamp feststellte: „Hier ist niemand.“
„Was soll das heißen?“ hakte Raymond nach, blickte dabei erst Marc, dann Lairis an.
„Die Station … sie müsste rund um die Uhr besetzt sein. Aber hier ist kein Techniker.“
Er trat hinter die Konsole, um die Regler selbst zu bedienen – und schlug vor Ärger mit der flachen Hand auf das Pult. „Der Transporter funktioniert nicht.“
„Das hat uns gerade noch gefehlt!“ schimpfte Lairis und Marc warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. Er holte einen Werkzeugkoffer aus der Kabine der Transporterchiefs und schraubte mit flinken Fingern die Konsole auf.
„Können Sie ihn reparieren?“ fragte Lairis nach einer Weile.
Marc schüttelte den Kopf. „Die Elektronik ist in Ordnung.“
„Woran liegt es dann, dass der Transporter nicht funktioniert?“
„Er hat keinen Saft.“
„Das heißt, sie haben ihn abgeschaltet? Nur wieso?“
Marc verzog das Gesicht. „Jetzt verstehen Sie, warum ich an Murphys Gesetz glaube.“
„Sie meinen die Tatsache, dass ein Unglück selten allein kommt?“
„Ja, so ungefähr.“
„Captain, sehen Sie sich das an!“ Raymond deutete in die Ferne.
Am Horizont, wo die Lichter der nächsten Stadt leuchten sollten, war alles dunkel.
„Das ist es also.“ Lairis kniff die Augen zusammen.
„Was, Captain?“
Ihre Eingeweide brannten, ihr war schwindelig, sie suchte Halt und fand Raymonds Ärmel. „Das, was mir gleich am Anfang aufgefallen ist … das, was mir so unnormal vorkam“, erwiderte sie gepresst, bevor sie das Bewusstsein verlor.
Dunkle Stadt by Adriana
Der Junge wird sich schnell erholen – aber der Zustand Ihres Captains ist ernst“, erklärte Doktor Ronald Tygins, Chefarzt der USS LAKOTA. Wegen der allgemeinen Notlage hatte ihn die Sternenflotte kurzfristig auf die Erde abkommandiert. Zwei seiner Sanitäter hatten die ohnmächtige Lairis und die beiden neben ihr knienden Männer vor dem Transporter gefunden und mit ihrem Shuttle ins Hauptquartier geflogen.
„Wie ernst?“ wollte Lieutenant van de Kamp wissen.
„Innere Blutungen, akute Kreislaufschwäche, Fieber …“ Das Gesicht des Doktors erinnerte an eine traditionelle, afrikanische Steinskulptur. Bis auf die Augen … trotz seiner introvertierten Art lag darin eine fürsorgliche Wärme, aber auch eine gewisse Schwermütigkeit. Er hätte fünfunddreißig oder genauso gut fünfundfünfzig Jahre alt sein können. Das krause, dichte Haar war – wie Lieutenant van de Kamp erstaunt feststellte – zu unzähligen Zöpfchen geflochten und mit einem schlichten Gummi im Nacken zusammengebunden. Nicht gerade eine sternenflotten-typische Frisur …
„Sie wird doch wieder gesund, oder?“ unterbrach ihn Marc besorgt.
Doktor Tygins lächelte aufmunternd. „Natürlich. Sobald die Stromversorgung wieder funktioniert, legen wir sie in die Röhre, und in eins-zwei Tagen wird sie wieder ganz die Alte sein.“ Die „Röhre“ war ein Biobett, das sich wie eine Bahnhofskuppel über dem Patienten schloss und rundum mit Hochleistungs-Geweberegeneratoren ausgestattet war.
„Und wenn die Energie nicht rechtzeitig wieder eingeschaltet wird?“ wagte Marc zu fragen.
„Sie wird es schaffen“, antwortete der Arzt, aber sein Lächeln war verschwunden.
„Ohne bleibende Schäden?“
„Wir tun unser Bestes“, erwiderte Doktor Tygins ernst. „Aber wir haben nur ein Notstromaggregat und die Batterie hält maximal zwei Tage … wenn wir sparsam sind. Die Energie ist plötzlich auf dem ganzen Erdball ausgefallen … auch das Versorgungsnetz der Sternenflotte.“
„Wie konnte das passieren?“
Doktor Tygins zuckte die Schultern. „Ich kenne nur Gerüchte. Angeblich war es Sabotage. Ein Computervirus. Anders kann ich es mir auch nicht erklären.“
„Wechselbälger?“
„Wer sonst.“ In den schwermütigen, dunklen Augen flackerte plötzlich Zorn auf. „Wenn Sie mich fragen: Ich traue diesem Dominion alles zu! Was sie Captain Lairis und Kadett Kitamura angetan haben, ist schon eine Ungeheuerlichkeit! Ich hab ja schon so manche üble Infektion behandelt – aber das …“ Er schüttelte immer wieder den Kopf.
„Vielleicht finden Sie ein Heilmittel gegen dieses Virus“, erwiderte Marc hoffnungsvoll. „Können Sie das Antigen aus dem Blut des Captains extrahieren?“
Tygins seufzte. „Das Antigen hat sich fast vollständig aufgelöst. Da kriegen wir keine brauchbaren Daten mehr.“
„Aber Sie können dieses Virus erforschen …“
Tygins durchbohrte ihn förmlich mit seinem Blick. „Das kann ich eben nicht.“
„Was soll das heißen?“
„Es ist kein gewöhnliches Virus, sondern eine biologische Waffe, die um keinen Preis in die falschen Hände geraten darf. Alle Daten, die dieses Virus betreffen, fallen unter die Sicherheitsstufe Orange: Nur für Regierungsmitglieder und Sternenflottenoffiziere vom Commander aufwärts – und die brauchen auch noch eine Sondergenehmigung.“
Marcs Blick streifte seine Rangabzeichen, die ihn als Lieutenant Commander auswiesen. „Also dürfen Sie Captain Lairis gar nicht behandeln, weil Ihr Rang nicht hoch genug ist?“
„Richtig.“ Tygins biss sichtlich die Zähne zusammen.
„Und was ist, wenn Sie viel kompetenter sind, als die hohen Tiere, die Lairis jetzt in den Fingern haben?“ regte sich Marc auf.
„Die Wahrscheinlichkeit ist groß. Aber was soll ich machen?“ grollte Tygins.
„Was machen Ihre hoch angebundenen Kollegen denn gerade mit Captain Lairis?“
„Sie schneiden ihr die Klamotten herunter und bereiten sie für eine Not-OP vor.“
„Heißt das, Sie schlitzen sie mit einem Skalpell auf, setzen ein paar Blutegel an und nähen sie anschließend mit Bindfaden wieder zu?“ frozzelte Marc.
„Ein kleiner Stromausfall wie dieser wirft uns nicht gleich fünfhundert Jahre in der Evolution zurück“, erklärte Tygins streng – aber seine Augen blitzten unverkennbar auf, so als müsste er sich mühsam das Lachen verkneifen.
„Oh Gott, ich hätte niemals zulassen dürfen, dass sie diesen dreckigen Pfad …“
„Ihre Kletterpartie hat nichts damit zu tun“, beruhigte ihn der Doktor. „Nicht viel. Die Viren feierten sozusagen eine Abschiedsparty in ihrem Körper, bevor sie endgültig eliminiert wurden.“
Marc fühlte sich dadurch nicht besser. Er ließ sich auf einer schmucklosen Kunststoffbank nieder und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Er hatte sich freiwillig gemeldet, um den Datenkristall zu entschlüsseln, den Odo Captain Lairis gegeben hatte. Dafür brauchte er seine gesamte Konzentration und Selbstvorwürfe waren einfach nur kontraproduktiv.
Die junge Frau, die sich neben ihm niederließ, hätte er beinahe nicht erkannt.
Es war Julianna. Sie trug immer noch ihr türkisgrünes Ballkleid. Statt von kobaltblauem Lidstrich waren ihre Augen von dunklen Schatten umrahmt, die langen blonden Haare hingen schlaff herunter. Das verriet im Grunde alles über ihre seelische Verfassung und Marc warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. Wenn sich Julianna Lairis nicht um ihr Aussehen kümmerte, ging es ihr wirklich schlecht. „Wie geht es meiner Mutter?“ erkundigte sie sich spröde.
„Ich weiß noch nichts Genaues“, erwiderte er bedrückt.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Die Notbeleuchtung erhellte den Gang nur sehr dürftig, Krankenschwestern, Ärzte und Besucher huschten wie Schattengestalten vorbei.
Dann sprang Julianna plötzlich auf. „Ich kann das nicht mehr!“ rief sie so laut, dass ein paar der Schattenköpfe neugierig herumfuhren.
„Was?“ fragte Lieutenant van de Kamp schläfrig.
Die Erschöpfung und das Schummerlicht hätten ihn beinahe einnicken lassen.
„Ich kann nicht länger rumsitzen und nichts tun!“ erklärte Julianna und fuhr sich nervös mit allen zehn Fingern durchs Haar. „Ich fühle mich so nutzlos.“
„Du kannst mir einen Kaffee holen.“ Marc lächelte halbherzig.
Das Mädchen blickte ihn finster an. „Sehe ich aus wie Ihre Sekretärin, Lieutenant?“
„Wenn du unter die Dusche gehst … vielleicht.“ Er grinste.
Julianna ignorierte seine Bemerkung. „Ich hole ein paar Sachen aus dem Hotel. Klamotten, Datenpadds und so. Mom wird sie brauchen, wenn sie aufwacht.“
„Hier funktioniert weit und breit kein Transporter. Wie willst du zum Hotel kommen?“
„Zu Fuß natürlich. Es ist nicht weit.“
„Hältst du das für eine gute Idee?“ fragte Marc, auf einmal wieder munter.
„Keine Angst, mich entführen die Wechselbälger bestimmt nicht.“
„Ich dachte auch nicht an Wechselbälger.“ Marc fuhr sich mit der Zungenspitze über seine trockenen Lippen. „Als dieser Borg-Kubus vor sieben Jahren zur Erde unterwegs war, hatte ich einen Job als Forschungsassistent an der Akademie. Ich habe erlebt, wozu Menschen fähig sind, wenn sie in Panik geraten … Eigentlich wollte ich nur mit meinem Gleiter zum Einkaufen fliegen, aber sie stiegen mir auf Dach, hämmerten gegen die Scheiben und flehten mich an, dass ich sie mitnehmen soll … sie hängten sich sogar an meine Gondeln, als ich gerade abhob … ich konnte das Triebwerk nicht mehr zurückfahren und wäre beinahe abgestürzt, mitten in diesen Menschenauflauf gekracht … womöglich hätte es Tote gegeben und ich weiß nicht, ob ich damit fertig geworden wäre …“
„Was haben Sie getan?“ fragte Julianna gespannt.
„Meine unfreiwillige Ladung im nächsten Park abgesetzt.“ Er lächelte schief.
Julianna lächelte zurück. „Das wird mir wohl nicht passieren.“
„Trotzdem ist da draußen der Teufel los! Die Leute denken, dass ein Krieg ausbricht, dass sie vielleicht morgen nichts mehr zu essen haben … ich an deiner Stelle hätte Angst, dass sie mich auf dem Weg zum nächsten Supermarkt umrennen und niedertrampeln.“
„Sie sind ein Pessimist. Wissen Sie das?“
„Mag sein. Trotzdem solltest du bis morgen früh warten … bis die schlimmste Panik überstanden ist. Vorher wacht deine Mutter sowieso nicht auf.“
„Dann haben wir wahrscheinlich Ausgangssperre oder die Jem’Hadar greifen an“, entgegnete Julianna trocken.
„Hey, wer ist jetzt pessimistisch?“
„Alle reden darüber, dass Layton und Captain Sisko die Erde unter Kriegsrecht stellen wollen! Die beiden sind gerade beim Präsidenten und …“
„Wie bitte?“ entfuhr es Marc.
„Ich denke, es ist richtig, den Ausnahmezustand auszurufen“, meinte Julianna. „Ohne Energie ist die Erde schließlich wehrlos – ein gefundenes Fressen für ’s Dominion!“
„Wenn das Dominion jetzt angreift, sind wir sowieso verloren. Da nützt es auch nichts, wenn Layton einen Sicherheitsoffizier neben jedem einzelnen Laternenpfahl postieren lässt!“
„Soll er lieber Däumchen drehen und auf das Begrüßungskomitee der Jem’Hadar warten?“
„Natürlich nicht! Es ist schon richtig, so viele Sternenflottenoffiziere, wie’s geht, zu mobilisieren, und es ist auch richtig, in so einer Situation den Ausnahmezustand auszurufen. Allerdings …“ Er atmete heftig ein und aus. „Ich hab’ irgendwie ein schlechtes Gefühl bei der Sache.“
„Ein schlechtes Gefühl? Inwiefern?“
„Na ja, ich finde, Layton handelt ein bisschen ... übereilt. Da ist der Strom noch nicht einmal zwei Stunden weg – und schon glaubt er, zu wissen, dass die Energieversorgung durch Wechselbälger sabotiert wurde …“
„Haben Sie eine andere Erklärung?“
„Nein … nicht wirklich.“ Marc zögerte lange mit dieser Antwort. „Wahrscheinlich möchte ich einfach nicht wahrhaben, dass die Erde praktisch unter Kontrolle der Wechselbälger steht.“
„Und wir können nichts machen – nur auf die Entscheidung des Präsidenten warten...“
„Ich möchte nicht in seiner Haut stecken“, gab Lieutenant van de Kamp zu. „Wenn ich Jaresh Indio richtig einschätze, wird es eine Weile dauern, bis Layton ihn überzeugt hat.“
„Dann hole ich jetzt die Sachen aus dem Hotel … falls sich Indio schneller entscheidet, als Sie denken.“ Mit diesen Worten erhob sie sich und schritt eilig davon.
Marc hatte immer noch Zweifel, als er ihr nachsah.


Ohne Straßenlaternen und Reklamelichter wirkte das nächtliche San Francisco düster und tot. In einigen Fenstern flackerten Kerzen, aber die meisten waren dunkel. Julianna konnte keine zwei Meter weit sehen und war fast geneigt, Lieutenant van de Kamp recht zu geben. Sie wurde zwar nicht umgerannt und niedergetrampelt, aber ein paar Mal so heftig angerempelt, dass sie sich Minuten später immer noch die blauen Flecken rieb.
„Hey, pass doch auf, du Idiot!“ beschimpfte sie den Ersten, der sie beinahe über den Haufen gerannt hatte.
„Ich hab 'nen Phaser und schieß dir in den Hintern!“ schrie sie dem Nächsten hinterher.
Wieder pflügten sich ein paar menschliche Bulldozer den Weg zur nächsten Lebensmittelquelle frei und Julianna sprang ihnen in letzter Minute aus dem Weg.

Wird Zeit, dass die Sternenflotte durchgreift – die haben doch alle 'nen Schatten! dachte sie.
Da wurde ihr bewusst, dass sie mit ihrem Absatz in einem Gitterrost feststeckte. Bis sie sich endlich befreit hatte, musste sie einem verrückten alten Mann zuhören, der von einer Parkbank herab den Weltuntergang predigte: „… und es ward ein Hagel und Feuer mit Blut gemengt, und fiel auf die Erde; und das dritte Teil der Bäume verbrannte und alles grüne Gras verbrannte … Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde und ihnen ward Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben … Und in den Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden, werden begehren, zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen. Und die Heuschrecken sind gleich den Rossen, die zum Kriege bereitet sind und auf ihrem Haupt wie Kronen dem Golde gleich, und ihr Antlitz gleich der Menschen Antlitz …“
Zu allem Überfluss fing es auch noch an, zu regnen. Sie verlor die Orientierung und fröstelte.
Zwei schmale, blasse Hände verkrallten sich in ihren Schultern. „Bitte … ich muss meine Tochter finden!“ jammerte eine weibliche Stimme.
Julianna atmete tief durch. „Wie sieht sie denn aus … Ihre Tochter?“
Die Frau fing an, zu schluchzen – aber als Julianna sie trösten wollte, riss sie sich los. Tränen kullerten über ihre Wangen und wurden prompt vom Regen abgewaschen. „Ich muss mein Baby finden …“ Dann verschwand sie in der Dunkelheit.
Julianna versuchte sich vorzustellen, in welcher Gefahr das Kind womöglich schwebte. Plötzlich konnte sie die Panik der jungen Mutter sehr gut nachvollziehen. Trotzdem … wenn die Frau doch nur ein bisschen weniger hysterisch gewesen wäre! So konnte Julianna ihr nicht helfen. Sie wusste ja noch nicht einmal, was eigentlich passiert war …
Nachdem sie eine Weile durch den Regen geirrt war, stand sie vor dem Bolianischen Spezialitätengeschäft gegenüber ihrem Hotel. Das Schaufenster war zertrümmert und ausgeplündert worden. Entsetzt und gleichzeitig fasziniert betrachtete Julianna, was davon übriggeblieben war: Ein Haufen Scherben. Genau wie von der Föderation...
„Blödsinn!“ schimpfte sie im nächsten Augenblick mit sich selbst. Wieso kam sie auf die Idee, dass die Föderation bereits in Scherben lag? Weil ihre Mutter von Wechselbälgern entführt worden war? Weil es ein paar Rowdys Spaß machte, Scheiben einzuwerfen? Weil die Bewohner der Erde in Endzeit-Stimmung verfallen waren? Hatte sie tatsächlich geglaubt, es gäbe keinen Ausweg aus dieser Krise?
Julianna schüttelte irritiert den Kopf und sah sich nach dem Privatshuttle ihrer Mutter um. Sie hatte keine reale Flugerfahrung, aber schon oft auf Holodecks geübt, und vor dem Rückweg zu Fuß graute ihr. Doch sie konnte das Shuttle nirgendwo entdecken – obwohl ein schwarz-goldener „Thunderbird SX-04“ normalerweise nicht zu übersehen war.
„Mist!“ fluchte sie. Ganz offensichtlich hatte es jemand geklaut.
Vorsichtig stieg sie über die Glasscherben hinweg, überquerte die Straße und betrat das Foyer. Die mollige Empfangsdame kam ihr entgegengelaufen, das Gesicht puterrot und von einem Schweißfilm überzogen. „Sie haben einen Kommunikator … Gott sei dank! Ich brauche Ihre Hilfe, Liebes … wir müssen die Sternenflottensicherheit rufen!“
Julianna runzelte die Stirn. „Was ist passiert?“
„Mein Computer … er war etwa dreißig Minuten lang völlig tot …“
„Sollten wir dann nicht lieber einen Monteur holen?“ erwiderte das Mädchen verständnislos.
Die Empfangsdame schüttelte energisch Ihren rotblonden Lockenkopf. „Zuerst dachte ich, es wäre der Stromausfall … aber dann fiel mir ein, dass unsere Computer alle mit Notakkus ausgestattet sind, falls ein Desaster wie dieses hier passiert …“
„Vielleicht gab es durch den Energieausfall eine Stromschwankung“, überlegte Julianna. „Die Sicherung ist durchgebrannt und …“
„Nein“, fuhr ihr die Frau über den Mund. „Die Sicherung war es nicht, glauben Sie mir! Als ich nämlich von der Toilette zurückkam, funktionierte das Gerät plötzlich wieder …“
„Aber das ist doch gut!“
„Nein, verstehen Sie denn nicht? Das war vorhin kein Terminal …“ Die Frau senkte ihre Stimme. „Das war ein Wechselbalg!“
Wäre die Lage nicht so ernst gewesen, hätte Julianna laut losgelacht. Sie nahm sich mühsam zusammen und fragte: „Kann es nicht sein, dass jemand die Sicherung ausgetauscht hat, während Sie auf der Toilette waren?“
„Wer denn? Hier ist niemand, außer mir.“
„Und die Gäste?“
„Hamstern“, antwortete sie lakonisch.
„Und nun denken Sie, ein Formwandler ist hier im Haus …“
Die Empfangsdame trat plötzlich ein paar Schritte von Julianna zurück. Ihre Augen wurden schmal. „Wie kann ich sicher sein, dass Sie es nicht sind?“
„Was? Ein Formwandler? Ich? Soll dass ein Witz sein?“
„Wie sind Sie überhaupt hier reingekommen? Ich hatte den Eingang verriegelt.“
„Ich hab einen Schlüssel“, erklärte das Mädchen. „Zimmer 241, Julianna Lairis. Meine Mutter hat das Zimmer bei Ihnen bestellt. Captain Lairis Ilana.“
„Ach ja, die Bajoranerin.“
Als die Frau sie weiterhin misstrauisch geäugte, nahm Julianna den Phaser, den ihre Mutter ihr zum Schulball mitgegeben hatte. Die Empfangsdame kreischte erschrocken auf.
„Keine Angst, ich will Ihnen nichts tun“, erklärte Julianna und legte ihr die Waffe in die Hand. „Sie können mich gern damit abtasten, wenn Sie mir nicht trauen. Der Phaser ist schon so eingestellt, dass es nicht allzu unangenehm für mich wird.“
Die Dame überlegte einen Moment, dann schnaubte sie und gab ihr den Phaser zurück. „Lassen Sie mal, Kindchen, ich glaube Ihnen ja.“
„Da bin ich aber froh!“
Plötzlich begann der Boden unter ihnen zu zittern. Das Zittern wurde von Sekunde zu Sekunde heftiger, bis es den beiden Frauen kaum noch möglich war, sich auf den Füßen zu halten. Sie verschwanden kreischend unter der Rezeptionstheke. Ein Unheil verkündendes Knirschen ließ vermuten, dass sich Risse in der Decke bildeten. Kalk rieselte herab wie fein vermahlenes Fallout. Julianna schloss die Augen vor Angst. „Oh Gott, die Jem’Hadar greifen an! Herr im Himmel, hilf uns! Liebe Propheten …“
„Ich glaube, das war nur ein Erdbeben“, meinte die Andere, als das Zittern endlich nachließ. „Wir sind hier immerhin in San Francisco! Ich stamme aus einem Städtchen ganz in der Nähe. Als ich klein war, gab es noch nicht überall seismische Kontrollen … Ich erinnere mich an Zeiten, da hab ich fast jeden Tag unter einem Tisch wie diesem hier gehockt!“
Ein Erdbeben, natürlich … Julianna lachte laut vor Erleichterung. Der Stromausfall hatte die seismischen Kontrollsysteme lahmgelegt – genau wie die Wetterkontrollstationen.
„Ich bin übrigens Leslie“, stellte sich die Empfangsdame vor. „Leslie McMahon.“
„Freut mich. Wie ich heiße, wissen Sie ja.“ Sie schüttelten sich die Hände.
Das Scheppern von Glas ließ Julianna erneut aufschreien.
„Das war wohl die Veranda“, bemerkte Leslie trocken. „Ich hab mich schon gefragt, wann sie uns endlich heimsuchen.“
Julianna nahm Leslies Hand und hastete die Treppen hinauf. Die Frau schnappte sich allerdings noch schnell eine schwere Reisetasche, die sie keuchend über die Stufen schleifte.
Auf dem Zimmer angekommen, schloss Julianna blitzschnell die Tür hinter sich. „Was wollen die? Plündern?“
„Was sonst“, antwortete die Empfangsdame.
„Können sie uns gefährlich werden?“
„Wenn sie das hier sehen … Vielleicht.“ Leslie zog den Reißverschluss ihrer Tasche auf und ein Bündel Lauch quoll heraus. Julianna erhaschte außerdem einen Blick auf mehrere Beutel Reis und eine Frischfleischpackung.
Das Mädchen prustete unerwartet los. „Au weia … Sie müssen ja die ganze Küche leergeräumt haben!“
„Immerhin hab ich trotz Stromausfall die ganzen Abrechnungen gemacht, als sich meine lieben Kollegen längst verkrümelt hatten. Da steht mir eine kleine Belohnung zu, finde ich.“ Leslie drückte Julianna eine Tüte voll Lebensmittel in die Hände. „Es reicht für uns beide.“
„Also, ich weiß nicht …“
„Na, packen Sie das Zeug schon ein!“ Die Stimme der Frau ließ keinen Widerspruch gelten.
„Gibt es hier eine Feuertreppe oder so was?“ fragte Julianna, während sie die Lebensmittel in
ihrem Rucksack verstaute.
„Natürlich. Sie meinen, wir verschwinden durch die Hintertür, so lange wir noch können?“
„Genau!“
Als sie auf den Flur hinaustraten, war er dunkel und menschenleer. Aber auf der Treppe stießen sie beinahe mit zwei Männern zusammen. Ihre Taschenlampen warfen unruhige Schatten an die Wand. „Hey, Mädels!“ rief der ältere von beiden. „In Zimmer 322 hat jemand ganze zwölf Säcke Kartoffeln gehortet! Wollt ihr was abhaben?“
„Äh … nein danke! Kartoffeln sind nicht so unser Ding“, erwiderte Julianna schnell.
„Dann eben nicht.“ Er zuckte die Schultern. „Bleibt mehr für uns.“ Mit seinem Kumpel im Schlepptau eilte er die Treppen hinauf.
Julianna und Leslie sahen sich mit betretenen Mienen an. Dann machten sie kehrt und schlüpften zurück ins Zimmer. „Das war jetzt echt peinlich“, seufzte Julianna. „Wir plündern die Küchen und die wollen uns noch was abgeben.“
Leslie nickte zu Bestätigung. „Es nützt aber alles nichts. Wir müssen hier raus!“
„Ich weiß. Aber ich hätte fast vergessen, weshalb ich eigentlich hier bin …“
„Und weshalb sind Sie hier?“
Julianna wandte sich ab. „Meine Mutter liegt im Krankenhaus. Ich wollte ihr ein paar Sachen bringen.“
„Im Krankenhaus? Was ist passiert?“ hakte Leslie betroffen nach.
Julianna zögerte. Neugierig, wie die Empfangsdame höchstwahrscheinlich war, würde sie nicht eher lockerlassen, bis sie etwas Genaueres wusste. Andererseits brauchte sie nicht zu erfahren, dass Captain Lairis Ilana von Wechselbälgern mit einer grausamen Krankheit infiziert worden war … Die arme Frau war schon paranoid genug.
„Es war ein Unfall … aber ich weiß noch nichts Genaues. Sie wird gerade operiert.“
„Das ist ja furchtbar!“ Leslie berührte mitfühlend Juliannas Arm.
„Ich denke, die Ärzte kriegen sie wieder hin.“ Julianna öffnete den Schrank ihrer Mutter und wählte schnell ein paar Kleidungsstücke aus.
Leslie trat neben sie und rollte die Augen. „Dunkelgrün, beige, braun, schwarz … man könnte meinen, eine attraktive Frau wie Ihre Mutter hätte eine etwas fröhlichere Garderobe.“
„Moms Vorliebe für Tarnfarben stammt wohl aus ihrer Zeit beim bajoranischen Untergrund.“ Julianna lächelte schief. Hinter einem langen, grünen Kleid sah sie etwas Metallisches aufblitzen. „Was ist denn das?“ rutschte es ihr heraus.
Leslie steckte neugierig den Kopf in den Schrank.
„Helfen Sie mir!“ Mit vereinten Kräften zerrten sie das funkelnde Etwas ans Licht.
„Das ist ein Antigrav-Scooter!“ Julianna strahlte, aber gleichzeitig liefen ihr Tränen über die Wangen. „Der ist bestimmt für mich. Mom hat sich unheimlich über meinen guten Abschluss gefreut … Wir wollten nächstes Wochenende feiern.“
„Und das werdet ihr auch!“ Leslie drückte ihre Hand.
Julianna lächelte gerührt und klopfte auf den Sitz. „Das ist unser Weg nach draußen!“
Leslie runzelte skeptisch die Stirn. „Das Ding ist nicht für schwere Lasten gebaut.“
„Woher wissen Sie das?“
„Steht auf dem Schutzblech.“
„Sie können Romulanisch?“
„Man kann nie wissen, wer sich in unser Hotel verirrt.“
„Romulaner?“
Leslie zuckte die Achseln. „Wär’ doch mal ganz interessant.“
Julianna grinste. „Das Einzige, was Sie hier nicht haben wollen, sind Formwandler, was?“
„Ach, wenn sie ordentlich einchecken und sich einen schicken Eimer zum Schlafen aussuchen, habe ich nichts gegen Formwandler. Aber wenn sie uns ausspionieren und Konferenzen in die Luft jagen, sollen sie mir vom Acker bleiben!“
Gemeinsam schoben sie den Scooter auf den Balkon. Während Leslie ihre Tasche auf den Gepäckträger schnallte, studierte Julianna das Kontrollpult. Irgendjemand – der Handschrift nach Lieutenant van de Kamp – hatte die verschiedenen Knöpfe mit einem wasserfesten Filzstift in Föderationsstandard beschriftet.
Auf dem Flur huschten Satzfetzen vorbei: „… nichts mehr zu fressen in der verdammten Küche …“ „… vielleicht in den oberen Zimmern …“ „… hab nen Laserschweißer dabei …“
Höchste Zeit, dass wir hier rauskommen! dachte das Mädchen und eine Gänsehaut überlief ihre nackten Arme. Sie wies die Empfangsdame an, ihren Rucksack zu schultern und die Arme um ihre Taille zu legen. Dann drückte sie den Hauptschalter.
Das Gerät erhob sich erst schwebend, schoss auf einmal zwanzig Meter vorwärts, kippte vornüber und sank, bis Julianna die Nase hochriss. Leslie stieß einen spitzen Schrei aus und klammerte sich ängstlich an der Pilotin fest. „Wenn ich einen Herzinfarkt kriege, ist das nur Ihre Schuld!“ japste sie.
„Ich hab den Gang für den Steigflug nicht gleich eingeschaltet … Entschuldigen Sie!“ Julianna zog ein paar Kreise über der Stadt, bis sie genug Flugsicherheit gewonnen hatte, um den richtigen Kurs einzuschlagen.
„Wo soll’s denn hingehen?“, fragte Leslie.
„Zum Hauptquartier der Sternenflotte.“
„Wow!“
Vier Wechselbälger by Adriana
Er hatte es geschafft! Schwarz auf weiß flimmerten die Buchstaben über den Bildschirm von Marcs batteriebetriebenem Computer. Neben dem Terminal brannten mehrere Kerzen. Jerad, der vor Sorge um Captain Lairis nicht zur Ruhe kam, wanderte mit einer Taschenlampe und einem Phaser durch die Gänge und jagte imaginäre Wechselbälger.
Marc hatte seine Gedanken in den letzten Stunden darauf fokussiert, diesen Datenkristall zu entschlüsseln. Er musste es einfach zu Ende bringen, bevor sein Akku leer wurde!
„Was ist es?“ Lieutenant Commander Jeremy Prescott blickte neugierig über seine Schulter.
„Ein Brief, wie es aussieht … der Bericht eines Gründers an seinen obersten Vorta-General.“
„Das Sternenflottenkommando wird sich freuen.“
„Es steht einiges drin, was uns taktische Vorteile verschafft, da bin ich sicher.“ Lieutenant van de Kamp klang seltsam gleichgültig. „Die Übersetzung ist noch ein bisschen holprig, aber ich finde besonders den letzten Satz interessant.“
„So etwas wie: ‚Möge die Macht mit uns sein – dein erhabener Gott’.“
Marc lachte halbherzig. „Falsch geraten. Hier steht wortwörtlich: ‚Unsere bloße Anwesenheit auf diesem Planeten reicht aus, um die menschliche Gesellschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern. Dabei sind wir nur vier. Wir sind nie mehr als vier gewesen’.“
„Nie mehr als vier?“ Prescott runzelte die Stirn. „Von wann ist diese Aufzeichnung?“
„Der Datumsanzeige nach von heute Mittag, 13.40 Uhr. Drei Stunden nach dem Anschlag.“
„Und was ist mit dem Wechselbalg, der die Bombe in Antwerpen gelegt hat? Der kann doch nicht überlebt haben!“
„Nie und nimmer!“
Prescott hatte die Erklärung schnell zur Hand: „Das ist Dominion-Propaganda – weiter nichts. Der Wechselbalg will vor seinem Vorta besonders großartig dastehen, indem er behauptet, es genügen vier von seiner Art, um die Erde ins Chaos zu stürzen … nach Schätzungen des Geheimdienstes sind es mindestens fünf Mal so viel.“
„Zwei Dutzend Formwandler auf der Erde … tolle Aussichten“, grummelte Marc.
„Hältst du es für unwahrscheinlich?“
„Nur warum behauptet dieser Wechselbalg so steif und fest, dass es nie mehr als vier gewesen sind? Was will er damit bezwecken?“
Prescott überlegte einen Augenblick. „Ich vermute, er kann nicht zugeben, dass einer seiner Leute in Antwerpen draufgegangen ist. Götter sterben nicht so einfach, oder?“
„Wahrscheinlich hast du Recht.“ Was sein Freund sagte, klang logisch – aber Marcs Zweifel ließen sich damit nicht abtöten. Zweifel, über die er freimütig mit Captain Lairis gesprochen hatte und die er jetzt nicht mehr zu äußern wagte … Jeremy war ein guter Kamerad, fast ein Bruder, aber auch ein hundertprozentig loyaler Offizier der Sternenflotte. Im Gegensatz zu Lairis hatte er niemals die Methoden oder Befehle seiner Vorgesetzten hinterfragt.
„Glaubst du, ein Formwandler würde sich opfern?“ fragte Lieutenant van de Kamp langsam.
„Wenn es um ein größeres Ziel geht … zum Beispiel die Zerstörung der Föderation … warum nicht?“ Prescott zuckte die Schultern. „Du solltest diesen Schrieb nicht zu wörtlich nehmen. Bringen wir ihn zu Admiral Layton und fertig!“
„Ja … ist wohl das Beste!“
Als Jeremy Prescott nicht hinsah, löschte Marc schnell den letzten Satz.
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