Eine Liebeserklaerung by Gabi
Summary:

Gegensätze ziehen sich an. Dass auch er dieser menschenalten Erkenntnis nicht entgehen kann, stellt der brillante, jedoch sozial inkompatible Paul Stamets fest, als er dem lebenslustigen, romantischen Hugh Culber begegnet.


Categories: TV Serien > Discovery (DSC) Characters: Hugh Culber, Paul Stamets
Paul Stamets/Hugh Culber, Erotic, Established Relationship, Romance, Slash, Challenges: Keine
Series: Keine
Chapters: 3 Completed: Ja Word count: 12550 Read: 104 Published: 04.11.17 Updated: 11.12.17
Story Notes:

Hier werden in lockerer Folge kleine Momentaufnahmen, Lückenfüller und Ähnliches zu meinem derzeitigen Lieblingspairing Stamets/Culber aus Discovery eingestellt.

Ich stelle die Geschichtensammlung auf abgeschlossen, weil die einzelnen Szenen meist für sich stehen. Ich werde jedoch von Zeit zu Zeit neue Szenen einstellen, wenn mich in einer Folge etwas packt, was ich noch dazu schreiben könnte. Das hier ist sozusagen meine kleine romantische Spielwiese abseits der langen handlungsgetriebenen Stories, die ich normalerweise schreibe.


Die Altersbezeichnung schreibe ich an die einzelnen Kapitel. Es wird sicherlich auch heißer zugehen, ich möchte deswegen aber nicht die gesamte Sammlung auf ab 18 stellen. So kann sich jeder die Szenen heraussuchen, die dem Geschmack zusagen.

 

 

 

 



1. Schubladendenken (04.11.2017) - In einer Bar auf Alpha Centauri begegnet der Mykologe Paul Stamets einem Mann, der sich überraschenderweise nicht so leicht verscheuchen lässt. (ab 12)

 



2. Die erste Nacht (30.11.2017) - Paul Stamets lässt sich von Hugh Culber überreden, die letzte Nacht des Kongresses auf Alpha Centauri gemeinsam zu verbringen (ab 18, PWP)

3. Bolianisches Girlanden-Bohei (11.12.2017) - Hugh Culber beschließt, Paul Stamets einen Überraschungsbesuch auf der Erde abzustatten. Eine Schnapsidee, wie sich herausstellt. (In gekürzter Form war dieses Kapitel mein Beitrag zur 1. Runde des MachWasDraus4! Wettbwerbs auf fanfiction.de. Daher auch der seltsam anmutende Name, da es in dem Wettbewerb darum geht, Abkürzungen neu zu interpretieren)

1. 1. Schubladendenken by Gabi

2. 2. Die erste Nacht by Gabi

3. Bolianisches Girlanden Bohei by Gabi

1. Schubladendenken by Gabi
Author's Notes:

ab 12/ Romance

SCHUBLADENDENKEN

 

I don't know you, but I love you all the more for that

(“Falling Slowly” von Glen Hansard & Markéta Irglová)

 

 

Es kam für den Astromykologen Paul Stamets einem Anflug von Engelsgeduld gleich, dass er es sich geschlagene dreißig Sekunden lang angehört hatte, ohne etwas zu sagen. Aber jetzt reichte es.

Er setzte die Tasse ab, lehnte den Unterarm über den Stuhlrücken und versuchte, die Quelle der gehirnmarternden Dissonanz auszumachen. Die Bar in  Alpha Centauri City, wo er drei Tage für den Kongress der mykologischen Gesellschaft zubrachte, war zu dieser Abendzeit gut besucht. An den Tischen waren lebhafte Unterhaltungen im Gange. Er erkannte ein paar Teilnehmer des Kongresses, die er bei den heutigen Eröffnungsveranstaltungen kennengelernt hatte, und die wie er  offensichtlich das gesellige Abendprogramm mieden. Ein paar Sternenflottenangehörige der angegliederten Basis waren an ihren Uniformen zu erkennen, der Großteil der Gäste trug Zivil und war ihm unbekannt. Leise Tanzmusik erklang vom anderen Ende des Raumes her, wo sich einige Paare drehten.

Zwei Tische hinter ihm konnte Stamets den Übeltäter identifizieren. Ein menschlicher Mann mittleren Alters und Latino-Ursprungs saß dort vertieft in seine Lektüre. Von Zeit zu Zeit führte er die Tasse an die Lippen ohne den Blick von seinem Lesestoff abzuwenden. Er schien es nicht einmal mitzubekommen, dass er malträtierend disharmonisch vor sich hin summte.

Stamets setzte sein Gehör ein paar weitere Sekunden der Qual aus, um den Mann in einer der Schubladen abzulegen, mit denen er seine sozialen Interaktionen handlich zu sortieren pflegte.  Das schwarze Haar war raspelkurz geschoren, der penibel gestutzte Bart war mehr Dekoration als Gesichtsbehaarung und sprach von längeren morgendlichen Aufenthalten im Badezimmer. Das Hemd trug er weit offen, so dass ein problemloser Einblick auf die bronzefarbene Brustmuskulatur möglich war, die von ausgiebigen Stunden im Fitnessstudio zeugte. Stamets wettete, dass ein entsprechend in der Werbung als maskulin betörend bezeichneter Duft von dem Mann ausging, wenn man sich ihm näherte.

Er öffnete die Schublade "oberflächlicher Beau, einer intellektuellen Unterhaltung nicht wert" und legte den störenden Gast sorgfältig darin ab. Dann beschloss er, der Folter ein Ende zu bereiten.

"Stellen Sie dieses Gejaule ein oder verziehen Sie sich. Es nervt!"

Der Kopf des Fremden fuhr hoch. Verwirrt starrte er zu Stamets hinüber. Die Lippen halb geöffnet, die dunklen Augen erfüllt mit Unglauben über das eben Gehörte.

Immerhin war das Summen verstummt.

"Meinen Sie mich?"

Stamets empfand die Frage als intellektuell unwürdig in Anbetracht der Tatsache, dass er den Fremden direkt anblickte. Dementsprechend ungnädig fiel seine Reaktion aus. "Nein, natürlich nicht Sie, sondern all die anderen Gäste, die so erbärmlich vor sich hin brummen. Meine Ohren bluten."

Damit wandte er sich wieder von dem Störenfried ab und seinem Tee zu. Er legte es nicht bewusst darauf an, den Menschen in seiner Umgebung vor den Kopf zu stoßen, es geschah automatisch. Dennoch verspürte er jedes Mal eine gewisse Genugtuung dabei, wenn ein weiteres Exemplar einer humanoiden Spezies mit erschrockenem Blick einen weiten Bogen um ihn machte. Wer seine Laune nicht ertragen konnte, war seiner Gegenwart auch nicht würdig.

Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass der gescholtene Gast sich tatsächlich erhob und dabei Lesegerät und Tasse aufnahm. Wahrscheinlich verfluchte er Stamets innerlich aufs Unflätigste. Doch das war ihm gleichgültig, solange der Typ seinen teuren Luxuskörper außer Hörweite schob.

Als der Stuhl neben ihm zurecht gezogen wurde, war es an Stamets verblüfft aufzublicken. Tasse und Lesegerät wurden neben ihm auf dem Tisch abgelegt. "Sie sind der unhöflichste Mensch, der mir seit langem begegnet ist", erklärte der Latino, als er sich ungefragt setzte.

Stamets erwartete einen entrüsteten Blick, doch die Augen seines Gegenübers standen im Gegensatz zu dessen Worten. Es waren große, dunkle Augen, deren sanfter Eindruck von zahlreichen kleinen Lachfalten verstärkt wurde. Die gedankliche Schublade begann zu ruckeln und öffnete sich einen Spalt breit. Stamets gab ihr einen mentalen Stoß, um sie wieder zu verschließen. Immerhin hatte er mit dem Duft recht behalten. So nah war das herbe Parfüm deutlich wahrzunehmen.

Der Mykologe lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Er verschränkte die Arme demonstrativ vor der Brust, um dem Fremden klar zu machen, dass er dieses ungefragte Eindringen in seine Privatsphäre missbilligte. "Und Sie haben die miserabelste Tonführung, die mir je untergekommen ist, und dann auch noch ausgerechnet eine kasseelianische Oper. Jeder Mensch mit halbwegs passablem musikalischen Gehör würde vor Ihnen davonlaufen. Bedauerlicherweise ist meine Rhythmusgefühl recht gut."

Sein Gegenüber hob die Brauen, was den sanften Augen ein spöttisches Funkeln verlieh. "Und es hätte Sie umgebracht, mir das auf höfliche Art und Weise mitzuteilen?"

"Wozu?" Stamets versuchte seine aufkommende Irritation zu verbergen. Er war es nicht gewohnt, dass man ihm auf seine unwirsche Art Widerworte gab. "Ich halte nichts von wischiwaschi Drumherumgerede."

"Ehrlich bis zur Schmerzgrenze." Der Latino zuckte mit den Schultern, sein Hemd spannte sich bei dieser Bewegung über den breiten Muskeln. "Sie müssen eine Menge Freunde haben."

Stamets zog die Augenbrauen über dem Nasenrücken zusammen und blickte sein Gegenüber von oben herab an. "Ich wüsste nicht, was Sie das angeht, Mr. ..."

"Lieutenant Commander Hugh Culber, medizinisches Corps." Der andere streckte ihm die Hand entgegen, als hätte er nur auf diesen Moment gewartet, um seine Aufdringlichkeit an den Mann zu bringen.

Stamets war gegen seinen Willen fasziniert davon, dass der Mann sich so offensichtlich weigerte, sich von seiner Unhöflichkeit vertreiben zu lassen. Doch das wollte er natürlich nicht eingestehen. Demonstrativ ignorierte er die dargebotene Hand und hielt die Arme weiterhin vor dem Körper verschränkt.

"Paul Stamets, führender Astromykologe", gewährte er.

Die Augenbraue des Sternenflottenoffiziers wanderte noch ein wenig weiter in die Höhe, während die Hand sich verlegen auf die Tischplatte absenkte und dort liegen blieb. "Führend? Mangelndes Selbstbewusstsein ist wohl keiner Ihrer Fehler."

"Warum auch?" Stamets gab seine abweisende Haltung auf. Offensichtlich führte sie bei seinem Gesprächspartner nicht zur angedachten Einsicht. Stattdessen lehnte er sich auf vor und erklärte mit leiser, eisiger Stimme: "Sie haben sicherlich noch anderes zu tun - ich habe das auf jeden Fall!"

Culber beugte sich seinerseits über den Tisch, das Hemd klaffte bei dieser Bewegung noch weiter auf. "Ich habe meinen dienstfreien Abend und freue mich immer darüber, neue interessante Bekanntschaften zu machen. Der Kongress hat viele unbekannte Gesichter hier her gebracht."

Stamets zwang sich dazu, nicht auf die Brust des Latinos zu starren. Leider waren die freundlichen Augen kein bisschen weniger verführerisch. "Dann machen Sie Ihre Bekanntschaften gefälligst woanders. So wie Sie angezogen sind, sind Sie doch drauf aus, ein paar Frauen hier aufzureißen."

Das Lächeln, das sich nun auf den dunklen Zügen Culbers zeigte, würde ihn wahrscheinlich heute Nacht im Traum noch heimsuchen. "Ich steh nicht auf Frauen …"

Verdammt! Stamets war gegen die Stuhllehne zurückgewichen, bevor er sich darüber klar wurde, dass er damit dem anderen einen Teilsieg einräumte. Falsche Reaktion! Ganz eindeutig auf dem falschen Fuß erwischt! Mit unerwünschter Klarheit wurde es Stamets bewusst, wie gutaussehend der Arzt war, wie charmant das Lächeln, wie sympathisch die Augen. Er musste ihn dringend loswerden. Abermals verschränkte er die Arme vor der Brust und bedachte ihn mit einem betont zynischen Blick. "Ich weiß gar nicht, warum ich mich mit Ihnen unterhalte", knurrte er.

"Oh, keine Sorge, das tun Sie überhaupt nicht." Wieder dieses sanfte Lächeln, so als ob alle Unfreundlichkeit des Wissenschaftlers von einem unsichtbaren Schutzschild aufgesaugt würde, und überhaupt nicht den Gesprächspartner erreichte. "Ich versuche, eine Unterhaltung mit Ihnen in Gang zu bringen, doch Sie bemühen sich redlich, alles mit Ihrer vorgeschobenen Grummeligkeit abzublocken."

"Vorgeschobene..." Weiter kam Stamets nicht. Culber hatte den Oberkörper gedreht und seine Aufmerksamkeit der anderen Seite der Bar gewidmet, wo sich die kleine Tanzfläche befand. Ein ruhiger Stanton wurde soeben angespielt.

"Tanzen Sie mit mir? So unterhält es sich angenehmer." Der Arzt wandte sich wieder an Stamets, so als ob das bisherige Gespräch gar nicht stattgefunden hätte. Eine Reihe gerader, blendend weißer Zähne blitzte auf, als er ihn offen anlächelte. Allmählich irritierte Stamets diese surreale Unterhaltung. Normalerweise ergriffen Gesprächspartner weit früher die Flucht, wenn sie sich am falschen Ende seiner Spitzen wiederfanden. Er fühlte sich auf eine irritierende Weise nicht ernst genommen. Ein Gefühl, dass er schon lange nicht mehr verspürt hatte.

"Sie können doch einen Wildfremden nicht so einfach zum Tanzen auffordern!"

Culber hob die Augenbrauen. Leichter Spott trat in die dunklen Augen. "Sie haben gerade gemerkt, dass ich das kann. Und so wildfremd kommen Sie mir nicht mehr vor. Ich glaube, ich kann bereits ein wenig hinter Ihre verschlossene Fassade sehen." Er beugte sich über den Tisch vor und zwinkerte unangebracht. "Wenn Ihr musikalisches Gespür so hoch entwickelt ist, dann werden Sie keine Probleme mit einem einfachen Stanton haben."

"Ich tanze nicht", erklärte Stamets kategorisch.

"Feigling." Culber lachte.

"Ich bin kein ..." Er starrte die ausgestreckte Hand an, die sich ihm erneut entgegenstreckte. Culber hatte sich bereits erhoben, so als ob er damit rechnete, dass Stamets seiner unsinnigen Bitte nachgeben würde. Für einen Moment überlegte er, die Hand wie beim ersten Mal auch zu ignorieren. Doch es war eine Tatsache, dass er gerne tanzte. Er kam jedoch viel zu selten in diesen Genuss, da er mögliche Tanzpartner in der Regel bereits im Vorfeld abschreckte. "...Feigling."

"Dann beweisen Sie es und tanzen mit mir. Ich bin ein guter Tänzer, ich werde Sie nicht blamieren." Culber beugte sich vor, griff nach einer der vor der Brust verschränkten Hände Stamets' und schloss seine Finger darum. "Ich verspreche auch, dass ich das Stück nicht mitsummen werde."

Stamets starrte auf die Hand hinab. Die dunklen Finger Culbers standen in krassem Kontrast zu seiner eigenen bleichen Haut. Der herbe Geruch des Eau de Toilette war aus dieser Nähe sehr angenehm. Er selbst hatte einen langen Tag auf dem Kongress hinter sich und der Gedanke an Tanzen barg eine fast rebellische Leichtigkeit in sich. Doch er konnte nicht einfach diesem Kerl nachgeben, den er eigentlich hatte vertreiben wollten. Sein Ruf würde darunter leiden ...

"Aber ich führe!", hörte er sich selbst sagen, als er sich von Culber vom Stuhl ziehen ließ.

"Gerne." Der erfreuten Miene des Arztes war anzusehen, dass er nicht wirklich mit einem Nachgeben Stamets' gerechnet hatte. Die Freude war ehrlich, fast wie die eines Kindes, und sie berührte Stamets in einem Bereich seines Herzens, von dem er fast vergessen hatte, dass er ihn besaß. "Ich liebe es, geführt zu werden."

Der Arzt hielt Wort. Kein unangebrachtes Summen kam über seine Lippen und er ließ sich anstandslos führen. Es brauchte keine fünf Schritte, bis sie beide in einen harmonischen Rhythmus fanden. Culber reagierte auf jede Haltungsveränderung, jeden leichten Druck der Finger in seinem Rücken. Selbst einer gewagteren Drehung, zu der Stamets sich gegen Ende des Stücks hinreißen ließ, folgte er mit fließender Bewegung.

Als das Lied verklang und Culber sich fortdrehte, um der Kapelle zu applaudieren, verspürte Stamets beinahe so etwas wie Bedauern über die Unterbrechung des Körperkontakts. Der andere Mann hatte so perfekt in seine Arme gepasst. Er besaß ein analytisches Gehirn und konnte daher die Anzeichen, die er an sich selbst entdeckte, zweifelsfrei zuordnen. Er wollte so nicht fühlen, nicht jetzt, nicht hier, und vor allem nicht wegen eines Mannes, der sich so standhaft weigerte, sich von ihm einschüchtern zu lassen. Doch natürlich wusste er zu gut, dass genau dieser letzte Punkt es war, der ihn so faszinierte. Stamets warf der Welt seine Arroganz entgegen und die Welt zog vor ihm das Genick ein. Das war ein recht komfortables Arrangement, das ihn davon abhielt, sich mit jeder Art von sozialen Feinheiten zu beschäftigen. Er war hier auf Alpha Centauri um zu arbeiten, nicht um sich ablenken zu lassen. Morgen lag ein langer Tag vor ihm, der seine gesamte Aufmerksamkeit forderte. Er betrachtete den Rücken des applaudierenden Culber und beschloss, die Gunst des Augenblicks zu nutzen, um sich aus dem Staub zu machen.

Feigling? Vielleicht. Doch es war der einfachere Weg.

Mit seiner Überlegung hatte er jedoch kostbare Sekunden verstreichen lassen. In dem Moment, in welchem er sich zum Gehen wenden wollte, drehte Culber sich bereits wieder um. Die Band hatte das nächste Stück begonnen, einen etwas rascheren Mixbo. Der Griff an Stamets' Oberarm war locker, jedoch bestimmend. Die stumme Anklage im Blick des Arztes teilte ihm mit, dass dieser genau wusste, was er soeben vorgehabt hatte.

"Muss ich Sie anbinden, damit Sie mir noch einen Tanz schenken, Paul?"

Außer seinem Forschungspartner Hendrik Straal sprach ihn allerhöchstens noch seine Mutter mit dem Vornamen an. Es klang ungewohnt, und auf eine gewisse sehnsuchtsvolle Art willkommen. Er nickte. Er wusste, dass er unhöflich war, und ihm war klar, dass Culber diese Behandlung nicht verdient hatte.

Der Arzt nahm das Nicken als Zugeständnis an einen weiteren Tanz hin. Er lächelte und glitt elegant in die Tanzhaltung, so als ob er schon immer dorthin gehört hätte, in Stamets' Arme.

Der Wissenschaftler schloss für einen Moment die Augen. Durch den Stoff des Hemdes hindurch, spürte er die warme Haut unter seiner Handfläche, die intime Nähe der Tanzhaltung hüllte seine olfaktorischen Sinne gänzlich in Culbers Duft ein. Der Körper, der sich von der Hüfte abwärts eng an seine Seite schmiegte, besaß bereits etwas Vertrautes. Nach diesem Tanz musste er gehen, oder er lief Gefahr, es nie mehr tun zu können.

Mit einem leisen Seufzen schob Stamets diese Gedanken beiseite, hob die Lider einen Spalt breit und ließ sich auf den rascheren Rhythmus des Mixbo ein. Als er seinen Tanzpartner in der ersten Konterbewegung herumwirbelte, lachte Culber leise auf. Es war ein ehrliches Lachen, das von Herzen kam und pure Freude ausstrahlte. Es war ansteckend.

Die letzten Takte des Stücks ließen ihn ein wenig außer Atem zurück, doch seltsam zufrieden mit der momentanen Situation. Ein Blick in die Augen seines Tanzpartners, der sich dieses Mal nicht der Kapelle sondern ganz ihm widmete, machte ihm klar, dass sich etwas verändert hatte. Er wusste nicht, ob er das wollte. Er wusste ebenfalls nicht, ob er noch die Macht hatte, es aufzuhalten.

"Du kannst lächeln", bemerkte Culber leise. Es klang beinahe ehrfürchtig.

Dass der andere wie selbstverständlich auf die persönliche Anrede gewechselt hatte, bekam Stamets nicht einmal mit. Zu fasziniert war er von der Veränderung in dem anderen Mann, die er offensichtlich mit der Zurschaustellung eigener Freude ausgelöst hatte.

"Ich lächle nicht", erwiderte er automatisch, doch es klang selbst in seinen eigenen Ohren nur halbherzig.

Culber fasste seine Hand und zog ihn von der Tanzfläche in Richtung der offenen Terrassentür. Draußen waren nur wenige Gäste, fast ausnahmslos Pärchen, die in verschiedenen Haltungen der Intimität den klaren Nachthimmel betrachteten. Die Musik war hier noch zu hören, doch es war leise genug, um eine Unterhaltung möglich zu machen.

"Du bist wunderschön, wenn du lächelst", erklärte Culber ernst. Der freundliche Spott, mit dem er bislang die Unterhaltung bestritten hatte, war wie weggewischt. Stamets wusste nicht, ob ihm diese neue Ernsthaftigkeit gefiel.

"Das ist kein Gespräch, das ich führen möchte", gab er leise zu bedenken.

Culber hob die Hand in Richtung von Stamets' Schläfe, der Wissenschaftler wich zurück. Das war zu rasch, zu unerwartet. Irgendwo auf der Tanzfläche hatte er die Kontrolle über die Situation verloren.  Der Arzt folgte seiner Bewegung, bis Stamets mit dem Rücken an der Terrasseneinfassung stand und nicht weiter ausweichen konnte.

"Du hast mir erklärt, dass dir Ehrlichkeit wichtig ist", bemerkte Culber. Seine Finger hatten nun den ersehnten Platz an Stamets' Schläfe gefunden. Sanft strichen sie durch die Strähnen. "Deswegen möchte ich nicht drumherum reden.  Du gefällst mir. Es kribbelt mir in den Fingern, durch deine Eisschicht zu brechen und die Emotionen freizulegen, die darunter brodeln."

"Das ist mir zu ehrlich", keuchte Stamets. Culbers Gesicht kam dem seinen immer näher, die Hand in seinen Haaren verhinderte, dass er den Kopf zurück beugte.

"Die Lawine, die du ausgelöst hast, kannst du nicht mehr stoppen." Culbers Stimme war nur noch ein Flüstern, der warme Atem tanzte über Stamets' Wangen. Er konnte nicht, er durfte nicht, wie hatte das ...?

"Ich wollte lediglich, dass dieses fürchterliche Gesumme aufhört", begehrte er in einem letzten Versuch zur Abstandswahrung auf.

"Pech."

Stamets glaubte noch einmal den liebevollen Spott in den dunklen Augen aufblitzen zu sehen, die den seinen jetzt so nah waren. Dann berührten Culbers Lippen seinen Mund. Sein Blick flackerte für einen Moment panisch auf, die Hände ruckten nach oben, um den Mann von sich zu stoßen, der so dreist jede Barriere eingerissen hatte. Doch wie sich die Hände unverrichteter Dinge an die Balustrade zurücklegten, senkten sich auch die Lider. Er ließ sich küssen. Weiche Lippen berührten die seinen,  spielten damit, saugten daran. Die Spitzen des gestutzten Bartes kribbelten auf Stamets' glatter Gesichtshaut und sorgten für einen prickelnden Kontrast zu den weichen Küssen. Als die Zungenspitze über seine Zähne fuhr, hatte Stamets bereits jeden Gedanken an Widerstand aufgegeben. Willig öffnete er den Mund und ließ  Culber eindringen. Die Hände des Arztes waren überall in seinen Haaren und hielten den Kopf fest. Doch es war gar nicht mehr notwendig. Stamets hatte die Lanzen gestreckt und war bereit sich zu ergeben. Seine Arme lösten sich von der Balustrade. Erst zögerlich, dann mutiger legten sie sich um Culbers Rücken.

Der Teil seines analytischen Gehirns, der noch nicht von den niederen Emotionen beiseite geschubst worden war, realisierte mit einer gewissen Verblüffung, dass Culber den Rhythmus seiner Küsse dem Takt der Musik anpasste, die leise durch die Terrassentür herüberklang.

Als Culber mit dem Ende des Stücks die Berührung ihrer Lippen löste, verharrte Stamets noch einen Moment mit geschlossenen Lidern und geöffnetem Mund. Erst die zarte Berührung eines Fingers, brachte ihn dazu, die Augen zu öffnen.  Er konnte nicht verhindern, dass seine Züge das glückliche Lächeln spiegelten, das sich ihm offenbarte.

"Hast du einen festen Partner?" Culbers Finger hatte sich aus ihrem festen Griff in seinen Haaren gelöst und waren nun damit beschäftigt, die Strähnen wieder glatt zu streichen, die ihr leidenschaftliches Zusammentreffen durcheinander gebracht hatten.

Stamets lachte tonlos auf. "Die Frage kommt reichlich spät."

Sein Gegenüber zuckte mit den Schultern, etwas Jungenhaftes schien auf dessen Zügen durch. "Dein Lächeln vorhin hat meinen Ablaufplan geringfügig durcheinander gebracht." Die Finger lösten sich aus den Haaren und strichen über die Schläfe zu Stamets' Lippen hinab. "Dieser Punkt stand auf meiner Liste eigentlich vor dem ersten Kuss."

"Du hattest einen Plan, mich zu verführen?" Stamets neigte den Kopf ein wenig, um  einen der streichelnden Finger mit den Lippen zu erwischen und zu küssen.

Culber lachte hell auf. "Aufgrund meiner ausgesprochen charmanten Persönlichkeit bin ich es gewohnt, dass mir andere mit Höflichkeit begegnen", erklärte er augenzwinkernd. "Mich hat noch nie ein Fremder so unangemessen angeblafft wie du das vorhin getan hast. Der Sache musste ich auf den Grund gehen."

"Ich kann mich nur wiederholen: Meine einzige Absicht lag darin, meinen Ohren weitere Folter zu ersparen." Stamets hob seine Hände und ergriff diejenigen des anderen Mannes. Er führte sie mit leichtem Druck an seine Brust.

"Auch ich kann mich nur wiederholen: Pech. Das ging nach hinten los."

Stamets verschränkte seine Hände über denjenigen Culbers. Eine kleine, besitzergreifende Geste, derer er sich nur teilweise bewusst wurde. "Lass uns die Liste wieder in Ordnung bringen. Ich verabscheue Durcheinander." Er atmete einmal tief durch. "Nein, ich habe keinen festen Partner. Wie du so treffend festgestellt hast, beschränkt sich mein Freundeskreis auf eine sehr überschaubare Anzahl von einer Person, bei der es sich um meinen heterosexuellen Forschungskollegen handelt."

"Bei deinen höflichen Umgangsformen kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, warum das so sein könnte", foppte Culber ihn. Er neigte sich ihm entgegen, verharrte jedoch in einem geringen Abstand. Dieses Mal war es Stamets' Zug.

"Ich kann es mir auch nicht erklären ...", flüsterte der Mykologe. Er neigte den Kopf und berührte die wartenden Lippen. Dieser Kuss fiel weitaus weniger leidenschaftlich aus als der erste. Stamets war kein emotionaler Typ, es fiel ihm schwer eine gefühlsbetonte Initiative zu ergreifen, seine Leidenschaft war für seine Forschung reserviert. Doch die Ernsthaftigkeit, die in dieser fast keuschen Berührung lag, wog umso stärker.

Für einen langen Moment verharrten sie im nahezu unschuldigen Erkunden ihrer Lippen. Dann löste sich Culber, und dieses Mal tat er es mit offen zur Schau getragenem Bedauern.

"Ich muss morgen früh raus", erklärte er leise. Die Hände presste er zur Versicherung, dass er momentan ganz andere Dinge liebe täte, fest auf Stamets' Brust. "Aber ..." Er legte den Kopf schräg, sein Blick wurde verlegen, was Stamets auf gewisse Weise irritierte. Verlegenheit war ein Aspekt, den er bislang nicht an dem forschen Latino erlebt hatte. "Ich würde dich morgen Abend gerne wieder sehen."

Der Wissenschaftler hob überrascht die Augenbrauen. „Ich weiß nicht, ob ich die Zeit finden kann“, erklärte er. Da war es wieder, das automatische Verletzen der Gefühle anderer, um seine eigenen zu schützen. Hier war die Chance, es zu beenden, bevor irgendetwas anfing.

Wenn ihn diese Antwort getroffen hatte, ließ Culber es sich nicht anmerken. "Ich kenne deinen Namen, ich kenne den Kongress - ich werde dich finden." Er ließ seine Hände langsam von Stamets‘ Brust gleiten, führte sie über die Hüfte des Wissenschaftlers und ließ sie einen flüchtigen Moment, den man fast noch als zufällig hätte empfinden können, auf dessen Hintern ruhen. „Ich tue dir gut, du wirst es sehen.“ Dann löste der Latino sich von ihm und machte sich mit einem entschuldigenden Lächeln auf den Weg zu ihrem Tisch zurück, um das Lesegerät mitzunehmen.

Stamets blickte dem Arzt nach und versuchte sich klar zu werden, was in der letzten Stunde geschehen war.  Das hier war überhaupt nicht seine Art. Das war nicht er, der brillante Wissenschaftler, der jeden anderen Menschen auf Armeslänge von sich entfernt hielt. Wie hatte dieser Mann es geschafft, so mühelos durch seine Barriere zu brechen? Wie hatte er sich von dieser Sanftheit so überrumpeln lassen können? Und warum pochte sein Herz so heftig, wenn er der kleiner werden Silhouette nachblickte?

Es gab so viele Möglichkeiten, wie Stamets sich jetzt aus der Affaire ziehen konnte, wie er sich für den Offizier unauffindbar machen konnte. Alles vergessen, seine übliche Routine wieder aufnehmen, jeder Komplikation aus dem Weg gehen.

Doch zu seiner allergrößten Verblüffung war er sich im Klaren darüber, dass er morgen Abend wieder hier sein würde - und dass er sich bereits jetzt darauf freute.

Er öffnete die mentale Schublade, nahm den Arzt behutsam heraus und bettete ihn in eine neue um. Eine, die nur für den Mann mit den sympathischen Lachfalten reserviert war. Mit selbstvergessenem Lächeln bedachte er sie mit der geistigen Aufschrift „Zukunft?“.

2. Die erste Nacht by Gabi
Author's Notes:

ab 18 - PWP und Characterstudy - hier habe ich mich einfach mal ausgetobt

 

 

 

„War das nötig?“ Hugh Culber blickte immer wieder über die Schulter in Richtung des Lifts, als er mit einer Weinflasche in der Hand Paul Stamets den Flur entlang folgte. Der dunkelhäutige Arzt kämpfte gegen das Gefühl an, zurückzulaufen und sich für den anderen Mann zu entschuldigen.

„Was?“ Der Wissenschaftler blieb vor einer der gleichaussehenden Türen stehen. Auf dem Schild prangte die Nummer 146.

Culber streckte die Hand aus, um sich kurzzeitig am Rücken des Vordermanns zu stabilisieren, in den er beinahe hinein gelaufen wäre. „Der Junge wollte dir lediglich den Lift aufhalten“, bemerkte er vorwurfsvoll. Er nahm seine Aufmerksamkeit vom Korridor fort und widmete sie wieder dem Griesgram vor sich, der gerade den Zimmercode eingab.

„Er stand mir im Weg.“ Stamets öffnete die Tür.

Culber konnte über die Schulter des anderen Manns einen ersten Blick auf das typisch sterile Hotelzimmer mit Doppelbett werfen. Kopfschüttelnd folgte er dem anderen hinein. „Wie kann man nur so konstant unfreundlich durchs Leben gehen?“

Stamets hatte sein Jackett an einen Haken neben der  Tür gehängt. Er wandte sich mit hochgezogenen Brauen an seinen Gast. „Ausgesprochen unbehelligt.“

Culber hielt dem herausfordernden Blick stand. Da hatte er sich eine schöne Aufgabe ausgesucht. Doch gerade diese Zähigkeit war es, die für ihn den besonderen Reiz an der Eroberung ausmachte – dies und das faszinierend bleiche Aussehen des unfreundlichen Genies. „Ich bin froh, dass wir nicht zu mir konnten“, konterte er spöttisch. „So ein Verhalten meinen Kollegen gegenüber wäre auf meinen Ruf zurückgeschlagen.“

Stamets‘ Augenbrauen hoben sich noch eine Spur höher, doch er hielt sich mit einem zynischen Kommentar zurück. Zumindest für den Moment. „Beim Rang eines Lieutenants hätte ich Einzelquartiere erwartet.“

„Wären es normalerweise auch“, gestand Culber ein, „aber die Basis befindet sich gerade im Umbau. Wir sind überbelegt.“

„Ich könnte mein Quartier mit niemandem teilen“, befand Stamets kategorisch.

„Überraschung.“ Culber konnte das Grinsen nicht unterdrücken. Stamets wirkte auf ihn genau wie die Person, die über ein falsch gefaltetes Handtuch einen Moralvortrag halten konnte.

„Okay!“ Der andere baute sich vor ihm auf.

Fasziniert beobachtete Culber, wie sich die hellen Augenbrauen über der Nasenwurzel in einem nahezu perfekten Dreieck der Missbilligung zusammenzogen. Diese an Arroganz fast nicht mehr zu überbietende Mimik war ihm bereits in der Bar am Tag zuvor aufgefallen. Er musste sich zurückhalten, nicht mit dem Finger die tiefen Stirnfurchen zu berühren.

„Bevor wir hier mit irgendetwas weitermachen, möchte ich geklärt haben, ob du rausgeworfen werden willst, oder Sex mit mir haben möchtest? Momentan stehen deine Chancen Fünfzig zu Fünfzig.“

Culber stellte die Weinflasche auf der Anrichte ab, trat dicht vor sein Gegenüber und gab dem Drang nach. Sein Zeigefinger strich über die Mulde zwischen den Brauen. „Können wir die Reihenfolge ändern?“

„Was?“ Stamets‘  Hände schossen nach oben, um Culbers Arm zu packen und ihn zu immobilisieren.

Culber lächelte unschuldig. „Um mit dir verbal mithalten zu können, fehlt mir eine Lebenserfahrung an Zynismus.“ Er legte den Kopf schief. „Aber das mache ich mit Wärme und Zärtlichkeit wett. Daher würde ich vorschlagen, wir versuchen es erst mit Sex und danach kannst du entscheiden, ob du mich rauswerfen möchtest.“

Stamets schnaubte, sagte jedoch nichts, was Culber als Zustimmung aufnahm. Er hatte nicht gedacht, dass der Wissenschaftler sich auf Sex mit ihm einlassen würde. Culber selbst war ein sehr körperlicher Typ, er liebte es zu berühren und berührt zu werden, und er liebte Intimitäten. Von Stamets hatte er erwartet, dass dieser sich empört gegen den Vorschlag einer gemeinsamen Nacht aussprechen würde, hatte die Chance jedoch auch nicht unausgesprochen verstreichen lassen wollen, in Anbetracht der Tatsache, dass der Kongress heute zu Ende gegangen war, und der Mykologe morgen früh Alpha Centauri wieder verlassen würde. Die Antwort war dann zwar erwartet abfällig, jedoch positiv erfolgt. Den gesamten Weg von der Bar hier hinauf in die Quartiere des Konferenzhotels hatte er sich überlegt, was wohl der Grund dafür sein könnte. Ob Stamets des Öfteren One-night-stands hatte? Er konnte sich nicht vorstellen, dass der Wissenschaftler andere Männer aufriss. Dazu fehlte ihm jedweder Charme. Vielleicht hielt er sich an Professionelle? Doch auch das konnte Culber sich irgendwie nicht bei ihm vorstellen. Er beschloss für sich, dass Stamets nach so überraschend wenig Widerstand zugesagt hatte, weil er, Culber, ihm das Gefühl hatte vermitteln können, dass ihm zu vertrauen war. Diese Erklärung gefiel ihm am besten.

Er versuchte, seine immer noch festgehaltenen Hände in Richtung der blonden Schläfen zu bewegen. Ihm wurde dieser Spielraum gewährt. Das glückliche Lächeln wollte seine Züge nicht mehr verlassen, als er das Gesicht streichelte. Das einrahmende, kurzgeschnittene Haar fühlte sich ein wenig spröde unter seinen Fingerspitzen an, passend zum Charakter des Mannes.

Seine Eroberung hielt die Lider nahezu geschlossen. Culber hatte beobachtet, dass Stamets verhältnismäßig oft mit geschlossenen Augen sprach. Es war so, als ob er die ihm unangenehme Welt aus seinen privaten Gedanken ausschließen wollte. Es hatte jedoch auch den Vorteil, dass die faszinierend farblosen Wimpern gut zur Geltung kamen.

Er reckte den Hals und platzierte einen Kuss auf dem einen Auge, dann, als sich kein Widerstand regte, auch auf dem anderen. Das Geräusch, das sich dabei aus Stamets‘ Kehle löste, fuhr ihm direkt ins Becken. Es war ein widerwilliges, leises Knurren, das deutlich machte, dass der Urheber niemals freiwillig eingestehen würde, dass ihm das, was ihm gerade widerfuhr, gefiel. Culber wagte noch einen weiteren Vorstoß, indem er sein Becken gegen das des anderen Manns schmiegte. Seine Lippen strichen vom Auge über den Nasenrücken zum Mund. Auch hier begegnete er keinem Widerstand. Stamets würde keine Initiative ergreifen, so viel machte sein Verhalten klar. Doch er würde es dem anderen erlauben.

„Bett, oder willst du erst duschen?“, hauchte er an Stamets‘ Wange.

„Was ist mit dem Wein …“

„Später. Ich will dich jetzt.“ Culber konnte spüren, wie ein sanftes Zittern über die Haut unter seinen Fingern lief. Mit zufriedenem Lächeln streichelte er noch einmal über Schläfen und Wangen. Er strich mit der Hand weiter über den Kiefer hinunter, den Arm entlang und fasste schließlich die Finger. „Komm.“ Er zog den Mann hinter sich her zum Bett hinüber, wo er ihn in einer eleganten halben Drehung mit dem Rücken zur Matratze wirbelte.

„Ich sagte doch, ich führe beim Tanzen“, bemerkte Stamets, nachdem er sich anstandslos hatte drehen lassen. Culber glaubte, ein schwaches Zittern in der Stimme zu vernehmen. Der Wissenschaftler war sichtlich nicht mehr auf gewohntem Terrain.

„Heute Nacht führe ich.“ Er schenkte ihm ein vertrauensvolles Lächeln, ließ die Hände los und legte die Fingerspitzen an den Kragen von Stamets‘ Hemd. „Lass mich machen.“ Mit beiden Zeigefingerkuppen fasste er den Verschluss und zog ihn langsam hinunter. Der dunkelrote Stoff teilte sich und entblößte noch mehr von der schwach pigmentierten Haut. Die Brust war unbehaart und flach. Kraftsport war eindeutig etwas, das ohne Stamets stattfand. Als Culbers Finger auf Höhe der fünften Brustwirbel angekommen waren, schnellten die Hände des anderen nach oben und legten sich um seine Handgelenke.

Culber nahm den Blick von der weißen Haut und begegnete demjenigen des anderen Mannes. Stamets‘ Augen waren nun völlig offen. Der Mediziner stellte fasziniert fest, dass sie in diesem Zustand nahezu kreisrund waren, die Iris von einem tiefen Dunkelblau, das mit den weißen, geschwungenen Wimpern kontrastierte. Er verlor sich einen Moment in diesem Blick, bevor ihm bewusst wurde, wie ernst der Wissenschaftler wirkte. Für einen Sekundenbruchteil befürchtete er, dass Stamets es sich anders überlegt hatte.

„Ich mache das normalerweise nicht“, erklärte der Mann mit leiser Stimme.

Culber atmete durch und nickte. „Ich weiß.“ Ohne den Blickkontakt zu brechen, versuchte er, die Bewegung des Hemdverschlusses weiterzuführen. Stamets‘ Finger blieben auf seinen Handrücken liegen, folgten jedoch in Richtung Hosenbund. „Darf ich fragen, warum du mir dann erlaubt hast, mit auf dein Zimmer zu kommen?“

Der Griff um die Handgelenke wurde wieder fester. Das nun offene Hemd bewegte sich, als Stamets Luft holte. „Du bist so dermaßen penetrant, dass du den Rest des Abends nicht locker gelassen hättest, hätte ich nein gesagt.“

Culber lachte. „Das hätte gut sein können.“ Er zwinkert und nutzte die kurze Ablenkung, um seine Hände mit einer raschen Drehung aus ihren Fesseln zu befreien. Bevor sein Gegenüber nachfassen konnte, hatte er die Ränder des Hemds gepackt und es über dessen Schultern nach hinten geschoben.

Stamets sog scharf die Luft ein und es kostete Culber einiges an Anstrengung, ihn nicht sofort rücklings auf das Bett zu werfen. Er versuchte, das Pochen in seinem Becken zu ignorieren. Bevor Stamets wieder seine Hände ins Spiel bringen konnte, hatte er seine eigenen auf die nun nackte Brust gelegt. Er spreizte die Finger und betrachtete einen Moment lang fasziniert das konstrastierende Spiel seiner braunen Haut gegen den blassen Untergrund. Langsam strich er die Handflächen zu den Seiten, bis seine Daumenkuppen die rosafarbenen Brustwarzen bedeckten. Er spürte, wie sie sich unter dieser Berührung verhärteten. Behutsam begann er sie mit leichtem Druck zu massieren.

Ein weiterer geräuschvoller Atemzug ließ ihn den Blick heben. Stamets‘ Brauen hatten sich ein wenig zusammengezogen. Die Wimpern zuckten, als der Blick zwischen der eigenen Brust und dem Mann vor ihm wechselte. Culber konnte die Unsicherheit in den Zügen sehen. Er hatte die letzten beiden Abende gelernt, dass sich Stamets sehr rasch verschloss, wenn er nicht mehr Herr der Lage war. Sein vordringlichstes Ziel musste es sein, den spröden Mann davon zu überzeugen, dass er sich vorbehaltlos in seine Hände begeben durfte.

„Ich werde ganz vorsichtig sein“, flüsterte er. Mit sanftem Druck brachte er den anderen dazu, sich auf die Bettkante zu setzen.

„Ich bin nicht zerbrechlich“, brummte der Wissenschaftler, als er mit Culbers Hilfe weiter auf das Bett hinauf rutschte, bis er auch die Füße auflegen konnte.

„Äußerlich nicht …“ Culber kniete sich nun neben ihn und widmete sich Schuhen und Socken.

„Was soll das heißen?“

Er nahm einen der nackten Füße auf den Schoß und legte beide Daumenkuppen an den Ballen. Im ersten Moment zuckte Stamets zurück, bis Culber den richtigen Druck gefunden hatte, der nicht mehr kitzelte. „Das weißt du selbst.“ Er begann mit der Fußmassage. Einen Moment sahen sie sich schweigend an. Stamets hatte den rechten Unterarm über die Stirn gelegt, so als ob er jederzeit die Möglichkeit haben wollte, seine Augen damit zu bedecken. Es wirkte, als ob sich der Wissenschaftler eine Antwort nach der anderen in seinem Kopf zurechtlegte und dann wieder verwarf.

Culber nahm sich den anderen Fuß vor.

Schließlich nickte Stamets. Ein einziges Mal nur. Und in diesem Moment wusste der Arzt, dass er einen Fehler gemacht hatte. Sein Puls beschleunigte sich, während er versuchte, den gleichmäßigen Rhythmus der Finger beizubehalten. Es hätte ein Spiel werden sollen, eine angenehme Ablenkung für zwei erwachsene Männer ohne jede Verpflichtung. Er hatte sich von der abweisenden Art Stamets‘ angezogen gefühlt, hatte sich herausgefordert gefühlt, diesen Eisprinz zum Schmelzen zu bringen. Und jetzt musste er feststellen, dass er im Tauwasser zu ertrinken drohte. Er biss sich auf die Unterlippe, um durch den kurzen Schmerz die aufwallenden Emotionen unter Kontrolle zu bringen. Morgen früh würde der Mykologe abreisen und sie würden sich nicht wiedersehen. Das hier sollte lediglich eine aufregende Nacht werden, eine schöne Erinnerung.

„Alles okay?“ Stamets‘ Stimme riss ihn aus dem Strudel der Emotionen, in den er drohte hineinzugeraten.

Culber rang sich ein Lächeln ab. „Aber natürlich.“ Er beendete die Massage, beugte sich vor und öffnete den Verschluss von Stamets‘ Hose, etwas hastiger als er das vorgehabt hatte. „Du gibst mir sofort ein Zeichen, wenn ich etwas mache, was dir unangenehm ist, okay?“

Ein weiteres Nicken. „Okay.“

Als der bleiche Körper schließlich unbekleidet vor ihm lag, hielt er einen Moment inne. Er war sich sicher, dass Stamets niemals am Strand in der Sonne lag. Diese Art von Haut würde unweigerlich zu Sonnenbrand neigen, wenn sie zu lange den Elementen ausgesetzt war. Jeder Druck hinterließ bereits eine schwache Rötung darauf, jede stärkere Durchblutung war sofort sichtbar.

Culber riss den Blick vom Becken fort und widmete seine Aufmerksamkeit wieder den blauen Augen, die ihn nun ein wenig vorwurfsvoll ansahen. Er lächelte eine Entschuldigung; niemand wurde gerne angestarrt. Wie als Wiedergutmachung hob er die Hände zum Ausschnitt seines eigenen Hemdes und öffnete es. Mit einer gewissen Genugtuung bemerkte er das kurze Aufblitzen in den Augen des blonden Mannes, das dieser zu spät wieder unter Kontrolle bekam. Culber legte großen Wert darauf, seinen Körper in Schuss zu halten und er wusste, dass er gut aussah. Seine Kleidung gesellte sich zu derjenigen Stamets‘ auf dem Fußboden vor dem Bett.

„Bist du mit einem Fitnesscenter verheiratet?“ Das Krächzen war kaum vernehmbar, doch es war vorhanden.

Culber beugte sich über ihn. Er fasste nach dem Handgelenk, das immer noch über den hellen Augenbrauen lag, und führte die Finger an seine Brust. Stamets berührte die Haut erst etwas zögerlich, dann selbstsicherer. Sein anderer Arm hob sich ebenfalls, so dass alle zehn Finger die Brust- und Bauchmuskulatur des Arztes erkunden konnten.

Culber gönnte sich ein paar Sekunden, in denen er es war, der die Augen schloss. Er genoss die Wanderung der Hände über seinen Oberkörper. Sie fühlten sich ein wenig kühl gegen seine erwartungsvolle Wärme an, doch das war passend für den Wissenschaftler. „Ich habe mich unter anderem auf Sportmedizin spezialisiert“, erklärte er mit immer noch geschlossenen Augen. „Und da will ich den Kadetten als gutes Vorbild vorangehen.“ Nun hob er die Lider wieder, um Stamets direkt anzublicken. „Gerade im wissenschaftlichen Zweig gibt es doch viele Offiziersanwärter, welche die Sportkurse eher als lästige Notwendigkeit abtun“, erklärte er zwinkernd.

Stamets schnaubte leise. „Man kann es auch übertreiben.“ Doch seine Augen sprachen davon, dass er tatsächlich von Culbers Körper beeindruckt war.

Der Arzt lehnte sich langsam in die Hände des anderen vor. Stamets gab allmählich nach, bis beide aufeinander lagen. Culber spürte, wie die Hände zu seinen Oberarmen rutschten. Die Unsicherheit des Mykologen schien abzunehmen. „Gib doch einfach zu, dass ich dir gefalle.“ Culber schnappte nach der Unterlippe.

Stamets öffnete willig den Mund. „Das würde ich nie zugeben“, murmelte er zwischen zwei Küssen. „So etwas sagt man einem Liebhaber nicht in der ersten Nacht.“

Culber streckte die Beine aus. Versuchsweise drückte er ein Knie zwischen Stamets‘ Schenkel. Der öffnete sie bereitwillig. Diese Nachgiebigkeit, die er aufgrund der verbalen Spitzen des Wissenschaftlers nicht erwartet hätte, erregte ihn unvermutet heftig. Es war, als ob Stamets ihn testen wollte, ob er Manns genug war, ihn zu nehmen. Seine Küsse wurden härter, während er gleichzeitig versuchte, die Bewegung seines Beckens zurückzunehmen. Es kostete ihn mehr Beherrschung, als er vermutet hätte.

Die Arme schlangen sich fester um ihn, packten seinen Rücken. Er fand sich auf die Seite gerollt, Stamets‘ Schenkel fest über seine Hüfte gepresst. Der blonde Mann hatte in dieser Lage nun mehr Bewegungsfreiheit und nutzte diese, um selbst den Rhythmus vorzugeben.

Culber musste den Kuss lösen, um zu Atem zu kommen. Seine Lippen streiften über den kräftigen Kieferknochen seines Liebhabers, schließlich drückte er das Gesicht in dessen Halskuhle.

„Paul.“ Er atmete tief durch. „Wir müssen langsamer machen, ich komm sonst.“

„In der Stellung bereits?“ Der leisen Gegenfrage fehlte der Spott, den er vermutet hätte. Der Ton klang fast zärtlich.

Er beschloss, dass er sich nicht nach der Paul-Stamets-Anleitung-für-Erste-Nächte richten würde. „Du machst mich total an“, teilte er dem bleichen Hals mit. „Du bist so wunderschön.“

„Man sagt das nicht …“

„… seinem Liebhaber in der ersten Nacht.“ Culber biss ihn spielerisch in die Haut. „Halt den Mund und akzeptier einfach, dass du mich erregst.“ Er hob den Kopf. Seine Augen begegneten dem nachdenklichen Blick unter den weißen Wimpern. Er befürchtete, dass Stamets doch mehr emotionale Intelligenz besaß, als er ihm zugestanden hatte. Der Blick schien zu ahnen, was in ihm vorging. Er versuchte mit einem knappen Lächeln und einem weiteren Kuss von seiner zunehmenden Gefühlsverwirrung abzulenken.

„Leg den Kopf zurück, und lass mich machen“, flüsterte er. Langsam rutschte er nach unten, seine Lippen berührten auf dem Weg jeden Zentimeter Haut, nahmen jede Unebenheit wahr, jedes Härchen, jedes Muttermal. Stamets‘ Hand ruhte locker auf seinem Kopf.

„Was ist mit dir?“ Wieder das Krächzen in der Stimme, dieses Mal prominenter. Die Finger fanden auf Culbers kurzgeschorenem Schädel keine Möglichkeit zum Festhalten, so vollführten die Kuppen ein sanftes Stakkato.

„Später.“ Sein Mund erreichte nun die Härte, an der er mit Bauch und Brust vorbeigeglitten war. „Erst du.“ Langsam schlossen sich die Lippen darum. Für einen Augenblick wurde es still im Zimmer. Culber hielt den Atem an. Da er in dieser Stellung bedauerlicherweise das Gesicht seines Liebhabers nicht sehen konnte, musste er sich auf andere Sinne verlassen, um Stamets‘ Stimmung auszuloten. Das kräftige Pochen, das gegen seine Zunge vibrierte, versicherte ihm, dass seine Berührung willkommen war. Schließlich vernahm er ein geräuschvolles Einatmen. Offensichtlich hatte auch Stamets die Luft angehalten. Behutsam machte er weiter, lauschte bei jeder Veränderung seiner Lippen oder seiner Zunge nach dem Atem und erfühlte das leichte Zittern des Körpers. Seine Handflächen drückten die Hüfte des anderen in die Matratze, seine Daumen strichen die Lenden entlang und durch das Haar, das auch hier nahezu farblos war.

Nach ein paar forschenden Versuchen bekam er ein Gefühl für Stamets‘ Reaktion und konnte seine intime Massage verstärken. Die Belohnung waren die ersten heftigeren Atemzüge und ein leises Aufstöhnen.

Reflexartig presste Stamets‘ Hand seinen Kopf kräftiger gegen das Becken. Doch bevor Culber etwas sagen konnte, weil ihm der Druck das Atmen schwer machte, merkte der andere von selbst, dass er seinem Liebhaber damit keinen Gefallen tat. Die Hand wurde ruckartig vom Hinterkopf genommen. Das leise Rascheln des Lakens deutete an, dass Stamets‘ sich stattdessen in die Bettdecke krallte.

Culber spürte, dass das Zittern zunahm. Er reizte den Wissenschaftler noch einen Augenblick länger, dann hielt er inne und ließ ihn mit sanften Liebkosungen wieder ein wenig zur Ruhe kommen. Er wollte das Vorspiel so lange wie möglich hinauszögern.

Als er es das dritte Mal gemacht hatte, veränderte sich das erwartungsvolle Keuchen in ein deutlich frustriertes. „Verdammt … Hugh …“

Mit einem Lächeln ließ der Arzt die Zunge einmal mehr kreisen; erregend, aufreizend, herausfordernd, doch gerade nicht stark genug für das Finale. Er hoffte, dass er den Bogen nicht überspannte. Stamets‘ Frusttoleranzschwelle war für ihn noch schlecht einzuschätzen.

„Hugh!“

Culber verstärkte den Griff an den Hüftknochen, als die Bewegung des Beckens zunahm.

Mit einem resignierenden Seufzen kippte der Ton in der Stimme seines Liebhabers. „Bitte …“

Er schloss die Augen. Es tat so gut, dieses kleine Wort aus dem Mund des Mannes zu hören. Er löste seine Rechte von Stamets‘ Hüfte – der Arzt in ihm bemerkte dabei flüchtig, wie stark gerötet die Haut unter den Druckstellen der Finger war – und führte seine Finger dorthin, wo sich sein Mund bereits befand. Seine Lippen schlossen sich fester, der Druck seiner Zunge wurde kräftiger. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er die herbe Flüssigkeit an seinem Gaumen schmeckte.

Der unterdrückte Aufschrei, der sich als kleines Beben durch Stamets‘ Körper fortsetzte, jagte Culber einen wohligen Schauder über den Rücken. Der Griff seiner Hände lockerte sich, er ließ sie spielerisch an Stamets‘ Flanken entlang nach oben gleiten und spürte der Muskelrelaxation nach. Schließlich löste er mit einem letzten Zungenschlag seine Lippen und richtete sich neben seinem Liebhaber in eine sitzende Position auf.

Jetzt endlich konnte er ihn betrachten. Der Unterarm lag abermals über der Stirn, die Augen waren geschlossen. Die Bauchdecke bewegte sich unter Atemzügen, die noch ein wenig kurz waren, doch der Rest des Körpers wirkte entspannt. Die bleiche Haut war von einem gleichmäßigen rosaroten Schimmer überzogen, lediglich im Bereich der Hüfte zeugten unschöne rote Flecken von Culbers festem Griff.

Als eine Zeitlang keine weitere Handlung erfolgte, hoben sich Stamets‘ Lider einen kleinen Spalt weit.

Culber lächelte ihn an und hoffte, dass seine Augen das übermitteln konnten, was er fühlte, ohne dass er etwas möglicherweise Dummes sagen musste.

„Danke“, flüsterte Stamets.

Er schüttelte innerlich den Schauder ab. „Sei nicht so nett, sonst bekomme ich es mit der Angst zu tun“, überspielte er seine eigentlichen Gefühle. Um sich und auch seinen Liebhaber von möglichen ungewünschten emotionalen Verwicklungen abzulenken, legte er seine Rechte wieder auf Stamets‘ Becken zurück. Er ließ die Finger tiefer gleiten, zwischen den Beinen hinunter. „Darf ich?“ Er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme heißer klang.

Der blonde Mann betrachtete ihn einen Moment lang, dann nickte er. „Sei vorsichtig. Ich bin empfindlich.“

Er verstärkte das Streichen des Fingers. Sein Puls machte einen kleinen Hüpfer, als er merkte, dass Stamets die Schenkel weiter spreizte, um ihm besseren Zugang zu gewähren. Die Chancen, sich nicht in diesen Mann zu verlieben, wurden immer geringer. „Keine Sorge, ich bin vorbereitet gekommen.“ Er presste noch einmal seine Handfläche gegen die warme Haut, um dem anderen das Signal zu geben, genau so liegen zu bleiben, dann drehte er den Oberkörper und beugte sich über den Bettrand hinunter zu seinem Hemd. Aus der Tasche fischte er eine kleine Tube mit Gleitgel. „Denn ich gehe nicht davon aus, dass du auf Kongressen auf einen One-Night-Stand vorbereitet bist“, erklärte er, als er sich wieder aufgerichtet hatte.

„Überraschenderweise nicht“, murmelte der Wissenschaftler. Er hielt immer noch Blickkontakt, sein Höhepunkt hatte ihn merklich entspannt.

Culber selbst wendete die Augen nur einmal ab, um sicherzugehen, dass seine Finger an der richtigen Stelle waren, dann konzentrierte er sich ganz auf das Gesicht seines Liebhabers. Sobald die Kieferknochen zuckten, machte er langsamer. Nach einer Weile nahm er die Hand fort, strich Stamets‘ Oberschenkel entlang und legte die Finger in die Kniekehle. Diese Stellung war nicht die bequemste für den Wissenschaftler, aber er wollte dessen Gesicht beobachten können.

Langsam begann er damit, sein Becken nach vorne zu bringen. Stamets‘ Kiefer zuckte nur kurz, dann entspannte er sich wieder. Culber streckte die Beine aus und lehnte sich nach vorne. In dieser Haltung konnte er nicht tief eindringen, doch der vorhandene Reiz genügte vollkommen.

Stamets nahm den Unterarm von seiner Stirn, als Culber sich zu ihm vorbeugte. Die Finger legten sich in den Nacken des Mediziners, zogen ihn hinunter. Er schnappte überrascht nach Luft, bevor ihre Lippen sich trafen. Es war, als ob das letzte Eis geschmolzen war. Culber fühlte die andere Hand auf seinem verlängerten Rücken, den besitzergreifenden Druck, der ihn tiefer presste.

„Paul …“ Die Zunge eroberte seinen geöffneten Mund und nahm ihm die Möglichkeit jeder weiteren verbalen Äußerung. Es dauerte einen Moment, bis er sich auf die veränderte Situation eingestellt hatte, bis sein Herzschlag sich wieder beruhigt hatte, bis er es wagte, sich in langsamen Stößen zu bewegen ohne Gefahr zu laufen, sofort zum Höhepunkt zu kommen. Von den Armen des spröden Wissenschaftlers umfangen zu werden, löste erneut die Gefühle in ihm aus, die er sich nicht zu fühlen erlaubte. Seine Lippen versuchten durch Berührung das auszudrücken, was er nicht zu flüstern wagte. Stamets‘ Körper war so wunderbar nachgiebig unter ihm, so wunderbar responsiv. Er passte sich an seine Bewegungen an, erwiderte seine Zärtlichkeiten ohne die zurückhaltenden Barrieren, die den Wissenschaftler zuvor ausgezeichnet hatten. Culber war sich sicher, dass der Mann wieder seine distanzierte Haltung einnehmen würde, sobald sie ihr Liebesspiel beendet hatten. So versuchte er, diesen Moment so weit hinauszuzögern, wie es ihm nur irgend möglich war. Der Moment fühlte sich richtig an, ihre Körper so, als ob sie schon immer zueinander gehört hätten.

Leider konnte er den Punkt, an welchem die Bedürfnisse des Körpers diejenigen des Geistes überlagerten, nicht ewig hinauszögern. Als er es sich endlich erlaubte zu kommen, zitterten seine Muskeln bereits vor Anstrengung. Er spürte nur noch die Welle der Erleichterung über sich zusammenschwappen. Hinterher konnte er nicht sagen, ob er in diesem Moment aufgeschrien hatte, ob er Pauls Namen gerufen hatte – was er hoffte, dass es nicht der Fall gewesen war -,  ob er einfach nur wortlos auf dem hellen Körper zusammengesackt war. Erst einen Moment, nachdem er sich auf den Rücken gerollt hatte, klärte sich sein Bewusstsein wieder. Langsam streckte er die immer noch zitternden Beine aus, erst dann wandte er den Kopf zu Stamets. Der lag neben ihm auf der Seite, die Knie angezogen, die Lider halb geschlossen, die Mundwinkel in einem entspannten Lächeln. Culber legte eine Hand auf das Knie des Mannes. „Alles okay?“

„Ich hab einen Krampf …“

„Oh …“ Culber ignorierte seine eigene Trägheit und rollte sich auf die Seite. „Entschuldige …“ Er setzte sich auf und legte beide Hände auf die Hüftgelenke des anderen. Er stockte, als seine Finger Feuchtigkeit berührten, die über einen Schweißfilm hinausging. „Bist du nochmal …?“

„Mhm.“ Das Nicken war träge, doch das Lächeln der geschlossenen Lippen blieb.

Culber begann die Gelenke mit leichtem Druck zu massieren. „Entschuldigung …“, glaubte er ein weiteres Mal äußern zu müssen. „Ich war …“

Stamets‘ Hand fand sich auf seinem Handrücken wieder, eine sanfte Berührung, die von der Müdigkeit des Besitzers zeugte. „Alles okay, Hugh. Ich bewundere dein Stehvermögen, ehrlich.“ Er war eindeutig zu müde, um bissig zu sein.

„Nun … danke.“ Culber war vom Verlauf des Gesprächs irritiert, ein freundlicher Stamets war irgendwie … befremdlich. Mit einem letzten kräftigen Druck nahm er die Hände fort. „Versuch jetzt bitte, die Beine zu strecken … ja … gut so.“

Stamets seufzte erleichtert, als er sich dehnte. „Besser!“ Er lag jetzt auf dem Rücken, öffnete kurzzeitig die Augen, blinzelte gegen das Deckenlicht und schloss sie wieder. „Zur Dusche schaffe ich es nicht mehr. Das muss bis morgen warten.“ Seine Hand tastete nach der Bettdecke, um sich den Bauch notdürftig damit trockenzureiben.

Culber saß etwas unentschlossen neben ihm. Es war deutlich, dass der Wissenschaftler kurz vorm Einschlafen war – inmitten eines völlig zerwühlten, von Körpersekreten durchnässten Betts. Er nahm ihm die Decke ab und drehte sie so, dass die feuchte Seite nach unten zeigte. „Roll rüber.“ Auf mehrmaliges Anschubsen hin rollte sich Stamets murrend zur Bettkante. Culber breitete die Decke aus. „Jetzt wieder zurück.“ Dann griff er nach der zweiten Decke, die sich während ihres Liebesspiels zur anderen Kante hin verflüchtigt hatte, und zog sie über den bleichen Körper.

Als Stamets keine Anstalten zu einer weiteren Reaktion machte, deutete Culber mit dem Daumen über die Schulter in Richtung Türe. Eine Geste, die der andere aufgrund der geschlossenen Augen natürlich nicht sehen konnte. „Soll ich …? Soll ich jetzt gehen?“

„Hm…?“ Die Augen öffneten sich einen kleinen Spalt breit. „Wenn du nicht schnarchst, kannst du hier schlafen“, murmelte der Wissenschaftler.

„Ich …“ Culber fühlte sich überraschenderweise ein wenig gehemmt. „Wir müssten unter einer Decke schlafen, das wäre ein wenig intim …“

Die Augen öffneten sich für einen Moment vollständig. In den großen, runden Pupillen blitzte kurzzeitig der altbekannte Spott auf. „Sehr viel intimer als beim Sex geht es ja wohl nicht.“

Und das war der Punkt, in dem sich Paul Stamets irrte. Culber löschte das Licht, schlüpfte zu ihm unter die Decke, und als Reaktion auf die Nähe drehte sich der Wissenschaftler bereits im Halbschlaf zu ihm um und legte den Kopf an seine Schulter. Culber war hellwach. Diese kleine, gänzlich unbewusste Geste war so viel vertrauter als es jeder Austausch von Körperflüssigkeiten zur gegenseitigen Lustbefriedigung jemals sein konnte. Culber hob den Arm und legte ihn um die hellen Schultern. Er versicherte sich, dass Stamets‘ Atem bereits derjenige des ruhigen, gleichmäßig festen Schlafs war, und er ihn auf keinen Fall hören konnte. Dann senkte er seine Stirn in das blonde, noch schweißfeuchte Haar. „Ich liebe dich, Paul. Ich will verdammt sein, aber ich habe mich in dich verliebt. Ich will dich nicht verlieren.“ Er zog ihn mit beiden Armen noch etwas näher an seinen Körper und lag dann die halbe Nacht wach.

 

Als Hugh Culber aufwachte, war er alleine im Bett. Und nicht nur im Bett. Sein gehetzter Blick teilte ihm mit, dass sich außer seiner Kleidung, die nun ordentlich über einer Stuhllehne hing, nichts weiteres Persönliches im Hotelzimmer befand.

„Verdammter Mistkerl!“ Er sprang aus dem Bett. Er wollte in seine Hose steigen und auf den Korridor hinausstürmen, doch er hielt rechtzeitig inne. Er hatte keine Ahnung, wann Stamets abgereist war, und er gehörte dringend unter die Dusche. Mit einem Satz war an der internen Kommunikationseinheit und rief die Rezeption an. Dort erfuhr er zu seinem großen Frust, dass Stamets tatsächlich bereits vor über eine Stunde das Hotel verlassen hatte.

„Scheißkerl!“ Er schlug gegen die Wand der Duschkabine, während das Wasser all die Erinnerungen an letzte Nacht von ihm abspülte. Ein Teil von ihm wollte den Geruch des anderen Mannes an sich behalten, doch der vernünftigere Teil obsiegte.

Kurz darauf kehrte er ins Zimmer zurück und packte seine Kleidung. Als er sein Hemd vom Stuhlrücken nahm, segelte ein Stück Papier zu Boden. Er wollte es erst unbeachtet liegen lassen, da es sich ganz offensichtlich um ein abgerissenes Stück einer Serviette aus der Bar handelte. Doch dann sah er, dass darauf etwas geschrieben stand, was schwach auf der Rückseite durchschien. Er bückte sich, hob den Fetzen auf und drehte ihn um. In etwas krakeligen Großbuchstaben aufgrund des rauen Untergrunds prangte ihm das einfache Wort „Danke“ entgegen. Widersprüchliche Gefühle versuchten sich in ihm an die Oberfläche zu kämpfen. Der verletzte Stolz rief ihm zu, dass das eine billige Abspeisung war, nicht besser als die Bezahlung für einen Professionellen. Doch seine romantische Seite veranlasste die Finger dazu, sich behutsam um das Stück Serviette zu legen und es in der Hemdtasche zu verstauen, direkt über seinem laut pochenden Herzen.

 

„Ich habe die Nacht auf Zimmer 146 verbracht“, erklärte Culber der jungen Frau an der Hotelrezeption, „mit Dr. Paul Stamets. Ich brauche unbedingt seine Privatadresse.“

Die Angestellte lächelte ihm freundlich, jedoch resolut entgegen. „Ja, Dr. Stamets hat angewiesen, dass wir Sie ausschlafen lassen sollen.“ Das Lächeln wankte nicht. „Aber wenn er Ihnen nicht seine Adresse gegeben hat, dann kann ich das ganz bestimmt nicht machen. Wir geben keine privaten Daten unserer Gäste heraus. Ich bin sicher, das verstehen Sie.“

„Es ist wichtiger, dass SIE verstehen.“ Seine Finger trommelten auf dem Tresen. Er versuchte es seinerseits mit Lächeln. Er wusste, dass er mit seiner positiven Ausstrahlung normalerweise sehr weit kam. Er hoffte nur, dass ihm die Nervosität keinen Strich durch die Rechnung machte. „Hören Sie, er hat die Nacht seines Lebens mit mir verbracht. Und nur, weil er so ein verdammter Sturkopf ist, hat er sich aus dem Staub gemacht, bevor wir reden konnten.“

Das knappe Nicken bei der Erwähnung von „Sturkopf“ entging ihm nicht. Zwar hatte die Dame sofort wieder ihr professionelles Lächeln aufgesetzt, doch sie war offensichtlich ebenfalls bereits mit der falschen Seite von Stamets‘ 'Höflichkeit' zusammengetroffen. Sie nickte verständnisvoll, machte jedoch keine weiteren Anstalten, Culbers Bitte nachzugehen.

Er seufzte. Zwar gab es sicherlich andere Möglichkeiten, den Wohnort des Wissenschaftlers herauszufinden, aber diese hier war die einfachste und schnellste. „Ich habe mich heute Nacht verliebt … ja, Sie schauen ungläubig. Paul ist ein Eisklotz, aber darunter lodert ein Feuer, das ganz wunderbar ist.“ Er beugte sich weiter vor, bis sich sein Gesicht dicht vor demjenigen der jungen Frau befand. Ihre Augen blitzten amüsiert auf.  "Sie wollen mich doch nicht ins Unglück stürzen, oder? Ich muss ihn wiedersehen - und er muss ganz sicher auch mich wiedersehen. Das ist besser für sein Seelenheil."

"Hören Sie ..." Die junge Dame hatte merklich damit zu kämpfen, ihre professionell neutrale Miene zu halten. Ihre Mundwinkel wollten sich von einem einstudierten zu einem ehrlichen Lächeln verwandeln. Culber hoffte, dass sie es zu ließ. Er zog einen leichten Schmollmund, um seinen Welpenblick noch zu unterstreichen. "Ich darf keine Daten weitergeben." Sie berührte demonstrativ eine Taste ihres Terminals und warf dem Monitor ebenfalls einen demonstrativen Blick zu. "Ich muss mich jetzt für ein paar Minuten im Büro um die Anmeldungen für heute Nachmittag kümmern. Wenn ich zurückkomme, möchte ich gerne, dass Sie sich auf Weg nach Hause befinden." Sie schob den Stuhl zurück und nickte ihm zu.

Culber schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. Er rief ihrem davoneilenden Rücken ein leises "Ich liebe Sie!" zu, passte einen Moment ab, in welchem niemand in der Lobby der Rezeption seine Aufmerksamkeit schenkte, und setzte dann mit einem Sprung über das Desk hinweg. Auf dem Monitor prangte Paul Stamets' Privatadresse inklusive des Codes für Subraumkommunikation. Er nahm seinen persönlichen Kommunikator hervor, tippte die Daten ein, und schloss dann die Datei.

So leicht würde er den Griesgram nicht davonkommen lassen. Jetzt fand er sich nur noch vor die gewaltige Aufgabe gestellt, den Eisprinz davon zu überzeugen, dass der ihn brauchte.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bolianisches Girlanden Bohei by Gabi
Author's Notes:

ab 12 - Humor, Characterstudy

Es gab Tage, an denen wünschte man sich, gar nicht erst aufgestanden zu sein.

 

Heute war einer davon.

 

Paul Stamets, Grundlagenforscher der Biophysik von Pilz-Myzelien, dessen bisherige Veröffentlichungen bereits die Aufmerksamkeit der technischen Abteilung der Sternenflotte erregt hatten, schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Seine Mitarbeiter konstruktiv auf Fehler hinzuweisen, war nicht seine Art. Höflichkeit hielt Stamets für eine überflüssige Zeitverschwendung.

 

„Das sind die Daten von gestern!“ Er warf der  Biologiestudentin das Datenpadd hin, so dass diese Mühe hatte, es aufzufangen, bevor es über den Tischrand schlitterte. „Damit kann ich nichts anfangen.“

 

„Es sind die Ergebnisse der neuen Kultur von heute“, wagte die junge Frau aufzubegehren.

 

„Dann haben Sie eben die Kulturen vertauscht. Wo haben Sie eigentlich Ihren Kopf?“ Er kniff die Augen zusammen und bedachte die Studentin mit einem Blick, als ob er eine unerwünschte Bakterienkolonie auf seinen Myzeliumkulturen musterte. Seine emotionale Kälte verfehlte selten ihr Ziel, so auch dieses Mal nicht. Wer für Paul Stamets arbeitete, arrangierte sich früher oder später damit, dass es Situationen gab, in denen man einfach mit dem Kopf nickte und ihn danach einzog.

 

„Ich werde die Testreihen noch einmal überprüfen, Sir.“

 

Ihm entging der sehnsüchtige Blick zur Uhr nicht, doch er ignorierte ihn. „Ich bitte darum!“

 

Mit frustriertem Kopfschütteln wandte sich der Mykologe wieder seinem Bildschirm zu und vertiefte sich in die Wachstumsparameter seiner Prototaxitis stellaviatori Stämme, augenblicklich die lästige humanoide Präsenz ausblendend. Leider boten die Kurven der nachmittäglichen Beprobung keine Entlastung seines, von der ihm umgebenden Unfähigkeit gequälten, Geists.

 

„Paul …“

 

Stamets‘ Kopf schoss in die Höhe, die Augen zu Schlitzen geformt, die Zunge bereit, den ungebetenen Besucher mit eisigem Zynismus einzufrieren, bevor ihm aufging, dass keiner seiner Mitarbeiter auch nur im Traum wagen würde, ihn beim Vornamen zu nennen.

 

Hendrik Straal, sein Forschungspartner, und wahrscheinlich der einzige Mensch, dem Stamets eine intellektuelle Gleichstellung zugestand, eilte bewaffnet mit einem Daten-Pad in das Büro. „Stamm an056z ist in Stagnation.“ Straal wedelte mit dem Tablet, als er sich dem Schreibtisch seines Kollegen näherte.

 

„Ich hab’s gerade auf dem Schirm.“ Stamets schwenkte den Monitor ein wenig zur Seite, so dass Straal die Anzeige ebenfalls verfolgen konnte. „Heute ist definitiv der Wurm drin.“ Er knurrte leise. „Ich habe wirklich keine Lust, jeden einzelnen Medienzusatz überprüfen zu lassen, nur um am Ende festzustellen, dass irgendein Trottel zu dämlich war, die Vorschriften richtig zu lesen.“ Er warf Straal einen genervten Blick zu. „Ich glaube, ich fange gleich mit der Durchsicht der Laborbücher an.“

 

Sein Kollege seufzte. Straal besaß ein offenes, freundliches Gesicht, was Stamets den Vorteil verschaffte, dass ihre Mitarbeiter sich wann immer möglich an den dunkelhaarigen Kollegen wandten und ihn in Ruhe ließen. Für Stamets‘ Empfinden ging Straal viel zu umsichtig mit Unfähigkeit um. „Paul, die Leute geben ihr Bestes. Wenn sie Fehler machen, dann nur, weil sie sich von dir unter Druck gesetzt fühlen.“

 

„Ach?“ Stamets schenkte seinem Kollegen einen missbilligenden Blick. „Ich erwarte von ihnen nicht mehr als ich von mir selbst erwarte.“

 

„Da liegt das Problem.“ Straal griff an ihm vorbei und änderte ein paar Eingaben auf Stamets‘ Terminal. Die Wachstumskurven bauten sich neu auf, blieben jedoch immer noch weit hinter der erwarteten Entwicklung zurück. „Niemand kann mit dir mithalten. Du kannst deine Maßstäbe nicht an andere anlegen.“

 

„Du kannst mit mir mithalten“, gab Stamets verteidigend zurück. Er schob Straals Finger beiseite und variierte nun die Zusammensetzung der Atmosphäre im Inkubator. Auch hier ergab sich keine Verbesserung.

 

„Dr. Stamets …!“

 

„Was?!“, herrschte der Mykologe zur Tür hinüber.

 

Die dort stehende Mitarbeiterin zuckte nur kurz zusammen, hielt jedoch tapfer die Stellung. „Heute ist BGB. Kann die Labormannschaft zeitig Schluss machen?“

 

„Und wenn heute XYZ wäre, bleiben Sie hier und machen Ihre Arbeit! Raus!“ Er widmete sich wieder dem Monitor. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie Straal Handzeichen in Richtung der Mitarbeiterin machte. Er musste gar nicht aufsehen, um zu wissen, dass sein Kollege ihr signalisierte, dass er gleich mit ihr sprechen würde, um die Wogen zu glätten, die Stamets aufgewühlt hatte.

 

„Die jungen Leuten im Labor sprechen schon den ganzen Tag vom Festival“, warf Straal ein.

 

„Kein Wunder bekomme ich nur beschissene Daten von denen!“ Stamets schloss die Datei mit einem wütenden Fingerdruck. Er lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen in seinem Sessel zurück und musterte Straal mit einem Seufzen, das die Ungerechtigkeit des gesamten Universums zum Ausdruck brachte. „Manches Mal habe ich das Gefühl, dass außer uns beiden niemand auch nur einen Bruchteil davon versteht, was wir hier eigentlich machen.“

 

„Dr. Stamets …“

 

Er gab seinem Sessel einen Schubs, um ihn sich zu der erneuten Störung herumdrehen zu lassen. „Was ist denn jetzt schon wieder? Man sollte meinen, Sie haben nichts zu tun!“

 

Dieselbe Mitarbeiterin wie wenige Minuten zuvor stand bereits wieder in der Tür. Das musste er ihr lassen. Sie war eindeutig mutig. „Draußen steht ein gutaussehender Offizier …“

 

Geschlagen von der Uneinsichtigkeit der Welt riss Stamets die Arme in die Höhe. „Um Himmels Willen, dann schnappen Sie sich eben Ihren gutaussehenden Gigolo und gehen Sie auf Ihr dämliches Fest! Aber wundern Sie sich nicht …“

 

„Er ist nicht mein Gigolo. Er möchte zu Ihnen“, bemerkte die junge Frau, wobei Stamets sich des Gefühls nicht erwehren konnte, dass ihr Tonfall ein wenig unwirsch wurde. Aber er konnte sich auch irren, da er sich mit den feineren Nuancen der Kommunikation nicht wirklich auseinandersetzte.

 

„Und warum, um alles in der Welt, erwähnen Sie dann sein Aussehen?“

 

„Weil es nun mal eine Tatsache ist, dass der Typ heiß aussieht.“

 

Stamets erhob sich und strebte zur Tür. „Eine völlig irrelevante Tatsache“, rügte er seine Mitarbeiterin. Zu Straal gewandt fügte er hinzu: „Normalerweise kündigt es die Flotte an, wenn sie einen ihrer Aufpasser schicken. Was soll dieser unangekündigte Aufmarsch? Das ist der Nagel auf meinem Sargdeckel für diesen fürchterlichen Tag.“

 

Straal zuckte mit den Schultern, als er sich ebenfalls in Bewegung setzte.

 

* * *

Lieutenant Dr. Hugh Culber, Mitarbeiter des medizinischen Corps der Sternenflotte, versuchte, die Nervosität nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Er befand sich in einem kleinen Besucherwartezimmer des biophysikalischen Instituts, einem Prestigeprojekt der technischen Abteilung des Oberkommandos. Die junge Frau, bei der er sein Anliegen vorgetragen hatte, hatte ihn gebeten sich zu setzen, während sie die von ihm gesuchte Person verständigte. Doch der Arzt war zu nervös, und so verbrachte er die wie eine kleine Ewigkeit erscheinende Wartezeit mit Bewegung.

 

Es war jetzt beinahe einen Monat her, dass er den Astromykologen Paul Stamets zufälligerweise auf einem Kongress auf Alpha Centauri kennengelernt und mit ihm eine Nacht verbracht hatte. Der spröde Wissenschaftler hatte die Begegnung offensichtlich als One-Night-Stand abgehakt, denn er war am nächsten Morgen ohne ein Wort des Abschieds abgereist. Doch Culbers Beharrlichkeit hatte die Adresse des Mannes in Erfahrung gebracht, und sie hatten seit dem ein paar Subraum-Nachrichten ausgetauscht, von denen auch Stamets angetan zu sein schien. Das hatte den Mediziner zu seinem nächsten Schritt ermutigt, den er nicht mit Stamets besprochen hatte. Der musste vor vollendete Tatsachen gestellt werden, alles andere war wie ein ungebremster Aufprall mit dem Kopf auf eine Wand.

 

Als sich die Türen zum Labortrakt öffneten, atmete er tief durch und bereitete sich auf die Begrüßung vor. Zwei Männer mittleren Alters in Laborkitteln betraten den Besucherbereich. Der eine, der Culber zumindest vom Aussehen her unbekannt war, hatte dunkles Haar, dunkle Augen und ein freundliches, rundes Gesicht. Der andere wirkte mit seinem kantigen, ausgeprägten Kieferknochen, dem hellblonden Haar, den farblosen Wimpern und Augenbrauen und der nahezu weißen Haut eher wie aus Eis gemeißelt. Leider änderte die Miene, die deutlich genervte Missbilligung ausdrückte, rein gar nichts an diesem ersten Ausdruck. Zu Culbers Leidwesen war dies der Mann, wegen dem er hergekommen war.

 

„Was willst du denn hier?“ Stamets‘ Brauen zogen sich über der Nasenwurzel zu einem Dreieck der Ablehnung zusammen. Die Augen nahmen den gequälten Ausdruck an, den Culber so gar nicht mochte. „Als man mir gesagt hat, dass jemand von der Sternenflotte hier ist, dachte ich, dass sie einen unangekündigten Wachhund zur Überprüfung unseres Fortschritts geschickt haben. Aber bisher nahm ich an, dass du in der medizinischen Abteilung arbeitest.“

 

„Ich freue mich auch, dich zu sehen, Paul.“ Sämtliche Gründe, warum seine Idee eines Überraschungsbesuchs eine gute gewesen sein sollte, verzogen sich unauffindbar in die Schatten seines Bewusstseins.

 

Der dunkelhaarige Mann, der Stamets begleitete, hob bei der Nennung des Vornamens überrascht die Augenbrauen, was Culber dazu veranlasste, sich ihm zuzuwenden. „Hugh Culber, medizinisches Corps der Sternenflotte.“ Er streckte die Rechte aus. „Darf ich annehmen, dass Sie Dr. Hendrik Straal sind, Pauls Arbeitskollege?“

 

„Das dürfen Sie.“ Das Lächeln des anderen Mannes wirkte einladend. „Sie sind der Arzt, den Paul auf der Konferenz getroffen hat?“

 

Nun war es an Culber, die Augenbrauen überrascht zu heben. „Paul hat von mir gesprochen?“

 

Stamets, der den freundlichen Austausch der beiden Männer unwillig beobachtet hatte, winkte ab. „Ein-, zweimal vielleicht.“

 

Straal hielt die Hände so, dass nur Culber sie sehen konnte. Er spreizte alle zehn Finger, schloss die Hände zu Fäusten und spreizte die Finger erneut, während er unauffällig zu seinem Kollegen hin nickte.

 

Culber versuchte, ein neutrales Gesicht zu behalten, doch innerlich jubilierte er. „Die gesamte Stadt ist geschmückt. Das BGB ist in vollem Gange. Ich dachte, wenn ich schon mal hier bin, kann ich dich ausführen“, kehrte er auf Stamets anfängliche Unfreundlichkeit zurück.

 

„Keine Zeit. Ich muss arbeiten.“

 

Der Arzt seufzte lautlos. Der Abend versprach ausgesprochen vergnüglich zu werden.

 

„Natürlich hat Paul Zeit“, sprang Straal in die Bresche und boxte seinen Kollegen in den Oberarm. „Wir müssen die Testreihen morgen früh ohnehin nochmal neu ansetzen. Das jetzt über’s Knie zu brechen hat keinen Zweck. Wenn du als Boss mit gutem Beispiel vorangehst, kann ich auch den anderen für das Festival frei geben. Sie haben es sich verdient.“

 

„Was haben die schon getan, um einen freien Abend zu verdienen?“, fauchte Stamets. „Die haben bereits meinen gesamten Tag mit ihrer Unfähigkeit ruiniert! Das waren die falschen Testreihen und die falschen Daten und …“

 

„Paul!“

 

Die beiden Wissenschaftler starrten sich einen Moment schweigend an. Culber konnte nicht umhin, Straals Standhaftigkeit zu bewundern.

 

Es war schließlich Stamets, der den Blick abwandte. „Meinetwegen“, knurrte er. „Ich hol meinen Mantel.“

 

Sobald der Mykologe außer Hörweite war, packte Straal Culber am Arm. „Sorgen Sie bloß dafür, dass er bessere Laune kriegt!“, raunte er ihm zu. „Der ist heute unausstehlich.“ Er blickte sich rasch zur Tür um, um sicher zu gehen, dass Stamets noch nicht wiederkam. „Lassen Sie sich nicht einschüchtern. Er mag Sie, ganz gleich, was er gleich wieder poltert. Ich habe ihn noch nie so viel über ein Lebewesen sprechen hören, das nicht ins Reich der Pilze gehört …“ Er ließ Culber los und trat einen Schritt zurück, als Stamets zurückkehrte. Der trug nun einen leichten Sommermantel, doch sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht im Mindesten verbessert.

 

„Bringen wir es hinter uns!“

 

Culber schenkte Straal noch einen letzten Blick, den dieser mit einem Augenrollen quittierte, dann beeilte er sich, mit Stamets‘ weit ausholendem Schritt mitzukommen.

 

Der Wissenschaftler sprach kein Wort, während sie die hellen Korridore des Instituts entlang eilten. Erst als sie das Gebäude verlassen hatten und die kühle Nachtluft ihre Lungen füllte, schien er sich wieder daran zu erinnern, dass er nicht alleine war.

 

„Ich dachte, du bist auf Alpha Centauri?“

 

„Ich …“ Es erschien Culber im Moment nicht ratsam, den wirklichen Grund seines Hierseins zu nennen, nicht bei Stamets‘ offensichtlicher Laune. Also flüchtete er in eine Notlüge: „Ich habe beruflich hier zu tun, und da dachte ich mir, ich überrasche dich.“

 

„Ich mag keine Überraschungen.“

 

„Ich habe es gemerkt.“

 

Sie schwiegen weiter, während sie eine kurze Stichstraße hinabgingen. Diese öffnete sich in eine breite Promenade, die sich für heute Nacht in ein Lichtermeer verwandelt hatte. Soweit das Auge nach rechts und links reichte, war die breite Straße mit Lampions und Girlanden überspannt. Gewagte Konstruktionen aus einem leichten, seidigen Material flatterten und wirbelten in zwei bis drei Metern Höhe im Luftzug strategisch platzierter Gebläse. Es wirkte, als ob die seidenen Gebilde knapp über den Köpfen der Gäste ein Eigenleben führten.

 

„Okay, was ist das BGB überhaupt?“, knurrte Stamets schließlich, nachdem er sich eine Weile umgesehen hatte. Culber wollte sich einbilden, dass der blonde Mann wenigstens ein bisschen von der Atmosphäre beeindruckt war. „Im Labor haben sie heute von nichts anderem gesprochen.“ Er stockte kurzzeitig, nur um mit finsterem Blick hinzuzufügen: „Weswegen die heutigen Testreihen auch alle für die Tonne waren!“

 

„Hast du denn nicht nachgefragt?“ Der Arzt betrachtete den Mann überrascht von der Seite. An dessen sozialen Kompetenzen schien sich seit ihrem Kennenlernen nichts gebessert zu haben.

 

„Es hat mich nicht interessiert.“

 

„Heute Abend wird das Bolianische Girlanden-Bohei gefeiert, das …“

 

„Was ist denn das für ein selten bescheuerter Name?“, fuhr Stamets dazwischen. Er starrte seinen Begleiter an.

 

Culber amüsierte sich über die zur Schau getragene rechtschaffene Empörung - jedoch nur innerlich. „Der richtige bolianische Name ist etwas kompliziert auszusprechen, daher hat sich diese nette Abkürzung eingebürgert.“ Er schenkte ihm einen herausfordernden Blick unter gehobenen Augenbrauen. „Warum weißt du das nicht, du lebst doch hier?“

 

Stamets erwiderte den Blick mit Kälte. „Es hat mich nie interessiert.“

 

„Du lebst wirklich nur für deine Arbeit …“

 

„Und?“

 

Culber seufzte. „Versuch dich doch wenigstens heute Abend mal ein bisschen gehen zu lassen. Tu’s wenigstens für mich …“ Er beugte sich während des Sprechens vor und legte seinem unwilligen Date den Zeigefinger auf die Lippen. Er verspürte keinerlei Lust auf einen Vortrag darüber, warum es unsinnig sei, etwas für ihn zu tun.

 

Immerhin besaß Stamets den Anstand, tatsächlich den Mund zu halten.

 

Culber hob den Arm und vollführte eine kreisförmige Bewegung, welche die vor ihnen liegende geschmückte Promenade umfasste. Das Licht war romantisch, strahlte die luftig tanzenden Girlanden zauberhaft an, und die leichte Musik erhob sich gerade so über dem Pegel der Gespräche. Überall flanierten kleine Gruppen und Pärchen Arm in Arm. Die Ränder der Promenade waren mit Tischen und Stühlen gesäumt, zwischen denen bolianische Kellner mit Getränken umher eilten. Die blaue Hautfarbe dieser Spezies erzeugte einen gewissen Ruhepunkt für das Auge in all dem bunten Treiben. „Heute Abend sollen die Sorgen fort wehen wie diese Girlanden.“

 

Direkt am Geländer zum Kanal wurde gerade ein Tisch frei. Der Arzt packte den anderen Mann am Arm und zog ihn hinüber. „Lass uns etwas trinken und reden, Paul. Ich habe mich so darauf gefreut, dich wieder zu sehen.“ Der kleine Tisch stand direkt neben einem der Gebläse, das drei kunstvoll verflochtene Girlanden über ihren Köpfen tanzen ließ. Die grünen und gelben Farben verwandelten sich je nach Änderung des Winkels zum einfallenden Lampionlicht in wirbelnde Kaskaden von Violett. Wenn man auch nur ein wenig Sinn für Ästhetik besaß, kam man nicht umhin, von dem Schauspiel fasziniert zu sein.

 

Stamets beachtete es nicht einmal.

 

Culber wählte seufzend denjenigen Stuhl, der sich näher am Gebläse befand, um möglichen Beschwerden über störenden Lufthauch oder unpassenden Schattenwurf zuvorzukommen. Er musste eine Möglichkeit finden, diesen Griesgram aus der Reserve zu locken, sonst würde das ein sehr einseitiger und sehr frustrierender Abend werden. In seiner Vorstellung, die er sich auf dem Shuttle-Flug von Alpha Centauri ausgemalt hatte, war ihre Begegnung gänzlich anders abgelaufen.

 

„Ich bestell etwas für uns, da ich davon ausgehe, dass es dir gleichgültig ist“, bemerkte Culber.

 

„Mach das.“ Stamets hatte sich gesetzt und starrte jetzt auf den Kanal hinaus. Dort schwammen Hunderte von Kerzen, deren Licht sich in der leicht kräuselnden Oberfläche reflektierte und ein warmes Meer spielerischer Juwelen erzeugte. Culber ging jede Wette ein, dass der Wissenschaftler das nicht einmal bemerkte. Er lehnte sich zurück und winkte einem der vorbeieilenden Kellner. Ohne Stamets weiter zu fragen, orderte er zwei Drinks und eine Kleinigkeit zu essen für sie beide bei dem bolianischen Mann.

 

Schließlich lehnte er sich auf dem Tisch nach vorne. „Paul … an was denkst du?“

 

Ohne den Blick vom Wasser abzuwenden, antwortete der Wissenschaftler: „Einer der Prototaxites stellaviatori Stämme hat heute das Wachstum eingestellt. Ich habe die letzten drei Tage damit zugebracht, die Nährlösung zu optimieren, und frage mich jetzt, ob ich einen Fehler gemacht habe, oder ob einer meiner Mitarbeiter mal wieder zu dämlich war, meine Anweisungen auszuführen.“ Er hob den Kopf und blickte Culber direkt an. „Warum muss ich mich mit Leuten herumschlagen, die Hendriks und meine Vision nicht begreifen?“

 

Der Arzt schluckte die Enttäuschung darüber hinunter, dass seine Anwesenheit offensichtlich keine Rolle in den Gedanken des anderen spielte. Stamets‘ Frust über die Welt im Allgemeinen und seinen wissenschaftlichen Stab im Speziellen wirkte zu ernsthaft, um darüber eine flapsige Bemerkung fallen zu lassen. Das war ein Punkt, den er lernen musste zu tolerieren. Wenn er auch nur irgendwie näher an diesen faszinierenden, bleichen Mann herankommen wollte, musste er akzeptieren, dass dessen Arbeit immer das Wichtigste für ihn bleiben würde. „Weil dein Geist so brillant ist, dass es fast niemanden gibt, der mit dir mitziehen kann.“

 

Der Blick in den eisigen Augen wurde weicher. „Ich weiß“, entgegnete Stamets, und zumindest für den Moment schien er tatsächlich im Hier und Jetzt angekommen zu sein. Culber beschloss, die Gelegenheit am Schopf zu packen und mit der Wahrheit rauszurücken.

 

„Paul, ich hab mich hierher versetzen lassen …“

 

Stamets sah ihn verwundert an. „Warum?“

 

Alleine schon, dass der andere die Frage überhaupt stellte, nahm Culber den Wind aus den Segeln. „Damit ich bei dir sein kann, natürlich!“

 

Die Verwunderung verwandelte sich in Starren. Offensichtlich hatte der Wissenschaftler nicht mit dieser Antwort gerechnet. Culber konnte erkennen, dass er ihn damit in die Ecke gedrängt hatte. „Das hättest du dir sparen können. Wenn du so etwas wie ein Beziehung von mir erwartest … dafür habe ich keine Zeit.“

 

Über die Promenade näherte sich der bolianische Kellner mit ihrer Bestellung.

 

Culber spürte, wie ihm die Geduld ausging. Er hatte erst letzte Woche die Avancen eines sehr netten Kollegen abgewiesen, weil ihm ausgerechnet dieser sozial unkompatible Eisklotz nicht mehr aus dem Kopf ging. Er atmete tief durch und hob – für ihn ungewöhnlich – die Stimme: „Ich weiß wirklich nicht, wer von uns beiden der größere Vollidiot ist. Ich, weil ich mich in einen hoffnungslosen Fall verliebt habe, oder du, weil du es nicht zulassen kannst!“

 

Der Bolianer zögerte ein wenig, entschied sich dann aber doch, das Tablett auf dem Tisch abzustellen, und eines der beiden Gläser vor Stamets zu platzieren. Der Wissenschaftler ignorierte ihn vollkommen. „Man kann sich nicht in jemanden verlieben, mit dem man gerade mal eine Nacht …“

 

Der Kellner beeilte sich, mit dem zweiten Glas auf Culbers Seite zu wechseln, um den Ort dieser unangenehm werdenden Unterhaltung wieder verlassen zu können.

 

„Ich kann, verdammt noch mal!“ Culber erhob sich halb von seinem Stuhl und griff hinüber nach Stamets‘ Kragen. Seine Absicht war es, den anderen zu küssen, um ihm deutlich zu machen, was er für diesen empfand.

 

Stamets jedoch reagierte ohne nachzudenken mit einem kleinen Stoß seiner Hände, um den Arzt auf Abstand zu halten. Der verlor das  Gleichgewicht, fiel nach hinten auf den Stuhl zurück, welcher durch den plötzlichen Impuls zu kippen begann. Der bolianische Kellner hatte keine Chance, seinen Arm mit dem Drink rechtzeitig zurückzuziehen und wurde von der nach Balance suchenden Hand des Gastes getroffen. Strauchelnd hielt sich der Bolianer am nächstbesten Gegenstand fest, der sich leider als sein gänzlich unnützes Tablett herausstellte. Die Schale mit den in Öl eingelegten Knabbersachen wurde in Richtung des Gebläses katapultiert, wo deren Inhalt vom Luftstrom hinauf gewirbelt und als Delikatessenregen wieder hinab geregnet wurde. Beide Männer und der Stuhl stürzten in einem Knoten aus um sich greifenden Armen nach hinten und stießen das Gebläse um. Die Girlanden, die sich ihres Auftriebs beraubt sahen, gaben in eleganten Schlieren der Schwerkraft nach und legten sich wie seidige Fesseln um die zappelnden Glieder der Gestürzten.

 

Culber versuchte, sich aus dem Chaos zu befreien, doch jeder Versuch seinerseits verhedderte die bunten Girlanden noch mehr. Über und über von in Öl eingelegten Oliven und Artischocken bekleckert, die Hände in einem unlösbaren Gewirr von überraschend stabilen Seidenbändern gefesselt und mit schmerzendem Schädel, wo er beim Sturz die Kante des Gebläses getroffen hatte, ergab sich der Mediziner schließlich in sein Schicksal und blieb stöhnend liegen. Der Bolianer neben ihm zappelte noch.

 

Das leise Glucksen klang im ersten Moment völlig surreal.

 

Den Schmerz ignorierend hob Culber den Kopf, soweit es die missliche Lage zuließ. Er erkannte, wie Stamets auf die beiden Unglücklichen herab starrte. Der bemühte sich sichtlich, seine abweisende Miene beizubehalten, doch es misslang ihm. Zuerst entspannten sich die Augenbrauen, dann bildeten sich Fältchen an den Augen und schließlich zuckten die Mundwinkel. Der blonde Mann begann zu lachen.

 

Culber blinzelte die Tränen fort, die ihm der Aufprall in die Augen getrieben hatte. Er hatte Stamets noch nie lachen sehen. Das war die Schmerzen fast wert – fast.

 

„Bin ich froh, dass wenigstens du wieder gute Laune hast.“ Er ließ stöhnend den Kopf zurücksinken und ergab sich der Peinlichkeit der Situation.

 

Selbst Stamets‘ Stimme gluckste: „Tut mir leid.“ Er kniff die Lippen zusammen, doch das Grinsen wollte nicht weichen. „Jetzt versteh ich immerhin den Namen: Bolianisches Girlanden-Bohei!“

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