Halloween by Emony
Summary: In ihrem zweiten Jahr an der Akademie will Gaila, sehr zu Nyotas Leid, unbedingt auf eine Halloween-Party gehen und zu allem Überfluss auch noch an einer Séance teilnehmen, zu der Jim und Gary sie eingeladen haben.
Categories: Kinofilme > Star Trek (AOS) Characters: Gaila, Gary Mitchell, James T. Kirk, Leonard 'Bones' McCoy, Nyota Uhura
Academy Era, Angst, Friendship, Halloween, Eine Dialogzeile, eine Geschichte! (04.2015), Challenges: Eine Dialogzeile, eine Geschichte! (04.2015)
Series: Keine
Chapters: 2 Completed: Ja Word count: 4072 Read: 839 Published: 31.10.15 Updated: 31.01.16
Story Notes:
Dies ist mein Beitrag zur aktuellen Challenge. Ich habe mich für die Dialogzeile "So etwas wie düstere Legenden gibt es nicht." entschieden.

Die Story soll allen Halloween Fans gewidmet sein.
Passende Musik könnt ihr euch hier reinziehen: http://8tracks.com/artphilia/collections/halloween (Vol. 2 gefällt mir besonders gut)

1. Kapitel 1 by Emony

2. Kapitel 2 by Emony

Kapitel 1 by Emony
„Ich bin schon total gespannt auf diese Kostümparty“, ließ sich Gaila aus dem kleinen Badezimmer vernehmen, das an ihren gemeinsamen Schlafraum angrenzte.

„Halloween ist albern“, kommentierte Nyota, hob dabei jedoch kaum ihren Blick von dem PADD in ihren Händen.

„Es ist ein Brauch, Nyota. Wie kannst du einen Brauch deiner Heimat ablehnen?“ Gaila beobachtete ihre Freundin durch den Spiegel.

„Ich komme aus Afrika. Da wird Halloween nicht zelebriert. Von daher …“

„Meine Güte, Schätzchen“, wandte sich Gaila nun ein wenig ungeduldiger an ihre Zimmergenossin und drehte sich diesmal sogar zu ihr herum. „Ich stamme noch nicht mal von diesem Planeten und finde diesen Brauch spannend. So etwas gibt es auf Orion überhaupt nicht. Auf keinem Kontinent, nirgendwo. Und ich finde die Idee reizvoll, einen Abend lang verkleidet herumzulaufen und so zu tun als wäre ich jemand anderes.“

„Schön für dich.“ Nyota sah weiterhin nicht auf, starrte sogar noch verbissener auf den Text in ihren Händen. „Halloween, eigentlich Samhain, ist nicht unbedingt als Kostümparty in die Geschichte eingegangen, sondern war vielmehr ein keltischer Brauch, der die Jahresnacht einleitete. Für die Kelten gab es praktisch nur zwei Jahreszeiten; den Jahrestag und die Jahresnacht. Samhain war das Silvester der Kelten. Der Unsinn mit dem Verkleiden und dem Mythos, man könne ausgerechnet an diesem Tag im Jahr mit der Welt der Toten kommunizieren beziehungsweise sich vor Geistern und Dämonen verstecken, indem man sich kostümiert, kam erst viele Jahrhunderte später und wurde irgendwann zu einem regelrechten Kommerzwahn.“

Gaila versuchte zu ignorieren, was Nyota ihr da eben erzählte. Sie wollte sich den Spaß nicht nehmen lassen und unbedingt zu der Party gehen, zu der auch Jim Kirk kommen würde. Daher beschloss sie kurzerhand das Thema zu wechseln. „Was liest du da überhaupt?“, fragte sie daher mit gespieltem Interesse, ging zu Nyota hinüber und versuchte einen Blick auf das PADD zu erhaschen.

„Suraks Lehren.“ Nyotas knappte Antwort sollte Gaila eigentlich signalisieren, dass sie kein gesteigertes Interesse hatte, sich weiterhin mit ihrer Freundin zu unterhalten.

Gaila seufzte genervt. „Das hört sich öde an. Ich hab neulich was über eure düsteren Legenden gelesen, das solltest du mal lesen. Jim Kirk hat mir nahegelegt, mich damit zu befassen. Er meinte, es helfe mir, Halloween zu verstehen.“

Nyota ließ das PADD sinken, seufzte und sah ihrer Freundin fest in die Augen. „So etwas wie düstere Legenden gibt es nicht.“ Hatte sie Gaila nicht eben erst erklärt, was es mit Halloween auf sich hatte? Sprach sie gegen Wände? Oder drückte sie sich gar undeutlich aus?

„Oh doch!“, versicherte ihr Gaila enthusiastisch und setzte sich neben Nyota aufs Bett. „Und die sind richtig unheimlich.“

„Die sind vor allem Blödsinn.“

Gaila verdrehte die Augen. „Wenn du meinst. Dann kann ich ja auch Folgendes tun, ohne dass du in Panik gerätst.“ Die Orionerin stand demonstrativ auf, ging zurück ins Badezimmer und stellte sich vor den Spiegel. „Bloody Marry … Bloody Marry … Bloody-“

„Stopp!“, rief da Nyota etwas eindringlicher als geplant und trat eilig hinter ihre Freundin.

Mit einem triumphalen Grinsen sah Gaila sie durch den Spiegel an. „Nervös?“

„Gar nicht“, log Nyota und stemmte ihre Hände in die Hüfte, wobei sie in der rechten immer noch das PADD hielt. „Ich finde nur, dass man gewisse … Dinge … nicht ausprobieren sollte.“

„Das heißt, du wirst heute auch nicht an der Séance teilnehmen?“

Nyota blinzelte ein wenig schockiert. „Was für eine Séance?“

„Jim und Gary haben vor, Kontakt zur Geisterwelt aufzunehmen und …“, begann Gaila ihre vollkommen naive Erklärung, als wisse Nyota nicht, was eine Séance war.

Diese hob gebieterisch ihre Hände, in der rechten das PADD. „Sekunde. Stopp. Du hast doch nicht etwa vor, da mitzumachen?“

„Wieso nicht? Das hört sich nach Spaß an.“

Nyota legte ungeduldig das PADD auf eine nahe Kommode und schließlich beide Hände auf die Schultern ihrer Freundin. „Gaila, davon rate ich dir tunlichst ab. Ich glaube nicht unbedingt an Übersinnliches wie Geister und Dämonen, aber ich finde, dass man gewisse Grenzen nicht überschreiten sollte.“

„Warum nicht? Wir wollen doch Forscher werden. Was ist der Unterschied zwischen einem fremden Planeten und der Geisterwelt?“, wollte Gaila in ehrlich Unschuld wissen.

Die Frage gab Nyota zu denken, bevor sie antworten konnte. Langsam trat sie zurück an ihr Bett und ließ sich darauf nieder. Sie faltete die Hände in ihrem Schoß. „Der Unterschied liegt vor allem zunächst darin, dass die Kulturen auf fremden Planeten lebende, atmende Wesen sind. Wenn wir in Konflikt mit ihnen geraten, können wir uns jederzeit verteidigen oder zurückziehen.“

„Und vor Geistern kann man sich deiner Ansicht nach nicht schützen?“

Nyota nickte stumm.

„Also glaubst du durchaus daran, dass es düstere Legenden und Geister gibt und dass man Kontakt zu ihnen aufnehmen kann.“

„Das habe ich so nicht gesagt. Aber ich habe … Respekt vor der Möglichkeit. Verstehst du? Es gibt einfach Dinge, die muss ich nicht ausprobieren, um zu beweisen, dass ich falsch oder richtig liege. Ich möchte es einfach nicht drauf ankommen lassen, durch ein gedankenloses Spiel, einen Geist aus dem Jenseits in unsere Welt zu holen, der mich womöglich ein Leben lang verfolgt und in den Wahnsinn treibt.“

„Ihr Menschen seid seltsam. Ihr fürchtet euch vor unbewiesenen Möglichkeiten, reist jedoch mit einer Arroganz durchs All, die den Vulkaniern in nichts nachsteht.“

Nyota war sich nicht sicher, ob sie in Gailas Kommentar eine schlecht versteckte Beleidigung oder ein Kompliment heraushören sollte. Daher beschloss sie darauf nichts zu erwidern.

„Du solltest trotzdem mit zu der Party kommen“, fuhr Gaila fort, „Schon allein um sicher zu gehen, dass Jim und Gary mich nicht doch überreden. Du weißt wie ich bin, wenn ich getrunken hab …“

Das war Nyota inzwischen allerdings bewusst. Immerhin war sie mit Gaila inzwischen seit etwas mehr als einem Jahr befreundet. In ihrem ersten Jahr an der Akademie hatte Gaila jedoch noch kein so ausgeprägtes Interesse an irdischen Bräuchen gehabt. Sie hatte Halloween zusammen mit Nyota im Kino verbracht, ehe sie zu einer Anti-Halloween Party eingeladen worden waren, die von einigen Föderationsangehörigen ins Leben gerufen worden war, die eben nichts von diesem Brauch hielten.

„Also?“, hakte Gaila nach.

„Von mir aus, dann komme ich eben mit“, gab sich Nyota geschlagen, weigerte sich jedoch partout sich übermäßig gruselig zu verkleiden oder gar zu schminken.

~*~

„Gaila, der Tod steht dir gut!“, rief Gary mit zwei Bechern Bowle in der Hand, als er sie im Eingangsbereich erblickte.

Gaila hatte beschlossen, als orionische Zombiefrau zu der Party zu gehen. Nyota neben ihr verschränkte die Arme vor der Brust, um ganz deutlich ihre Ablehnung zu signalisieren. Gaila nahm einen der Becher, die Gary den Frauen hinhielt, Nyota passte erwartungsgemäß.

„Eigentlich ist ein Kostüm Pflicht“, ließ Gary die angehende Linguistin wissen und tippte sich an den Cowboyhut.

„Ich bin verkleidet, siehst du das nicht?“, fragte sie und sah ihn mit unbeeindruckter Miene an. Sein Gesichtsausdruck war verwirrt und so drehte sie leicht den Kopf, damit er einen Blick auf ihre spitzen Ohren erhaschen konnte.

Plötzlich lachte Gary los. „Sehr originell, das muss ich schon sagen. Als Vulkanierin machst du dich echt gut. Vor allem mit diesem Gesichtsausdruck.“ Abermals hielt er ihr den Becher hin, doch sie lehnte erneut ab.

„Ich trinke nichts, das mir hier angeboten wird. Wer weiß, was ihr da reinmischt.“ Hinter Gary tauchte Jim Kirk, verkleidet als Vampir, und sein Freund auf. Nyota konnte McCoy ansehen, dass er genauso große Lust auf diese infantile Party hatte wie sie selbst, dennoch war er hier. Unkostümiert und vermutlich genauso genötigt, wie Nyota selbst. Vielleicht sollte sie sich an diesem Abend an den Arzt halten. Dann hatte sie schon jemanden, mit dem sie über die ganzen anderen Leute hier lästern konnte …

„Jim!“, rief Gaila, viel zu erfreut für Nyotas Geschmack, als sie den größten Aufreißer der Akademie bemerkte.

Ein breites Lächeln erschien auf Jims Gesicht. „Gaila, du siehst umwerfend aus. Selbst tot bist du noch sexy. Wie schaffst du das nur?“

Das Grün in ihrem Gesicht wurde trotz Make-Up, das sie eigentlich blasser wirken ließ, tiefdunkel, wie Nyota genervt feststellte. McCoy, hinter Jim, rollte die Augen und kippte den Inhalt seines Bechers in einem einzigen großen Schluck runter. Ja, dachte Nyota düster, in McCoy hatte sie an diesem Abend eindeutig eine verwandte, gequälte Seele gefunden.

„Willst du tanzen?“, fragte Jim da und Gaila stimmte sofort zu, ehe sie hastig ihren Becher austrank und Nyota in die Hand drückte. Dann verschwand sie mit Jim in der Menge.

Gary sah Nyota an und deutete mit einem stummen Kopfnicken Richtung Tanzfläche.

In bester Vulkaniermanier zog Nyota eine Augenbraue hoch und schüttelte dann kaum sichtbar den Kopf. „Vorher gefriert die Hölle.“

Daraufhin schüttelte Gary nur den Kopf und murmelte etwas, das wie ‚Eiskönigin‘ klang, ehe er sich davon trollte und eine vermeintliche Krankenschwester anbaggerte.

McCoy blickte an Nyota vorbei Richtung Ausgang. Er schien zu überlegen, ob er einfach abhauen sollte. Und sie konnte ihm diesen Gedanken absolut nicht verdenken. „Wenn wir jetzt verschwinden, erwischen wir noch die Spätvorstellung im Kino um die Ecke.“

Der Arzt blickte hinter sich, doch da stand niemand. Nun ja, niemand den Uhura hätte ansprechen können. Er deutete zweifelnd auf sich und sie nickte mit einem sehr unvulkanischen Lächeln im Gesicht.

„Ich war noch nie mit einer Vulkanierin aus“, ließ er sie wissen.

Sie zuckte die Schultern. „Und ich nie mit einem Arzt.“

McCoy versuchte sich nicht an dem ausgesprochen seltsamen Vergleich zu ärgern, nickte seinerseits und bot Uhura die Armbeuge an. „Ich bin eindeutig zu alt für diesen Scheiß.“

„Das hat nichts mit dem Alter zu tun, Doktor McCoy. Wir sind einfach nicht die Art von Menschen, die Spaß an derlei Partys haben“, informierte sie ihn.

Er warf einen Blick über die Schulter zurück und Nyota glaubte seine Gedanken lesen zu können. „Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber ich glaube, Jim wird Sie heute nicht vermissen. Ebenso wenig, wie Gaila mich.“

„Vermutlich haben Sie recht“, bestätigte er und führte Nyota hinaus in die Nacht. Dichter Nebel war bereits über die Küste herauf gezogen und schien die Stadt verschlingen zu wollen. „Aber tun Sie mir den Gefallen und nennen Sie mich nicht Doktor McCoy. Ich bin Leonard.“

„Nyota“, stellte sie sich im Gegenzug vor. „Aber verraten Sie Jim nicht, dass ich Ihnen meinen Vornamen anvertraut habe. Den muss man sich bei mir verdienen.“ Sie schenkte dem Mann neben sich ein kleines Schmunzeln.

McCoy grinste und Nyota stellte überrascht fest, dass es ihm wesentlich besser stand, als der ständig mürrische Gesichtsausdruck. „Ich schwöre bei meiner Südstaatenehre, dass ich Ihren Vornamen wie ein Geheimnis hüten werde.“ Nach einem kurzen Moment fragte er: „Was für einen Film sehen wir uns eigentlich an?“

„Casablanca.“

„Wunderbar, ein Klassiker“, nickte Leonard erfreut. Er hatte schon mit einem der üblichen Horrorfilme gerechnet, die gerne an Halloween gezeigt wurden und dermaßen vorhersehbar waren.

„Ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“, zitierte Nyota und sah zu Leonard hinüber, ehe beide leise lachend in die Nacht davon schlenderten.
Kapitel 2 by Emony
Author's Notes:
Da ich nur noch eine knappe Stunde bis zum Abgabeschluss habe und morgen früh raus muss, hat es mir nicht mehr für eine Korrekturlesung gereicht. Das mache ich dann im Lauf der nächsten Tage, sobald ich Zeit finde. Ich wollte die Story jedoch unbedingt noch abschließen. :)
„Ich liebe diesen alten Filme“, schwärmte Nyota, als sie neben Leonard das Kino verließ. Sie hakte sich automatisch wieder bei ihm ein und schenkte ihm ein zufriedenes Lächeln. „So verbringe ich Halloween am liebsten.“

„Für gewöhnlich hab ich Dienst auf der Krankenstation – ganz freiwillig“, brummte Leonard. „In diesem Jahr hatte ich Pech mit der Rotation und gezwungener Maßen freinehmen müssen.“ Schließlich erwiderte er ihr Lächeln, wenn auch weniger deutlich. „Der Abend war wider Erwarten angenehm.“

„Ich hatte auch bereits mit dem Schlimmsten gerechnet, als Gaila mich zu dieser blöden Party überredete.“ Sie gingen schweigend nebeneinander her zurück zur Akademie.

Nach einigen sehr angenehm ruhigen Minuten sprang jedoch jemand verkleidet aus einem nahen Busch und erschreckte die beiden dermaßen, dass sie sich gleichzeitig ans Herz griffen. Leonard beschimpfte und verfluchte den fremden, vermeintlichen Serienkiller, der es mit dem Kunstblut auf seinem Kostüm eindeutig übertrieben hatte, während Nyota versuchte den Arzt zu beruhigen. Sie musste ihn kraftvoll am Arm festhalten, als Leonard drauf und dran war dem ‚Killer‘ an die Gurgel zu gehen, der den Arzt nur schallend auslachte und sich dann trollte.

„Wegen Idioten wie dir ist die verdammte Notaufnahme der Akademie jedes Jahr überfüllt!“, schrie Leonard dem Kadetten nach, der Richtung Wohnheime davon eilte. Nyota nahm zumindest an, dass er ein Kadett war. Sonst hätte er schließlich keinen Zutritt zum Akademie-Gelände. „Arschloch!“

„Beruhigen Sie sich, Leonard. Der Typ ist wahrscheinlich total betrunken und hat sich nichts dabei gedacht.“

„Das ist ja das Problem. Die denken alle nicht mehr nach. Alles ist nur Spaß, bis es plötzlich schief geht und ernst wird.“ Leonard hielt einen Moment inne, sammelte sich wieder und atmete schließlich tief durch. „Sie haben vermutlich Recht. Ich sollte mich nicht so ärgern. Ich habe jedoch schon zu viele Mägen ausgepumpt und Verletzungen aufgrund von Alkoholmissbrauch gesehen, dass ich mir das nicht schönreden kann.“

„Das sollen Sie auch nicht.“ Nyota seufzte hörbar. „Zum Glück ist Halloween nur in einer Nacht im Jahr.“

Leonard nickte grimmig und gab ein zustimmendes Brummen von sich, ehe er Nyota erneut einen Ellbogen anbot. „Sollen wir noch nachschauen, ob Jim und Gaila ihre kindische Séance inzwischen hinter sich gebracht haben, oder möchten Sie direkt zum Wohnheim?“

„Ich glaube, ich will gar nicht wissen, wie die Séance lief.“ Sie setzten ganz wie von selbst den Weg Richtung der Wohnheime fort. „Ich werde wohl zuhause auf sie warten. Sie wird mich eh wecken, um mir alles zu erzählen. Es sei denn … sie übernachtet bei Jim.“

Leonard wollte die Möglichkeit nicht ausschließen. Zwischen Jim und der Orionerin bahnte sich schon seit längerer Zeit etwas an. Zwar sagte Jim immer wieder, dass er kein Interesse an Gaila hätte, doch flirtete er bei jeder Gelegenheit mit ihr. Und Leonard wusste, wie Jim drauf war, wenn er etwas getrunken hatte.

Ein frischer Wind kam auf, ließ die letzten orange-braunen Blätter in den umliegenden Bäumen rascheln und brachte dunkle Wolken mit sich, die den nächtlichen Himmel zunehmend bedeckten.

„Vielleicht keine dumme Idee, direkt heim zu gehen. Sieht aus als käme eine Regenfront auf uns zu“, meinte Leonard und deutete mit einem Kopfnicken Richtung Himmel.

Sie beeilten sich, begegneten unterwegs immer wieder Gruppen verkleideter oder betrunkener Leute – manchmal auch kombiniert – versuchten diese jedoch zu ignorieren. Endlich erreichten sie eines der Wohnheime für die Kadetten Dritter Klasse. Leonards Unterkunft war jedoch nicht im selben Gebäude, da er als Arzt in dem Wohnheim der Mediziner wohnte, das näher am Medizinischen Zentrum und der Akademie-Krankenstation lag.

„Es ist nicht nötig mich bis zur Tür zu begleiten“, ließ Nyota ihren Begleiter wissen. Der Wind nahm rasch an Stärke und Geschwindigkeit zu und brachte ersten Nieselregen mit sich.

„Meine Erziehung verbietet es mir, Sie ab hier allein gehen zu lassen. Meine Mutter würde mir die Leviten lesen, wenn sie davon erführe.“

Nyota lachte leise. „In dem Fall …“ Sie betrat das Sensorfeld und erhielt umgehend Zutritt zu dem Gebäude mit den vielen Unterkünften. Vor ihrer Tür wandte sich Nyota zu Leonard um. Sie sah ihn einen Moment an, als überlege sie, ob sie ihn noch reinbitten solle oder nicht. Letztlich entschied sie sich dagegen. Sie genoss Leonards Gegenwart, wollte ihm jedoch keinen falschen Eindruck vermitteln. „Danke, dass Sie mich sicher nachhause gebracht haben.“ Sie gab ihm einen keuschen Kuss auf die Wange.

„Jederzeit“, nickte Leonard leicht, was einer halben Verbeugung gleichkam und Nyota ein Lächeln entlockte.

Nyota öffnete die Tür zu ihrem Quartier. „Gute Nacht, Leonard.“

„Gute Nacht, Nyota.“

Sie schloss die Tür hinter sich und für einen Moment stand Leonard noch im Korridor und ließ den Abend Revue passieren. Wer hätte gedacht, dass Nyota Uhura eine so angenehme Gesellschaft wäre? Nach allem was er bisher über sie in Erfahrung gebracht hatte, meist oder zweiter, dritter oder sogar vierter Hand, war sie langweilig und unnahbar. Er hatte ihre Gesellschaft jedoch ganz anders empfunden. Sie war deutlich reifer als die meisten Frauen ihres Alters, ruhiger und …

Plötzlich durchschnitt ein spitzer Schrei die Stille des nächtlichen Korridors, der Leonard durch Mark und Bein ging. Und das nicht mal wegen der Lautstärke, sondern weil Nyota ihn geschrien hatte.

***

„Gaila!“ Nyota schüttelte ihre Freundin, die unansprechbar in einer grünen Lache ihres Blutes und spitzen Scherben dessen saß, was einmal ihr gemeinsamer Ankleidespiegel gewesen war. „Leonard!“ Ihr Herz setzte einen Schlag aus, ebenso wie ihr Verstand einige lange Sekunden brauchte, um die Situation zu erfassen.

„Sie war da drin … Sie war …“, stammelte Gaila, starrte jedoch an Nyota vorbei auf die Innenseite der Schranktür, wo bisher der Spiegel angebracht gewesen war. „Sie war …“ Der Orionerin schossen Tränen in die Augen.

„Leonard!“ Nyota sprang auf, wischte sich das grüne Blut von ihren Fingern an der Kleidung ab. Sie hatte nicht mal sehen können, aus wie vielen Stellen Gaila so stark blutete. Hastig eilte sie zur Tür und betätigte die Öffnungsfunktion.

Leonard griff sofort nach ihren Schultern, sein Gesichtsausdruck in höchster Alarmbereitschaft. „Was ist passiert?“

„Gaila“, konnte Nyota nur antworten und deutete auf ihre Freundin. „Sie ist nicht ansprechbar, redet jedoch und sie blutet. Da sind überall Scherben.“

Leonard nickte und schob sich bereits an Nyota vorbei, um zu Gaila zu gelangen. Als er sie sah, erschrak er trotz Nyotas Vorwarnung. „Himmel“, raunte er, als er die Blutmenge sah. Sofort ging er vor der Orionerin in die Hocke und untersuchte ihre Augen. „Ihre Pupillen sind dermaßen weit offen, dass ich ihre Iris kaum sehen kann.“

„Sie war da drin …“, flüsterte Gaila, während ihr Tränen aus den augenwinkeln rannen und deutete immer wieder an die ehemalige Stelle des Spiegels.

„Wo, im Schrank?“, hakte Leonard nach. „Wer war im Schrank?“

Langsam schüttelte Gaila den Kopf. „Im Spiegel, nicht im Schrank. Ich habe sie gesehen.“

Immerhin war Gaila ansprechbar, überlegte Leonard grimmig. Sein gesunder Menschenverstand sagte ihm, dass niemand im Spiegel sein konnte. Wie denn auch? Außer dem eigenen Spiegelbild konnte Gaila nicht ernsthaft jemanden im Spiegel gesehen haben. Es sei denn … „War jemand bei dir?“, wollte er wissen. „Hat dich jemand zum Wohnheim begleitet?“

Gaila erwiderte nichts, bewegte sich stattdessen langsam und drehte den Kopf gerade weit genug, dass sie Nyota sehen konnte. „Es war Bloody Mary“, flüsterte sie dann und erneut rannen Tränen aus ihren Augenwinkeln.

Leonard versuchte nicht allzu laut zu seufzten. „Womöglich hat sie irgendwelche Drogen genommen, die Halluzinationen auslösen.“ Er sah zu Nyota auf, doch diese starrte nur fassungslos Gaila an und schüttelte kaum sichtbar den Kopf.

„So etwas wie düstere Legenden gibt es nicht“, wiederholte Nyota stumpf ihre Aussage von früher am Abend. Angesichts der Tatsache, dass Gaila jedoch aus Angst den Spiegel zerschlagen hatte und offensichtlich unter Schock stand, machte ihre Überzeugung wanken.

Leonard versuchte die Worte der Frauen zu ignorieren und zückte stattdessen seinen Kommunikator. „Doktor McCoy an Krankenstation. Medizinischer Notfall in Wohnheim K3 beta, Zimmer …“ Er sah fragend Nyota an, da er die Zimmernummer nicht im Kopf hatte.

„Hundertsiebendundvierzig.“

„Haben Sie das gehört? Notfalltransport. Orionerin, Anfang zwanzig, starker Blutverlust, steht unter Schock. Möglicher Einfluss von Alkohol und Drogen.“

Nyota kniete vorsichtig zwischen zwei größeren Scherben neben Gaila auf den Boden und strich ihrer Freundin über das blutverschmierte Haar. „Alles wird gut. Hörst du? Wir sind bei dir.“

Leonard war es gleichgültig, dass Nyota ihre Freundin ausgerechnet im selben Moment berührte, wie er, um gemeinsam mit seiner Patientin von Ort zu Ort gebeamt werden zu können.

Was auch immer mit Gaila geschehen war, er würde die Verantwortlichen finden. Irgendetwas hatte dem Mädchen einen solchen Schrecken verpasst, dass sie in ihrer Verzweiflung den Spiegel zerschlagen hatte. Dieses verdammte Halloween! Wie er dieses Fest hasste. Es brachte nichts als Ärger mit sich. Und diesmal hatte es sogar jemanden getroffen, den er persönlich kannte.

***

Stunden später ging Leonard aus der Notaufnahme zum Wartezimmer und fand dort Nyota sitzend vor. Sie hatte selbst einige kleine Schnittwunden gehabt, war jedoch deutlich schneller als ihre Freundin versorgt gewesen. Orionisches Blut hatte die Akademie nicht unbedingt in rauen Mengen vorliegen gehabt. Synthetisieren ließ es sich nur sehr langsam, so dass es länger gedauert hatte, Gaila wieder soweit mit Transfusionen zu versorgen, dass sie stabil genug für die stationäre Aufnahme war.

Die junge Orionerin konnte froh sein, dass die moderne Medizin inzwischen Wundheilung ohne jegliche Narben gestattete. Ansonsten würde sie fortan wirklich wie die Zombiefrau aussehen, als die sie sich an Halloween verkleidet hatte. Blass genug war sie jedenfalls gewesen, bis drei Konserven durchgelaufen waren.

„Wie geht es ihr?“, wollte Nyota sofort wissen und ging auf Leonard zu.

Er konnte ihr die Erschöpfung ansehen und wusste, dass er selbst vermutlich kein Stück besser aussah. Leonard fuhr sich durchs Haar, seufzte und bat Nyota wieder auf einem der Stühle Platz zu nehmen. Er ließ sich dankbar direkt neben ihr auf einem nieder, da ihm die Füße vom langen Stehen inzwischen schmerzten.

„Also?“ Nyota wagte nicht zu erwähnen, dass es sie regelrecht davor gruselte in ins Wohnheim zurückzugehen. Irgendetwas hatte Gaila gesehen, dass ihr furchtbare Angst gemacht hatte und obwohl der rationale Teil ihres Verstandes ihr sagte, dass weder das Rufen der Bloody Mary vor dem Spiegel im Badezimmer, noch die Séance Grund für Gailas Zustand waren. Davon abgesehen, erinnerte sich Nyota, hatte sie Gaila doch sogar abgehalten Bloody Mary dreimalig auszurufen.

„Wir haben ihr den Magen ausgepumpt, den Restalkohol im Blut neutralisiert und ihr drei Blutkonserven gegeben, um sie wieder auf die Beine zu bekommen. Davon abgesehen hat es Stunden gedauert, ihre unzähligen Schnittwunden zu schließen.“ Nyota schluckte sichtlich. Leonard konnte ihr ansehen, dass sie wissen wollte, was ihrer Freundin derartig Angst gemacht hatte. „Das Labor hat ermittelt, dass sie auf der Party wohl Obstspieße gegessen hat. Speziell Bestandteile der Kiwi haben bei ihr wohl eine Art halluzinogene Wirkung ausgelöst. Welche genau ist noch unklar. Gaila und vermutlich alle Orioner, wir haben nicht genug Fallbeispiele um eine wirklich sinnvolle Statistik aufstellen zu können, sollten jedoch die Finger von Kiwis lassen.“

„Eine Kiwi hat das ausgelöst? Ganz sicher, Leonard? War es nicht vielleicht doch …“

Leonard nahm die dunkelbraunen Hände der Frau in seine. „Ganz sicher. Die Getränke waren harmlos. Und düstere Legenden gibt es nicht. Dass das ausgerechnet heute passiert ist, war nichts als Zufall. Gaila hat sich nach der Party vermutlich vor dem Spiegel umgezogen, dabei unbewusst an die Legende gedacht und dann fingen die Halluzinationen an.“ Leonard machte eine kleine Pause, drückte Nyotas Hände und ließ sie dann los. „Sie wird wieder gesund. Keine Sorge. Zur Beobachtung muss sie jedoch ein oder zwei Tage bleiben. Womöglich wird sie auch getestet, damit sie sich künftig schützen kann.“

„Darf ich heute Nacht bei ihr bleiben? Ich kann jetzt nicht ins Wohnheim zurück. Und sicher ist sie auch froh, wenn sie nicht allein sein muss.“

„Natürlich. Sie liegt im dritten Stock, Zimmer 53. Das liegt rechts, wenn man aus dem Lift kommt.“

„Vielen Dank für alles, Leonard. Ich weiß nicht, was ich ohne Sie gemacht hätte.“

Leonard erhob sich. „Dafür bin ich da.“


In dieser Nacht bekam Nyota kein Auge zu. Stattdessen saß sie vor dem Bett ihrer Freundin, streichelte deren Hand und war dankbar, dass diese sich bald wieder erholt haben würde und vermutlich wieder ganz die Alte wurde. Wenn auch vielleicht mit ein wenig mehr Respekt gegenüber dem Übernatürlichen. Nyota jedenfalls war heilfroh, dass kein Geist in ihrem Quartier spukte und sie heimsuchte.


ENDE
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